Wir und die Anderen

Was hat Teilhabe mit Solidarität zu tun?

Im Film „Noch lange keine Lipizzaner“ widmet sich Olga Kosanovic auf vielen verschiedenen Ebenen der Frage, was jemanden zu einem*einer Österreicher*in macht (neben einem sehr aufschlussreichen Einblick in das österreichische Einbürgerungsrecht). Und je länger man zuschaut umso mehr wird bislang für selbstverständlich angenommenes in Frage gestellt.

Das wird auch anhand des Beispiels der Lipizzaner deutlich gemacht. Dieses ur-österreichische Symbol stellt sich bei näherer Betrachtung als multikulturelle Mischung dar: eine Kreuzung von andalusischen Pferden, italienischen Hengsten und auch dänischen und arabischen Pferden, die in Slowenien gezüchtet werden – sehr österreichisch ;-). Ein gutes Beispiel, um sich Fragen nach Zugehörigkeit und Teilhabe zu stellen.

Leistung muss sich wieder lohnen?

Dieser Slogan wird regelmäßig von konservativen Politiker*innen zitiert, meist, um zu begründen, warum Sozialleistungen gekürzt oder Steuern gesenkt werden sollen. Mittlerweile gibt es viele Untersuchungen, die belegen, dass man mit Arbeit nicht reich werden kann und dass Reichtum v.a. vererbt wird.

Auf der anderen Seite eignet sich die Geschichte von „jede*r ist selber für seinen Erfolg verantwortlich“ dafür, Menschen unter Druck zu setzen. Das Vorhandensein von armen, arbeitslosen, obdach­losen, … Menschen führt uns jeden Tag vor Augen, was auch uns passieren kann und was wohl die meisten von uns um jeden Preis verhindern wollen. So wundert es auch nicht, dass auf die Frage, wo man sich in der Gesellschaft einordnet, die häufigste Antwort „in der Mittelschicht“ ist. Damit umfasst diese gefühlte Mittelschicht sowohl Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, die an der Armutsgrenze schrammen bis hin zu gut situierten Menschen mit Managergehältern und Aktienportfolios.

Problematisch wird es dort, wo diese vermeintliche Gemeinsamkeit dazu benutzt wird, uns weiszumachen, dass z.B. die Einführung von Erbschaftssteuern sich gegen die Mittelschicht richtet. Die Vorstellung für die Taschenuhr vom Opa auch noch Steuern zahlen zu müssen, die man sich vielleicht auch gar nicht leisten kann, löst verständlicherweise Ängste aus. Dass es gar nicht um solche Dinge geht, sondern z.B. um umfangreichen Immobilienbesitz, wird nicht dazugesagt.

Diese zwei Beispiele stehen exemplarisch für den Versuch Gruppen gegeneinander auszuspielen und diese Spaltung zu verstärken. Kein Wunder, dass im Moment diese Spaltung ein immer größeres Thema wird.

Solidarität

Dass uns mit anderen mehr verbindet, als uns bewusst ist, zeigt ein Experiment, das in verschiedenen Versionen mittlerweile weltweit durchgeführt wurde. Dabei finden sich mehrere unterschiedliche Gruppen wie z.B. Feuerwehrleute, Menschen, die woanders geboren sind, Mitglieder in einer Blasmusik, … an einem Ort ein. Was dann passiert, kannst du dir in einer Version aus Wien hier anschauen: www.bizeps.or.at/das-experiment – Spoiler: wir haben mehr miteinander gemeinsam, als wir auf den ersten Blick vermuten.

Nicht zuletzt verbindet uns die Tatsache, dass wir alle ein gutes Leben führen und ein wertvoller Teil der Gesellschaft sein wollen, d.h. dass wir teilhaben wollen. Auch dass wir alle Schwächen haben und niemand perfekt ist, teilen wir miteinander. Wenn wir uns das immer wieder vor Augen führen, hilft uns das dabei solidarisch mit anderen zu sein - nicht, weil wir offensichtlich etwas gemeinsam haben, sondern einfach, weil wir alle Menschen sind und uns das verbindet. In einer Gesellschaft, in der Menschen aufeinander schauen und jede*r einen Platz findet, kann die biblische Botschaft vom Leben in Fülle für alle Wirklichkeit werden.

Christina Schneider
kumquat "Gemeinsam geht mehr!" - 2/2025