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Utopia

Gruppenstunde | Alter: 12-15 | Aufwand: niedrig

Hintergrund

Im Sommer 1515 trafen sich in den Niederlanden Gesandte des Königs Heinrich VII. Von England und des Herzogs von Burgund, des späteren Kaisers Karl V., zu Verhandlungen über einen Handelsvertrag, bei denen es in der Hauptsache um Wolle ging. Zur englischen Delegation gehörte auch ein 37 Jahre alter Jurist: Thomas Morus. An einem verhandlungsfreien Nachmittag besuchte er den Stadtschreiber von Antwerpen Petrus Ägidius.
Ein Jahr danach veröffentlichte Morus ein Manuskript über die Gespräche dieses Nachmittags, welchem er den selbsterdachten Titel "Utopia! gab. "Utopia" soll der Name einer Insel sein, von der der fiktive Gesprächsteilnehmer Hythlodaeus berichtete; eine Insel, der Bevölkerung nach Ansicht von Hythlodaeus sich die beste Staatsverfassung gab.
Das Büchlein von Morus (heute günstig als Reclam-Text 513 erwerbbar) wurde bald zum Klassiker und in der Folge sind viele "Utopien" gedacht und geschrieben worden. Gedanken und Texte, die eine gemeinsame Ausgangsfrage haben: Wie sieht gelungenes Zusammenleben von Menschen wirklich aus?
Diese Frage soll auch im Mittelpunkt dieser Gruppenstunde stehen. Die Gruppe fertigt ein "Protokoll für Übermorgen" an, sie hält fest, was sie für eine gelungene Zukunft für nötig hält.

Ziel

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen dazu angeregt werden, Grundprinzipien unseres heutigen Zusammenlebens zu hinterfragen und persönliche Wunschvorstellungen für eine gelungene Zukunft zu artikulieren.

Material

  • Plakat für Übermorgen
  • Plakat mit dem Umriss von Österreich
  • Inselbeispiele
  • ev. Getränke

 

Übermorgen


Du lädst die Gruppenmitglieder ein, über "Übermorgen" nachzudenken. Unser "Übermorgen" soll sicherlich ein Bereich sein, in dem wir glücklich und gelungen zusammenleben können. Dinge, die uns im Gespräch über "Übermorgen" wichtig erscheinen, wollen wir festhalten: so entsteht unser "Protokoll für Übermorgen" - ein Plakat an einer Längsseite des Raumes.

Du erklärst weiter, dass wir uns hierfür Anregungen aus einem Vergleich zwischen Schilderungen eines "Altmeisters des gelungenen Übermorgens", nämlich Thomas Morus, und unserer erlebten Realität holen werden. Morus war mit den Zuständen im England des 16. Jahrhunderts unzufrieden und hat seinen Zeitgenossen mit der Schilderung einer fiktiven Insel wahrscheinlich Beispiele für eine bessere Art des Zusammenlebens geben wollen. Solche "Inselbeispiele" werden wir uns jetzt auch anhören und in Folge einer Gegenüberstellung mit der jetzigen Realität in Österreich gemeinsam ein wenig über unsere Vorstellungen des Zusammenlebens in der Zukunft träumen.

Dies läuft konkret so ab:
Auf der linken Seitenwand des Raumes hängt das Plakat mit dem Holzschnitt von Utopia des Ambrosius Holbein.
Darunter liegen Inselbeispiele. ( im Anschluss an die Gruppenstunde)
Rechts hängt ein Plakat mit dem Umriss von Österreich (das kannst Du aus einem Atlas abpausen); davor steht die Gruppe.
Auf einer Frontwand des Raumes hängt ein Plakat mit der Überschrift "Protokoll von Übermorgen". Ein Gruppenmitglied geht jetzt auf die "Utopiaseite", nimmt ein Inselbeispiel und liest es der Gruppe vor. Jede/r überlegt nun, ob ihr die von Morus vorgeschlagene Art, mit einem erlebte Praxis bezüglich dieses Bereiches ihm/ihr besser erscheint.
Je nach persönlicher Einschätzung setzt man sich dann eher näher zu Utopia oder näher zu Österreich auf dem Gruppenraumboden auf. Der Inselbeispielleser fragt nun nach den Motiven zur Einnahme einer bestimmten Position und davon ausgehend, überlegen wir, was wir diesbezüglich für ein gelungenes Zusammenleben in der Zukunft vorschlagen. Aspekte, die uns wichtig sind, geben wir "zu Protokoll" - das heißt, der Inselbeispielleser notiert sie stichwortartig auf dem Plakat. Wenn das Geschehen ein Ende gefunden hat, kehren wir wieder auf die Österreichseite zurück und ein weiteres Gruppenmitglied wechselt auf die Utopiaseite, um ein neues Inselbeispiel vorzulesen. Der Vorgang wiederholt sich und wir geben immer mehr Aspekte eines gelungenen Übermorgens zu Protokoll.

