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"Dieses Stück Land gehört mir!"

Gruppenstunde | Alter: 10-12 | Aufwand: hoch

Hintergrund

Fast jede/r besitzt ein Stück "Land" - sei es ein Haus mit Garten, eine Wohnung, ein Baumhaus oder einfach nur ein Kinderzimmer. Dorthin können wir uns jederzeit zurückziehen und es nach unseren Vorstellungen und Wünschen gestalten. Oft sind wir uns gar nicht bewusst, wie wertvoll dieses Stück Land eigentlich ist...

Ziel

Dass so ein Stück "Land" nicht selbstverständlich ist, dem soll in dieser Gruppenstunde nachgegangen werden. Ausgehend von den Schrebergärten in Wien (die auch im Rahmen der U-Bahn-Führungen besucht wurden) wird in dieser Gruppenstunde der Bogen von uns hier in Österreich bis zu den illegalen Landbesetzungen in Brasilien gespannt.

Material

  • Verkleidung für Dr. Hauschild
  • Grundriss von Schrebergarten (für jedes Kind einen)
  • Bunt- und Filzstifte
  • Kreis aus grünem Naturpapier
  • Kopie von 100 "Maxerln"
  • Karte von Brasilien
  • ein in 20 Teile zerschnittenes Photo von einer Landschaft in Brasilien (dieses Foto gibt es unter wien.jungschar.at zum Downloaden.)
  • Würfel

 

Den Kindern wird zu Beginn der Gruppenstunde erklärt, dass wir uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland befinden und nun Dr. Ernst Hauschild "zu Besuch" (wenn möglich ein/e andere/r Gruppenleiter/in) kommt, die/der den Kindern Folgendes erzählt:

"Stellt euch einmal vor... Wenn ich jetzt so auf das letzte Jahr zurückblicke... Ich hatte wirklich eine tolle Idee, nein eigentlich war das die Idee vom Lehrer Gesell, nein eigentlich waren wir beide es.... Aber okay, alles der Reih nach, denn eigentlich begann alles schon vor guten 20 Jahren in England. Dort hatten die Leute ein schreckliches Leben, sie mussten in den Fabriken schuften, auch die Frauen und die Kinder. Tagaus, tagein. Und viel Geld bekamen sie auch nicht. Ihr könnt euch natürlich vorstellen, dass die Kinder und überhaupt alle, die dort arbeiteten, nicht sehr gesund waren. Ihnen hat einfach die frische Luft und gesundes Essen gefehlt! Aber die Firmenbesitzer waren dann ganz klug. Sie meinten, wenn die Leute vielleicht etwas mehr und gesünderes Essen bekämen und viel an der frischen Luft sind, dann könnten sie mehr und besser arbeiten, weil sie ja dann nicht so schwach sind. Und so stellte man den Arbeitern Grünflächen zur Verfügung, die die Arbeiter selbstständig bebauen konnten. Ja und wenn das in England so super funktioniert, warum nicht auch hier in Deutschland! Und da treffe ich doch letztens den Herrn Dr. Schreber, der einen Verein gegründet hat, der Grünflächen und Spielplätze baut — ob der schon einmal in England war und das dort gesehen hat? Wir waren ziemlich rasch einer Meinung, dass das eine tolle Idee ist: Grünflächen den armen Kindern, die so viel arbeiten müssen, zur Verfügung zu stellen. Ja und dann kommt plötzlich der Meister Gesell daher und sagt, dass er mit seinen Schulkindern darin ein Gärtchen anlegen möchte, weil er will, dass die Kinder Pflanzen kennen lernen. Die Kinder hat das eigentlich überhaut nicht interessiert, aber die Eltern!!! Die waren froh, dass dort Gemüse wuchs — endlich ein paar Vitamine! Sie übernahmen die Pflege und aus dem Gärtchen wurde bald ein riesiger Gemüsegarten. Und zu Ehren des Dr. Schreber nannten sie es "Schrebergarten". So, aber jetzt muss ich wieder gehen. Ich hoffe, dass noch viele, viele Kinder und ihre Eltern den Schrebergarten nutzen können."

Der/die GL erklärt, dass Dr. Hauschild ganz beruhigt sein kann, denn diese Idee der Schrebergärten hat sich ziemlich rasch verbreitet und kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Wien und diese Gärten erfreuten sich großer Beliebtheit. Gemeinschaft und Nachbarschaftshilfe standen dort hoch im Kurs, denn man war einfach aufeinander angewiesen. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg erlebten die Kleingärten eine Hochblüte, da Wohnungsnot und Nahrungsmittelknappheit herrschte. Mit den Schrebergärten konnte da natürlich Abhilfe geschaffen wurde. Auch heute noch gibt es sehr viele Schrebergartensiedlungen, v.a. in Wien, Wiener Neustadt,...

