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Die Giraffensprache entdecken

Eine Hinführung zur Gewaltfreien Kommunikation

„Rudi, ich will ein Eis. Rudi!“
„Du, Anette, ich red grad. Kannst du nicht EINmal den Mund halten??? Du nervst!“
„Ich will aber ein Eis!!! Jetzt sofort!“
„Wenn du jetzt nicht sofort ruhig bist, dann kriegst du nie mehr ein Eis!“

Vielleicht kennst du Dialoge dieser Art? Von dir selbst oder aus deiner Umgebung, aus Filmen? Vielleicht passiert es dir auch manchmal, dass du in bestimmten Situation ähnlich reagierst, wie Rudi? Das wäre auch nicht verwunderlich, denn die meisten von uns kommunizieren „wölfisch“.
Laut dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation, kurz GFK , gibt es zwei unterschiedliche Sprachen der Kommunikation: die Sprache der Giraffe und die Sprache des Wolfes.

Wölfisch sprechen
Der Wolf hört dem/der Gesprächspartner/in zu und reagiert sofort darauf. Er hört etwas, interpretiert und beurteilt das nach seinen Vorstellungen, nach seinen Maßstäben von gut und böse, egal was der/die andere eigentlich damit sagen wollte. Der Wolf hat sehr gerne Recht. Wenn der Wolf beschimpft, kritisiert oder beleidigt wird, schimpft, kritisiert oder beleidigt er zurück. Er gibt anderen oder sich selbst die Schuld, will gewinnen und die Oberhand behalten. Er fühlt sich angegriffen, verteidigt sich und greift an. Oft fühlt sich das Gegenüber dann auch angegriffen, beginnt sich zu verteidigen und greift ebenfalls an. So kann eine „Gewaltvolle Spirale“ entstehen: ein Streit wird geführt, der eventuell nicht in einer gemeinsamen Lösung endet, sondern sich zuspitzt und beide Gesprächspartner/innen verletzt.

Die meisten von uns haben gelernt, sich „wölfisch“ auszudrücken. Wölfisch ist eher die Sprache unserer Gesellschaft, die Sprache unseres öffentlichen Raumes, die Sprache der Medien und Politiker/innen: darauf bedacht sein, einem bestimmten Image oder Bild von sich gerecht zu werden, Gefühle nicht zeigen oder ausdrücken, auf andere nicht eingehen sondern sie von den eigenen Überzeugungen überzeugen wollen, sich Sündenböcke machen und Macht ausüben. Es ist eine sehr gewaltvolle Sprache. Sie wird sowohl in den Schulen gesprochen, als auch oft zu Hause. Und Sprache kann, auch wenn es uns oft nicht bewusst ist, andere verletzen, viele Konflikte schaffen, im allerschlimmsten Fall in einer Auflösung einer Beziehung, in Zerstörung oder in Krieg eskalieren.

Oft ist es uns gar nicht bewusst, dass wir uns auch anders ausdrücken könnten, dass es noch eine andere Sprache gibt, die wir erlernen und üben können, um gewaltfreier miteinander umzugehen. Und diese Sprache ist nach dem Konzept der GFK die Sprache der Giraffen.

„giraffisch“ lernen"
Die Giraffe wurde als Symbol gewählt, weil sie das Tier mit dem größten Herzen aller Landtiere ist. Ihr Herz ist sehr groß, weil ihr Hals so lang ist und es viel Kraft braucht, um das Blut in den Kopf zu pumpen. Die Giraffe steht deshalb für die gewaltfreie Kommunikation, die vom Herzen ausgeht. „Giraffisch“ zu sprechen bedeutet, einfühlsam zuhören, also hören was der/die Andere wirklich sagt, zu erkennen, welche Bedürfnisse hinter den gehörten Worten stehen und sagen, was man selbst sagen will: die eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche und Gedanken ehrlich ausdrücken. Da wir mehr „wölfisch“ gelernt haben, müssen wir die „neue“ Sprache von Grund auf lernen. Die folgenden vier Schritte können uns helfen, die „Giraffensprache zu entdecken.

Schritt 1: Wertfreie Beobachtung mitteilen
Im ersten Schritt sollen wir uns die Fragen stellen: Was passiert in einer Situation? Was tut/sagt der/die Andere? Diese Beobachtung soll dann ohne Beurteilung oder Bewertung dem/der Anderen mitgeteilt werden. Das ist oft gar nicht so einfach. Wir sind sehr geübt darin, sehr schnell einzuordnen und zu bewerten: zum Beispiel: „Du kommst immer zu spät“ ist eine Bewertung und „Die letzen zwei Male, in denen wir uns getroffen haben, bist du zu spät gekommen“ ist eine Beobachtung.

