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„Ich weiß, es ist Liebe da ...“

Zum Platz Homosexueller in der katholischen Kirche

Vor etwa zwei Jahren sprach eine ehrenamtliche KJ-Mitarbeiterin mit mir darüber, dass sie erkannt hatte, lesbisch zu sein. Wenn sich eine Beziehung ergibt, wolle sie diese nicht verstecken, sondern offen dazu stehen. Sie ging davon aus, dass ich persönlich damit keine Schwierigkeiten hätte, dennoch bot sie mir an, ihre ehrenamtliche Mitarbeit zu beenden, um der KJ keinen Schaden zuzufügen, falls dies bekannt würde. Dieses Gespräch hat mich erschüttert: Nicht wegen der angesprochenen sexuellen Identität, sondern bezüglich der Vermutung, dass sie mit ihrer Orientierung in der Kirche keinen Platz (mehr) haben könnte.

Wie leben Menschen mit einer gleichgeschlechtlichen Orientierung in der Kirche, in unseren Gruppierungen und Pfarren? Und wie reagieren wir in der Kirche darauf, dass Menschen zu ihrer homosexuellen Identität stehen?

Don‘t ask, don‘t tell

Manchmal hat man den Eindruck, dass in der Kirche noch immer eine „Don‘t ask, don‘t tell“-Politik vorherrscht, wie sie bis vor kurzem beim US-Militär üblich war: Nur nicht drüber reden. Diese Haltung kann bei homosexuellen Menschen und deren Umfeld, aber auch in unseren Pfarren und Gruppen nichts Gutes bewirken. Sich verstecken müssen kann keine christliche oder geistgewirkte Haltung sein! So hält auch das kirchliche Lehramt im Katechismus der Katholischen Kirche fest: Homosexuellen Menschen „[...] ist mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfasstheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.“ (KKK 2358)

Unberührt davon, dass die unmittelbar voranstehenden bzw. folgenden Katechismus-Abschnitte die Homosexualität als „Abirrung“ bezeichnen und festhalten, dass homosexuelle Handlungen „in sich nicht in Ordnung“ und homosexuell empfindende Menschen daher zur Keuschheit aufgerufen seien, bleibt zu betonen, dass das Lehramt zu „Achtung, Mitgefühl und Takt“ gegenüber homosexuell Empfindenden aufruft. Und ein solcher respektvoller Umgang schließt eine „ungerechte Zurücksetzung“ aus – das heißt, dass Personen, die sich entschieden haben, offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen, auch in unseren Pfarren, Gruppen und kirchlichen Organisationen selbstverständlich einen Platz haben sollten.

Dazu hat etwa der Pastoralrat der Diözese Linz im Jahr 1999 erklärt: „Die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung kann sich nicht auf christliche Prinzipien berufen. Diese Frauen und Männer sind – wie alle anderen auch – ohne Vorbehalte eingeladen, in unseren Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen mitzuleben, mitzufeiern und mitzuarbeiten“.
Hier stellt sich jedoch die Frage, wie weit wir in der täglich gelebten Praxis tatsächlich sind. Die (zum Großteil medial hochgespielte) Aufregung um einen im Vorjahr gewählten homosexuellen Pfarrgemeinderat hat deutlich gezeigt, dass ein selbstverständlicher und  respektvoller Umgang wohl noch lange nicht die Normalität darstellt.

Betroffene wehren sich dagegen, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Identität von kirchlicher Seite vorwiegend auf das Sündhafte der körperlichen Ausdrucksformen ihrer Liebe und Beziehung reduziert werden und regelmäßig zu Umkehr und Verzicht aufgerufen werden:

„Ich sehe in Bezug auf die Beziehung zu meiner Freundin keinerlei Notwendigkeit einer Umkehr oder Bekehrung für mich. Ich bemühe mich, in Übereinstimmung mit meinem tiefsten Inneren zu leben und zu mir und zu Gott zu stehen. Mit dieser Beziehung tue ich das.
Durch diese Beziehung ist mein Herz offener und weiter, mein Leben ist lebendiger. Wenn nicht immer wieder durch äußere Umstände aufgestört findet meine Seele in dieser Beziehung Ruhe, Frieden und Geborgenheit.
Tatsache ist: Meine Freundin tut mir gut, und ich tu meiner Freundin gut. Wir profitieren beide viel voneinander.
Ich weiß nicht, wieviel bei mir angeboren oder anerzogen oder was weiß ich was ist.
Ich weiß, es ist Liebe da.“
(zitiert aus dem Brief einer jungen Frau an einen österreichischen Bischof)

Weiter schreibt sie, dass Beziehung da ist und die beiden Frauen in ihrer Beziehung das Leben miteinander teilen, mit allem Drum und Dran.

