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Der Kinderrechtekönig

Gruppenstunde | Alter: 8-10 | Aufwand: mittel

Hintergrund

Kinder machen in ihrem Alltag immer wieder die Erfahrung, daß sie nicht wirklich ernst genommen werden. Sie werden ausgelacht oder alleingelassen, manchmal herumgeschubst oder gar geschlagen. Ob Österreich nun die UN-Konvention der Rechte der Kinder ratifiziert hat oder nicht, ändert wenig am konkreten Erleben der Kinder in ihrem Alltag. Beim Thema Kinderrechte geht es übrigens niemals darum, die Kinder in irgendeiner Weise gegen ihre Eltern, Lehrer/innen oder andere Erwachsene aufzuhetzen, sondern darum, ihnen die Gelegenheit zu geben, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und Lösungsmöglichkeiten für schwierige Situationen zu überlegen.

Ziel

Ausgehend von einem Märchentext sollen die Kinder die Möglichkeit bekommen, ihre konkreten Erfahrungen mit Recht und Unrecht auszutauschen und zu überlegen, wie sie sich im Fall des Falles verhalten könnten.

Material

  • eine Bühne für die Handpuppen (Das kann ein großer Karton sein oder auch einfach ein umgelegter Tisch, über dem gespielt wird.)
  • drei Handpuppen: einen König, einen Sohn und einen Boten
  • Kinderunrecht-Formulare in ausreichender Menge
  • ca. vier bis fünf weitere Handpuppen (Wenn Du keine Handpuppen zur Verfügung hast, findest Du im Lagerbehelf I einige Varianten, wie man möglichst rasch und unkompliziert Puppen basteln kann!)

Aufbau

Die Gruppenstunde ist in ein Handpuppenspiel eingekleidet. Die Puppen erzählen das Märchen des Kinderrechtekönigs. Die Kinder werden mehrmals um Ideen gebeten, wie auftauchende Probleme gelöst werden könnten. Der König bittet die Kinder gegen Ende der Geschichte, selbst Fälle zu sammeln, wo Kinder ungerecht behandelt werden. Zu diesen Fällen sollen die Kinder in einem weiteren Schritt selbst Lösungen finden. Zuletzt werden einige Forderungen an die Erwachsenen auf einem Plakat notiert, das dann in der Pfarre aufgehängt werden kann.

 

"Ein neues Gesetz"



...heißt der Märchentext, von dem in dieser Gruppenstunde ausgegangen wird. Du erzählst die Geschichte allerdings nicht in einem, sondern in mehreren Teilen und läßt die Kinder zwischendurch überlegen, wie es weitergehen könnte. Um das Ganze noch etwas spannender zu machen, wäre es fein, die Geschichte als Handpuppenspiel in Szene zu setzen!
Aus einem Karton oder einem Tisch hast Du vor der Stunde eine kleine Theaterbühne gebaut, auf der die Personen auftreten können. Die Bühne ist das Zimmer des "herzensguten Königs", neben ihm tritt als zweite Figur sein Sohn auf. Später wird dann noch ein Bote auftauchen.

Wenn die Kinder in die Gruppenstunde kommen, begrüßt Du sie und erzählst ihnen, daß Ihr heute einen Blick in das Reich des "herzensguten Königs" machen werdet. Du bittest sie vor die "Bühne". Der König betritt die Bühne und Du beginnst als Erzähler/in mit dem ersten Teil der Geschichte. Dabei läßt Du den König selbst möglichst viel sprechen.

Es war einmal ein herzensguter König, der beschenkte jedes Jahr zu seinem Geburtstag seine Untertanen mit großen Reichtümern. Ein Jahr kamen alle Männer dran, ein Jahr alle Frauen, ein Jahr alle Kinder. Als wieder einmal die Kinder an der Reihe waren, wollte er... Hmm, das war nicht so leicht, also fragte er die Kinder, was er ihnen wohl schenken könnte.


Eine Geschenkidee?



Hier unterbrichst Du und fragst die Kinder, was denn der König wohl den Kindern schenken könnte. Die Kinder sagen dem König Ihre Ideen, der sie wohlwollend zur Kenntnis nimmt und daraus eine nette Geschenkidee entwickelt. Du erzählst und spielst weiter:

Der König wollte also den Kindern ... (eben das, was in der vorigen Sammlung herausgekommen ist) schenken. Doch sein Finanzminister sagte: "Lieber Chef, heuer geht's nicht! Die Kasse ist komplett leer!" Da fing der König bitterlich an zu weinen. Aber sein Sohn sagte zu ihm: "Hör doch auf zu heulen, Papa. Schenk den Kindern eben etwas, was kein Geld kostet!" "So etwas gibt es doch nicht!" schluchzte der König. Und er fragte sich traurig, was denn das sein könnte...