  • Das Gespräch betreut also der/die jeweilige Inselbeispielleser/in. Achte diese Position und bringe deine Vorschläge immer sehr bewusst als Gesprächsteilnehmer/in ein.
  • Ob eine Gruppe zu einem Gespräch findet, liegt nicht zuletzt auch am äußeren Umfeld: Polster, Decken und ein kleines Getränk zur Halbzeit sind nicht schädlich.
  • Aufgeweckte Kinder sind zumeist auch neugierig. Sie wollen vielleicht noch einiges mehr über die Utopia bzw. über Morus von Dir wissen: Die vorangegangene Lektüre ist also ratsam und ob der Kürze des Textes auch zumutbar.


Das Protokoll


Nachdem wir alle zehn Inselbeispiele des Morus diskutiert haben, betrachten wir unser Protokoll. Ist das insgesamt wirklich die Rohfassung einer Zukunft, auf die wir uns freuen - in der wir leben wollen? Für diese Frage gibt es jetzt noch für jedes Gruppenmitglied eine höchstpersönliche Ausdrucksmöglichkeit:
Protokolle werden an ihrem Ende von den Erstellern unterzeichnet. Jede/r überlegt nun für sich einen Namen, der ihre/seine Einstellung zum Protokoll widerspiegelt:
Geht Nicht, Joy Glücklich, Totalia Optimistika, Sissi Skep, Vater Übermorgana, ....
Mit dieser Bezeichnung unterschreiben wir alle am Ende des Protokolls.

Inselbeispiele


1. Inselbeispiel


Wenn sie eintreten, begeben sich die Männer auf die rechte Seite des Gotteshauses, die Frauen auf die linke. Dann setzen sie sich so, dass die männlichen Mitglieder jedes Hauses vor dem Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen ‘Familienmitglieder schließt. So wird vorgesorgt, dass alle Bewegungen aller Jüngeren außerhalb des Hauses von denen überwacht werden, unter deren Autorität und Zucht sie auch zu Hause stehen, Ja, sie sehen auch noch mit Eifer darauf, dass immer die Jüngeren in verteilter Anordnung mit den Älteren zusammengesetzt werden, damit nicht die Kinder, sich selbst überlassen, mit kindischen Albernheiten diese Zeit hinbringen, die doch gerade am meisten dazu dienen sollte, ihnen fromme Furcht vor dem Himmlischen einzuprägen, die der stärkste, ja fast der einzige Ansporn zur Tugend ist.

2. Inselbeispiel


Die Priester haben die erlesensten Frauen des Volkes zu Gattinnen, soweit sie nicht selbst Frauen sind (denn auch das weibliche Geschlecht ist von diesem Stande nicht ausgeschlossen, freilich wird ziemlich selten eine Frau gewählt, und dann nur eine verwitwete, und zwar eine betagte). Keine Behörde genießt nämlich bei den Utopiern höheres Ansehen, und das geht so weit, dass ein Priester der sich vergangen hat, keinem öffentlichen Gericht untersteht: nur Gott und sich selber bleibt er überlassen. Denn sie halten es nicht für erlaubt, jemanden mit Menschenhand zu berühren, und wäre es der ärgste Verbrecher, der Gott in so einzigartiger Weise gleichsam als Opfer geweiht ist. Dieses Herkommen können sie leicht innehalten, weil die Priester so wenig zahlreich und so sorgfältig ausgewählt sind.

3.Inselbeispiel


Zu Sklaven machen sie nicht die Kriegsgefangenen - außer wenn der Krieg von ihnen selber geführt ist -, auch nicht die Nachkommen von Sklaven und überhaupt nicht jemand, den sie bei anderen Völkern als Sklaven kaufen könnten, sondern entweder solche Menschen, die bei ihnen selbst wegen eines Verbrechens der Sklaverei verfallen sind, oder solche, die in auswärtigen Städten wegen irgendeiner Untat zum Tode verurteilt sind; letztere Klasse ist bei weitem zahlreicher. Davon holen sie sich nämlich viele; zuweilen sind sie um ein billiges zu haben, noch öfters ganz umsonst. Diese Art von Sklaven halten sie nicht nur beständig in Arbeit, sondern auch in Fesseln, ihre eigenen Landsleute unter diesen Sklaven behandeln sie aber härter; denn diese halten sie deshalb für verworfener und erachten sie einer härteren Strafe für wert, weil sie trotz einer ausgezeichneten Erziehung und der vortrefflichsten Anleitung zur Tugend doch nicht vom Verbrechen sich haben abhalten lassen.

