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Des Kaisers neue Kleider oder wieviel kann man uns eigentlich einreden?

Gruppenstunde | Alter: 10-12 | Aufwand: hoch

Hintergrund

Im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen wird dem Kaiser von zwei Gaunern ein Gewand versprochen, mit dem er all diejenigen Untergebenen, die entweder für ihr Amt unfähig oder dumm sind, erkennen können soll. Solche Macht über andere Menschen ist natürlich sehr verlockend, und der Kaiser läßt sich auf den Handel mit den zwei Schneidern ein.
Wie die Geschichte ausgeht, ist bekannt: Der Kaiser zieht die - nicht nur für ihn, sondern auch für alle Untergebenen - unsichtbaren Gewänder an und promeniert mit diesen durch die Hauptstadt. Erst ein Kind spricht dann die Wahrheit aus: "Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!"

Auch heute werden uns verschiedenste Sachen eingeredet, die das, was sie versprechen, nicht halten. Die Argumente lauten natürlich anders als die, mit denen der Kaiser überzeugt werden konnte: Schönheit, ewiges Glück, Reichtum und Beliebtheit sind einige der Versprechen.

Diese Gruppenstunde dreht sich um solche "neuen Kleider". Dabei soll es jedoch nicht darum gehen, Dinge, die uns schmackhaft gemacht werden, zu verteufeln, sondern sich kritisch damit auseinanderzusetzen, ob das, was versprochen wird, auch stimmen kann.

Ziel

Ziel dieser Gruppenstunde ist es zu überlegen, mit welchen Argumenten uns heute verschiedene Dinge schmackhaft gemacht werden, um dann kritisch zu überprüfen, ob die Dinge auch halten können, was sie versprechen.

Material

  • Schild für die Tür mit der Aufschrift "Des Kaisers neue Kleider..."
  • Matratzen (oder Decken)
  • das Märchen "Des Kaisers neue Kleider"
  • Tageszeitungen, Zeitschriften, Jugendmagazine
  • etliche kleine "Klappkaiser" aus Papier
  • Plakat mit der Überschrift "Des Kaisers neue Kleider..."
  • Schreibzeug, Klebstoff
  • Kärtchen mit den Aufschriften "Stimmt!", "Stimmt nicht!", "Stimmt, aber...!"
  • Wolle
  • Spielkarten für "Das brauchst Du!"

Aufbau

Den Einstieg in die Stunde bildet die Geschichte "Des Kaisers neue Kleider".
Danach sucht Ihr gemeinsam nach Dingen, die uns heute eingeredet werden, und
überlegt anschließend in Kleingruppen, ob die Sachen auch wirklich halten, was sie versprechen.
Zum Schluß könnt Ihr anhand eines Spieles dann selbst ausprobieren, wie man anderen etwas einreden kann.

 

Des Kaisers neue Kleider



Dieses Schild prangt am Beginn der Gruppenstunde an der Tür des Gruppenraumes. Du hast vor der Stunde außerdem einige Matratzen (oder Decken) hergerichtet, auf denen es sich die Kinder gemütlich machen können. Wenn alle da sind, erklärst Du den Kindern, daß Du heute eine alte Geschichte vorlesen (bzw. erzählen) möchtest, von der Du den Eindruck hast, daß sie heute noch sehr aktuell ist.


"Des Kaisers neue Kleider"



Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der liebte schöne neue Kleider so ungemein, daß er all sein Geld dafür ausgab, sich recht herauszuputzen. Er machte sich nichts aus seinen Soldaten, er machte sich auch nichts aus Theater oder Spazierfahrten - oder höchstens nur, um seine neuen Kleider zeigen zu können.
In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr vergnüglich her, jeden Tag kamen viele Fremde, eines Tages kamen zwei Betrüger. Sie gaben sich als Weber aus und sagten, sie verstünden es, den schönsten Stoff zu weben, den man sich denken könne. Nicht nur die Farben und das Muster seien ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die aus dem Stoff genäht würden, hätten zudem die wundersame Eigenschaft, daß sie für jeden Menschen unsichtbar blieben, der für sein Amt nicht tauge oder unerlaubt dumm sei.
Das wären ja prächtige Kleider! dachte der Kaiser. Wenn ich sie anhätte, könnte ich herausbekommen, welche Männer in meinem Reich nicht für das Amt taugen, das sie innehaben. Ich kann dann die Gescheiten von den Dummen unterscheiden. Ja, dieser Stoff muß sofort für mich gewebt werden! Und er zahlte den beiden Betrügern viel Geld auf die Hand, damit sie ihre Arbeit begannen.
Sie stellten auch zwei Webstühle auf, taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das geringste auf dem Webstuhl. Ganz ungeniert verlangten sie die feinste Seide und das pureste Gold. Das steckten sie in die eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Webstühlen, und zwar bis spät in die Nacht hinein.