Du kannst hier wieder unterbrechen und den König die Kinder fragen lassen, ob sie ihm einen Tip geben könnten.

"Doch gibt es etwas, was kein Geld kostet!" sagte der Sohn. "Schenk ihnen ein Gesetz! Eines, in dem steht, daß die Erwachsenen Kinder nicht mehr schlagen dürfen und nicht mit ihnen schimpfen dürfen. Und Auslachen und Alleinelassen und Herumschubsen und Nicht-ernst-Nehmen verbietet das Gesetz auch. Alles, was böse ist, darf Kindern nicht mehr angetan werden!" "Das ist wunderbar!" rief der König, trocknete seine Tränen und erließ ein wunderbares Gesetz, welches alle Gemeinheiten gegen Kinder unter strengste Strafe stellte. Doch als er ein paar Wochen später bei den Kindern nachfragte, ob sie wohl Freude an seinem Geschenk hätten, wurde er bitter enttäuscht. "Dein Gesetz ist Mist", sagten ihm die Kinder. "Hält sich ja keiner dran!". Der König lief heim und beschwerte sich bei seinem Sohn. "Tut mir leid, das habe ich nicht bedacht", sagte der Sohn. "Hm, was könnten wir jetzt tun?"


Die Kinderschutzpolizei



Auch hier können sich die Handpuppen wieder an die Kinder wenden. Dem Sohn kommt schließlich eine gute Idee:

"Wenn das so ist, mußt Du eben eine Kinderschutzpolizei gründen, die darauf schaut, daß die Gesetze eingehalten werden."
"Das ist wunderbar!" rief der König und gründete die Kinderschutzpolizei. Eine Geheimpolizei war das. Denn die größten Gemeinheiten gegen Kinder werden ja im Geheimen begangen. Als Klofrauen und Schaffner, Hausmeister und Gaskassierer, Tischler, Schulwarte und Verkäuferinnen haben sich die Geheimpolizisten verkleidet. Überall waren sie! Und niemand hat gewußt, ob der kleine blaue Mann, der die elektrischen Leitungen kontrolliert, tatsächlich ein Elektriker ist oder nicht doch ein Kinderpolizist. Nicht einmal von der dicken Frau, die im Bus auf die Kinder losgeschimpft hat, hat man wissen können, ob sie es ehrlich so meint. Es hätte ja auch eine listige Tarnung einer Kinderpolizistin sein können! Und darum haben sich auch alle Erwachsenen brav an das Gesetz gehalten. Weil ja auf jeden Verstoß hohe Geldstrafen gestanden sind! Und mit den Jahren haben sich die Erwachsenen so an das Freundlich-Sein zu Kindern gewöhnt, daß sie es freiwillig getan haben, ganz ohne Zwang. Und alle geheimen Kinderschutzpolizisten konnten den Beruf wechseln. Und so lebten von da an alle Menschen in diesem Land glücklich zusammen. Der König aber wurde zum "Kinderrechtekönig" ausgerufen.


Mißachtete Kinderrechte



Im Reich des herzensguten Königs herrscht also nun eitle Wonne. Doch nicht überall auf der Welt ist alles so problemlos.

Da kam ein Bote zum König und brachte ihm schlechte Nachrichten aus dem Nachbarreich. Denn dort werden die Rechte der Kinder nicht so gut geachtet. Der Bote berichtet: "Ich habe gesehen, wie eine Mutter ihrem Kind verboten hat, ins Schwimmbad zu gehen, weil es in der Schule eine schlechte Note bekommen hat. Ein paar ältere Leute haben Kinder verjagt, weil sie vor der Parkbank, auf der sie gesessen sind, gespielt haben. Ein Vater hat seinem Sohn eine Ohrfeige gegeben, weil dieser die Urgroßtante nicht "anständig" begrüßt hat. Und das ist noch nicht alles, es gibt noch viel mehr zu berichten aus diesem Land!" "Das ist aber urarg!" sagte der König. "Ich muß noch mehr darüber wissen, dann können wir überlegen, was wir dagegen tun könnten! Weißt Du was, Bote, Du fährst zurück in dieses Land und bittest die Kinder dort, Dir zu berichten, wie und wo ihre Rechte mißachtet wurden." "Das mache ich!" sagte der Bote und...