4.Inselbeispiel


Ferner beobachten sie bei der Auswahl der Gatten ganz ernsthaft mit Strenge einen Brauch, der uns höchst unschicklich, ja überaus komisch erschien. Eine würdige und ehrbare Matrone führt nämlich das zur Heirat begehrte Weib, sei es nun eine Witwe oder ein Mädchen, dem Freier nackend vor, und entsprechend stellt ein ehrenwerter Mann dem Mädchen den Freier nackend vor. Während wir nun diese Sitte als unschicklich lachend missbilligten, wunderten sie sich im Gegenteil über die außerordentliche Torheit aller anderen Nationen, wo man beim Ankauf eines armseligen Pferdes, bei dem es sich doch nur um ein paar Goldstücke handelt, so vorsichtig ist, dass man den Ankauf verweigert, ehe nicht der Sattel abgenommen ist und alle Pferdedecken entfernt sind (obschon das Tier doch von Natur fast nackt ist), damit ja nicht unter diesen Verhüllungen irgendein Schaden versteckt bleiben kann; dagegen ist bei der Auswahl der Ehefrau, in einer Angelegenheit also, aus der Lust oder Ekel für das ganze Leben folgt, verfährt man so nachlässig, dass man das ganze Weib nach einer Spanne seines Leibes beurteilt; denn nichts als das Gesicht betrachtet man, während der ganze übrige Körper von der Kleidung verhüllt ist; und danach verbindet man sich mit ihr und läuft große Gefahr, dass die Ehe schlecht zusammenhält, wenn sich hinterher ein körperlicher Mangel herausstellt. Denn nicht alle Männer sind so verständig, dass sie bloß auf den Charakter sehen und auch in Ehen verständiger Männer bilden körperliche Reize eine nicht unwesentliche Zugabe zu den geistigen Vorzügen. Jedenfalls aber kann unter jenen Kleiderhüllen eine so abschreckende Hässlichkeit verborgen sein, dass sie das Gemüt des Mannes seiner Frau ganz zu entfremden vermag, da einmal körperliche Trennung nicht mehr möglich ist.

5.Inselbeispiel


Das Weib heiratet nicht vor dem achtzehnten Lebensjahre, der Mann noch vier Jahre später. Wird ein Mann oder ein Weib vor der Ehe des verbotenen Geschlechtsverkehres überführt, so wird das streng an ihm und an ihr geahndet und beiden wird die Ehe gänzlich verboten, falls sie nicht vom Fürsten begnadigt werden. Aber auch der Hausvater und die Hausmutter, in deren Hause das Vergehen begangen ist, laufen Gefahr sehr übler Nachrede, weil sie ihre Pflicht nicht mit genügender Sorgfalt erfüllt haben. Sie bestrafen dieses Vergehen deswegen so streng, weil sie voraussehen, dass nur selten ein Paar sich in ehelicher Liebe vereinigen würde, wenn man das frei Konkubinat nicht mit allen Mitteln erschwerte; muss man doch in der Ehe das ganze Leben mit einem Menschen zusammen hinbringen und obendrein so manche Unannehmlichkeit ertragen, die dieses Verhältnis mit sich bringt.

