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Politik mit Kindern aufarbeiten

Der Begriff Politik kommt, wie aufgrund der seltsamen Schreibweise leicht zu erraten war, aus dem Griechischen. Genauer von „polis“ – dem griechischen Wort für Stadt oder Gemeinschaft. Heute versteht man unter dem Wort „Politik“ ein auf die Durchsetzung bestimmter Ziele – besonders im staatlichen Bereich – ausgerichtetes Handeln.

Politik gehört sicher nicht zu den wichtigsten Themen eurer Kinder und eurer Gruppenstunden. Zu glauben, Politik und politische Themen würden an Kindern völlig spurlos vorbeigehen, stimmt jedoch nicht. 

Als ein Beispiel dafür, dass „Politik“ an Kindern nicht spurlos vorüber geht, können die Medienberichte rund um das Thema der Rückzahlungen des Kindergeldes betrachtet werden.

Medienberichte solcher Ereignisse bekommen Kinder natürlich mit, niemand kann sich diesen völlig entziehen. Kinder hören Gespräche Erwachsener, sehen dem Opa beim Lesen der Sonntags-Zeitung über die Schulter oder sehen sie in Youtube Videos.

In den seltensten Fällen sind die Nachrichten und Berichte, die Kinder so mitbekommen, für ihre Altersgruppe aufgearbeitet. Kinder sehen somit Bilder und lesen Schlagzeilen, die sie meist nicht gut einordnen können. Fragen und oftmals Ängste entstehen, Kinder entwickeln Vorstellungen, die vielleicht für Erwachsene „phantasievoll“ erscheinen, für Kinder aber Realität sind. Kinder sind von solchen Ereignissen oft viel mehr be- und getroffen als Erwachsene.

z. B. die Abschiebungen von Familien, die in Österreich schon seit Jahren eine neue Heimat gefunden haben, löst bei vielen Kindern Unverständnis aus: Von „Warum macht jemand so etwas?“ bis hin zu „Kann mir das auch passieren?“

Daher finden wir es wichtig, in diesem Artikel das Thema Politik von einigen Seiten zu beleuchten und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie es in der Arbeit mit Jungschar- und Minikindern Platz finden kann.

Leider fehlt es dann oft an Ansprechpartner/innen, die mit den Kindern diese Fragen und Ängste aufarbeiten, mit den Kindern einfach über diese Themen sprechen. 

Du bist als Gruppenleiter/in für deine Kinder eine Vertrauensperson – sie haben zu dir eine so genannte „belastbare Beziehung“ aufgebaut. In vielen Fällen wirst du daher Ansprechpartner/in für ihre Fragen sein. 
Wie du mit Kinderfragen rund und das Thema Politik umgehen kannst und welche Möglichkeiten du hast, Politik selbst in deiner Gruppenstunde zum Thema zu machen, dazu wollen wir dir hier ein paar Bausteine liefern. 

„Warum sind bei den Sitzungen im Parlament immer so viele Plätze leer?“

Mal abgesehen davon, dass Medienberichterstattung nie eine kindgerechte Sprache verwendet, ist sie für Kinder auch meistens deshalb so verwirrend, weil ihnen Hintergrundwissen fehlt und ihre politische Bildung gerade erst im Entstehen ist. 

Politik hat auch immer etwas mit „Geschichte“ zu tun, Einstellungen, Sicht- und Handlungsweisen und auch daraus entstehende Kategorisierungen hat meistens etwas mit historischer Entwicklung, aber auch „Sozialisierung“ zu tun, d. h. wir übernehmen vieles (meistens unbewusst) von Vorbildern (Eltern, Freund/innen, Verwandten…), aus Medien und generell aus unserer Umwelt. Je jünger Kinder sind, desto weniger klar sind für sie z. B. manche Sichtweisen und Kategorisierungen und sie können nicht verstehen, warum sich Erwachsene über manche Dinge so „aufregen“. 