Schritt 2: Gefühle benennen
In einem zweiten Schritt, überlegen wir uns, welche Gefühle das Gesagte in uns auslöst - fühlen wir uns zum Beispiel verletzt, erschrocken, amüsiert, verärgert,...? Dieses Gefühl soll dann mitgeteilt werden.
Auch das ist nicht unbedingt einfach, weil wir oft gelernt haben, Gefühle nicht zu zeigen und somit auch verlernt haben, Gefühle wahr zu nehmen. Oft glauben wir Gefühle auszudrücken, obwohl wir eher sagen, was wir über uns denken: Zum Beispiel: „Ich fühle mich wie ein Versager“ oder „Ich habe das Gefühl dass es sinnlos ist“ drücken eigentlich keine Gefühle aus, sondern wie ich eine Situation interpretiere. „Echte“ Gefühle sind „ich fühle mich enttäuscht/ungeduldig/frustriert/ängstlich/ angegriffen/hintergangen/manipuliert...“.

Schritt 3: Bedürfnisse aussprechen
Unseren Gefühlen liegen Bedürfnissen zu Grunde. Werden Bedürfnisse nicht befriedigt, fühlen wir uns enttäuscht, verletzt, traurig,... Die Art wie wir unsere Bedürfnisse befriedigen wollen, sind unsere Wünsche. Und über diese Art der Bedürfnisbefriedigung kommen wir manchmal mit anderen in Konflikt, nicht aber mit den Bedürfnissen an sich.
In einem dritten Schritt der GFK teilen wir unserem/unserer Gesprächspartner/in, das Bedürfnis, das hinter unseren Gefühlen steht, mit. Zum Beispiel: „Ich fühle mich verärgert, wenn ich das höre, weil ich Respekt brauche und das, was ich höre als Beleidigung auffasse.“ Beispiele für Bedürfnisse sind das Bedürfnis nach Sinn, Selbstwert, Akzeptanz, Wertschätzung, Nähe, Gemeinschaft, Rücksichtnahme, Verständnis, Freude, Frieden,...

Schritt 4: um etwas bitten
Im vierten Schritt wird eine Bitte formuliert (oder eine gemeinsame Lösung gesucht). Hierbei geht es darum zu sagen, was wir wirklich wollen, was wir brauchen, damit es uns besser geht. Oft reicht es nicht, wenn wir unsere Gefühle ausdrücken. Da wir sehr unterschiedlich fühlen und unterschiedliches brauchen, ist es hilfreich, zu sagen, was wir gerne wollen. Die Bitte ist sozusagen die Brücke zur anderen Person. Der/die Andere ist frei, das Erwünschte zu erfüllen und soll die Möglichkeit haben, diese Bitte abzuschlagen. Denn sonst werden Bitten als Forderungen verstanden. Bitten sollen konkret, machbar und positiv formuliert werden, zum Beispiel „Könntest du mir sagen, ob es ok für dich ist, mir in Zukunft Bescheid zu geben, wenn du weißt, dass du zu spät kommst.“ ( statt „Bitte komm nicht mehr zu spät“).

In Satzform lauten diese vier Grundschritte der Giraffensprache folgendermaßen:

Wenn ich sehe oder höre dass ... (Beobachtung, Schritt 1), dann fühle ich mich ... (Gefühle, Schritt 2), weil ich ... brauche (Bedürfnis, Schritt 3). Darum bitte ich dich dass ... (Bitte, Schritt 4).

Willst du Frieden in der Welt, schaffe Frieden in dir selbst!
Diese vier Schritte sind ein Teil der Giraffensprache. Sie stellen eine Orientierung dar. Ein anderer, sehr wichtiger Teil, ist das einfühlsame zuhören. Egal wie oder was jemand sagt, es stehen Bedürfnisse, Gefühle und Bitten dahinter. Hilfreich ist es hier, sich zu überlegen, was jemand wirklich mit Aussagen meint, was dahinter stehen könnte. Also wenn uns jemand beschimpft oder angreift, sollten wir überlegen, was gerade passiert ist, welche Gefühle ausgelöst wurden, welche Bedürfnisse dahinter stecken was eine Lösung für die Situation wäre. So können wir uns auf den/die Andere/n einlassen und wirklich hinhören.

Ich glaube, es ist anstrengend, gewaltfrei zu kommunizieren. Weil wir uns mit Hilfe der „Giraffensprache“ angreifbarer machen, weil wir uns sichtbar machen, indem wir zu uns und unseren Gefühle stehen und Verantwortung für sie übernehmen. Gewaltfrei zu kommunizieren heißt nicht, Konflikten aus den Weg zu gehen. Gewaltfrei bedeutet nicht nur „ohne Gewalt“. Gewaltfrei kommunizieren lernen heißt, konfliktfähig zu werden, und belastbare Beziehungen aufzubauen, in denen wir einander ehrlich begegnen können, ohne uns verletzen oder verteidigen zu müssen. Gewaltfreie Kommunikation ist ein Schritt zu einem friedlichen Miteinander.

Betti Zelenak

[aus dem kumquat "autsch!" 2010]

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