Wir stellen uns jetzt vor, jede/r von uns wäre Besitzer/in eines kleinen Schrebergartens und darf den gestalten, wie er/sie es möchte. Der/die GL hat dafür für jedes Kind einen Grundriss vorbereitet, der jetzt von den Kindern "bebaut" werden darf. Im Anschluss daran stellen alle den anderen ihren persönlichen Schrebergarten vor — wenn die Kinder Lust haben, könnt ihr danach auch noch einen gemeinsamen Schrebergarten für eure Gruppe gestalten.
Nachdem wir jetzt also den idealen Schrebergarten geplant haben, geht es nun an die Umsetzung. Wo hätten wir denn gerne diesen Schrebergarten? Ist dort genug Platz? Wem gehört dieses Stück Land? Kann man das einfach so in Besitz nehmen? Wahrscheinlich werden die Kinder bald darauf kommen, dass das nicht so einfach ist, weil hier in Österreich jedes Stück Land irgendjemanden gehört. Vielleicht haben ja auch die Kinder schon Erfahrung gemacht, dass sie beim Spielen auf einer "G´stätten" oder in einem Hof von dort vertrieben wurden.

In Brasilien ist die Situation für die ärmere Bevölkerung am Land so, dass solche illegale Siedlungen geduldet werden, weil die Verfassung erlaubt, ein Land, das nicht wirtschaftlich genutzt wird, in Besitz zu nehmen. Die Lage wäre ziemlich trist ohne diese Landbesetzungen, denn die Hälfte der Bauern besitzt nur zwei Prozent des Bodens. Um das zu veranschaulichen, hast du aus grünem Naturpapier einen Kreis ausgeschnitten und erklärst den Kindern, dass dieser Kreis die gesamte Fläche in Brasilien darstellen soll, auf der landwirtschaftlich angebaut werden kann. Auf einem anderen Streifen sind symbolisch 100 Männer und Frauen dargestellt, die in der Landwirtschaft arbeiten.
Vom Kreis schneiden wir etwas weniger als die Hälfte (ca.45%) heraus - von den 100 Menschen schneiden wir einen ab und legen nun den einzelnen Menschen zum kleineren Teil des Kreises und die anderen 99 Menschen zum größeren. So in etwa können wir nun erkennen wie das Land aufgeteilt ist - 1% der Landbesitzer verfügen über 45% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche.

Du kannst den Kindern auch erzählen, dass Kleinbauern/bäuerinnen, die nur sehr kleine Flächen Land besitzen, fast die gesamte Fläche auch wirklich bebauen — Großgrundbesitzer/innen hingegen bebauen nur einen relativ kleinen Teil, das heißt, dass es mehr als 100 Millionen ha unbebautes Land innerhalb der Großgrundbesitzungen gibt (das ist fast ein Fünftel der gesamten nutzbaren Fläche in Brasilien !). Bitte versuche, deine Sprache und wie du die Dinge erklärst, der Sprache und dem Alter deiner Kinder anzupassen, da vielleicht einige Ausdrücke fremd sind (z.B. ha - ist so groß wie zwei Fußballfelder, ...). Das Ganze wird auch anschaulicher, wenn du eine Brasilienkarte und eine Weltkarte zum Herzeigen dabei hast.

Durch diese ungerechten Verhältnisse wurden viele Landbewohner und Landbewohnerinnen vertrieben, sie sind in die Städte geflüchtet, oder arbeiten als Landarbeiter/innen, oft ohne Arbeitsvertrag, auf den Flächen der Großgrundbesitzer/innen. Andere Landlose haben sich zusammengetan und eine gemeinsame Interessensvertretung gegründet. Die Regierung, die den Landlosen von Brasilien dann versprochen hat, das Land umzuverteilen, hat bisher nur einen ganz kleinen Teil ihrer Versprechungen auch wirklich gehalten.
Zum Abschluss wird noch ein Spiel gespielt, bei dem es darum geht, gemeinsam ein großes, zusammenhängendes Stück Land zu ergattern. Die Kinder versetzen sich in die Lage der brasilianischen Kleinbauern/bäuerinnen und erhalten, jedes Mal, wenn beim Reihum-Würfeln eine gerade Zahl gewürfelt wird, ein Stück Land (=ein Puzzlestein, der aus einem Sack gezogen wird). Wird eine ungerade Zahl gewürfelt, muss ein bereits angelegter (!) Stein wieder zurück in den Sack gelegt werden. Wahrscheinlich wird es nicht ganz einfach sein, ein Stück Land zu bekommen... wie in der Realität auch!

Autor/in: Eva Schüller

Publikation: Kumquat_2/03

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Schlagwörter: Welt, Wirtschaft, Ungerechtigkeit