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Alles gaga, oder was?

Die Kunstfigur Lady Gaga

Lady Gaga ist Provokation. Mal trägt sie bei einem Konzert einen Hauch von Nichts, ein anderes Mal trägt sie bei einer Preisverleihung ein Kleid aus echtem Fleisch. Sie fällt auf, so gut wie um jeden Preis. Sie spielt mit Geschlechterrollen, Erotik und Sexualität. Für sie gelten keine gesellschaftlichen Maßstäbe oder Tabus, sie durchbricht diese und schockiert. Lady Gaga ist eine Kunstfigur, es ist schwer ihr eine Rolle zuzuschreiben.

Die Popsängerin Lady Gaga hat eine große Fangemeinde und darunter fallen sicherlich auch viele Jungscharkinder. Gerade deshalb sollten auch wir uns als Gruppenleiter/innen mit so einem Phänomen auseinander setzen. Reflexion ist Kindern nicht immer so leicht möglich, wie uns als Gruppenleiter/innen, deshalb ist es wichtig sich mit Themen aus dem Lebensbereich der Kinder auseinander zu setzen, um mit ihnen gemeinsam kritische Fragen zu stellen und versuchen diese zu beantworten.

Aus alt mach neu!

So neu ist das Konzept eigentlich nicht. Provokation war auch ein großer Teil der Karriere von Madonna. Auch sie provozierte mit Liedern wie „Like a virgin“ oder „Like a prayer“ die damalige Gesellschaft. Auch sie spielte sich mit Tabus. Doch was kann trotz dieser Provokation spannend an diesen Frauen sein? Das ist die Frage, die mich bei meiner Recherche zu Lady Gaga die gesamte Zeit über begleitet hat.

Von der Verniedlichung zur Pornographie

Die überhöhte Zurschaustellung des weiblichen Körpers scheint immer mehr Thema bei Lady Gaga und Co zu sein. Es scheint, als gäbe es einen Bruch in der Popwelt, einerseits gibt es die braven Schulmädchen und Disneystars, die zu sogenannten Popsternchen werden. Das Brave, Gesittete und ein hoher (wahrscheinlich oft auch fiktiver) Moralansatz stehen im Vordergrund. Andererseits gibt es immer mehr Stars, die diesem Image in keiner Weise mehr entsprechen, sie sind Provokateurinnen, sie produzieren Skandale am laufenden Band und stoßen eine Diskussion nach der anderen an.

Der nackte Panzer

Stefani Joanne Angelina Germanotta ist der eigentliche Name von Lady Gaga. Aber die Persönlichkeit, die hinter Lady Gaga steht, tritt nie in den Vordergrund. Die von ihr stilisierte Figur ist wie ein Panzer, er schirmt sie ab, lässt die Öffentlichkeit nicht zu sehr in ihr Privatleben eindringen. Sie ist nicht die Einzige, die solch einen Zugang zur Öffentlichkeit hat. Auch Megan Fox oder Rihanna, spielen hier mit denselben Mitteln, in der Öffentlichkeit ziehen sie sich ihren Panzer aus Nacktheit, Selbstbewusstsein und Distanz über. Die reale Person versteckt sich hinter der Kunstfigur und kann so ihre reale Persönlichkeit schützen. Die Kunstfiguren, die hier im Vordergrund stehen, sind wie eine Schutzhülle. Sie sind wie ein Kostüm, das man sich überziehen kann, eine Maske hinter der man sich selbst verstecken und absichern kann.

Doch diese Schutzschicht kann leicht brüchig werden, nämlich dann wenn z.B. Meldungen, wie dass Rihanna von ihrem Freund brutal geschlagen wurde. Plötzlich stand wieder ein junges unsicheres Mädchen vor den Kameras, und nicht die selbstbewusste junge Frau, die ganz offen zu ihrem Frau sein und ihrer Sexualität steht.

Sex sells?

Die Frage die damit im Raum steht, geht es nur um das Motto „sex sells“? Natürlich wird dies mit Sicherheit ein starker Aspekt sein. Doch kann man das Ganze auch aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Die Weiblichkeit, die die Figur Lady Gaga und andere „kreirte“ Popsängerinnen darstellen ist, keine übliche, sie ist überhöht und künstlich. Riesige Ausschnitte, enge Ganzkörperanzüge, Lack und Leder und hohe Stiefel sind einige ihrer Markenzeichen. Sie betonen damit die weibliche Figur in einer stark übertriebenen Art und Weise. Diese sind vielmehr Kunst, sie sind Figuren, die sie für sich selbst und ihre Fans erschaffen haben.

Objekt der Begierde oder Emazipation

Die vorhin benannten Eigenschaften, mit denen sich diese Sängerinnen, als das definieren was sie sind und tragen, könnten nun darauf schließen lassen, dass sie eigentlich zu einem Objekt degradiert werden oder vielmehr ihr Image zu einem Objekt verwandeln. Lady Gaga und Co sind keine eigenständige Persönlichkeit, also ein Subjekt, ein Mensch in all seinen/ihren Erscheinungsformen, sondern werden vielmehr zu einem Gegenstand, zu einem Ding, eben zu einem Objekt. Sie sind damit einfach nur noch eine Projektionsfläche, ihre Persönlichkeit dahinter verstecken sie.

Diese Kunstfiguren lassen sich auch aus einer anderen Perspektive betrachten, nämlich aus einem emanzipatorischen Ansatz. Man kann auch diesen ganzen Sex, diese Künstlichkeit und Erhöhung der Weiblichkeit als ein Spiel sehen. Es ist möglich, Rollen so ad absurdum zu führen, dass sie dadurch erst Dinge klarer sehen lassen. Vielleicht nehmen sie genau diese klischeebesetzen Rollen der Frau, überhöhen sie, und machen damit sichtbar, dass wir leider noch lange nicht bei einer Gleichstellung von Mann und Frau angekommen sind.

Es wird uns leider immer noch ein Bild suggeriert, dass die Frau immer schön sein muss, sexy sein muss und dafür da ist, den Mann zu verführen und eben sein Objekt der Begierde zu sein.
Gerade durch so eine Überhöhung dieser Klischees kann man diese sichtbar machen und diese wiederum damit vielleicht aufheben.

Alles gaga, oder was?

Ob das nun der Ansatz Lady Gagas und ihrer Kolleginnen ist, oder ob das für sie alles einfach gaga wäre, weiß ich leider nicht. Sie haben sich hierzu noch nicht positioniert. Die Frage ist natürlich auch, ob sie das überhaupt könnten, oder ob damit das Bild der Gaga und Co in der Öffentlichkeit einfach einstürzen würde. Was natürlich ein spannender Aspekt wäre, dass wenn sie sich mit diesen Fragen der Emanzipation und dem Aufbrechen von Rollen beschäftigen, dass sie sich in ihrer Rolle gar nicht dazu äußern könnten, da sich schließlich damit ihre Rolle aufheben würden.

Kathi Bereis

aus dem kumquat "vernetzt" 1/2011

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