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Esther - oder: Handeln vor Hintergrund

Gruppenstunde | Alter: 12-15 | Aufwand: mittel

Hintergrund

Das Buch Esther im Alten Testament erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau. Die Jüdin Esther ist die Ehefrau des Perserkönigs Artaxerxes, der mit der sprichwörtlichen "orientalischen Despotie" seine 127 Provinzen regiert. Haman, der zweite Mann im Reich, fühlt sich von den Juden beleidigt, weil Mordechai, Esthers Onkel, nie auf den Boden vor ihm niederfällt und ihm nicht huldigt. Er veranlasst die Vernichtung der Juden. Das kann Esther verhindern, indem sie den König auf die Machenschaften Hamans aufmerksam macht. Dabei muss sie sich allerdings in Lebensgefahr begeben. Haman wird hingerichtet, Mordechai zu seinem Nachfolger ernannt und Esther erhält sein Haus. Anstatt eines Massakers an den Juden massakrieren die Juden ihre Feinde, 75.000 wie es in biblischer Zahlenübertreibung heißt.
Irgendwie hinterlässt die Lektüre dieses Buches einen seltsamen Nachgeschmack im / in der Leser/in: Wieso findet sich dieses Buch eigentlich in der Bibel? Was ist das "Heilige" daran? Tatsächlich hat man auch damals darüber gestritten, ob dieses so "profane" Buch überhaupt in die Bibel hinein soll. Man hat es dann doch aufgenommen, weil die Redakteure der Bibel der Ansicht waren, dass das Buch Esther den Glauben an Gott als Retter und Befreier zum Ausdruck bringe. Ob dies deine Gruppe auch teilt, dies soll Frage dieser Gruppenstunde sein.
Andrerseits kann man aus dem Buch Esther auch herauslesen, dass die Menschen nicht frei in ihrem Handeln sind, sondern manchmal unter großem Druck und Stress agieren müssen. Dass da häufig Schlechtes herauskommt, kennen wir alle. In Esthers Fall endet das mit einem Massaker. Die Gruppenstunde könnte eine Gelegenheit sein, dies im Hinblick auf das eigene Leben anzuschauen. Wenn man sagt, die Bibel ist das Buch des Lebens, dann meint man damit auch, dass die biblischen Geschichten sich in irgendeiner Form in meinem wie in deinem Leben wiederfinden. Allerdings muss die biblischen Erzählung dazu auf das eigene Leben hin gedeutet werden.

Ziel

Die Gruppenmitglieder setzen sich mit der Geschichte Esthers auseinander und überlegen, ob Esther "richtig" gehandelt hat. Sie beleuchten das, indem sie den Hintergrund näher anschauen, vor dem Esther handelt. Es soll eine Auseinandersetzung damit stattfinden, inwiefern der Lebenshintergrund das eigene Handeln prägt. In einem zweiten Teil sollen die Gruppenmitglieder die Möglichkeit haben, diese Überlegung auf ihr eigenes Leben zu beziehen.

Material

  • Zwei Plakate mit Zeichnungen von Esther und der Überschrift "Vor welchem Hintergrund handelt Esther? Was empfindet Esther?"
  • Kopien mit Auszügen aus dem Buch Esther
  • A3-Zettel mit Skizzen von Esther und der Überschrift "Vor welchem Hintergrund stehe ich?"
  • Mal- und Zeichenmaterial
  • eventuell Musik

Aufbau

Zu Beginn der Stunde erzählst du deiner Gruppe die Geschichte Esthers. Anschließend überlegen die Gruppenmitglieder in Kleingruppen, vor welchem Hintergrund Esther handelt, ehe dies im Plenum bei der Expert/innen-Tagung ausgetauscht wird.
In einem zweiten Teil der Gruppenstunde wird überlegt, vor welchem Hintergrund man selbst derzeit steht.

 

Eine biblische Geschichte erzählen


In der Vorbereitung der Gruppenstunde liest du das Buch Esther in der Bibel. Das ist nicht sehr lang (12 Seiten inkl. Kommentar) und durchaus spannend und gut lesbar, wenn auch nicht in der Sprache eines Krimis von heute verfasst. Um biblische Geschichten einer Gruppe vorzutragen empfiehlt es sich, es sich gemütlich zu machen. Am besten du gestaltest den Raum ein wenig "orientalisch" (Duftkerzen, Pölster,...) und ihr setzt euch auf eine Decke. Dazu könnte es Datteln, Mandeln und andere Knabbereien geben.
Die Geschichte selbst sollte möglichst dramaturgisch erzählt werden. Sie vorzulesen, könnte fad werden. Das freie Erzählen zuhause vor dem Spiegel zu üben bringt sicher etwas. Wenn ihr zu zweit die Gruppe leitet, könntet ihr auch mit verteilten Rollen die Geschichte erzählen.

Die Esther-Kommission


Du erklärst den Gruppenmitgliedern, dass man aus größerer zeitlicher Distanz manche Dinge etwas unvoreingenommener beurteilen kann. In der heutigen Gruppenstunde soll es deshalb darum gehen, einen kritischen Blick auf Esther zu werfen. "Hat Esther richtig gehandelt?" lautet die Frage. Um das zu ergründen, möchtest du eine Expert/innen-Kommission einrichten. Damit die Sache fair abläuft, soll es ebensoviele Expert/innen geben, die Esthers Handeln für vertretbar halten als auch solche, die das nicht tun. Du bittest die Gruppe, sich in zwei Teile zu teilen, unabhängig von der "echten" Einstellung der einzelnen Gruppenmitglieder zu Esther.