6.Inselbeispiel


Aber das Kochen und Zubereiten der Speisen und überhaupt die Vorbereitung des ganzen Mahles ist ausschließlich Aufgabe der Frauen und zwar abwechselnd der einzelnen Familienverbände. Es wird an drei oder mehr Tischen getafelt, je nach der Zahl der Teilnehmer; die Männer sitzen an der Wand. Die Frauen an der äußeren Seite der Tischordnung, um, falls ihnen plötzlich irgendeine Übelkeit zustoßen sollte, was bei Schwangeren bisweilen vorzukommen pflegt, sich ohne Störung der Ordnung erheben und zu den stillenden Müttern gehen zu können. Diese sitzen nämlich mit den Säuglingen in einem besonders hierfür bestimmten Speiseraum; dort fehlt es nie an einem Herde und reinem Wasser; auch Wiegen stehen dort, um die kleinen Kinder je nach Wunsch hineinlegen zu können oder sie am Feuer aus den Windeln zu nehmen, sie strampeln zu lassen und mit ihnen zu spielen.
Der Älteste, sagte ich, steht an der Spitze des Familienverbandes. Die Frauen sind ihren Männern, die Kinder den Eltern und überhaupt die Jüngeren den Älteren untertan. Die ganze Stadt ist in vier gleich große Quartiere eingeteilt; in der Mitte eines jeden Quartieres befindet sich ein Markt für Waren aller Art. Dort werden in bestimmte Magazine die Arbeitsprodukte aller Familienverbände zusammengebracht, und in einem Warenspeicher sind die einzelnen Warengattungen für sich gelagert. Dort fordert jeder Familienälteste an, was er und die Seinigen brauchen, und erhält ohne Bezahlung, überhaupt ohne jede Gegenleistung alles, was er verlangt.

7.Inselbeispiel


Und doch ist es fast überall das Los der Handwerker, außer bei den Utopiern, die den Tag einschließlich der Nacht in vierundzwanzig Stunden teilen und nur sechs davon der Arbeit widmen; drei vormittags, worauf sie zum Essen gehen; nach dem Mittagessen ruhen sie dann zwei Nachmittagsstunden, arbeiten wieder drei Stunden und beschließen den Arbeitstag mit dem Abendessen. Indem sie die erste Stunde von Mittag an rechnen, gehen sie um acht Uhr schlafen; acht Stunden nimmt der Schlaf in Anspruch. Die Stunden zwischen der Arbeits-, Schlaf- und Essenszeit sind jedem zu beliebiger Beschäftigung freigestellt, nicht um sie durch Üppigkeit und Trägheit zu missbrauchen, sondern um Zeit, die einem jeden sein Handwerk freilässt, nach Herzenslust auf irgendeine andere nützliche Beschäftigung zu verwenden. Die meisten widmen diese Pausen geistigen Studien.

8.Inselbeispiel


Während sie nämlich aus tönernem und gläsernen Geschirr essen und trinken, das zwar sehr geschmackvoll aussieht, aber billig ist, lassen sie aus Gold und Silber für die öffentlichen Hallen wie für die Privathäuser allerorten Nachtgeschirre und lauter für niedrige Zwecke bestimmte Gefäße anfertigen. Ferner werden die Ketten und dicken Fußschellen zur Fesselung der Sklaven aus denselben Metallen hergestellt. Endlich werden allen denen, die irgendein Verbrechen ehrlos macht, goldene Ringe an die Ohren gehängt, goldene Fingerringe angesteckt, ein goldenes Halsband umgetan und um den Kopf ein goldener Reif gelegt. So sorgen sie mit allen Mitteln dafür, in ihrem Lande Gold und Silber in Verruf zu bringen.
Weiterhin beachte, wie wenig Arbeit sie für die Anfertigung ihrer Kleider verbrauchen! Zunächst tragen sie bei der Arbeit einen ganz einfachen Arbeitsanzug aus Leder oder Fellen, der bis zu sieben Jahren aushält. Wenn sie ausgehen, ziehen sie ein Oberkleid darüber, das jene gröbere Kleidung verdeckt; dessen Farbe ist im ganzen Inselreich dieselbe, und zwar die Naturfarbe des Stoffes. ‘So kommen sie nicht nur mit viel weniger Wolltuchen aus, als irgendwo sonst üblich, sondern das Tuch selbst ist auch viel billiger. Aber noch weniger Arbeit macht die Herstellung von Leinenzeug, das darum auch noch mehr getragen wird. Beim Leinen sieht man nur auf die Weiße, bei der Wolle nur auf die Sauberkeit, feinere Webart wird nicht bezahlt. So kommt es, dass - während sonst nirgends für eine Person vier bis fünf wollene Anzüge in verschiedenen Farben und ebenso vielen Arbeiten seidenes Unterzeug genügen, für etwas elegantere Leute nicht einmal zehn - hier in Utopien sich jeder mit einem Anzug, gewöhnlich für zwei Jahre begnügt. Er hat ja auch gar keinen Grund, sich mehr Kleidung zu wünschen; denn bekäme er sie, so wäre er weder gegen die Kälte besser geschützt, noch würde er in seiner Kleidung auch nur um ein Haar eleganter aussehen.

Autor/in: Christian Klein

Publikation: fremdsein

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Schlagwörter: Gesellschaft, Werte