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Die zwei Enden der Wurst

Kooperation und Konkurrenz in der Kindergruppe

Eine Gruppenleiterin erzählte bei einer Veranstaltung folgende Situation: 
Toni, ein 9-jähriger Bub, will immer öfters bei Spielen nicht mitmachen. Er spielt immer kurz mit und nach ein paar Minuten setzt er sich in eine Ecke. Von dort aus stichelt er und stört mit Kommentaren. Immer öfter bekommen die Gruppenleiter/innen zu hören, dass „das alles blöde Spiele sind“ und dass „es gar keinen Spaß macht“. Die Gruppenleiter/innen wurden gefragt, wann den der Zeitpunkt wäre, an dem Toni das Spielfeld verlässt. Immer dann, wenn er abgeschossen wird, beim Fußball ein Tor bekommt oder ein anderes Kind bei einem Wettspiel mehr Punkte hat als er.

Vielleicht kennst du solche Situationen auch, hast selbst schon einmal beobachten können, dass Spiele auf Kinder eine ganz besondere Wirkung haben – dass es eben nicht „nur ein Spiel“, sondern für Kinder real ist: Sie freuen sich ebenso real, wie sie sich ärgern. Sicher kann das Verhalten dieses Kindes viele Gründe haben, ein Hauptgrund wird aber in den Regeln des Spiels liegen.

Miteinander - Gegeneinander

Kinder wachsen in einer Welt auf, in der das Gegeneinander das übliche Prinzip ist. Eine Welt, in der sich Menschen über den gegenseitigen Vergleich definieren. Die Sonntagsfrage bei Verwandtenbesuch lautet im Kindergartenalter meist noch „Macht der Kindergarten Spaß?“, schon ab der Volksschulzeit ändert sich die Frage in die Richtung „Hast du gute Noten?“. Da gibt es dann pro Einser im Zeugnis 2 Euro, pro Zweier nur noch 1 Euro. Ob die Schule Spaß gemacht hat, steht an zweiter Stelle, zuallererst ist Leistung gefragt.
In der Jungschar- und Ministrant/innen-Gruppe haben wir nicht nur die Möglichkeit, sondern den besonderen Auftrag, Kindern eine andere Art des Miteinanders vorzuleben. 

Durch die Auswahl deiner Spiele entscheidest du dich jedes Mal aufs Neue zwischen zwei einander gegenüberliegenden Bereichen: 
Kooperationsfördernde Spiele oder Konkurrenzfördernde Spiele

Konkurrenzfördernde Spiele schaffen unterschiedliche Gefühle unter den Kindern – da gibt es ein Kind, das am Schluss eines Wettkampfes gewonnen hat, ein Kind, das als erstes ausgeschieden ist und viele Kinder dazwischen, die alle nicht Sieger oder Siegerin geworden sind. Solche Spiele führen Gruppen eher auseinander, die Stimmung in der ganzen Gruppe kann schlechter werden, weil sich nur Einzelne freuen können.
Unter kooperationsfördernden Spielen versteht man Spiele, die vergleichbare Gefühle unter allen Mitspieler/innen fördern, also beispielsweise wenn alle Kinder gemeinsam Spaß an einem Spiel haben. Diese Spiele führen eine Gruppe zusammen, die ermöglichen eine bessere Beziehung unter den Kindern.

Vorbereitung aufs Leben?

Ja wenn wir schon in einer Welt leben, die von Konkurrenzkampf und Wettbewerb bestimmt ist, dann muss man die Kinder doch darauf vorbereiten! Dieses Argument hört man in Debatten zum Thema Spielkultur öfters. Es scheint schlüssig und logisch und doch birgt es in sich einen großen Irrtum. Wenn ich mich beispielsweise auf ein Auslandssemester vorbereite, auf eine Zeit, in der ich Freunde und Familie kaum sehen werde, dann versuche ich möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen und nicht, mich schon vorbeugend abzukapseln.
Kinder werden noch früh genug mit einer Erwachsenenwelt konfrontiert, in der oft ein sehr rauer Wind bläst. Solange sie Kinder sind, sollte die Devise gelten, dass sie möglichst viel gemeinsamen Spaß und unbeschwerte Freude erleben dürfen.

Auswirkungen

Die Auswirkungen von konkurrenzfördernden Spielen sind sehr vielschichtig, in ihnen steckt oftmals der Grund für schwierige Situationen mit Kindern.

Konkurrenzfördernde Spiele haben wie eine Wurst zwei Enden: Am einem Ende stehen die Sieger/innen, die bewundert werden, am anderen Ende die Verlierer/innen, die verspottet werden. 