...wendet sich an die Kinder. Er schlägt ihnen vor, sich in Kleingruppen von 2-4 Kindern zu teilen und dort zu überlegen, welche Situationen sie kennen, in denen Kinder ungerecht behandelt werden. Sie müssen diese Situationen nicht selbst erlebt haben, sie sollten aber auch nicht frei erfunden sein. Damit die Kinder sich leichter tun, die Unrechtssituationen zu sammeln, hat er ihnen ein Formular mitgebracht, auf das diese geschrieben werden können.

Auf der Vorderseite des Formulars geht es um das Aufdecken von ungerechten Situationen. Sie könnte z.B. mit "He! Ein Kinderunrecht!" beschriftet sein.
Auf der Rückseite ist dann Platz für Reaktionen und Lösungsmöglichkeiten der Kinder. Auf ihr könnten z.B. folgende Fragen stehen: "Wie könnte das Kind reagieren?" und "Was müßte getan werden, damit so etwas in Zukunft nicht mehr passiert?"

Du teilst den Kindern nun die Formulare aus und schaust darauf, daß die Kinder sich in Kleingruppen zusammenfinden. Du erklärst den Kindern, daß sie zuerst nur die Vorderseite des Zettels ausfüllen sollen. Außerdem sagst Du ihnen den Zeitpunkt, wann Ihr nach den Kleingruppen wieder zusammenkommt (etwa in 10 Minuten).
Sind alle Kleingruppen fertig, stellen die Kinder die Situationen dem König vor.


Gibt's Lösungen?



"Oje, Oje! So viele Probleme! Da fällt mir aber gar nicht sehr viel dazu ein!" sagt der König ziemlich bedrückt. "Könnt Ihr mir vielleicht weiterhelfen, Lösungen für diese Probleme zu finden? Ich meine: Was könnte ein Kind in dieser Situation denn machen und was müßte getan werden, damit so etwas in Zukunft nicht mehr passiert? Ich glaube, Ihr seid ja Experten für solche Fälle!"

Die Kleingruppen tauschen nun die verschiedenen Situationen untereinander aus und teilen sich danach wieder in die Gruppen auf. Dort wird dann überlegt, wie die betroffenen Kinder reagieren könnten und was man langfristig ändern müßte, damit das nicht immer wieder passiert. Die Kleingruppen füllen nun also die Rückseite des Formulars aus.

Nach einem ausgemachten Zeitraum trefft Ihr wieder zusammen, um einander und natürlich auch dem König die Ergebnisse vorzustellen. Anstatt die Vorschläge lediglich zu erzählen, wäre es allerdings spannender, einige Lösungsmöglichkeiten mit Hilfe der Handpuppen darzustellen. Dazu braucht Ihr nun die zusätzlichen Handpuppen, denen die Kinder jeweils für die speziellen Situationen Namen geben.
Wenn Kindern aus anderen Kleingruppen während des Spielens noch weitere Lösungen einfallen, können diese von den Handpuppen-Spieler/innen ganz einfach ausprobiert werden.


Zum Abschluß



...könntet Ihr all die Ideen, die im Zuge des Handpuppenspiels gezeigt wurden, auf einem Plakat zusammenfassen. Unter dem Titel "Wir Kinder wollen..." können die Vorschläge vom dritten Teil des Formulars gesammelt und im Pfarrcafé oder in einem Schaukasten aufgehängt werden, sodaß auch die Erwachsenen einmal direkt erfahren, was die Kinder gerne hätten. Das geht aber natürlich nur dann, wenn die Kinder Deiner Gruppe das auch wirklich wollen.

Schlußendlich bleibt dem Kinderrechtekönig nur mehr, sich ganz herzlich im Sinne aller betroffenen Kinder für all die Mühe zu bedanken und den Kindern selbst alles Gute zu wünschen.


Das Märchen findest Du in: Ein neues Gesetz. In: Christine Nöstlinger, Jutta Bauer: Ein und Alles. Ein Jahresbuch mit Geschichten, Bildern, Texten, Sprüchen, Märchen und einem Tagebuch-Roman. Beltz & Gelberg, Weinheim 1992. S. 111.

Autor/in: Gerald Faschingeder

Publikation: Na ich

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