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Der Fall Manfred F. oder "Sündenbock gesucht"

Gruppenstunde | Alter: 12-15 | Aufwand: mittel

Hintergrund

Der Begriff des "Sündenbocks" stammt aus dem Alten Testament (Lev 16, 20 ff.). Hier ist der Brauch vorgeschrieben, daß der Hohepriester jährlich am Versöhnungstag einen Bock, der symbolisch mit den Sünden Israels beladen wurde, in die Wüste hinaustrieb und damit auch alle Sünden mitschickte.
Der "Sündenbockmechanismus" - damit ist gemeint, anderen, einzelnen Personen oder Gruppen die Schuld für etwas zuzuschreiben, für das sie an und für sich nicht verantwortlich sind - tritt damals wie heute in den unterschiedlichsten Formen auf: sei es, daß man nicht bereit ist, für kleine Unzulänglichkeiten die Verantwortung zu übernehmen und die Schuld lieber jemand anderem in die Schuhe schiebt; sei es das Umherschieben von Verantwortlichkeiten in der Politik oder die Pauschalverurteilung von ganzen Gruppen (z. B. "die Juden", "die Gastarbeiter", "die Frauen" ...) Meist erfolgt dieses Aussuchen und Beladen von menschlichen Sündenböcken sehr unbemerkt und langsam, hat aber umso tragerischere Folgen. Viel Leid geschieht dadurch, nur eines sicher nicht: die Lösung der eigentlichen Probleme. Im Gegenteil, der "Sündenbockmechanismus" ist die beste Garantie, daß die eigentlichen "Sünden", die eigentlichen Probleme und Ursachen, die wirklichen Konfliktpunkte weiterhin unerkannt und damit ungelöst bleiben. Solange die Problemlösung auf Kosten Dritter verläuft, solange stehen die Probleme weiter an. Auf der Strecke bleiben die "Sündenböcke", die Opfer. Dieser Mechanismus funktioniert allerdings nur solange gut, als er den Beteiligten unbekannt ist. Ein Bewußtmachen dieses (in der Geschichte oft tödlich verlaufenen ) Mechanismus (man denke an den Antisemitismus und seine Folgen), ist eine Möglichkeit, das Zusammenleben von Menschen menschlicher und gewaltfreier zu gestalten.

Ziel

In dieser Gruppenstunde soll anhand eines konkreten Fallbeispiels der "Sündenbockmechanismus" und seine Funktionsweise aufgedeckt werden und eine erste Sensibilisierung dafür erfolgen.

Material

  • Zeitungsartikel
  • Die Kopie des Supplierbuches
  • Die Kopie einer Tagebuchseite
  • Kopie eines Briefes
  • Kassette mit aufgenommenen Gesprächen
  • Geschichtsbücher, Zeitungen u.ä.
  • Plakat fürs Kommuniqué

 

Ein Zeitungskommentar ...


Du hast heute in die Gruppenstunde einen Zeitungsartikel mitgenommen (Kopie 1)

... mit Hintergründen


Kommentare wie diese hat vielleicht jeder schon einmal gelesen. Aber es wäre doch einmal sehr interessant, welche Hintergründe dieser Fall Manfred F. eigentlich hat. Du bist in der glücklichen Lage, einiges an Material - Dokumente und Tonbandaufnahmen - zu haben, was es ermöglichen sollte, der Sache auf den Grund zu gehen.
Du legst nun folgendes Material vor:

Kopie des Supplierbuches


Die Kopie einer Tagebuchseite


10. Mai 2014

Hallo liebes Tagebuch, ich bin´s: Heidi Lauberer. Endlich komme ich wieder zum Schreiben. Gestern ist mir etwas sehr Unangenehmes passiert. Ich hatte doch meinem Mann versprochen - er hatte seinen Chef und 2 andere Kollegen eingeladen - Schinkenkipferl zu backen. Ich kam todmüde von der Schule heim, wollte mir gerade eine CD auflegen - da kommen mein Mann und seine 3 Gäste herein. Auf einmal überfiel es mich heiß: die Schinkenkipferl, glatt vergessen. Scheiße. Naja, bevor er mir noch peinliche Fragen stellen konnte, sagte ich lieber gleich, dass sich das mit den Schinkenkipferln leider nicht ausgegangen sei. Ich hatte so viele Hefte zu korrigieren und hatte auch am Nachmittag noch viel Arbeit.
Er war natürlich einigermaßen satt, aber so war´s eben. Er holte ein paar Knabbereien aus der Speis´, und mir blieb wohl oder übel nichts anderes übrig, als mich ins Arbeitszimmer zu verziehen. Und Hefte zu korrigieren. Eigentlich hatte ich jetzt eine Stinkwut - auf meinen Mann, auf seine Gäste, auf mich - naja, die Korrekturen fielen diesmal recht streng aus. So, das muss ich jetzt loswerden. Jetzt gehe ich schlafen. Gute Nacht, liebes, geduldiges Tagebuch.