Diese Spiele sind grundsätzlich aggressionsfördernder. Es geht in diesen Spielen darum, andere zu besiegen. Wie gut dabei die eigene Leistung ist, ist zweitrangig – Hauptsache, man ist besser als der/die andere. Schnell entwickeln solche Spiele eine Eigendynamik – gerade Burschen fühlen sich oft in ihrer Ehre gekränkt, wenn sie beispielsweise abgeschossen wurden und versuchen, durch besonderen Körpereinsatz, dies wieder wettzumachen. Wahrscheinlich hat schon jede/r von uns eine solche Spielsituation erlebt. Das Spiel wird immer schneller, die Bälle werden immer härter geworfen, die ersten Beschimpfungen kommen dazu und wie das alles enden kann, weißt du sicher.

Konkurrenzfördernde Spiele stellen eine Rangordnung in der Gruppe dar. Schon beim Wählen der Mannschaften wird klar, wer „die Guten“ und wer „die Schlechten“ sind. Allzu schnell fallen Sätze wie „mit dem will ich aber nicht spielen, da verlieren wir ja sicher“ oder „die kommt aber nicht zu uns, da haben wir ja keine Chance!“. Vielleicht gab es auch in deiner Kindheit, im Turnunterricht oder anderswo, eine solche Situation, in der du eines der Kinder warst, die bis zum Ende am Boden sitzen mußten, weil sie nicht gewählt wurden. Wer eine solche Situation selbst erlebt hat, weiß, wie sich ein Kind dabei fühlt und wünscht ein solches Erlebnis sicherlich keinem anderen Kind.

Besonders bei konkurrenzfördernden Mannschaftsspielen beginnt die Verlierermannschaft schnell mit der Suche nach dem Sündenbock. Der Ärger (siehe oben) geht nach innen, Einzelne werden gesucht, die am Versagen der Mannschaft schuld sein sollen. Die Atmosphäre zwischen den Kindern leidet unter einer solchen Entwicklung nachhaltig.

Gerade bei Ausscheidespielen verschärft sich die Ungleichheit sogar noch im Laufe der Zeit. Wer beim Abschießen gut ist, bleibt lange im Spiel und kann dieses somit noch weiter üben und noch besser werden – die Schwächeren scheiden früh aus und können nur noch zusehen.

Aber meine Kinder wollen das so!

Ja, das ist tatsächlich oft so. Da bemüht man sich mal, ein neues, kooperationsförderndes Spiel einzuführen, und die Kinder wollen trotzdem Fußball spielen mit Tore zählen. Nun, warum die Kinder, die in einem Spiel besonders gut sind, dieses spielen wollen, ist klar. Oft aber fordern auch Verlierer dieses Spiel ein denn…

…Kinder wollen spielen, was sie schon kennen. Das gibt ihnen Sicherheit, denn sie kennen die Regeln, den Ablauf, etc.

…Kinder lernen sehr schnell, ihre Gefühle zu verleugnen. Sie hoffen unbewusst und gegen jede Wahrscheinlichkeit, dass sie diesmal gewinnen werden.

…Kinder haben Angst, bloßgestellt zu werden. Wenn sich ein Kind z.B. gegen das Fußballspielen aussprechen würde, wird es automatisch und noch vor Beginn des eigentlichen Spiels als Verlierer abgestempelt. „Du willst das nur nicht, weil du das nicht kannst“ oder „Nur weil du nicht verlieren kannst, willst nicht spielen“ hören Gruppenleiter/innen dann oft.

In diesen Situationen bist du als Gruppenleiter/in gefragt! Deine Kinder werden nie neue Spiele kennenlernen, wenn ihr nicht einfach einmal welche ausprobiert!

Veränderungen brauchen Zeit

Hier findest du Tipps, wie du Spiele ohne großen Aufwand verändern kannst, sodass sie weniger konkurrenzfördernd sind. Auf jeden Fall gilt: Nimm dir für die Veränderungen Zeit! Beginn nach und nach, Spiele zu verändern, nutze Jungschar-Lager oder Spielefeste, um den Kindern neue Spiele vorzustellen.

Back to the Wurst

Die oben erwähnte Wurst wird auch in Zukunft noch zwei Enden haben, wäre auch komisch wenn’s eine Wurst mit nur einem geben würde. Die Spielkultur-Wurst in deiner Kindergruppe braucht solche Enden nicht – sie kann einfach kreisrund sein und soll möglichst allen schmecken ;-)

Übrigens, noch kurz zu der Geschichte vom Toni ganz am Anfang:
Die Gruppenleiterin hat sich bemüht, neue Spiele einzuführen und hat erkannt, dass der Toni beim Spielen doch richtig nett sein kann – solange er mitspielen kann und er nicht fad am Rand stehen muss weil er ausgeschieden ist.

Hanni Traxler & Dominik Mach

kumquat "und" 3/2008

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