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Zivilcourage: Eingreifen statt zuschauen

In der Zeitung ist häufig von „öffentlicher Teilnahmslosigkeit“ bei Verbrechen zu lesen. Und meist wird dann im selben Atemzug mehr Zivilcourage gefordert. Doch: Was ist Zivilcourage eigentlich?

„Zivilcourage ist der Mut, überall unerschrocken seine eigene Meinung zu vertreten.“
Duden Fremdwörterbuch

„Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“
Kurt Tucholsky (deutscher Journalist und Schriftsteller)

„Die Fähigkeit, das Wort Nein auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit.“
Nicolas-Sébastien de Chamfort (französischer Schriftsteller)

„Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.“
Franca Magnani (italienische Journalistin und Autorin)

„Ohne den zivilen Mut einzelner Bürger/innen gehen Institu-tionen oder Organisationen zugrunde oder werden wertlos.“
Iring Fetscher (deutscher Politikwissenschaftler)

„Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit.“
Willy Brandt (deutscher sozialdemokratischer Politiker)

 

Die Sammlung dieser Zitate weist deutlich in eine Richtung: Zivilcourage ist wichtig für eine Gesellschaft und für die Menschen, die in ihr leben. Zivilcourage bedeutet nicht nur, Überfälle oder Ähnliches zu verhindern. Sie fängt schon viel früher an und im Kleinen, nämlich immer dann, wenn du etwas nicht gerecht oder falsch findest und du etwas dagegen tun willst und dies vor anderen (öffentlich) tust. Es heißt auch, zu seiner Meinung zu stehen und für eine gerechte, tolerante Welt einzutreten – vor allem im persönlichen Umfeld.

Genau dann, wenn eine/r deiner Freund/innen einen rassistischen Witz erzählt, wenn ein/e Lehrer/in eine/n deiner Mitschüler/innen offensichtlich öfter an die Tafel holt als alle anderen; genau dann, wenn in der U-Bahn oder im Zug einige Jugendliche jemanden nicht einsteigen lassen wollen oder wenn am Abend ein Mann bei einer Busstation eine junge Frau blöd anredet. Im Alltag begegnen uns viele solche Situationen. Doch darüber zu reden, ist eine Sache. Zivilcourage im täglichen Leben zu zeigen, ist eine ganz andere und nicht selten sehr schwierig.



Doch warum fällt es uns oft so schwer einzugreifen, wenn etwas falsch läuft? Es gibt eine ganze Reihe an Dingen, die ein Eingreifen verhindern können:

Oft hält uns die Angst vor den Konsequenzen zurück:
„Was, wenn der auf mich losgeht?“
„Da blamier ich mich doch.“

Manchmal fühlen wir uns auch unterlegen:
„Hier kann ich ja gar nichts machen.“
„Die sind so viele/so stark, und ich bin allein.“

Viel zu oft stehen wir solchen Situationen auch gleichgültig gegenüber:
„Was geht mich das an?“
„Das ist doch die Privatsachen von denen.“
„Ich hab jetzt keine Zeit.“
„Dagegen können doch auch die anderen etwas tun.“

Zu diesem letzten Punkt mit den „anderen“ gab es vor einiger Zeit eine interessante sozialpsychologische Untersuchung, bei der herauskam, dass Menschen eher dazu bereit sind einzugreifen, wenn es wenige bis gar keine anderen Zeug/innen gibt. Stehen mehrere Leute dabei, ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemand etwas tut. Nach Interviews mit den Versuchspersonen zeigte sich meist folgender Grund: Die Anwesenheit der anderen, die ruhig sind und nichts tun, zeigt dem/der Einzelnen, dass seine/ihre Einschätzung der Situation falsch ist. Auch kann sie die Befürchtung hervorrufen, dass das Einschreiten von den Übrigen als dumm und unpassend angesehen wird.

Was tun?
Es geht nicht darum, immer gleich den Helden/die Heldin spielen zu müssen. Es ist schon ein erster Schritt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und Ungerechtigkeiten zu bemerken. Dann fällt es auch leichter, in solchen Situationen einzugreifen und „Nein!“ zu sagen. Oft reicht es auch schon, dem/der „Täter/in“
(z.B. durch einen Blick) zu verstehen zu geben, dass man es bemerkt hat und nicht toleriert.

Möglichkeiten, wie man die oben aufgelisteten „Hürden“ überwinden kann, überlegt man sich am besten im „Trockentraining“, wenn man nicht gerade mit so einer Situation konfrontiert ist. Hat man sich einmal vorgenommen, etwas zu tun, ist es nur noch ein kleiner Schritt dahin, etwas zu sagen, wenn sich jemand in einem Geschäft bei der Kasse (z.B. gegenüber einem Kind) vordrängelt. Sollte einem einmal eine Situation zu groß erscheinen, ist es auch Zivilcourage, Hilfe zu holen oder sich mit anderen zusammenzuschließen (z.B. bei Mobbing).

Abgesehen davon, dass es völlig richtig ist, sich gegen kleine und große Ungerechtigkeiten zu wehren, gibt es dabei noch einen anderen Vorteil. Diese Situationen sind meist nicht gefährlich und du kannst dich selbst ein wenig ausprobieren. Mach mal den Mund auf! Wie fühlt sich das an, vor anderen Leuten die Stimme einzusetzen? Wenn du das einmal getan hast, kannst du das ruhig als Erfolg sehen. Es geht auch darum, anderen Solidarität zu signalisieren und um das Gefühl, sich nicht alles gefallen zu lassen.

Sandra Fiedler

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