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Leben gestalten statt Leistung bringen müssen

Jungschar als kreativer Raum

Was ist Jungschar? Diese Frage wurde mir schon oft gestellt und ich habe schon eine Vielzahl an Antworten gegeben und gehört. Das ist aber gar nicht so einfach zu sagen. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, die Freunde, die ich dort gefunden habe und was ich alles gerlernt habe ist kaum in ein paar Sätzen zusammenzufassen. Ein passender Ansatz ist da für mich, Jungschar als kreativen Raum zu beschreiben. Das ist allerdings noch keine genaue Erklärung was wir in der Jungschar mit Kindern tun, oder warum Kinder von der Jungschar profitieren.

Um hier ein schärferes Bild von Jungschar zu bekommen – davon, wie sie in der Kirche wahrgenommen wird und wie Kreativität auch in den christlichen Kontext passen kann – haben wir uns mit einigen Fragen an Regina Polak gewandt:

Das Motto der Jungschar lautet „In der Mitte stehen die Kinder“. Welche Bedeutung hat das für dich?

Es bedeutet nicht, dass Kinder der Nabel der Welt sind und sich alles um sie drehen muss. Es bedeutet aber, dass alles, was wir Erwachsenen tun – in Wirtschaft und Politik, im Berufs- und im Privatleben – auch aus der Sicht der Kinder wahrgenommen werden muss. Was bedeuten unsere Entscheidungen, unsere Handlungen, unsere Einstellungen und Werte für Kinder und deren Zukunft? Da Erwachsene dies aufgrund ihrer oft eingeschränkten Blickweisen nicht mehr so gut können, kann das nur im Zusammenleben und im Gespräch MIT Kindern erfolgen.

Worum geht es in der Jungschar für dich, oder worum auch nicht?

Jungschar ist für mich ein Lebensraum, in dem Kinder mit erwachsenen Menschen entdecken und lernen können, was es bedeutet, Christ und Christin zu werden.

Das bedeutet nicht christliche Indoktrination. Es bedeutet, miteinander zu spielen, miteinander zu feiern, zu lachen und zu streiten - und dies alles im Licht des Glaubens verstehen zu lernen.

Was kann/soll Jungschar den Kindern bringen?

Kinder können dort erfahren, dass „ein anderes Leben“ möglich ist – ein Leben, in dem jedes Kind als es selbst so angenommen und geliebt ist, wie es ist, vor aller Leistung und trotz aller Fehler und allen Versagens. Sie können dort erfahren, wie man zusammenlebt in Verschiedenheit, wie man streitet und sich wieder versöhnt, dass man sich aufeinander verlassen kann, dass das Leben einmal schön, einmal weniger schön ist – aber Gott sie dabei immer begleitet.

Was können/sollen Kinder der Kirche/Pfarre bringen?

Das ist eine seltsame Frage. Kinder sind jedenfalls nicht die Zukunft der Kirche, sie sind ihre Gegenwart. Es geht um das Zusammenleben von Kindern mit den Erwachsenen in der Gemeinde, es geht darum, das Leben zu teilen. Dazu braucht es das intergenerationale Gespräch. Übrigens ist auch der christliche Glaube auf Kinder angewiesen: Jede Generation muss das Evangelium im Horizont ihrer Zeit neu auslegen. Damit der Geist des Evangeliums nicht erstarrt, brauchen die erwachsenen Gläubigen die Sicht der Kinder.

Welche Form von Kreativität braucht es in einem Gottesdienst für Kindern? Was soll dabei für Kinder erlebbar werden?

Kreativität zeigt sich für mich nicht in der Fülle der Methoden oder der „Modernität“. Kreativität im Gottesdienst bedeutet, die alten Erzählungen, die alten Traditionen und deren „Geist“ (Botschaft) im Horizont der Gegenwart auf neue Weise zu kombinieren, sodass Kinder erfahren können: Diese Traditionen haben etwas mit mir zu tun; sie haben Bedeutung für unser Leben heute.

Wie passen für dich „kreative“ Auslegungen von Glaube und Bibel, von Kindern und Jugendlichen, mit dogmatischen Glaubensauslegungen zusammen? Wieviel Spielraum soll hier dem Alter und der Entwicklung eingeräumt werden?

Für mich sind Kreativität und Dogma keine Widersprüche. Dogmen sind im besten Sinn kreative Versuche gewesen, Glaubenserfahrungen zu „verdichten“. Es ginge also darum, die Glaubenserfahrungen, die den Dogmen zugrundeliegen, zu verflüssigen und in die Gegenwart zu übersetzen – und dann auf neue Weise  zu „verdichten“. Der Spielraum ist dann riesig –wenn man die „Pointen“ der Dogmen verstanden hat.

Hast du ein besonderes Anliegen im Bezug auf Kinder und Kirche?

Ich sehe für die Zukunft zwei zentrale Herausforderungen:

  1. Wie können die Kinder mit der christlichen Glaubenstradition so vertraut werden, dass der christliche Glaube dabei hilft, das eigene und das gesellschaftliche Zusammenleben zu gestalten?
  2. Welche Fähigkeiten brauchen Kinder, um in den zahlreichen Herausforderungen der Zukunft – Wirtschaftskrisen, Klimawandel, Leben in einer Migrationsgesellschaft – bestehen und gut leben zu können? Und was kann die Kirche dazu beitragen, dass Kinder dies in geschütztem Raum lernen können?    

