Privilegiert? Ich doch nicht!
Wenn wir über das Thema Teilhabe sprechen, müssen wir auch über das Thema Privilegien sprechen. Wird jemand von der Teilhabe ausgeschlossen? Wer ist die „Ingroup“ und wer ist die „Outgroup“?
Mit diesen Begriffen sind beispielsweise Gruppen gemeint, die entweder Privilegien besitzen oder keine besitzen. Die österreichische Staatsbürgerschaft zu besitzen oder gut Deutsch sprechen und lesen zu können ist beispielsweise ein Privileg in Österreich. Wenn ich mit einer guten Schulbildung aufgewachsen bin und meine Hobbys ausüben kann, wie ich will, dann bin ich auch auf eine Weise privilegiert. Wenn mir meine Eltern daheim mit den Hausübungen helfen können, weil sie das selbst gelernt haben oder weil sie mir eine Nachhilfe finanzieren können, dann habe ich es auch leichter und genieße damit ein Privileg. Aber was sind Privilegien? Das sind Eigenschaften von Menschen, sichtbar oder unsichtbar, die innerhalb der Gesellschaft als positiv wahrgenommen werden und die einen zu der „Ingroup“ gehören lassen.
Das sind meist Eigenschaften, die von der Mehrheit der Gesellschaft geteilt werden (was nicht immer der Fall sein muss, wie beim Geschlecht). Wenn ich solche Privilegien „besitze“ (meist werden sie einem zugesprochen von anderen), dann habe ich es meist einfacher. Sei es in der Schule, im Job, in der Öffentlichkeit, gegenüber dem Staat etc. Privilegien erleichtern einem oft das Leben und sind für viele eine Selbstverständlichkeit.
Aber nicht alle Menschen sind privilegiert in unserer Gesellschaft. Wenn ich nicht die Staatsbürgerschaft habe, kann ich nicht wählen gehen, wenn die Schule mir schwerfällt und mir daheim niemand mit den Hausübungen helfen kann oder wenn ich mir ein Hobby nicht leisten kann: Dann fehlen mir diese Privilegien. Das äußert sich größtenteils schon im Alltag: wenn ich nicht Teil der „Ingroup“ bin, dann kann ich nicht mitmachen, werde vielleicht sogar ausgeschlossen und dann kann ich nicht teilhaben. Als Jungschar sind wir uns dieser Mechanismen bewusst und da wir den Leitsatz „Jungschar ist für alle da“ verfolgen, müssen wir uns bewusst sein, was es mit uns macht. Nur, wenn wir wissen, dass wir Vorteile im Vergleich zu anderen haben oder eben nicht, können wir gemeinsam in der Jungschargruppe daran arbeiten, diese Privilegien möglichst irrelevant zu machen.
Die „Powerflower“
Eine Methode, sich den Privilegien bewusst zu werden, die wir selbst oder innerhalb einer Gruppe haben oder nicht haben, ist die sogenannte „Power Flower“. Diese Methode eignet sich gut, gemeinsam mit einer Freund*in oder in der Gruppenleiter*innenrunde durchzuführen.
Material
- Buntstifte in 2 Farben (Rot/grün, oder gelb/blau, etc.) in Gruppenstärke. Macht euch dabei auch aus, welche Farbe für „Privileg“ steht und welche Farbe für „Kein Privileg“
- Ein weißer Zettel pro Person. Auf diesen malt ihr dann eure Power Flower auf.
Ablauf
Einzelphase
Zuerst nimmt sich jede Person einen weißen Zettel und malt eine „Power Flower“ darauf (siehe das Beispielbild). Diese Blume stellt in der Mitte jeweils einen Bereich in der Gesellschaft dar, welcher ein Privileg bzw. Vorteil beinhaltet, wie etwa Geschlecht, Religion, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, finanzielle Situation, usw. Bei unserer Vorlag seht ihr, dass diese Bereiche bereits ausgefüllt sind. Wenn ihr wollt, könnt ihr natürlich auch eigene Blumen zeichnen und selbst Kategorien aufschreiben, die euch fehlen.
Nehmt euch circa 10 Minuten Zeit, in der jede Person die entsprechenden Blütenblätter beschriften und ausmalen kann. Schreibe nun auf die Blütenblätter deine persönliche Position auf (z.B. „Matura“ zur Sektion „Bildung“). Danach färbe das Blütenblatt mit dem Buntstift ein, je nachdem, ob es positiv in der Gesellschaft gesehen wird (z.B. Grün) oder negativ empfunden wird bzw. Nachteile mit sich bringt (z.B. Rot).
Austausch in der Gruppe
Nun folgt die Diskussionsphase. Dabei ist wichtig vorwegzusagen, dass ihr nur die Dinge miteinander teilen sollt, die ihr gerne preisgeben wollt. Diese Übung kann sehr tief in die Privatsphäre dringen. Die Übung funktioniert auch gut, wenn ihr euch nur über einige (und nicht alle) Kategorien austauscht.
Zweierphase
Geht nun in zu zweit zusammen und tauscht euch gemeinsam über eure Blumen aus. Nehmt euch dafür auch wieder ca. 10 Minuten Zeit und schaut, welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten ihr habt. Ihr könnt auch gerne über eure Erfahrungen reden, warum ihr das als ein Privileg oder als kein Privileg empfindet.
Möglich Impulsfragen dazu könnten sein:
- Was denke ich, wenn ich mir meine Blume gesamt ansehe? Gefällt sie mir? Was gefällt mir daran vielleicht nicht?
- Welches Blütenblatt/welche Kategorie finde ich am spannendsten bei mir selber?
- Sehen die anderen in der Gruppe meine Blume genauso wie ich?
Gruppenphase
Danach öffnet die Diskussion in der großen Gruppe. Tauscht euch darüber auf, was euch aufgefallen ist.
Mögliche Impulsfragen dazu könnten sein:
- Wie ging es euch im Austausch zu zweit? War es einfach darüber zu reden oder eher nicht?
- Waren euch alle eure Blütenblätter im Vorhinein klar?
- Welche Erfahrungen habt ihr schon gemacht damit, ein Privileg zu haben oder es nicht zu haben?
Abschlussrunde für Gruppenleiter*innenrunden:
Wenn ihr mit dem Austausch in der Gruppe fertig seid, überlegt, was das für euch in der Jungschar heißt: Wo spielen Privilegien bei euch in der Jungschar eine Rolle? So unterschiedlich wie ihr seid, sind wahrscheinlich auch die Kinder in eurer Gruppe oder auf dem Lager. Wie könnt ihr in der Gruppe Sensibilität dafür schaffen, dass nicht alle gleiche „Power Flower“ haben? Wie könnt ihr im Alltag sensibel mit dem Thema umgehen?
Es müssen keine finalen Lösungen auf all diese Fragen gefunden werden. Diese Methode kann euch und eurer Gruppe helfen, sich dieses Themas bewusst zu werden. Wenn wir alle ein Auge darauf haben, erkennen wir viel eher die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Sensibilität kann auch die Teilhabe in der Jungschar unterstützen.
Josef Zechmeister
kumquat "Gemeinsam geht mehr!" - 2/2025