So kommt es, dass Kinder Fragen stellen – diese werden von Erwachsenen schnell als naiv abgewertet, oft bekommen Kinder auch zu hören „Das braucht dich in deinem Alter noch nicht zu interessieren.“
In der Jungschar- und Ministunde sollen Kinder erleben, dass ihre Fragen ernst genommen werden! Es können Fragen wie diese sein, mit denen du als Gruppenleiter/in konfrontiert bist:

„Warum ist es schlimm, wenn sich der Finanzminister eine Homepage schenken lässt?“
„Wie können zwei Parteien miteinander regieren und sich dann ständig streiten?
„Warum fährt der Umweltminister mit einem so umweltschädlichen Auto?“


Wenn du Fragen von Kindern beantwortest, ist es hilfreich, folgende Tipps zu beachten. Dies gilt nicht nur bei politischen Themen, sondern generell für Themen und Fragen, die in deiner Gruppenstunde auftreten können.

  • Wir wollen Kindern in Gruppenstunden keine fertigen Antworten vorsetzen – wichtiger ist es uns, gemeinsam mit ihnen den Dingen auf die Spur zu kommen und Antworten zu suchen.
  • Auf konkrete Fragen der Kinder sollte es möglichst konkrete Antworten von euch geben. 
  • Es ist oft nicht sinnvoll, ausschweifende Analysen und Themenerarbeitungen vorzunehmen.
  • Manchmal stellen Kinder sehr komplexe und schwierige Fragen. Du musst als Gruppenleiter/in nicht immer alles wissen! Gerade im Bereich der Politik gibt es Fragen, die spontan kaum zu beantworten sind und das ist auch okay so. Vielleicht findet sich im Jungscharheim ein Lexikon oder ein Internet-Anschluss zum Nachschlagen, ansonsten ist es auch absolut gut und richtig, wenn du dich zu Hause informierst und den Kindern in der nächsten Gruppenstunde ihre Antworten lieferst. 
  • Das Thema Politik ist ein sehr persönliches – viele Menschen sprechen nicht gern über ihre politischen Meinungen. Wenn du mit Kindern zu diesem Thema arbeitest, sollte immer das gemeinsame Entdecken, Ausprobieren und Erforschen im Vordergrund stehen. Die Kinder sollen angeleitet werden, selbst weiterzudenken und sich eigene Gedanken zu machen, nicht die der Gruppenleiter/innen zu übernehmen. 

Freiheit für Ficus Benjamin!

Hier wollen wir dir einige Methoden vorstellen, die du in den Gruppenstunden rund um das Thema Politik verwenden kannst.

Speakers-Corner

Der ursprünglichste und bekannteste Speakers-Corner befindet sich in London, im Hyde Park. Dort kann auftreten und eine Rede halten wer will, zu welchem Thema er oder sie auch immer möchte.

Einen solchen Speakers-Corner kannst du auch in deiner Gruppenstunde nachstellen. Bau einfach ein kleines Podest auf, auf dieses können sich nun eine oder mehrere Personen stellen. Das Thema, über das am Speakers-Corner gesprochen wird, sollte ein möglichst abstraktes und lustiges sein. Eine Interessensvertretung für Ameisen, Freiflüge mit Airlines für überarbeitete Zugvögel, Freiheit für eingesperrte Topfpflanzen oder auch Pensionszahlungen für die längst ausgedienten Musikkassetten.

Sinn und Zweck dieser Übung ist es auszuprobieren, wie ein/e Politiker/in Reden zu schwingen. Dabei darf und soll auch übertrieben werden, die Reden können lustig, schräg, skurril oder frech sein und die Zuhörer/innen fesseln. 

