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Nicaragua: Eine Stimme für die Kinder

Erst verkaufen sie Obst, später ihren Körper. Gewalt und Missbrauch sind Alltag für die fliegenden Händlerinnen in Nicaragua. Doch in der Kolonialstadt León haben sie eine starke Vertretung: Mary Barreda

Wildes Hupen, ausgemusterte amerikanische Schulbusse knattern vorbei, lauthals werden die Reiseziele verkündet. Dazwischen zerbeulte Taxis und Berge von Abfall. Nichts lässt darauf schließen, dass sich unweit von hier die schöne Altstadt mit ihren Sprachschulen, Restaurants und Hotels befindet. Mitten auf dem Busbahnhof von León steht ein Mädchen mit einer Schüssel in der Hand. Nennen wir sie Carla, sie ist zwölf Jahre alt. Hinter dem Terminal liegt eines der ärmsten Viertel von León. Ihre Mutter war als Kind selber Straßenhändlerin, heute bleibt sie lieber zu Hause. Der Stiefvater macht Gelegenheitsjobs, wenn er nicht betrunken ist. So müssen Carla und ihre Geschwister das Überleben der Familie sichern.

León ist mit mehr als 200.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Nicaragua, gut 40 Prozent davon sind arbeitslos. In der Hoffnung auf ein besseres Leben wandert so mancher in die USA oder nach Costa Rica aus. Die Kinder werden oft zurückgelassen und wachsen bei Verwandten auf. Wo Familienstruktur und Geborgenheit fehlen, gehört Gewalt zum Alltag.

Arbeit ist für viele Kinder eine Überlebensnotwendigkeit, insbesondere Mädchen sind dabei täglich Diskriminierung und Misshandlung ausgesetzt. Besonders schlimm ist die Situation auf Märkten und Busbahnhöfen, dort wo sich Drogenhandel und Prostitution konzentrieren. Die Organisation „Mary Barreda“ ist seit den 80er-Jahren ein Sprachrohr für jene, die keine Stimme haben: die Frauen und Mädchen, die in Leóns Armenvierteln ihren Körper verkaufen.

Sexuelle Gewalt ist ein Tabuthema, und betroffene Mädchen schaffen es nur schwer darüber zu reden. „Mary Barreda“ macht diese versteckte Gewalt sichtbar. Kommt es zu einer Anschuldigung, prüft der Verein den Fall und bringt ihn notfalls zur Anzeige. Vor einiger Zeit wurde ein junges Mädchen von seinem Stiefvater vergewaltigt. Dank Mary Barreda sitzt der Täter heute im Gefängnis. Das Opfer erhält psychologische Betreuung, ebenso wie 30 andere misshandelte Mädchen.„Wir achten natürlich darauf, dass die Anzeigen auch weiterverfolgt werden“, sagt Mercedes Toruño, die Leiterin von Mary Barreda.

Mit Unterstützung der Dreikönigsaktion konnte die Organisation ihre Zielgruppe inzwischen ausweiten: Heute werden gezielt die Kinder in Leóns Randvierteln unterstützt, damit sie erst gar nicht in den Strudel aus Missbrauch und Prostitution geraten. Um möglichst nah am Brennpunkt zu sein, wurde eine Filiale direkt am Busbahnhof eingerichtet. Bei regelmäßigen Treffen wird mit den Kindern über Gewalt gesprochen.

Der zehnjährige Joel Urroz ist ein regelmäßiger Teilnehmer an den Workshops zum Thema Gewalt. Wenn er nicht Architekt wird, dann wahrscheinlich Profifußballer, sagt er zu seinem Berufswunsch. „Sie zeigen uns Filme und reden über Missbrauch und diese Dinge. Ich finde das gut, denn die Leute hier im Barrio müssten einfach netter zueinander sein!“, sagt der Bub.

Sein 11-jähriger Cousin Francisco fällt ihm ins Wort: „Man muss die Kinder beschützen – und die Täter einsperren!“ Gewalt habe er selber noch nicht erlebt, aber viele seiner Schulkameraden. Joel und Francisco leben unter einfachsten Verhältnissen, dennoch haben sie Glück. Man kümmert sich um sie, und sie gehen zur Schule. Carla wird unterdessen weiterhin am Busbahnhof geschnittene Mangos verkaufen.

Mercedes Toruño: „Die Dreikönigsaktion und die Katholische Frauenbewegung sind unsere treuesten Partner, ohne sie wüsste ich nicht, wo wir wären.“

Mary Barreda war eine Aktivistin in der kirchlichen, sandinistischen Basisbewegung, die im Befreiungskampf in den 80er-Jahren ermordet wurde. www.mary-barreda.org

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