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Die ganze Welt ist eine Bühne

Gruppenstunde | Alter: 11-14 | Aufwand: hoch

Hintergrund

Unsichtbares Theater ist eine Theatermethode, bei der man im öffentlichen Raum ein "Theaterstück" aufführt, ohne es als solches zu deklarieren. Der öffentliche Raum wird zur Bühne - und alle zu Mitspielenden.

Eine ausführliche Beschreibung von Unsichtbarem Theater findest du hier.

Aufbau

Für die Auseinandersetzung ist eine Dauer ab zwei Gruppenstunden sinnvoll (Ihr könnt euch auch länger damit beschäftigen, je nachdem wie schauspiel-affin deine Gruppe ist).
In der ersten Stunde sollen die Kinder, nach einigen Übungen aus den Methoden des Theaters der Unterdrückten, sich eine Szene überlegen, in der Kinder nicht ernst genommen werden und diese für den öffentlichen Raum erarbeiten. In der zweiten Stunde führt ihr diese Szene an einem Ort auf, um anschließend bei der Nachbesprechung zu schauen, wie die Leute reagiert haben und ob man einen "Denkanstoß" geliefert hat.

 

Vorbemerkung


Im Hintergrund zu dieser Gruppenstunde wird erklärt, was "Unsichtbares Theater" ist. Falls deine Kinder diese Idee für gut befinden und so etwas ausprobieren wollen, soll in der Gruppenstunde gemeinsam eine Szene erarbeitet werden, die auf eine Benachteiligung von Kindern hinweist und anschließend im öffentlichen Raum aufgeführt werden. Der Prozess des Szenen Erarbeitens und sich der Benachteiligung bewusst werden ist hierbei genauso wichtig, wie das Vorführen und ausprobieren, was für Reaktion das in der Öffentlichkeit auslöst.

Im Vorfeld zu bedenken...


Unsichtbares Theater kann etwas sehr Witziges und Spannendes sein — wenn man so etwas gerne macht. Bei dieser Gruppenstunde rate ich daher besonders, im Vorfeld deinen Kindern die Idee vorzustellen und sie zu fragen, ob sie sich denn vorstellen können, so etwas auszuprobieren. Viele Kinder fühlen sich beim Schauspielen nicht sonderlich wohl, und schon gar nicht, wenn sie dies in der Öffentlichkeit tun sollen. Bitte hier gut überlegen und mit ihnen abklären, ob sie sich dem Thema widmen wollen.
Falls es zwischendurch nicht so klappt, oder ein Kind draufkommt, es mag doch nicht, bitte einfach abbrechen und niemanden zu etwas zwingen. Wie gesagt, der Prozess des Erarbeitens der Szene ist schon ein wichtiger Teil des Ganzen.
Die hier vorgestellt Methode eignet sich übrigens auch für die Gruppenleiter/innen-Runde oder die Arbeit mit Jugendlichen.

Bühne frei...


Nachdem deine Kinder schon wissen, dass ihr euch diese und die nächste Stunde mit "Unsichtbarem Theater" beschäftigen werdet, sollt ihr am Anfang ein bisschen ins Spielen hineinkommen. Das Theater der Unterdrückten bietet eine Vielzahl von spielerischen Methoden. Zwei findet ihr hier.

Der Amsterdamer Clown:


Alle Kinder (und Gruppenleiter/innen) gehen im Raum herum, in Paaren: Eine/r geht vor, der/die andere knapp hinterher und mimt ihn/sie karikierend nach, d.h. macht die Bewegungen ulkig und z.B.: deutlich größer nach. Dreht sich die vordere Person um, und "ertappt" den Clown gerade in einer der Bewegungen, tauschen sie die Rollen. Nach einigen Durchgängen können die Rollen getauscht werden.

Fotomaske


Alle gehen im Raum herum, plötzlich ruft der/die Gruppenleiter/in "Ein Foto für Mutter". Sofort positionieren sich die Kinder, einzeln, oder in kleinen Gruppen für ein Foto, das man seiner Mutter schicken würde. Danach löst man die Pose wieder auf und geht weiter. Andere Kommandos könnten sein: "Bewerbungsfoto", "Verrücktestes Urlaubsfoto", "Fotomotiv Sterbender Schwan", "Vom Paparazzi erwischt", "Fotoautomat mit bestem/r Freund/in", o.ä. Vielleicht fallen deinen Kids auch mögliche Anweisungen ein.

Was nervt dich denn?


