Frauenspaziergänge

„...jede Frau ändert sich, wenn sie erfährt, dass sie eine Geschichte hat.“
(Gerda Lerner, Historikerin)

Wenn an öffentlichen Orten, z.B. in einer Stadt wie Wien, an Geschichte erinnert wird, so ist das meistens Männergeschichte: Eine überwiegende Anzahl aller Denkmäler und Gedenktafeln ist Männern gewidmet, stellt den Beitrag von Männern zur Geschichte dar. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte: Frauen waren auch in Zeiten, in denen sie gesellschaftlich weniger zu sagen hatten, ein Teil der Geschichte und gestalteten diese auf unterschiedliche Arten mit. Die Wiener Kulturvermittlerin Petra Unger versucht Frauengeschichte nachvollziehbar und sichtbar zu machen: Auf ihren Frauenstadtspaziergängen durch Wien berichtet sie von bemerkenswerten Frauen, die in Wien gelebt und gearbeitet haben. Die Stationen dieser Spaziergänge sind selten pompös und auffallend wie Denkmäler, oft sind es unscheinbare Gebäude oder Plätze, zu denen sie spannende Geschichten zu erzählen weiß. Ihre Wiener Frauenspaziergänge sind auch in Buchform erschienen – eine ungemein spannende Lektüre, die Lust macht, sich selbst auf die Spuren von aufmüpfigen, widerständigen und tatkräftigen Frauen zu begeben. Eine dieser Frauen, die Politikerin Rosa Jochmann, wird hier, Petra Ungers Text folgend, vorgestellt.

Rosa Jochmann, 1901 geboren, wuchs im 11. Bezirk in einfachen Verhältnissen auf, schon mit 14 Jahren begann sie in einer Süßwarenfabrik zu arbeiten, um nach dem Tod ihrer Mutter zum Familienunterhalt beizutragen. Bereits als 18jährige engagiert sie sich in der Gewerkschaft: In der so genannten Arbeiterhochschule wird sie von bedeutenden sozialistischen Politikern wie Otto Bauer, Karl Renner und Friedrich Adler unterrichtet. Auch nach dem Verbot der sozialdemokratischen Parteistrukturen durch den autoritären Ständestaat engagiert sie sich weiter und wird deshalb für zwölf Monate inhaftiert. Nach der Machtergreifung des NS-Regimes wird sie 1939 ein weiteres Mal verhaftet und kommt in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Auch in diesem grausamen und entmenschlichten System versucht sie, sich für andere Frauen einzusetzen. Sie überlebt und kehrt nach der Befreiung nach Österreich zurück, wo sie ihr politisches Engagement in unterschiedlichen Funktionen fortsetzt. Ab den 1980er Jahren besucht sie zahlreiche Schulen, um die nachfolgende Generation über die Zeit des Nationalsozialismus aufzu­klären. Ihre Stimme für die Demokratie erhebt sie noch als 92jährige am Heldenplatz, als zahlreiche Organisationen (darunter auch die Katholische Aktion) zu einem Lichtermeer als Zeichen gegen das ausländerfeindliche Volksbegehren der FPÖ aufrufen. Ein Jahr später, 1994, stirbt Rosa Jochmann in Wien. Nach Rosa Jochmann sind unter anderem eine Schule in Simmering und ein Park in der Leopoldstadt benannt.

Viele weitere faszinierende Frauenporträts, von der Marktfrau bis zur Künstlerin, kannst du hier nachlesen:
Petra Unger: Wiener Frauenspaziergänge. Wo sich Frauen in Wien am besten finden. Wien: Metro 2006. (Reihe wienfacetten)

Kathi Wexberg

aus dem kumquat "Der.Die.Das" 2/2010