„Take us to Church, Taylor!“ – Wenn Pop-Kultur Liturgie wird
Taylor Swift ist längst nicht nur globales Pop-Phänomen, sondern eine kulturelle Deutungsinstanz, deren Werk sich an der Schnittstelle von Narrativ, Gemeinschaftsbildung und Spiritualität bewegt. Als ökonomisch erfolgreichster Pop-Star weltweit sorgt sie nicht nur in ihren Fan-Gemeinden für intensive Debatten. Wie politisch sind ihre Aussagen, ist sie Feministin oder sind die Verkaufszahlen der ausschlaggebende moralische Kompass? Und hat das alles wirklich etwas mit Religion zu tun?
Über Taylor Swift wurden unzählige Einschätzungen, Vermutungen und Bewertungen angestellt, die Star-Persönlichkeit selbst zeigt sich in diversen Interviews und selbst-produzierten Dokumentationen als sorgfältig inszenierte Künstlerin. Ihr Arbeitsethos wird in unterschiedlichen Sequenzen dokumentiert, sie fördert Team-Arbeit, feilt lange an den Arrangements und zeigt sich als nahbare, hart arbeitende Künstlerin. Ihr Auftreten und ihr Verhalten ihren Fans gegenüber spielt in der Erfolgsgeschichte Swift mindestens ebenso eine große Rolle, wie ihre veröffentlichten Alben. Fast religiös wirken Fan-Treffen mit Freundschaftsarmbändern, gemeinsamem Singen und Philosophieren über Textbedeutungen, die Atmosphäre auf Konzerten wird als „uplifting“ und „safe“ bezeichnet.
Welche Resonanzen zwischen Swifts Songwriting und theologischen Symbolwelten sind hörbar?
Das Phänomen Taylor Swift kann in der pastoralen Arbeit die Gestaltung von Gesprächen, gemeinsamen Erlebnissen, liturgischen Feiern bereichern und vielen einen Einstieg ins religiöse Denken und Fühlen erleichtern. Swifts Texte, ihre musikalische und visuelle Inszenierung liefern komplexe kulturhistorische Bezüge - Religion, Literatur, Poesie dienen in ihrem künstlerischen „Labor“ als Zutaten und werden mitunter auch wild gemixt. Ihre Songs formulieren eine Pop-Liturgie der Sehnsucht – laden ein, die alten Fragen neu zu hören: Woher kommt Trost? Was gibt Hoffnung? Und wer hört zu, wenn wir „Amen“ sagen – leise, mitten im Leben, mit einem Song im Ohr?
In ihrem Lied “Our Song” zum Beispiel: „And when I got home, ’fore I said ‘Amen’, asking God if he could play it again“. Hier begegnet das Gebet nicht als kirchliche Kategorie, sondern als popkulturell codiertes Alltagsritual. Gott ist Bezugskategorie und wird in Verbindung mit der Sehnsucht nach bestimmten Lebensentwürfen angerufen. Das Reflektieren der eigenen Vorstellungen, welche Wendungen und Herausforderungen das (Beziehungs-) Leben mit sich bringt, ist ein Kernbestandteil von Swifts Songtexten. Fast so, als eröffne sie eine Schule der emotionalen Reflexion für ihre Zuhörer*innen.
In “Soon You`ll Get Better” verarbeitet Swift die Krebs-Erkrankung ihrer Mutter und wirft eine grundlegende theologische Frage auf, die vor allem in der Pastoral eine Haltungsschärfe bringt: „Desperate people find faith, so now I pray to Jesus too“. Glaube entstehe also weniger aus Tradition oder plötzlicher Bekehrung, sondern aus existenziellen Krisen. Swift öffnet hier einen Raum, in dem Verwundbarkeit und Hoffnung sich berühren – ein Resonanzfeld, das viele ihrer Hörer:innen intuitiv verstehen. In “Guilty As Sin?” postuliert sie: „What if I roll the stone away, they’re gonna crucify me anyway“. Diese Umkehrung des Oster-Narrativs kann als gedanklicher Impuls, Gespräche über die Heilsbotschaft und ihre aktuelle Bedeutung anstoßen.