In der Tradition des Theater der Unterdrückten geht es im zweiten Schritt darum, zu überlegen, in welchen Situationen im Leben, vor allem in der Öffentlichkeit, Kinder sich benachteiligt fühlen. Wo werden sie manchmal nicht ernst genommen, wo "abgeschaßelt", wo "übersehen" — sind aber prinzipiell im "Recht". Teile die Gruppe in Dreiergruppen und erkläre, dass man sich jetzt Situationen überlegen soll, in denen Kinder unfair behandelt werden. Als Beispiele kannst du z.B. bringen: In der Straßenbahn soll ein Kind aufstehen und Platz machen, obwohl noch genug andere Sitzplätze frei sind. An der Supermarktkasse drängelt sich ein Erwachsener mit den Worten "Du hast eh so viel Zeit" vor. Im Bus zur Schule, wird ein Kind von anderen zwei gehänselt. Im Park oder am Spielplatz werden Kinder "geschimpft", weil sie zu laut sind. Vielleicht sind es auch weniger "ernste" Themen und deine Gruppe hat Lust, mehr des Spaßes und der Herumalberns hier auf der Straße "Theater" zu spielen. Auch das kann sehr spannend und witzig sein!

Wenn eine Person der Dreiergruppe eine Idee hat, soll sie diese in einem Statuentheater darstellen. Hierzu bringt sie die anderen beiden Mitspielenden in Position, bzw. gibt denen, einer Statue gleich, gewisse Körperhaltungen und stellt sich dann ins Bild dazu. Die anderen beiden sollen dann raten, um was für eine Situation es sich gehandelt hat.

Nachdem so jede Person mindestens eine Szene darstellen konnte, sucht sich die Gruppe ein bis zwei Szenen aus, die sie den anderen kurz zeigen. Nun interpretieren die anderen Kinder das Statuentheater und sagen, was sie glauben, dass für eine Szene gezeigt wurde. Wenn alle ihre Bilder gestellt haben, könnt ihr gemeinsam schauen, was für Überschneidungen es gegeben hat und eine Szene aussuchen, die ihr gerne gemeinsam als unsichtbares Theater in der Straße umsetzten wollt. (Falls deinen Kindern nichts einfällt, kannst du dir eine Szene überlegen bzw. die oben genannten vorschlagen, wobei völliger Ideenmangel auch ein Zeichen dafür sein kann, dass deine Kinder sich mit dem Ansatz nicht so wohl fühlen.)

Ganz ohne Drehbuch und doch geplant


Bevor ihr aber auf die Straße geht, gilt es noch, das Ganze genau einzustudieren. Je nach Größe der Gruppe und je nach Szene werden unterschiedlich viele Leute an der direkten Szene beteiligt sein. Die anderen haben wie gesagt entweder Beobachter/innen-Rollen, oder versuchen andere Leute darauf aufmerksam zu machen und ins Gespräch zu verwickeln. Je nachdem ob eine Erwachsenenrolle gefragt ist, kannst du oder dein/e Co-Gruppenleiter/in auch mitspielen. (Das wird in den Fällen eintreten, wo es quasi einen "Konflikt" mit älteren Personen gibt. Das ist insofern auch gut, dass nicht die Kinder in die Rolle schlüpfen müssen, auf die sich dann unter Umständen die Reaktionen der Zuschauenden richten.)

Ihr könnt euch wieder in Kleingruppen zu je ca. 5 teilen, am besten jeweils von einer/m GL begleitet und sollt euch das Setting und den Aufbau der Szene zu überlegen: Wo findet das statt? Wer ist beteiligt? Was wird gesagt? Wie können Zuschauende vielleicht mit einbezogen werden? Was tun die Beobachter/innen?

Die Beobachter/innen sind auch noch gefragt, wenn die eigentliche Szene, die meist nur sehr kurz, schon vorbei ist. Sie berichten nachher den anderen, was nach dem "Abgang" der Hauptdarsteller/innen noch passiert ist, ob sich z.B. die Leute über die eben gesehen Szene weiter unterhalten haben und was gesagt wurde.

Beim Beispiel mit dem zu laut im Hof/Park spielen könnte das sein, dass drei Kinder lauthals Ball spielen und dann eine erwachsene/jugendliche Person (in dem Fall dann wohl ein/e GL) stehen bleibt und die Kinder schroff auffordert doch woanders zu spielen. Die Kinder können daraufhin sich beschweren und ihren Standpunkt klarmachen (z.B. "Spielplätze sind zum Spielen da und dabei wird es nun auch mal lauter"; "Wo sollen wir denn sonst spielen?", ...) Beobachter/innen könnten z.B. zur selben Zeit vorbeispazieren, oder auf einer Parkbank sitzen die neben ihnen sitzende Person darauf aufmerksam machen oder in ein Gespräch verwickeln ("Haben Sie das gesehen, man kann doch niemanden so anschnauzen?", "Warum sagt denn da von den Erwachsenen da bitte keiner was?", ...)

