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Die stillste Radiosendung des Jahres

Über den Wert der Stille in der Religion

Ich habe eine Lieblingssendung im Radio und die wird nur ein Mal im Jahr gespielt. Schon eine Stunde vorher bin ich nervös und hoffe dass ich sie eh nicht verpasse. Obwohl es eigentlich eine Nicht-Sendung ist: Es handelt sich um die Funkstille um 15 Uhr zum Karfreitag. Mit sonorem Ton sagt die Radiostimme um Punkt 15 Uhr: „Im Gedenken an die Todesstunde Christi folgt nun eine kurze Funkstille“.

Dann wird es Radiostill. Ich habe dazu meist eine Kerze angezündet und lausche der Stille. Bekomme eine Gänsehaut.

Nach ca. einer halben Minute folgen dann die Nachrichten. Vorbei die Stille.

Was mich daran beeindruckt? Radio ist ein Medium, das von Geräuschen lebt. In Filmen mag es wirkungsvolle Momente mit Stille geben, wo Bilder alleine wirken. Im Radio geht das nicht. Dort sind es gesprochener Text und Musik, über die Botschaften transportiert werden. Eine halbe Minute Stille im Radio ist daher ein Wagnis. Die Hörer/innen könnten glauben, das Radio sei kaputt und schnell Sender wechseln. Doch auch die Stille kann berühren; und wenn Religion berühren will, dann kommt sie nicht ohne Stille aus.

Stiller Glaube

Mit der Stille in der Religion ist das so eine Sache: Sie scheint mir sehr wichtig zu sein. Doch begegnen wir in der Kirche der Stille eigentlich nur sehr selten. Es gibt Momente in der Liturgie, wo es still sein kann, etwa nach der Kommunion oder in einer Nachdenkminute nach der Predigt. Doch oft geht es schon weiter, mit einem Dankeslied oder dem Glaubensbekenntnis. Stille will gestaltet werden, muss gesucht werden. Sie kommt nicht von selber wie der Regen oder die Sonne.

Mit der Stille wird Raum für etwas geöffnet, das nicht von außen kommt. Damit ist es nicht so gut festlegbar, kontrollierbar. Es ist das Innere, das dann zu hören ist. Oder eben das, was im Inneren drinnen ist: Gedanken, Ängste und Sorgen, vielleicht auch eine Melodie, ein Ohrwurm. Oder tatsächlich Stille, auch im Inneren.

Als ich im Sommer vier Tage lang alleine wandern war, habe ich diese Form der unruhigen Stille immer wieder erlebt: Zunächst sind so viele Gedanken da, dann wird es allmählich ruhiger. Dann gab es Momente, wo eine Melodie in meinem inneren Ohr war, ob ich wollte oder nicht. Und selten war es dann wirklich still.

In unserer Religion spielt Stille eine wichtige Rolle, allerdings eher in einem Bereich, den ich „Religion für Fortgeschrittene“ nennen möchte. Wie gesagt, wird die Stille in der gewöhnlichen Liturgie meist kurz gehalten. Es geht aber auch ganz anders. In Klöstern etwa werden meist Zeiten der Stille gehalten. Manche Orden widmen sich ganz dem Leben in der Stille, etwa die Kartäuser-Mönche oder die Karmelitinnen. In diesen Orden finden sich Männer und Frauen, die ihr Leben im Schweigen verbringen wollen. Gesprochen wird nur das Notwendigste, etwa beim gemeinsamen Essen oder natürlich beim gemeinsamen Gebet.

Stille Exerzitien

Das Leben in einem Schweigeorden mag extrem erscheinen und ist sicher nicht jedermanns Sache. Um von der Stille zu kosten, muss man aber nicht gleich ins Kloster gehen. Auch bei Exerzitien geht es darum, eine Zeit lang in Stille mit sich selbst und Gott zu verbringen. Exerzitien können bis zu vier Wochen dauern; oft werden sie für eine Woche angeboten, was besser mit dem Alltagsleben von berufstätigen Menschen vereinbar ist. Es gibt aber auch Kurzexerzitien von zwei oder drei Tagen. Das Konzept der Exerzitien wurde von Ignatius von Loyola (1491-1556) geprägt, dem Gründer des Jesuitenordens. Der Tag wird durch Gebet und Bibellektüre bestimmt, der Rest ist Schweigen.

Über die starke Wirkung des Schweigens wissen auch andere Religionen Bescheid. In hinduistischen Ashrams ist es ein Teil der Meditation, auch in buddhistischen Klöstern spielt das Schweigen eine wichtige Rolle.

Der Zauber der Stille

Was geschieht eigentlich in solchen schweigsamen Momenten? Viele fragen sich, ob das denn nicht fad ist. Oder ob man nicht voll die Krise bekommt, weil man so gar nicht mehr von sich selbst und den eigenen Ängsten abgelenkt ist. Beides kann vorkommen. Über längere Zeit Schweigen bedeutet zunächst einmal, sich sich selbst auszusetzen. Wer sich nicht mag, sich nicht selbst liebt, für den wird es sehr schwierig. Und natürlich kommen in der ersten Zeit viele Gedanken im Schweigen, ganz von selbst: Gedanken an die Arbeit, an alles, was Stress macht, an Freund/innen, vielleicht auch Liebeskummer. Das kann schon herausfordernd sein, diese negativen Gedanken auszuhalten, sie zuzulassen. Es mögen ja auch positive Gedanken kommen: Über das Schöne der Freundschaften, gute Erinnerungen und Geschenke, erfreuliche Aussichten.

Im Schweigen nimmt man aber auch die Außenwelt weit intensiver wahr als normalerweise. Jede sinnliche Erfahrung ist dann viel einprägsamer: Blumen können wie Feuerwerke wirken, kleine Bäche werden zum Freudenstrahl. Die kleinen Dinge, denen man etwa beim schweigsamen Spaziergehen begegnet, können da sehr bedeutsam werden: Triviales wird zu einem besonderen Geschenk. Das macht das Schweigen zu einem intensiven Erleben der Sinne.

Der Zauber der Stille ist etwas ganz besonderes. Wir können das ja auch außerhalb längerer Schweigezeiten erleben, etwa beim Wandern in der Natur. Wobei ein stiller Bergsee erst so richtig schön wirkt, wenn wir selbst ihn ganz still betrachten. Versuchen so still zu werden wie er, der See. Oder ihn leise sprechen hören.

Gott im Schweigen

Und dann die Frage nach Gott: Können wir Gott im Schweigen besser hören? Möglicherweise. Das Schweigen ist jedenfalls ein guter Weg, ihn zu suchen. Freilich gibt es auch viele andere Wege, etwa religiöse Gespräche mit einem/einer guten Freund/in, Bibellesen, Musik. Im Schweigen ist es unbestimmter, was ich zu hören bekomme. Es ist ja nicht so, dass damit zu rechnen ist, plötzlich Gottes Stimme in sich zu hören. Es geht eher darum, die eigenen Gedanken zur Ruhe zu bringen und damit in eine große Stille zu finden. Zu schnell sollte man das, was man da erfährt, nicht benennen. An Gott denken bedeutet, an Gottesbilder zu denken, und die sind in irgendeiner Art und Weise immer einschränkend. Auch diese Bilder gilt es hinter sich zu lassen. Es geht dann nicht mehr um das Denken, sondern das erfahren. Frei werden für eine größere Vorstellung, etwas Weiteres, Umfassenderes.

Gerald Faschingeder

kumquat "Pssst!" 4/2012

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