Schwierige Situationen am Lager

Das Lager ist für viele Personen eine Ausnahmesituation. Nicht nur wegen der tollen Stimmung und dem Spaß, sondern auch wegen ungewohnten Betten, vielen Menschen auf einem Fleck, ungewohntem Essen, usw. So ist es nicht verwunderlich, dass sich hin und wieder schwierige Situationen ergeben.
In diesem Artikel werden Lösungswege vorgestellt, die manchmal vielleicht gleich klappen oder dich auf andere, bessere Ideen bringen.

I. Kinder am Rand der Gruppe
Zuerst ist zu sagen, dass es leider kein Patentrezept im Umgang mit Kindern gibt, die etwas außerhalb der Gruppe stehen. Du als Gruppenleiter/in kannst dir aber über Folgendes Gedanken machen, das dir vielleicht dabei hilft, die Situation in der (Lager-)Gruppe zu verstehen und dadurch Lösungsmöglichkeiten eröffnet:

Was ist das wirkliche Problem?
Hast du das Gefühl, dass ein Kind am Lager nicht wirklich in das Gruppengeschehen involviert ist oder von anderen ausgeschlossen wird? Überlege dir, warum dieses Kind ausgeschlossen wird und in welchen Situationen du das bemerkst.
Zu Außenseiter/innen können jene Kinder werden, die laut und wild sind, aber auch jene, die eher ruhig sind, sich nicht gleich lautstark rühren, wenn ihnen etwas Ungerechtes passiert, ... - sie schreien nicht laut nach deiner Aufmerksamkeit, brauchen aber oft umso mehr davon.
Versuch herauszufinden, was denn wirklich das Problem ist.

Die „Schwächeren“ unterstützen

Als Gruppenleiter/in ist es deine Aufgabe, dich auf die Seite der „Schwächeren“ zu stellen. Dabei musst du aufpassen, WIE du das machst - denn es besteht die Gefahr, dass die anderen Kinder gleich noch einen Angriffspunkt finden: "Du hilfst immer nur zu dem/der..."
Manchmal ist es auch notwendig, deutlich Grenzen zu setzen – sei es bei jenen Kindern, die ein anderes Kind ständig hänseln und ausspotten, z.B. wegen abstehenden Ohren, oder wenn ein Kind dazu neigt, andere Kinder zu hauen oder anzuspucken. In solchen Fällen sollst du sehr wohl Partei ergreifen. Sinnvoll wäre hier, zu Beginn des Lagers bestimmte Spielregeln (siehe weiter unten) aufzustellen, die das Zusammenleben während des Lagers regeln, wie z.B. „Wir tun einander nicht absichtlich weh!“

Gestaltung des Programms: passend für ALLE Kinder

Als Gruppenleiter/in kannst du durch die Gestaltung des Lageralltags und des Programms einen fairen, gleichberechtigten Umgang miteinander fördern: Wie schaut es mit der Gestaltung der Spiele aus?
Spielt ihr auf dem Lager viele Wettspiele? - Das Kind, das nicht gut werfen oder laufen kann, wird dann wahrscheinlich sehr oft spüren, dass sein Mitspielen nicht erwünscht ist.
Abwechslung im Programm ist also gefragt, damit die Position des Kindes in der Gruppe, nämlich die des/der Verlierers/in, nicht immer die gleiche ist und es die Möglichkeit hat, auch das zu machen, was es gut kann und gern tut.

II. „Spielregeln“ am Lager
Damit das Zusammenleben auf dem Lager gut funktionieren kann, ist es sinnvoll, sich mit allen am Lager beteiligten Personen, also Gruppenleiter/innen und Kindern, gewisse „Spielregeln“ auszumachen, die von allen einzuhalten sind.
Das kann Organisatorisches, wie z.B. nicht zu spät zum Essen kommen, damit der Zeitplan eingehalten werden kann, die Sicherheit, wie z.B. bitte nicht auf die Fensterbank setzen, oder den Umgang miteinander betreffen, wie z.B. niemand wird ausgespottet.

Wichtig ist, dass ihr diese Regeln gemeinsam aufstellt und nicht, dass die Gruppenleiter/innen eine Liste aufhängen und sagen: So ist es und so bleibt es! Versucht den Kindern zu erklären, warum euch diese Regeln wichtig sind und gib ihnen auch die Möglichkeit nachzufragen. Regeln, deren Sinn die Kinder nicht verstehen können, werden meistens auch nicht eingehalten.
Wenn Kinder am Lager aktiv mitbestimmen können und es so mitgestalten können, fällt es ihnen auch leichter, gewisse Regeln zu verstehen und zu beachten – denn sie haben sie ja selber so bestimmt. Das motiviert sie nicht nur, sondern das fördert auch ihr Verantwortungsgefühl für ein gutes Klima.

Wenn Regeln nicht eingehalten werden…

…dann überlegt bitte lange genug und gut, wie darauf reagiert. Durch die falsche Reaktion auf eine Situation, können Probleme oft noch größer gemacht werden.
Um das Einhalten von Regeln zu erhöhen, könntet ihr mit den Kindern gemeinsam Konsequenzen überlegen. So wissen sie, worauf sie sich einlassen und was gegebenenfalls auf sie zukommt, wenn sie sich nicht an die vereinbarten Regeln halten.