Esthers Hintergrund und Esthers Innenleben


Jede der beiden Gruppen hat nun 10-15 Minuten Zeit, die Hintergründe von Esthers Handeln zu beleuchten. Dazu erhält jede Gruppe ein Plakat mit einer Zeichnung Esthers und viel Hintergrund, auf dem steht "Vor welchem Hintergrund handelt Esther? Was empfindet Esther?" Die Kleingruppe soll diese Frage zu beantworten versuchen. Elemente des Hintergrundes werden auf den Hintergrund geschrieben, und das was Esther empfindet, wird auf Esther selbst geschrieben.
Als Hilfestellung bittest du die Gruppenmitglieder, sich in Esthers Situation hineinzuversetzen und vielleicht auch anzudenken, was sie selbst in dieser Lage getan hätten. Das kann helfen, sich dessen bewusster zu werden, wie denn die Lage ausgesehen hat. Du erinnerst die Kleingruppen daran, was alles zum Hintergrund dazu gehört: die aktuelle politische Situation, Verwandtschaftsverhältnisse, aber auch moralische Vorstellungen und Werthaltungen. Auch das Nachlesen in den kopierten Bibelstellen und im Kommentar der Bibel kann hilfreich sein. Ängste und Hoffnungen entstehen vor diesen Hintergründen - das ist dann das, was Esther empfindet. Die Gruppenmitglieder können da ruhig auch etwas spekulieren, ganz genau kann eh niemand sagen, wie die Leute damals empfunden haben. Als Hilfestellung gibst du den Kleingruppen eine Kopie mit Auszügen aus dem Buch Esther, die für die Aufgabe hilfreich sein können.

Wenn sie genügend gesammelt haben, sollen die Gruppenmitglieder mit einem roten Stift jene Dinge kennzeichnen, die dagegen sprechen, dass Esther richtig gehandelt hat, und mit einer grünen jene, die dafür sprechen. In die anschließende Plenardebatte bringt die Kleingruppe dann nur jene Dinge ein, die ihrem Auftrag entsprechen (also entweder pro oder kontra).

Expert/innen-Sitzung


Nun treffen die beiden Kleingruppen einander wieder. Als Gruppenleiter/in bist du der/die Moderator/in. Du eröffnest die Sitzung und bittest eine der beiden Expert/innengruppen zu beginnen, ihre Argumente darzulegen. Die Debatte kann durchaus bewegt verlaufen, aber so, dass man einander versteht.
Ab einem bestimmten Moment, ab dem es dir passend erscheint, erweiterst du die Möglichkeiten: Man kann sich ab nun von den Argumenten der Gegenseite überzeugen lassen und Seite wechseln.
Wenn alle auf der mit ihrer Meinung übereinstimmenden Seite stehen und schon alles gesagt zu sein scheint, beendest du die Expert/innen-Sitzung und fasst kurz die wichtigsten Argumente zusammen.

Vor meinem Hintergrund


Esther hat wohl kaum nur aus freiem Willen so gehandelt, sondern wurde durch ihre spezielle Situation dabei beeinflusst. So geht es uns allen in vielen Situationen im Leben. Was bedeutet das nun für mich persönlich? Im nächsten Schritt soll es darum gehen, zu überlegen, was an meinem Umfeld, meiner aktuellen Situation mich in meinem Handeln beeinflusst.
Dieser Schritt ist aber nur möglich, wenn die Gruppe dazu bereit ist: Es sollte eine gewisse Entspanntheit da sein und ein relativ offenes Gesprächsklima in der Gruppe üblich sein.
Die Gruppenmitglieder bekommen von dir die gleiche Skizze wie vorhin am Plakat. Diesmal kann es kleiner sein (A3) und es steht jetzt darüber: "Vor welchem Hintergrund stehe ich?" Die Gruppenmitglieder sollen also darüber nachdenken, welches Umfeld sie prägt und in welchen Spannungsfeldern, vielleicht auch Zwangslagen sie stehen. Konkrete Fragen, um das Nachdenken darüber leichter zu machen sind beispielsweise: Ist es mir schon einmal passiert, dass ich zwischen zwei Sesseln sitze, also zwei Seiten unterschiedliche Dinge von mir erwarten? Welche zwei Seiten sind das? Was von meinem Hintergrund, meiner Situation in der ich lebe, ist mir wichtig?
Es gibt ausreichend Mal- und Zeichenutensilien und etwa 15-20 Minuten Zeit, sich dieser Frage zu widmen. Je jünger die Gruppe, desto weniger Zeit wird nötig sein. Während dieser Phase könntest du entspannende Musik auflegen.

Mein Hintergrund weitererzähl


Wenn alle fertig sind, trefft ihr einander wieder. Nun kann jede/r, der/die das möchte, seine/ihre Zeichnung vorstellen. Da es sich um recht persönliche Hintergründe handelt, kann es leicht sein, dass das nicht alle gerne machen. Es ist wichtig, das zu respektieren.
Eine Alternative wäre es, euch nicht alle zusammen, sondern in Gruppen von drei bis vier Personen zusammen zu setzen und dort über die Bilder zu reden. Unter Umständen ergeben sich daraus gute Gespräche. Abschließend trefft ihr euch noch gemeinsam, diesmal aber nur, um zu sagen, wie es war, und eventuell dabei zu erzählen, was die gemeinsamen Themen waren und wo die Unterschiede liegen. Aber auch das muss völlig freiwillig geschehen.

Autor/in: Gerald Faschingeder

Publikation: Kumquat_3/00

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