Teilhaben lassen, nicht nur Teil sein
In der Jungschar Wien beschäftigten wir uns immer wieder mit dem Thema „Teilhabe“. Sei es bei Kinderrechteaktionen, auf Grundkurs oder auf Bundesebene: Teilhabe bzw. Partizipation kann von vielen Seiten betrachtet werden. Aber wo spielt da der Begriff des „Teilseins“ eine Rolle? Hier möchte ich ein paar Gedanken dazu sammeln, was es alles heißen kann, teilzuhaben oder ein Teil von etwas zu sein.
Teil Sein
Wir sind Teil eines oder vieler sozialen Umfelder, wir sind Teil einer Familie, Teil eines Freund*innenkreises, einer Schulklasse, eines Teams, Teil einer Jungschargruppe oder Teil einer Beziehung. Wir sind Teil von vielem, manchmal freiwillig, manchmal unfreiwillig. Wenn wir von etwas Teil sind, macht das meist etwas mit uns. Es gibt verschieden Erwartungen, von der Gruppe, dem Umfeld oder einer*m selbst, die wir erfüllen wollen oder müssen. Wir spielen Rollen, wir haben Aufgaben, es gibt Dinge, die wir machen können, es gibt Dinge, die wir nicht dürfen. In der Jungschargruppe machen wir vielleicht ganz andere Dinge wie spielen und uns verkleiden, als in der Schulklasse oder in der Arbeit.
Sind wir also Teil von einer für uns positiven Gruppe, können wir uns wohlfühlen und wir können uns ausleben. Doch sind diese Gruppen auch oft begrenzt: manchmal ist kein Platz in der Gruppe. Du bist nicht in derselben Klasse wie deine Freund*innen, du bist nicht im Sportteam, im Orchester oder Teil einer Clique. Teil sein ist begrenzt, vorherbestimmt oder (im Moment) nicht erreichbar für uns.
Wenn wir etwa darüber reden, dass Menschen in einer Gruppe aufgenommen werden, dann meinen wir, dass wir Menschen einen Platz schaffen und sie ein Teil der Gruppe werden können. Eine neue Freundin*ein neuer Freund wird Teil deiner Freundesgruppe, ein neuer Schüler*/eine neue Schülerin wird in die Klassengemeinschaft aufgenommen oder ein neues Kind kommt in die Jungscharstunde. Wenn wir eine Person aufnehmen in die Gruppe, integrieren wir sie. Der Neuzugang lernt die Regeln, die Witze, die Sprache, die ihr verwendet und wird über kurz oder lang ein Teil der Gruppe. Das ist oft Arbeit und es ist nicht immer ganz einfach, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Bist du neu in der Gruppe, heißt das oft Unsicherheit, ausprobieren was möglich ist und was nicht. Das Ziel ist, ein Teil zu werden, sich einzufügen und einen eigenen Platz zu finden (denn natürlich sind nicht alle Teile gleich).
Hat man es dann geschafft, freut man sich, man ist dabei, man ist angekommen, man ist ein Teil geworden und das kann ein sehr schönes Gefühl sein.
Teilhaben
Teilhabe, meint oft ein Stück mehr als ein Teil sein. Teilhabe wird auch oft mit Partizipation gleichgesetzt. Partizipation kommt aus dem Lateinischen “particeps” und kann mit “teilnehmend” übersetzt werden. Dabei ist die Person kein passiver Teil von etwas, sondern bringt sich aktiv ein. Sozusagen: ich bringe mich ein in die Gruppe, ich gestalte sie mit, ich spreche vor der Gruppe oder bringe Ideen ein. Teilhaben kann auf viele verschiedene Arten und Weisen passieren. Es kann laut sein, indem man die Stimme erhebt, es kann leise sein, indem man einfach dabei ist und zuhört. Man macht mit, man nimmt teil.
Teilhaben ist in dieser Definition etwas Aktives, etwas Lebendiges, etwas, das sich verändert. Du kannst deinen Teil beitragen, gestalten, bestimmen, gestalten und viel mehr. Dazu brauchst du natürlich auch die Möglichkeiten und Gelegenheiten. Wann hast du das letzte Mal etwas bestimmt? Wann hast du das letzte Mal an etwas „Teil“ gehabt?
Es kann auch schwierig sein, an etwas teilzuhaben. Manchmal fehlt mir die Zeit, weil ich neben der Schule, dem Studium oder der Arbeit noch andere Verpflichtungen habe. Manchmal fehlt aber auch das Geld (wenn ich auf ein Konzert, eine Reise oder sogar auf ein Jungscharlager mitfahren will - siehe auch den Artikel). Es kann auch sein, dass ich mich nicht traue, teilzuhaben. Wenn die Gruppe sehr geschlossen wirkt, kann es sehr einschüchternd wirken und ich traue mich nicht mitzumachen. Teilhaben und mitmachen kann in Gruppen sehr unterschiedlich gelebt werden. Dafür ist die Jungschar ein riesengroßes Lernfeld.
Jungschar - Teil sein und Teil haben
Teil der Jungschar zu sein, kann für Kinder und Gruppenleiter*innen etwas sehr Schönes sein. Viele Erwachsene blicken noch gerne auf ihre Zeit in der Jungschar zurück. Die Spiele, die gespielt wurden, die Lagerprogramme, die Lieder, die Freund*innen … Teil von der Jungschar sein heißt Teil einer Gemeinschaft zu sein. Diese Gemeinschaft kann für einen da sein, wenn es einem gut geht, aber auch wenn es einem schlecht geht. Jungschar ist für alle da! Das heißt, dass jede*r in der Jungschar so sein kann, wie er*sie ist, ohne Voraussetzungen und ohne Leistungserwartungen
Als Kinderorganisation wissen wir auch, dass Kinder zwar oft Teil von Gruppen (Familien, Klassen, Vereinen, etc.) sind, aber nicht oft aktiv Teil haben bzw. partizipieren können (in einem gestalterischen Sinn). Über Kinder wird oft bestimmt, was sie anziehen, was sie essen, welches Programm gemacht wird usw.
Die Jungschar ist ein Ort, wo Kinder das aktive Teilhaben und Mitgestalten lernen können. Hier können sie sich, anders vielleicht als in der Schule oder in der Familie, einbringen und mitgestalten. Das ist eine Aufgabe für uns Gruppenleiter*innen. Wir können hier viele Rahmenbedingungen dafür gestalten. Welches Programm die Kinder machen wollen, welche Spiele sie spielen wollen, mit welchem Thema sie sich in der Gruppenstunde beschäftigen wollen: all das könnt ihr als Gruppenleiter*innen aufgreifen und ermöglichen (natürlich so, dass es für alle passt). So können Kinder beispielsweise in eurer Gruppe lernen, gemeinsam Dinge zu entscheiden, gemeinsam Teilhabe zu gestalten. Das kann etwas chaotisch sein, Konfliktpotenzial haben, aber vor allem, wenn es gelingt, etwas sehr Schönes sein.
Darum wollen wir als Jungscharleiter*innen den Kindern ermöglichen, Teil der Gruppe zu sein und ganz viel Teilhabe auszuprobieren. So schaffen wir ein Umfeld, in dem sich Kinder aufgenommen und wohlfühlen, denn Jungschar ist für alle da.
Josef Zechmeister
kumquat "Gemeinsam geht mehr!" - 2/2025