Reden wie die Großen…


Willst du dich mit deinen Kindern gemeinsam mit dem Parlament und den dort stattfindenden Diskussionen beschäftigen, eignen sich dafür z. B. Rollenspiele. Zur Vorbereitung auf diese Methode bitte deine Kinder einfach, in die nächste Gruppenstunde ausgeschnittene Zeitungsberichte und eigene Erzählungen aus den TV-Nachrichten mitzunehmen (evtl. könnten auch aufgenommene Sequenzen aus Nachrichtensendungen angeschaut werden). So bekommt die Gruppe gleich einen Eindruck, worüber im Moment im Parlament geredet wird. 

Zu Beginn erzähle den Kindern kurz, wie unser Parlament aussieht und wie es funktioniert. Ihr könnt nun in eurer Gruppenstunde eine parlamentarische Diskussion selbst ausprobieren. Dabei ist es gut, die Regeln des Parlaments nachzuahmen – so können die Kinder den Alltag im Parlament selbst erleben. 

Einigt euch also zuerst auf ein Thema, über das ihr diskutieren wollt. Danach wird eine Redner/innen-Liste erstellt, bei der ihr darauf achten solltet, dass alle Kinder zu Wort kommen die möchten, sich aber auch niemand gezwungen fühlt, etwas zu sagen. 

Wie im echten Parlament, sollte es auch in deiner Gruppenstunde eine/n „Präsidenten/in“ geben – also ein/e Gruppenleiter/in, der/die sich nicht in inhaltliche Diskussionen einbringt, jedoch auf Ablauf, Wortwahl und Form achtet. 

Wenn solche diskussionsorientierten Rollenspiele für deine Gruppe noch neu sind, ist es gut, abstrakte Themen zu wählen, die die Kinder möglichst nicht selbst betreffen. So können Abläufe erforscht werden, ohne dass sich Kinder zu stark persönlich betroffen oder gar unterlegen fühlen. Beispiele, für solche Themen findest du beim Speakers-Corner.

Dazu noch ein Ausflugstipp: Mach mit deiner Kindergruppe doch einen Ausflug ins Parlament! Es werden spezielle Kinderführungen angeboten bei denen ihr Gebäude, Geschichte und noch viel mehr kennen lernen könnt. Auf der Homepage www.parlament.at findest du weitere Infos dazu. 

Kinderparlament

Wenn deine Gruppe das Diskutieren schon etwas gewohnt ist, könnt ihr auch einmal ein Thema wählen, das für euch und eure Gruppensituation realistisch ist. So könnt ihr in einer so gestalteten Diskussion beispielsweise das Ziel eures nächsten Jungschar-Ausflugs bestimmen. 

Dabei ist jedoch wichtig, eine auch im Parlament existierende Schutzmöglichkeit zu beachten: den Minderheitenschutz. Ziel eurer Diskussion sollte sein, dass sich die Gruppe auf ein Ausflugsziel einigt, dabei jede/r zu Wort kommt und sich niemand übergangen fühlt. Durch Diskussionen, gegenseitige Zugeständnisse und Kompromisse kann erreicht werden, was der Traum jeglichen Parlamentarismus ist: eine Entscheidung, die alle Beteiligten gut mittragen können.

Politik für Kinder


Es gibt tatsächlich einige wenige Beispiele, wie politisches Handeln auch für Kinder verständlich gemacht werden kann. 2006 hat die Jungschar Wien einen Folder zum Thema Kinderrechte produziert. Seit vielen Jahren wird politisch darüber diskutiert, die Kinderrechte in die Verfassung aufzunehmen – eine politische Entscheidung, von der Kinder direkt betroffen sind.

Diesen Folder findest du online auf http://wien.jungschar.at/kumquat, du kannst die Folder auch gratis bei uns im Büro bekommen – einfach ein Mail an dlwien@jungschar.at, wir schicken dir auch gerne Folder mit der Post zu. In kindgerechter Sprache und in überschaubarem Umfang werden Kindern hier einige ihrer Rechte näher gebracht, so zum Beispiel das Recht auf das Briefgeheimnis oder auch das Recht auf Spielplätze. 

Bernhard Binder & Dominik Mach

[aus dem kumquat "mobil" 2007]

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