Hoffnungszeichen

Allerdings gibt es einige Hoffnungszeichen, dass es auch bei Vertretern der kirchlichen Hierarchie zu einem Umdenken kommt. Nicht nur das persönliche Eingreifen von Kardinal Schönborn im genannten Fall des Stützenhofener Pfarrgemeinderats, sondern auch Äußerungen des Berliner Erzbischofs beim letztjährigen Katholikentag ließen aufhorchen. Hier plädierte Kardinal Rainer-Maria Woelki für eine positive Haltung im Umgang mit Homosexuellen. Unter ausdrücklichem Bezug auf den Katechismus betonte er, dass es unter ihnen viele gebe, die dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen und sich Treue versprechen. Daher „darf ich in homosexuellen Beziehungen nicht ausschließlich den „Verstoß gegen das natürliche Gesetz“ sehen“ (zitiert nach „Die Welt“, 27.06.2012).

Unabhängig von Spekulationen darüber, wie sich Homosexualität entwickelt bzw. wie sie ensteht, erfahren Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung als identitätsstiftenden Teil ihrer Persönlichkeit. Insofern sind Spekulationen über mögliche „Heilungen“ (die ja von der Krankhaftigkeit der sexuellen Identität ausgehen und eine gegen die Persönlichkeit stehende Handlungsveränderung anstreben) nicht sinnvoll und werden der Lebensrealität vieler homosexueller Personen nicht gerecht. So gelten die Aussagen der österreichischen Bischöfe (in der Rahmenordnung „Die Wahrheit wird euch frei machen“) selbstverständlich nicht nur für heterosexuell orientierte Menschen: „Jeder Mensch erfährt seine geschlechtliche Verfasstheit in Form seiner sexuellen Identität als konstitutiven Teil seiner Persönlichkeit. Sexualität als liebevolle und lustvolle Erfahrung der Leiblichkeit, der eigenen und der des Partners […] gehört zum Innersten der menschlichen Person, die nach christlicher Auffassung als Einheit von Leib und Seele, von Körper und Geist verstanden wird.“

Wenn sich auch nichts an der kirchlichen Lehre ändern wird, dass die sakramentale Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich ist, wäre es schon jetzt durchaus möglich, dass die Kirche das Eingehen einer „eingetragenen Partnerschaft“ als Ausdruck  dafür, dass zwei Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und sich Treue versprechen, anerkennt und etwa durch eigene Segensfeiern begleitet. Jedenfalls sollte es in unseren Pfarren möglich sein, dass auch Homosexuelle zu ihrer Identität stehen können, ohne zurückgesetzt oder diskriminiert zu werden – sei es im Pfarrgemeinderat, in pfarrlichen Gruppierungen, als Gruppenleiter/in einer Jungschar- oder Jugendgruppe, bei der pfarrlichen Caritas, etc. etc.

Kein Platz für Diskriminierung

Hierbei muss außer Zweifel stehen, dass in christlichen Gemeinden und Gruppen kein Platz  für den zutiefst verletzenden und ungerechten Generalverdacht sein darf, dass homosexuelle Personen häufiger zu Missbrauchstäter/innen gegenüber Kindern und Jugendlichen würden. Die kirchliche Rahmenordnung „Die Wahrheit wird euch frei machen“ stellt dazu unmissverständlich fest: „Es ist falsch und ungerecht, homosexuell orientierten Menschen eine größere Neigung zu sexueller Gewalt zu unterstellen. Eine Gleichsetzung homosexuell empfindender Menschen mit „Knabenschändern“ ist ausdrücklich abzulehnen. Sie darf in der kirchlichen Praxis keinen Platz haben.“ Sollte es doch noch vereinzelt zu derartigen diskriminierenden Aussagen kommen, muss denen, welche diese Meinung vertreten, in aller Entschiedenheit widersprochen werden. Sollten sich Personen in der Seelsorge diesbezüglich äußern, sollten die jeweiligen Vorgesetzten informiert werden.

Gerade Jugendliche und junge Erwachsene, die eine homosexuelle Neigung bzw. Veranlagung bei sich feststellen, sollen sich in kirchlichen Gruppierungen aufgehoben fühlen und sollten (auch durch die Begegnung mit „Role Models“, etwa in Person ihrer Gruppenleiter/innen) motiviert werden, zu ihrer Orientierung zu stehen. Angesichts vieler Diskriminierungen und Verunglimpfungen etwa im schulischen Umfeld soll in kirchlichen Gruppen ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden und sie die Erfahrung machen, angenommen und akzeptiert zu sein.

