Vicaría Sur


Umweltschutz und Frieden in Kolumbien

Unser Partnerprojekt Vicaría Sur schafft inmitten einer konfliktreichen Region Kolumbiens neue Perspektiven für Kinder und Jugendliche. Auf Basis ihres Modells einer „Pastoral de Conjunto“ einer gemeinsamen Pastoralarbeit, ermöglicht Vicaría Sur Bildung zu Umweltschutz, Ernährungssicherheit und Menschenrechten. Damit setzen sie an grundlegenden Problemen der Gesellschaft vor Ort an und ermächtigen junge Menschen und ihre Familien, eine friedlichere und bessere Zukunft zu gestalten.

Das Partnerprojekt Vicaría Sur liegt im Süden Kolumbiens, in der Region Caquetá. Diese befindet sich am Beginn der Amazonas-Ebene und ist ursprünglich durch Wasserreichtum und Artenvielfalt gekennzeichnet. Wirtschaftliche Grundlagen der Region sind die Landwirtschaft sowie die extensive Viehzucht. Die Natur wird jedoch durch die Rodungen für Weideflächen stark unter Druck gesetzt. Ebenso illegaler Bergbau und illegaler Kokaanbau tragen zur Umwelt- und Wasserverschmutzung sowie dem Verlust von Biodiversität bei.

Viele Menschen sind in kleinbäuerlichen Betrieben tätig, die aufgrund wirtschaftlicher Ungleichheit jedoch kaum genug Geld zum Leben erwirtschaften. Die Familien leiden unter der Ungleichheit, der Ausbeutung der Natur und den gewaltvollen Konflikten im Land. Eine der Hauptursachen der Gewalt ist die extrem ungleiche Verteilung von Land seit der Kolonialisierung. Laut einem Bericht von Oxfam besitzen 1 % der Bevölkerung rund 81 % der Landfläche. In keinem anderen Land Südamerikas ist diese Diskrepanz so groß. Aufgrund der Blockaden von Interessengruppen und Eliten lassen sich Agrarreformen für fairere Eigentumsverhältnisse kaum durchsetzen.

Konfliktreiche Geschichte Kolumbiens

Gewalt begleitet den Konflikt seit jeher, hat jedoch in den 1960er Jahren einen neuen Höhepunkt erlangt, als kleinbäuerliche und studentische Bewegungen begannen, sich der Landnahme und der Gewalt von Regierung und Militär zu widersetzen. Es entstanden revolutionäre Streitkräfte wie die FARC-EP und die ELN, die sich gegen politische, militärische und wirtschaftliche Macht stellten. Ein gewaltvoller Konflikt mit endlosen Vertreibungen innerhalb des Landes, Verbrechen und zivilen Opfern prägte daraufhin das Land für 50 Jahre. Als 2016 endlich ein Friedensvertrag geschlossen wurde, gab es wieder Hoffnung auf tiefgreifende, soziale Veränderung und die Aufarbeitung der Konflikte. Doch das Land ist von dem erhofften „totalen Frieden“ gerade jetzt weit entfernt. Die neue, extrem rechte Regierung nährt Angst und Unterdrückung. Gewaltvolle Gruppierungen kämpfen wieder um die Vorherrschaft in den Regionen und der illegale Kokaanbau und Drogenschmuggel steigen wieder an. Besonders das Eindämmen von illegalem Handel und Korruption bedarf internationaler Unterstützung.

Bildungs- und Gemeinschaftsarbeit in Vicaría Sur

Das Leben der Menschen in der Region Caquetá ist von den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikten und internen Vertreibungen geprägt. Angst, Unsicherheit und Kontrolle bestimmen den Alltag. Viele der Kinder und Jugendlichen müssen arbeiten und laufen Gefahr, selbst von den bewaffneten Gruppierungen rekrutiert zu werden. Unter sexualisierter Gewalt und innerfamiliärer Gewalt leiden vor allem Mädchen. Frühe Schwangerschaften führen wiederum zu Schulabbrüchen und verfestigen Armut und Gewalt in den Gemeinden.

Vicaría Sur arbeitet seit 1988 mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der „Pastoral de Conjunto“ der gemeinsamen, von Lai*innen und jungen Menschen mitgestalteten, Pastoralarbeit. Ähnlich wie die Katholische Jungschar arbeiteten sie mit Kinder- und Jugendgruppen, die selbst von Jugendlichen geleitet werden. Daraus ist bereits das übergreifende Kinder- und Jugendnetzwerk ROJUVIS entstanden. Durch Bildungs- und Gemeinschaftsarbeit soll den jungen Menschen und den Familien der Region Autonomie und Sicherheit zurückgegeben werden. Kinder und Jugendliche sollen in ihrer Entwicklung und ihrem sicheren Aufwachsen unterstützt werden, sowie ihre Rechte und die Grundlagen für respektvollen Umgang miteinander kennenlernen. Kinderschutz und das Lernen um reproduktive Gesundheit sowie die Gleichberechtigung der Geschlechter sind dabei ein zentraler Bestandteil der Programme.

Gemeinsame Gärten

Ausgangspunkt der Bildungsarbeit ist das Gemeingut Land und Umwelt, das die Basis für eine gerechtere Gesellschaft bilden kann, und seine Verknüpfung zu Ernährungssicherheit, Umweltschutz und Menschenrechten. Gemeinsam werden Projekte in Workshops, ökologischen Tagen und Jugendräten entwickelt, es wird diskutiert und Wissen weitergegeben. So gibt es etwa gemeinsame Gärten in Schulen und Pfarren, Orte, die den Kindern Halt und Gemeinschaft geben sollen. Dort lernen sie über die Basis gesunder Nahrung und die an die Amazonasregion angepasste Landwirtschaft und erfahren gleichzeitig Verantwortung und Gemeinschaft im gemeinsamen Anpflanzen, Kochen und Essen.

Schutz von Körper und Umwelt

Der Schutz der Umwelt und die Identifikation mit der Amazonasregion gehen für die Projektarbeit von Vicaría Sur stark mit dem Schutz der Menschenrechte und des eigenen Körpers einher. Kinder und Jugendliche werden in der Einforderung ihrer Rechte gestärkt, sodass sie für sich selbst und den Schutz ihrer Umwelt einstehen können. So wie die Umwelt und das eigene Territorium Schutz benötigen, soll auch der eigene Körper als wertvoll angesehen und vor negativen Einflüssen geschützt werden. Gesunde Nahrung, respektvoller Umgang und Selbstbestimmung bilden hierfür die Basis. Dass für eine friedliche und gute Zukunft eine gesunde Umwelt die Grundlage ist, ist mit diesem Modell eine logische Konsequenz. Frieden, Umweltschutz und der Schutz der Menschenrechte werden von Vicaría Sur ganz klar in einem Zusammenhang gesehen. Dieser Zusammenhang ist entscheidend, um eine friedlichere und gerechtere Welt möglich zu machen.