Kinderarmut in Österreich: ein unsichtbares Problem?

Kinderarmut ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das oft unsichtbar bleibt. Doch wir als Gruppenleiter*innen können im Kleinen Großes bewirken: indem wir Räume schaffen, in denen alle Kinder dazugehören – unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern.
Wenn wir das Wort „Armut“ hören, denken viele an Bilder aus weit entfernten Ländern – an Menschen ohne sauberes Wasser oder ohne Dach über dem Kopf. Doch Armut gibt es auch hier in Österreich. Sie sieht nur oft anders aus und ist weniger sichtbar. Kinderarmut bedeutet nicht nur, dass eine Familie zu wenig Geld hat. Es bedeutet auch, dass Kinder auf vieles verzichten müssen, was für ihre Entwicklung wichtig ist: gesunde Ernährung, passende Kleidung, Bücher, Freizeitaktivitäten oder einen eigenen ruhigen Platz zum Lernen. Oft können armutsbetroffene Kinder nicht an Schulausflügen teilnehmen, Geburtstagsfeiern feiern oder Vereine besuchen. Armut grenzt aus – und das tut weh.

Expert*innen sprechen von Armutsgefährdung, wenn das Einkommen einer Familie unter einer bestimmten Grenze liegt. In der EU ist das 60 % des mittleren Einkommens. Doch Armut ist mehr als eine Zahl: Sie bedeutet weniger Chancen, weniger Sicherheit und oft auch weniger Hoffnung.

Wie viele Kinder sind betroffen?

Laut Statistik Austria lebten im Jahr 2023 rund 18 % aller Kinder und Jugendlichen in Österreich in Haushalten, die armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind. Das sind etwa 340.000 Kinder. Besonders betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden, Familien mit vielen Kindern oder jene, in denen die Eltern keinen oder nur einen schlecht bezahlten Job haben.

Corona, Inflation und steigende Wohnkosten haben die Lage verschärft. Viele Familien, die früher knapp über der Grenze lagen, sind jetzt mittendrin in der finanziellen Not. Für Kinder bedeutet das oft, dass sie keine neuen Schuhe bekommen, wenn die alten kaputt sind, oder dass sie bei Hobbys und Ausflügen passen müssen.

Warum sehen wir Kinderarmut oft nicht?

Armut ist in Österreich nicht immer sichtbar. Viele Familien versuchen, ihre Not zu verbergen – aus Scham oder Angst vor Vorurteilen. Kinder erzählen oft nicht, dass sie kein Pausenbrot mithaben, weil zuhause kein Geld für Frühstück da war. Sie sagen, sie hätten „keine Lust“ auf den Ausflug, wenn in Wirklichkeit das Geld für die Teilnahmegebühr fehlt.

Armut wirkt leise, aber tief: Sie kann zu Stress, Selbstzweifel und sozialer Isolation führen. Gleichzeitig fehlen armutsbetroffenen Kindern oft Erwachsene, die ihre Situation verstehen und sie ermutigen.

Was kann ich als Jungschar-Gruppenleiter*in tun?

Als Gruppenleiter*in hast du vielleicht Kinder in deiner Gruppe, die betroffen sind – ohne dass du es weißt. Dein Gruppenraum kann ein Ort sein, an dem sie einfach Kind sein dürfen, ohne Vergleiche oder Scham. Freizeitangebote wie Jungscharstunden, Ausflüge oder Lager können für diese Kinder besonders wertvoll sein, weil sie dort Teil einer Gemeinschaft sind, unabhängig vom Geldbeutel.

Das kannst du konkret tun:

  • Sensibel sein – Frag nicht, warum jemand nicht mitfahren kann, sondern biete stattdessen Möglichkeiten an, wie Kosten übernommen werden können.
  • Kosten bewusst niedrig halten – Überleg dir bei Ausflügen und Lagern, wie man den Preis so gestalten kann, dass niemand ausgeschlossen wird.
  • Netzwerke nutzen – Es gibt Unterstützungsfonds, auch innerhalb der Kirche oder Pfarre, die Familien helfen können.
  • Wertschätzen statt Vergleichen – Lobe und stärke Kinder unabhängig davon, welche Kleidung sie tragen oder welche Dinge sie besitzen.

Hilfs- und Anlaufstellen für Wien

  • Caritas Sozialberatung Wien – Kostenlose Beratung, Unterstützung bei Anträgen, Hilfe in Notlagen
    Verschiedene Standorte in Wien  
    www.caritas-wien.at
  • Volkshilfe Wien – Sozialberatung – Unterstützung bei finanziellen Engpässen und Sozialleistungen
    Wagramer Str. 147, 1220 Wien  
    www.volkshilfe-wien.at
  • Diakonie Flüchtlingsdienst & Sozialberatung – Beratung, Begleitung, Unterstützung für Familien in Not  
    www.diakonie.at
  • Stadt Wien – Mindestsicherung & Sozialhilfe – Informationen und Antragsstellen 
    www.wien.gv.at/zusammenleben/sozialhilfe-uebersicht
  • Telefonseelsorge 142 – 24/7, kostenlos, anonym

Warum die Bekämpfung von Kinderarmut eine politische Priorität sein muss

Die Österreichische Armutskonferenz (in der wir als Katholische Jungschar Mitglied sind) hat ein dreiseitiges Grundlagendokument zur Kinderarmutsbekämpfung veröffentlicht. Damit Kinderarmut Darin stellt die Armutskonferenz 5 Mindestanforderungen an eine gelungene
Kinderarmutsbekämpfung: https://www.armutskonferenz.at/media/armutskonferenz_kinderarmutbekaempfen_2025.pdf

Armut und Ungleichheit – Module für die Schule

Die Armutskonferenz hat 14 Module zum Thema „Armut“ mit ausgearbeiteten Stundenkonzepten für den Volkschulunterricht erarbeitet. Sie bieten verschiedene Methoden, Bildmaterial, Gesprächsimpulse und praktische Übungen, die einen respektvollen und offenen Zugang zum Thema ermöglichen – ohne zu beschämen. Wenn du mehr zum Thema „Armut“ mit deinen Jungscharkindern machen willst, kannst du hier einzelne Methoden herausgreifen und sie in deiner Jungscharstunde einsetzen.

Falls du in der Volks-, Mittelschule oder im Gymnasium unterrichtest kannst du die Modelle (und weiter für die höheren Schulstufen) im Unterreicht verwenden. Außerdem gibt es hier Tipps gegen „Beschämung im Unterricht“, die auch für die Jungschar hilfreich sind: https://www.armutskonferenz.at/unterrichtsmaterialien

Michelle Hauer
kumquat "Gemeinsam geht mehr!" - 2/2025