Leider geschehen in der seelsorglichen Begleitung homosexueller Menschen und ihres Umfelds noch immer sehr viele Zurückweisungen und Verletzungen, oft durch Unkenntnisse und Vorurteile. Um hier eine kompetente Begleitung zu ermöglichen, haben viele Diözesen in Kooperation mit den Stellen für Partner-, Ehe- Familien- und Lebensberatung eigene Fachstellen für die Homosexuellen-Seelsorge eingerichtet. Bereits 1998 wurde in unserer Erzdiözese Wien der legendäre P. Joop Roeland mit der Seelsorge für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen betraut – leider wurde nach seinem Tod 2010 das Referat bislang nicht nachbesetzt.

Während die evangelische und die altkatholische Kirche in Österreich die Anerkennung homosexueller Partnerschaften weitgehend umgesetzt haben, tut sich die römisch-katholische Kirche hier noch sehr schwer. Insbesondere das Festhalten an der Definition, dass homosexuelle Handlungen „in sich ungeordnet“ seien, lässt eine baldige Anerkennung von Homosexuellen  unwahrscheinlich erscheinen. Auch die kirchlicherseits immer wieder erfolgenden Interventionen gegen Gesetze, die eine Angleichung der Rechte (und Pflichten) homosexueller und heterosexueller Partnerschaften zum Ziel haben, haben zu einem großen Vertrauensverlust der lesbisch-schwulen Community gegenüber der Kirche geführt. Dabei wäre bei allen Vorbehalten und unter der Berücksichtigung des Kindeswohles etwa die Möglichkeit der sog. „Stiefkindadoption“ (die Adoption eines leiblichen Kindes, das ein Partner in die Beziehung „mitgebracht“ hat) auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ohne große Schwierigkeiten möglich.

Entscheidend für die kirchliche Einschätzung ist also offenbar weiterhin die Frage, ob Homosexualität als Sünde angesehen wird oder ob dieses kategorische Urteil relativiert werden muss. Das Schlusswort dazu hat nochmals die von mir eingangs zitierte junge Frau:
„Ich glaube daran, dass Gott für jeden einzelnen Menschen das Leben in Fülle möchte – für jeden einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit. Für die einen bedeutet das eine heterosexuelle Beziehung, Ehe, Kinder. Für andere ein zölibatäres Leben. Und für wieder andere bedeutet das ein Leben mit einem gleichgeschlechtlichen Partner. Ich sehe in der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft keinen Schaden für einzelne Menschen, keinen Schaden für die Gesellschaft und keine Entfernung von Gott (was ja alles ein Zeichen für Sünde wäre).

  • Die Nähe zu Gott kann niemand anderer als ich für mich selbst beurteilen.
  • Mehrere Menschen haben mir unabhängig voneinander gesagt, wie sehr ich mich geändert habe, seit ich in dieser Beziehung lebe – ich bin lockerer, weicher, menschlicher geworden.
  • Und da ich mich zum Positiven hin verändert habe, ist das auch wieder ein Gewinn für die Gesellschaft, im Besonderen für alle Menschen, denen ich begegne.

Vielmehr würde ich es als Sünde sehen, wenn jemand nicht dem folgt, was er als seine innerste Wahrheit empfindet.“

Internet-Links zum Thema:

Arbeitsgruppe Homosexualität des Katholischen Familienwerks der Diözese Linz: http://www.beziehungleben.at/begleitung/homosexualitaet.html

Diözesaner Arbeitskreis Homosexuellenpastoral der Diözese Innsbruck: http://www.dahop.at/

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexualität und Glaube (Wien): http://www.hug-wien.at/

Evangelische Seelsorge für Homosexuelle und ihre Angehörigen (Pfarrerin Gerda Pfandl): http://www.evang-wien.at/index.php?id=154

Kirchliche Rahmenordnung „Die Wahrheit wird euch frei machen“:http://www.hinsehen.at/downloads/Rahmenordnung.pdf

Dr. Gregor Jansen
Moraltheologe, Jugendseelsorger Vikariat Wien-Stadt (2004-2013), Pfarrmoderator der Pfarre Breitenfeld (Wien 8, ab Herbst 2013), Mitarbeit an der Rahmenordnung „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (2010), mehrfach Experte in TV-Diskussionen zum Thema „Homosexuellen-Ehe“

kumquat "Liebe" 3/2013

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Dr. Gregor Jansen, ehemaliger Jugendseelsorger