Im Zentrum der Botschaft des Jesus von Nazareth steht die Zusage, dass das Reich Gottes da ist. Das Reich Gottes beschreibt eine Form menschlichen Zusammenlebens, in der die üblichen Machtverhältnisse umgedreht sind, niemand ausgeschlossen wird, es ist von Gerechtigkeit, Friede und Vielfalt kennzeichnet. Es beschreibt ein Lebensmilieu. Kinder können mit den Erwachsenen lernen, dieses Reich Gottes im Leben zu entdecken und einzuüben.

„Warum soll ich Kinder in die Jungschar schicken? Was haben sie davon?“

Am Ende blieb für mich als Gruppenleiter oft genau diese Frage von Eltern oder Freunden. Aus dieser Frage höre ich den Wunsch heraus, Kinder so gut wie möglich zu fördern. Unter diesem Gesichtspunkt werden die Freizeitaktivitäten für Kinder oft ausgewählt. Sport wäre gut, vielleicht eine Fremdsprache oder ein Instrument lernen, auf jeden Fall nachher ein Zertifikat für den Lebenslauf! Mit welchen Fähigkeiten und Fertigkeiten kommen die Kinder aus der Jungschar heraus? An diesem Punkt verfolgt die Jungschar aber einen ganz anderen Ansatz. Es gibt keinen Lehrplan und kein Entwicklungsziel, weder von den Gruppenleiter/innen gesetzt, noch sind die Kinder angehalten sich Ziele zu setzten. Jungschar soll ein zweckfreier Raum sein. Wer jedoch denkt, dass dies bedeutet, dass hier nicht gelernt wird, dass hier keine Entwicklung stattfindet, liegt weit daneben. Wie auch auf Seite 4 angedeutet, passiert Lernen nämlich genau dort am besten, wo kein Druck herrscht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Wie Regina Polak bemerkt hat, geht es in der Jungschar um eine Art „Reich-Gottes-Erfahrung“. Es geht darum eine Form des menschlichen Miteinanders zu entwickeln. Es muss klar sein, das wir in der Jungschar nicht das Reich Gottes sein können und das ist auch nicht das Ziel. Worum es geht ist der Weg dorthin. Als Gruppenleiter/innen können wir einen gewissen Rahmen schaffen, in dem wir uns treffen, doch Themen bringen die Kinder mit. Aus diesem Grund ist es auch schwer zu sagen, was Kinder sich aus der Jungschar mitnehmen. Oft waren es Themen des Zusammenlebens, die meine Gruppe und mich beschäftigt haben. Das Spannende an diesen Auseinandersetzungen war es aber, dass nicht ich als Lehrender im Fokus stand, sondern dass es einen Raum gab sich diesen Themen als Gruppe zu stellen und gemeinsam Lösungen zu suchen. Es war zum Beispiel nie das Ziel, einen konfliktfreien Ort zu schaffen, der unsere Welt wohl auch kaum wiedergespiegelt hätte, sondern gemeinsam zu entdecken, wie diese Konflikte wertschätzend und produktiv bearbeitet werden können.
Funktioniert hat das  bei mir wohl genauso wie bei jedem/r anderen auch, mal  besser, mal schlechter. Wovon ich aber überzeugt bin ist, dass wir alle, Leiter wie Kinder, einen Ort hatten, an dem wir kreativ sein durften, an dem wir unsere Ideen und Lösungsansätze ausprobieren konnte; einen Ort an dem wir Fehler machen durften und lernen konnten ohne be- oder gar verurteilt zu werden. Es war einfach möglich gemeinsam einen Schritt in Richtung „Reich Gottes“ zu machen und dieses in vielen gemeinsamen Momenten sogar schon ein kleines bisschen zu erleben.

Für mich bedeutet Jungschar als kreativer Raum, dass wir die Freiheit haben ihn ohne konkretes Ziel zu gestalten. Jungschar ist ein Raum um zu wachsen und sich zu entwickeln, in dem Kinder und Leiter/innen zusammenkommen, um Spaß zu haben und voneinander zu lernen, in dem jede/r mit seinen/ihren Bedürfnissen, Eigenheiten und Wünschen willkommen ist und das alles ohne den Druck diese oder ein anders Ziel erreichen zu müssen.

Jungschar soll also ein Ort sein, an dem man sich einfach wohlfühlen, und das „Leben in Fülle“ erfahren darf! An so einem Ort können wir gemeinsam daran arbeiten, in unserem Rahmen das „Reich Gottes“ wahr werden zu lassen.

Benni Dittmoser-Pfeifer

kumquat "kreativ" 1/2016

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Regina Polak

ist Pastoraltheologin am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Als solche erforscht sie die „Zeichen der Zeit“: Wo und wie lassen sich Gottes Spuren in der Gegenwart wahrnehmen? Was bedeutet „Christ/in sein“, „Kirche sein“ in der Gegenwart?