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Ist Europa tabu?

Über die modernen Festungen

Schon im Mittelalter haben Menschen höheren Standes versucht, sich in abgelegenen Burgen, Schlössern und Klöstern vom „gewöhnlichen“ Volk oder von unerwünschten Eindringlingen abzugrenzen. Mit Hilfe von Gräben und hohen Mauern wurde „Fremden“ der Eintritt in die Anlage oder ins Königreich verwehrt. Wir kennen alle die Bilder von Burggräben oder Stadtmauern. Aber uns ist vielleicht nicht ganz bewusst, dass es auch heute „befestigte“ Sicherheitsburgen gibt...



Gated Communities sind private Wohnsiedlungen, die durch Zäune oder Mauern vom „Außenleben“ abgegrenzt sind und bewacht werden: Security Guards achten darauf, dass keine unerwünschten Besucher/innen in die Anlagen kommen. Das Wohnen innerhalb solcher Komplexe soll Sicherheit, Service und Konformität der Bewohner/innen sicherstellen. Daher kann auch zwischen drei „Haupttypen“ bzw. Hauptmotivationen, in Gated Communities leben zu wollen, unterschieden werden: einerseits das Bedürfnis, von Menschen umgeben zu sein, die ähnlichen Interessen nachgehen, ähnliche Lebensstile leben (zum Beispiel eher nur Senior/innen, oder Menschen, die in einer ähnlichen Branche arbeiten oder ähnliche Hobbies haben,…), um ein spezielles (konstruiertes) Gemeinschaftsgefühl zu erleben. Ein weiterer Grund, warum Gated Communities attraktiv erscheinen, ist das Bedürfnis nach Exklusivität und das Sichtbarmachen des eigenen, sozialgesellschaftlichen Status und Vermögens: In vielen Anlagen, müssen die Bewohner/innen über ein bestimmtes Vermögen verfügen, um dort leben zu dürfen. Ein dritter wichtiger Punkt ist das Thema Sicherheit: Überwachung rund um die Uhr soll vor Kriminalität schützen. Gated Communites gab und gibt es vermehrt in großen Städten in Ländern des Südens, in denen die Kriminalität besonders hoch ist und (vermögendere) Menschen das Bedürfnis haben, sich zu schützen.

In Europa nimmt die Zahl dieser geschlossenen, ummauerten Wohnsiedlungen zu. Die komplette Abriegelung hat die Folge, dass Nicht-Bewohner/innen ohne Erlaubnis die Anlage weder begehen noch befahren dürfen. Da bestimmte Funktionen innerhalb der Gated Communities von diesen übernommen werden, wie zum Beispiel Versorgung, Infrastruktur – es gibt in einigen Anlagen auch Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen, Kirchen,… – kommt es teilweise zu Problemen und steuerrechtlichen Konflikten zwischen gastgebender Gemeinde, in der sie sich befindet, und der Gated Community selbst. Außerdem nehmen sich die Bewohner/innen durch ihr Bedürfnis nach Gleichheit, die Freiheit selbst zu bestimmen oder zu gestalten. In vielen Gated Communities schauen die Häuser sehr ähnlich aus, die Wandfarben sind (gemeinsam) bestimmt und angeglichen und selbst die Gärten müssen einem bestimmten Bild entsprechen.

Europa erlebt nicht nur innerhalb seiner Länder, eine Zunahme an verstärkter Grenzziehung und Absicherung – Europa selbst kann mit einer Festung, mit einer Gated Communitiy verglichen werden: Im spanischen Ceuta und Melilla, trennt ein sechs Meter hoher Stacheldrahtzaun, der mit Mikrofonen, Wärmekameras und automatisierten Tränengasanlagen bestückt ist, den europäischen vom afrikanischen Kontinent. Die Meere zwischen Europa und Afrika werden von der Marine, Grenzpolizei und von elektronischen Systemen überwacht.

Es wird immer schwieriger, legal nach Europa zu kommen. Selbst als Tourist/in bekommt man/frau als Nicht-Europäer/in nur sehr schwer ein Visum für einen Aufenthalt in Europa. Europa baut sich als Festung gegen Einwanderung auf, wobei die Einwanderung für Europa immer notwendiger wird, weil die Bevölkerungszahl abnimmt und die Menschen immer älter werden.

Die Genfer Flüchtlingskonvention besagt, dass jede/r in einem Land aufgenommen werden muss, die/der um Asyl bittet. Diese Konvention wird offensichtlich nicht zur Genüge befolgt – Menschen werden statt aufgenommen sofort abgewiesen.

Viele der Abschottungs- und Ausgrenzungsmaßnahmen rufen Widerstand hervor: Die Festung und ihre Grenzen werden gestürmt: Das hat zahlreiche Verletzungen und Opfer zu Folge. Zum Beispiel starben im Jahr 2005 einige Menschen, als sie den Zaun stürmten.

In Nordafrika warten über zwei Millionen Flüchtlinge darauf, die Grenze zu überwinden und in Europa Arbeit zu finden. Sie wissen, dass wenn sie in Europa angekommen sind, die Chance auf Arbeit groß ist, weil ganze Branchen in Europa mittlerweile von der Schwarzarbeit illegaler Einwanderer/innen abhängen.

Eingegrenzte und abgeschlossene Räume schaffen eine Illusion von Sicherheit: Die eigenen Ängste vor Fremdem haben die Ausgrenzung alles Fremden zur Folge. Und das hat problematische Auswirkungen: Eintönigkeit und Konformität fördern Stagnation und Ignoranz. Im Gegensatz dazu fördert Vielfalt – und Vielfalt heißt auch Vielfalt an Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, Interessen, Fähigkeiten – Gemeinschaft, Neues und weitet unseren Horizont. Ich persönlich finde es sehr bereichernd, jeden Tag ganz unterschiedliche Menschen zu sehen und mit ihnen in Kontakt kommen zu können. Dadurch bin ich selbst mehr gefordert, mich weiterzuentwickeln, weil ich auch teilweise an meine Grenzen stoße, wenn ich mich mit Menschen auseinandersetze, die aus einem anderen sozialen Kontext kommen als ich.

Betti Zelenak

Filmtipp:
Die Inhalte dieses Artikels gehen vor allem auf den Film „Livesafelyineurope“ von Emanuel Danesch zurück. Die Analogie zwischen Gated Communitites und der Grenzpolitik der Europäischen Union wird durch Aufnahmen von europäischen Außengrenzen, bewachten Wohnsiedlungen und Migrant/innenghettos in europäischen Ländern deutlich. Der Film erhielt den Preis für den besten Dokumentarkurzfilm auf der Diagonale 2008. Zu sehen ist dieser Film unter www.livesafelyineurope.com.

Buchtipp:
Corinna Milborn thematisiert in ihrem Buch „Gestürmte Festung Europa“ die Einwanderungspolitik Europas und die Situation der Menschen, die an den Rand der europäischen Gesellschaft gedrängt werden. Berichte von EU-Außengrenzen, illegalen Flüchtlingslagern, Ghettos in Europa zeigen den Umbau Europas zu einer Hochsicherheitsfestung.

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