Nun wüßte ich wirklich gern, wie weit sie mit dem Stoff sind, dachte der Kaiser, aber ihm war doch ein wenig sonderbar ums Herz bei dem Gedanken, daß derjenige, der dumm war oder für sein Amt schlecht paßte, den Stoff nicht sehen könnte. Nun glaubte er zwar, daß er für sich selbst keine Angst zu haben brauchte, aber er wollte doch vorerst jemanden hinschicken und nachsehen lassen, wie es damit stand. Alle Menschen in der Stadt wußten, welch wundersame Kraft der Stoff besaß, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm der Nachbar war.
Ich werde meinen alten, anständigen Minister zu den Webern schicken, dachte der Kaiser. Er kann am besten sehen, wie sich der Stoff ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versieht sein Amt besser als er.
So ging der brave alte Minister in den Saal, wo die beiden an den leeren Webstühlen saßen und arbeiteten. Du meine Güte! dachte der alte Minister und riß die Augen auf, ich kann ja nichts sehen!
Die beiden Betrüger luden ihn ein, gütigst näherzutreten, und fragten, ob es nicht ein schönes Muster sei und herrliche Farben habe. Dabei zeigten sie auf den leeren Webstuhl, und der arme Minister sperrte die Augen noch weiter auf, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. Herrgott! dachte er, sollte ich dumm sein? Das hätte ich nie gedacht, und das darf kein Mensch erfahren! Sollte ich für mein Amt nicht taugen? Nein, ich kann unmöglich erzählen, daß ich den Stoff nicht sehe.
"Nun, Sie sagen nichts dazu?" fragte der eine, der webte.
"Oh, er ist wunderschön! Ganz allerliebst!" sagte der alte Minister und schaute durch seine Brille. "Dieses Muster und diese Farben! - Ja ich werde dem Kaiser sagen, daß es mir ungemein gefällt."
"Nun, das freut uns", sagten die beiden Weber, und dann nannten sie die Farben mit Namen und das seltsame Muster. Der alte Minister hörte gut zu, damit er dasselbe sagen konnte, wenn er heim zum Kaiser kam, und das tat er.

Nun wollte der Kaiser selbst den Stoff sehen. Mit einer ganzen Schar ausgewählter Männer - unter ihnen der alte brave Beamte, der schon vorher dort gewesen war - ging er zu den listigen Betrügern, die jetzt aus Leibeskräften webten, aber ohne Faser und Faden.
"Ja, ist es nicht magnifique!" sagte der alte Minister. "Geruhen Eurer Majestät zu sehen - welches Muster, welche Farben!" Und er zeigte auf den leeren Webstuhl, denn er glaubte, daß die anderen den Stoff sehen konnten.
Was ist denn das? dachte der Kaiser, ich sehe nichts! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir passieren könnte.
"Oh, es ist sehr schön", sagte der Kaiser, "es hat meinen allerhöchsten Beifall!" Und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl. Das Gefolge, das er mit sich hatte, schaute und schaute, aber mit demselben Ergebnis wie all die anderen, und sie sagten wie der Kaiser: "Oh, es ist sehr schön!" und rieten ihm, Kleider aus diesem neuen, prächtigen Stoff zum erstenmal bei der großen Prozession anzuziehen, die es demnächst gab. Der Kaiser gab jedem der Betrüger einen Orden zum Ins-Knopfloch-Hängen und den Titel eines Webejunkers.

Die ganze Nacht vor dem Vormittag, an dem die Prozession sein sollte, blieben die Betrüger auf. Die Leute konnten sehen, daß sie fleißig dabei waren, die neuen Kleider des Kaisers fertigzubekommen. Sie taten, als nähmen sie den Stoff vom Webstuhl, sie schnitten mit großen Scheren in der Luft, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten schließlich: "Seht, jetzt sind die Kleider fertig!"
Der Kaiser mit seinen vornehmsten Kavalieren kam selbst hin, und beide Betrüger hoben den einen Arm hoch, als hielten sie etwas, und sagten: "Seht, hier sind die Beinkleider! hier ist der Rock! hier der Mantel!" und so weiter fort. "Es ist leicht wie Spinnweben. Man sollte meinen, man habe nichts am Leib, aber das ist ja gerade der Vorzug davon."
Der Kaiser zog alle seine Kleider aus, und die Betrüger stellten sich an, als zögen sie ihm jedes Stück von den neuen an. Und der Kaiser drehte und wendete sich vor dem Spiegel. "Gott, wie gut das kleidet! Wie herrlich es sitzt!" sagten alle. "Was für ein Muster! Was für Farben! Das ist ein unbezahlbares Gewand!"