Am Ende der ersten Stunde soll ein Konzept, eine Art "Drehbuch" stehen, und alle Kinder wissen, welche Rolle sie gerne spielen wollen. Zum Abschluss könnt ihr sie zwei-, dreimal spielen und schauen ob ihr euch in den Rollen wohlfühlt und es somit beim nächsten Mal "auf die Straße" gehen kann.

Und... Action!


Zu Beginn der zweiten Stunde wäre es gut, die Szene noch mal zu wiederholen und im "Trockentraining" erneut zu üben. Nachdem ihr euch in der ersten Stunde überlegt habt, wie und wo ihr spielen werdet, könnt ihr dann gleich daran gehen, es auszuprobieren. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass es einfacher ist, wenn man die Szene mehrmals spielt. Das geht manchmal sehr leicht (z.B.: einfach auf einen anderen Platz gehen, Supermarkt wechseln), manchmal weniger gut. In der Regel dauern die Szenen selber nur sehr kurz, die Beobachter/innen bleiben etwas länger (Am Spielplatz hätten der/die Sich-Beschwerende z.B. rasch den Ort verlassen, die Kinder hätten z.B. noch weiterspielen und —diskutieren können und und die anderen noch zwei, drei Minuten weitergespielt bzw. beobachtet), sodass sich auch mehrere Durchgänge ausgehen. Ihr solltet euch immer einen Treffpunkt für nachher ausmachen, wo ihr zusammen kommt und dann überlegen könnt, ob ihr es noch mal macht und ob vielleicht jemand Rollen wechseln möchte.

Da die Szenen ja von den Kindern kommen, kann ich hier nicht allzu genaue Anweisungen geben, nur ein paar Tipps, worauf ihr als Gruppenleiter/innen achten solltet:

  • Kein Kind soll in eine unangenehme Rolle kommen, bzw. falls eine Kind z.B. den/die "Hänsler/in" mimt, geht sicher, dass er/sie jederzeit aus dieser Rolle aussteigen kann, bzw. jemand da ist, der auch abbrechen und auflösen kann, falls jemand dann zum Beispiel das Kind verbal attackiert.
  • Bereite dich darauf vor, dass es vielleicht anders kommt als geplant, dass die Leute gar nicht reagieren (was ja ganz oft in unserer Gesellschaft der Fall ist), oder das sonst etwas nicht klappt — es gilt hier keine schauspielerische Leistung zu erbringen.
  • Spiele mit, bzw. sei auf alle Fälle immer dabei, sodass du auch eingreifen kannst. Falls nicht benötigt kannst du dich aber auch im Hintergrund halten. Macht euch vielleicht vorher ein Codewort aus, wenn du eingreifen sollst.
  • Achte darauf, dass nachher alle auch wieder gut aus ihren Rollen schlüpfen. Hierfür ist ein Ortswechsel oft hilfreich, oder ein bewusstes gemeinsames "Vom Kopf bis Fuß-Ausschütteln". Auch der Einsatz von Requisiten/Verkleidungen (z.B. ein Kapperl) o.Ä. kann helfen in die Rolle, aber auch wieder aus der Rolle u schlüpfen.


Offstage — was dann?


Zum Abschluss und nach dem "Entrollen", kommt alle noch mal zusammen und besprecht das Ganze nach — hierbei soll bitte jeder zu Wort kommen (dürfen). Anfangen können die Darsteller/innen, dann können die Beobachter/innen erzählen, wie es weiter gegangen ist. Nach der "Aufführung" kann es leicht sein, dass die Kids recht aufgewühlt und aufgedreht sind, was eine geregelte Nachbesprechung schwieriger gestalten kann — was aber auch sehr nachvollziehbar und ok ist. Spannend ist nicht nur die Frage, wie es einem selber in der Rolle gegangen ist, sondern auch was für Überraschungen es gab, was man glaubt, was sich die Leute gedacht haben, bzw. wie sie reagiert haben.

Vielleicht hat es nicht so geklappt, wie sich deine Kinder das vorgestellt haben. In so einem Fall finde ich es besonders wichtig, dass du den Kindern deine Anerkennung dafür zeigst, dass sie sich da etwas ausgedacht haben und sich getraut haben, dass "auf die Bühne" zu bringen. Man kann anschließend gemeinsam auch überlegen, wie man selbst reagiert hätte, wenn man eben zu einer solchen Szene hinzugekommen wäre, oder wie man sich gewünscht hätte, dass die Leute reagieren.

Autor/in: Clemens Huber

Publikation: kumquat "ungehorsam" 1/2012

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Schlagwörter: Rollenspiel, Gesellschaft, Konflikte