Gottesdienst als Pop-Pastoral
Ein eindrückliches Beispiel der Verknüpfung von Swift und Kirche lieferte die Lutherische Stadtkirche Wien unter der Leitung von Pfarrerin Julia Schnitzlein. Nach der Absage der geplanten Swift-Konzerte in Wien 2024 öffnete die Gemeinde die Kirche für enttäuschte Fans: Unter dem Plakat „Liebe Swifties, wir fühlen mit Euch. Hier könnt Ihr Euch aussingen“ lud Schnitzlein zu einer ganzen Tagesveranstaltung mit den Songs von Taylor Swift ein.
Kirche kann mit Hilfe von popkulturellen Bezügen zu einer Protagonistin werden, die jungen Menschen dort begegnen will, wo sie sind: in Fan-Communities, in digitalen Kulturen, in Idolen und Sehnsüchten. Nicht im Sinne eines Hineindrängens oder Anbiederns, sondern im Öffnen gegenüber aktuellen künstlerischen Ausdrucksweisen.
Was wir in der Kirche von den Swifties lernen können
- Rituale schaffen – niedrigschwellig und gemeinschaftsstiftend
Freundschaftsbänder, Mitsing-Momente, geteilte Zeilen: Swifties zeigen, wie kleine Gesten große Verbundenheit erzeugen. Jugendkirchen können solche niederschwelligen Rituale als Einstieg in spirituelle Erfahrungsräume nutzen. - Emotionalität ernst nehmen
Swifts Musik arbeitet mit Verletzlichkeit, Sehnsucht und Hoffnung – genau jene Themen, die sehr Viele spirituell bewegen. Formate, die Platz für Emotionen lassen, werden als authentisch erlebt. Emotionen sollen nicht nur gefühlt, sondern auch bedacht, beredet und bearbeitet werden. So wird eine Gemeinschaft auch zu einer „Schule der Emotionen“, um mit den eigenen Gefühlen reflektierter umgehen zu können. - Musik als „Liturgie der Gegenwart“
Viele erleben Popmusik als spirituellen Resonanzraum. Wir können in der Kirche Musik bewusst als theologische Gesprächspartnerin einsetzen – nicht nur als Hintergrund, sondern als Impuls. - Räume öffnen, nicht nur Programme anbieten
Das Beispiel der evangelischen Wiener Stadtkirche zeigt: Offene Kirchenräume, die flexibel auf Lebenssituationen von jungen Menschen reagieren, wirken stärker als starre Angebote. - Digitale und popkulturelle Welten als Verbündete sehen
Viele Menschen transportieren ihre spirituellen Erfahrungen ins Digitale – über Clips, Memes, Lyrics. Kirche kann diese Kommunikationsformen aufgreifen, und Diskurse anstoßen. Wie gehe ich mit Verantwortung im digitalen Raum um? Was verstehe ich unter Autorität? - Gemeinschaft als spirituelle Erfahrung
Die Swifties beweisen, dass Zugehörigkeit oft der Beginn von Spiritualität ist. Kirchen können das stärken, indem sie Orte anbieten, an denen sich möglichst Viele gesehen und getragen fühlen. - Theologie in Alltagssprache übersetzen
Swifts Lyrics zeigen, wie religiöse Bilder lebensnah klingen können. Wir können daraus lernen, Glaubenssprache poetischer, ehrlicher und zeitgemäßer zu formulieren. Das Reden über Glaubensthemen stärkt unsere eigene religiöse Ausdrucksfähigkeit, der Zugang zu religiösen Themen vertieft sich in der Auseinandersetzung.
Linda Kreuzer
kumquat "Gemeinsam geht mehr!" - 2/2025