Die Kammerherren, die die Schleppe tragen sollten, tasteten mit den Händen über den Fußboden, als höben sie die Schleppe auf, sie gingen, als hielten sie etwas in der Luft. Und so schritt der Kaiser denn in der Prozession unter dem prächtigen Thronhimmel dahin, und alle Menschen auf der Straße und an den Fenstern sagten: "Gott, wie unübertrefflich des Kaisers neue Kleider sind!" Keiner wollte sich anmerken lassen, daß er nichts sah, denn da hätte er ja nicht für sein Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keines von des Kaisers Kleidern hatte je solchen Beifall geerntet.
"Aber er hat ja nichts an!" sagte ein kleines Kind.
Und der eine flüsterte dem anderen zu, was das Kind gesagt hatte: "Er hat ja nichts an, sagt ein kleines Kind da, er hat nichts an!"
"Er hat ja nichts an!" rief schließlich das ganze Volk. Und dem Kaiser wurde kribblig zumute, denn er fand, sie hätten recht, aber er dachte: Jetzt muß ich die Prozession durchstehen. Und da hielt er sich noch stolzer, und die Kammerherren gingen hinterher und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.
(gekürzt aus: Domenego, Hans u.a. (Hrsg.). 1985. Dieser Herr Andersen. Herder & Co.: Wien.)


Des Kaisers heutige Kleider



Mit Hilfe von Zeitschriften und Magazinen macht Ihr Euch nun gemeinsam auf die Suche nach Versprechungen, die uns heutzutage gemacht werden, z.B. "Wer dieses Outfit trägt, steht überall im Mittelpunkt." "Wenn Du das Parfum verwendest, dann wirst Du unwiderstehlich." "Nur absolute Langeweiler verwenden heute noch XY, stattdessen..."
Alle Antworten, die Ihr gefunden habt, könnt Ihr nun jeweils auf einen "Klappkaiser" schreiben. Auf den Mantel außen kommen die Sachen, die man unbedingt haben, kaufen,... soll, z.B. Autos, Tatoos, Handys, usw. Innen - auf den nackten Kaiser - werden die Argumente geschrieben, mit denen wir von diesen Sachen überzeugt werden sollen, z.B. "verspricht Erfolg", "kommt bei Mädchen gut an", "wenn man es nicht hat, ist man out",...


Ist da was dran?



Nun geht es daran zu überlegen, ob die Dinge Eurer Meinung nach auch wirklich das halten, was sie versprechen. Dazu gehen die Kinder in Kleingruppen zusammen und suchen sich zwei bis drei "Klappkaiser" aus, die sie sich näher ansehen wollen.
In der Gruppe beratschlagen die Kinder nun, ob die Argumente stimmen, oder aber ein Mittel sind, um Menschen zur Überzeugung zu bringen, daß sie dieses Ding unbedingt brauchen. Wenn die Kinder der Meinung sind, daß die Begründungen stimmen, dann hängen sie dem Kaiser mit einem Wollfaden ein Kärtchen mit der Aufschrift "Stimmt!" um den Hals. Sind die Argumente nicht glaubwürdig, dann bekommt der Kaiser ein Kärtchen mit der Aufschrift "Stimmt nicht!" Die "Stimmt, aber..."-Kärtchen können die Kinder einsetzen, wenn z.B. die Argumente nur mit Einschränkung richtig sind.

Wenn die Kleingruppen fertig sind, kommen die Kinder wieder zusammen und präsentieren einander ihre Überlegungen. Eure fertigen "Klappkaiser" könnt Ihr dann auf ein Plakat mit der Überschrift "Des Kaisers neue Kleider (Jahreszahl)" kleben.

Achtung: Auch bei diesem Schritt soll es nicht darum gehen zu überlegen, ob man etwas in Zukunft kaufen bzw. tun oder unterlassen sollte, sondern um ein kritisches Nachforschen, ob das, was versprochen wird, auch wirklich stimmen kann!


Das brauchst Du!



Nachdem Ihr Euch jetzt schon so intensiv mit Argumenten beschäftigt habt, die Leuten eine Sache schmackhaft machen sollen, könnt Ihr am Schluß der Stunde nun selbst in einem Spiel ausprobieren, wie man anderen etwas am besten einreden kann.

Ihr setzt Euch im Kreis auf, in der Mitte liegen zwei Zettelstapel. Auf den Zettel des einen Stapels stehen die Namen aller Mitspieler/innen. Auf den anderen Zettel stehen lauter verrückte oder irreale Dinge, z.B.: "23 Pinguine", "eine grüne Rose", "3 Tonnen Glück", "2 Tuben Traurigkeit",... (Bei fünf Spieler/innen werden 4 mal 5 verrückte Zettel benötigt, bei acht Spieler/innen 4 mal 8 usw.)
Ein Namenszettel wird vom Stapel genommen und vorgelesen. Jedes Kind zieht nun einen Antwortzettel und soll das Kind, dessen Name gezogen wurde, überzeugen, daß diese verrückte Sache genau das ist, was es gerade braucht. Wenn sich das Kind alle Argumente angehört hat, sucht es sich das Angebot aus, das es am liebsten hätte bzw. das es am meisten überzeugt hat. Danach wird ein weiterer Namenszettel gezogen und das nächste Kind hat die Möglichkeit, sich von den anderen überzeugen zu lassen.

Autor/in: Thomas Narosy

Publikation: Urarg

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Schlagwörter: Gesellschaft, Werte