Strafe oder Konsequenz?
Als Lagerverantwortliche/r hast du nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, Grenzen zu setzen und wenn notwendig auch Konsequenzen einzufordern. Überlege dir gut, was du eigentlich erreichen willst, bevor du Konsequenzen setzt, es soll schließlich nie darum gehen, Kinder bloßzustellen und in Situationen zu bringen, in denen sie verspottet werden. Besonders in Situationen, in denen dein Handeln als verantwortliche Person Kindern gegenüber gefordert ist, hast du für deine Kinder eine Vorbildfunktion. Durch dein Handeln trägst du maßgeblich zur Kultur unter den Kindern auf dem Lager bei. Willst du ein gutes Miteinander unter den Kindern fördern, musst auch du entsprechend handeln.
Wenn z.B. während dem Essen eine Essensschlacht ausbricht, dann sollten am Ende auch alle Beteiligten (Kinder und Gruppenleiter/innen) den Speisesaal wieder säubern. Das soll in dem Fall nicht als Strafe gesehen werden, sondern als logische Konsequenz. Diejenigen, die Dreck machen, müssen diesen auch wieder entfernen.

III. Heimweh
Auf fast jedem Lager gibt es ein Kind, das Heimweh bekommt. Dieses Kind sitzt dann oft alleine im Zimmer und möchte am Liebsten die Eltern anrufen, damit sie es abholen. Gruppenleiter/innen sind in solchen Situationen oft ratlos und wissen nicht, was sie tun sollen.

Was ist das eigentlich – „Heimweh“?
Meist tritt Heimweh in den ersten Tagen des Lagers auf, wenn ein Kind sich im Lagerleben mit den vielen anderen Kindern noch nicht zurechtfindet. Es merkt dann plötzlich, wie weit weg die Eltern sind, dass ihm seine vertraute Umgebung fehlt und fühlt sich ganz alleine gelassen. Es sieht, dass alle anderen miteinander Spaß haben, und wird dabei gleich noch viel trauriger.

Zuwendung und Nähe
Ein wichtiger, erster Schritt wäre, dass sich ein/e Gruppenleiter/in, der/die sich gut mit diesem Kind versteht, dessen annimmt und sich um dieses Kind kümmert. Das beginnt dabei, sich einfach zu dem Kind hinzusetzen, es – wenn das Kind das möchte – in den Arm zu nehmen und dabei sehr ruhig und verständnisvoll mit dem Kind zu reden. Keine Angst, wenn das Kind in Tränen ausbricht. Es tut gut, wenn das Kind die Möglichkeit hat, sich an einer Schulter auszuweinen. Heimwehkindern tut es oft gut, wenn sie spüren: Hier ist jemand, der für mich da ist, der neben mir sitzt und an den ich mich anlehnen kann, wenn ich möchte.

Die anderen Kinder
Meist bewährt es sich, wenn den anderen Kindern, zu denen das Heimweh-Kind guten Kontakt hat, erklärt wird, dass Heimweh etwas ist, was einfach vorkommen kann, und sie bittet zu versuchen, besonders nett zu dem Kind zu sein. Meist verstehen Kinder das sehr gut und kümmern sich auch gerne um das heimwehkranke Kind. So kann sich dieses auch wieder bei seinen Freund/innen wohl fühlen. Wenn das Kind eine Bezugsperson hat, die am Programm beteiligt ist, wird es sich mit der Zeit auch dafür entscheiden und vielleicht merken, dass es viel Spaß macht, auch mit den anderen Kindern zu spielen.

Nach Hause fahren?
Meist äußern Kinder in ihrer ersten Traurigkeit, dass sie nach Hause fahren möchten. Wichtig ist, den Wunsch des Kindes ernst zu nehmen, aber nicht sofort die Fahrt nach Hause zu organisieren. Oft legt sich das Heimweh mit ein bisschen Zuwendung bald wieder.
In manchen Fällen kann das Heimweh aber so groß werden und andauern, dass das Kind das Lager nicht mehr genießen kann. Ist das der Fall, so sollte gemeinsam mit dem Kind und dessen Eltern überlegt werden, ob es sinnvoll ist, dass das Kind von den Eltern abgeholt wird. Wird diese Entscheidung getroffen, dann ist es wichtig, dass das Kind spürt, dass die Gruppenleiter/innen auch damit einverstanden sind.

Vorbeugen
Beim Lager-Elternabend sollten die Eltern darauf hingewiesen werden, dass häufige Telefonanrufe, intensiver Briefkontakt oder gar Besuche sehr ungünstig sind, weil sie oft das Heimweh erst auslösen bzw. verstärken, weil die Kinder dadurch daran erinnert werden, dass sie weit weg von zu Hause sind. Vor allem, wenn andere Kinder keinen Besuch, Briefe, etc. bekommen, kann das bei denen wiederum Heimweh auslösen.
Am Lager selbst ist es wichtig, dass ihr auf Kinder, die eher heimwehgefährdet sind, ein besonderes Auge habt und schaut, ob sie Kontakt zu den anderen Kindern bekommen und sich wohl fühlen.
Heimweh verhindern kann auch die beste Lagervorbereitung nicht. Wenn ihr aber darauf achtet, den Kindern gerade am Beginn möglichst viel Sicherheit und Orientierung zu geben und das Programm und den Alltag so gestaltet, dass die Kinder Spannendes erleben, aber sich gleichzeitig auch geborgen fühlen können, dann kann manchem Heimweh vielleicht entgegen gewirkt werden.

Schwierige Situationen gibt es auf Lager immer und es wird nie möglich sein, immer die richtige Entscheidung zu treffen. Aber es fällt mit Sicherheit ein bisschen leichter, wenn ihr euch als Lagerteam schon im Vorfeld überlegt, wie ihr in gewissen Situationen handeln würdet und welche Auswirkungen das im gegeben Fall auf das Lager hätte.


Hanni Traxler (mit Ideen von Jutta Niedermayer)

[aus dem kumquat "Abschied" 2009]