Kopie eines Briefes, den Thomas an einen Freund schrieb


10. 5. 2014
Lieber Heinzi!
Jetzt muss ich Dir gleich schreiben. Ich hab nämlich eine Stinkwut! In Deinem letzten Brief hast Du mir von einem tollen Buch geschrieben ("Die rote Zora"), welches Du gelesen hast. Ich wollte mir das Buch heute in der Schulbibliothek ausborgen und frag gerade den Professor, der in der Schulbibliothek sitzt, ob das Buch da ist. Gerade in dem Augenblick kommt die Susanne aus meiner Klasse auch daher und will das gleiche Buch. Der Professor sagt, dass das nichts macht, wenn wir beide das gleiche Buch wollen, weil er´s eh 2 mal hat. Dann kommt er aber drauf, dass es doch nur einmal da ist, weil dieser blöde Manfred aus unserer Klasse sich´s ausgeborgt hat. Was hat der das Buch zu lesen, wenn ich es will?! Aber in der Pause hat er´s dann gekriegt. Er hat nämlich einen Zeigestab zerbrochen. Und jetzt bekommt er wahrscheinlich eine Diszi. Geschieht ihm recht! Wahrscheinlich geht er jetzt von der Schule.
Ich freu mich schon, wenn ich endlich das Buch lesen kann. Liebe grüße (auch an deine Eltern)

Thomas

Eine Kassette, auf der folgende Dinge aufgenommen sind:


"Ich bin der Manfred, also - und das war so: in der Pause nach der Stunde, wo wir den Kularic´ gehabt haben, ist die Gerti zu mir hergekommen und hat total geschimpft, warum ich so oft zu ihr herg´schaut hab´. Weil ich hab ihr nämlich für die Supplierstunde - weil die ist immer so fad - mein Bravo-heft geborgt. Und der Professor Kularic läßt uns nicht lesen, und ich hab´ zu ihr geschaut, damit sie das Heft gut verstecken soll. Aber der Kularic hat sie erwischt und hat ihr gesagt, sie soll hundert mal "Ich darf in der Stunde nicht lesen." schreiben. Und mein Heft hat er ihr weggenommen, und jetzt sagt sie zu mir, daß ich schuld bin, weil der Kularic ihr die Strafe gegeben hat, weil ich so oft zu ihr hingeschaut habe, und er sie erwischt hat. Und dann, in derselben Pause, kommt der Anton und regt sich auf, dass so viele Fehler in der Lateinaufgabe, die er von mir abgeschrieben hat, waren, und jetzt ist er bei der Lauberer, die wir in Latein haben, unten durch, und ich bin schuld, weil ich so viele Fehler in meiner Aufgabe gehabt habe. Und dann kommen noch der Thomas und die Susanne daher und regen sich auf, dass ich mir "Die rote Zora" ausgeborgt habe. Sie wollen das Buch nämlich jetzt lesen und warum ich so blöd bin; und ich das jetzt lese. Und dann hat sich der Thomas noch zu meiner Schultasche runtergebeugt und nachgeschaut, ob ich das Buch vielleicht dahabe. Da hat´s mir dann echt g´reicht, und ich hab´ den Zeigestab genommen und wollt´ ihm damit eine runterhauen. Aber er ist ausgewichen, und ich habe den Stab zerbrochen. Aber jetzt komm´ ich gottseidank eh´ in eine andere Schule."

"Also ich heiße Gerti. Und das war so: In der 5. Stunde haben wir den Professor Kularic als Supplierung gehabt. Und der lässt uns nie tun, was wir wollen; wir müssen still sein und sollen irgendetwas lernen. Aber mir war fad, und da hab´ ich mir vom Manfred dem sein Bravo-Heft ausgeborgt. Aber der hat andauernd herg´schaut zu mir, bis das natürlich dem Kularic aufgefallen ist. Und der hat mir dann das Bravo-Heft weggenommen und jetzt muss ich 100 mal "Ich darf in der Stunde nicht lesen." Schreiben. Na, auf jeden Fall hab´ ich dann dem Manfred meine Meinung gesagt."

"Ich heiße Anton, und ich hab´ Latein eigentlich sehr gern. Die Lauberer, unsere Lehrerin in Latein, ist eigentlich auch sehr nett. Vor allem kontrolliert sie die Aufgaben nur einmal im Monat. Das letzte Mal hat sie am Mittwoch vorige Woche die Aufgaben angeschaut, und weil ich über´s Wochenende nicht zum Aufgabemachen gekommen bin, hab´ ich sie halt ausnahmsweise abgeschrieben - vom Manfred, dem Trottel. Und der hat total viele Fehler drin gehabt, und jetzt hab´ ich eine schlechte Note gekriegt und bin bei der Lauberer unten durch. Weil der Manfred nicht gut Latein kann!"

"Ich bin die Susanne. Als ich mir heute in der Schule ein Buch ausborgen wollte, hat sich der Thomas das gleiche Buch ausborgen wollen. Aber es war nur einmal da, weil der Manfred es sich ausgeborgt hat. Naja, der Thomas hat mir das eine dann gelassen, aber er war schon ziemlich sauer auf den Manfred, weil der ihm ja das Buch weggeschnappt hat."


Ein Ausschnitt aus dem Telefongespräch zwischen Professor Kularic und einem Freund.


"Hallo Josip, wie geht´s Dir?"
"Frag mich nicht, Hannes. In letzter Zeit hab´ ich in der Schule keine einzige Freistunde mehr. Allein gestern und heute hat mich der Brantner, der Direktor, für 5 Supplierstunden eingeteilt! Natürlich für die, für die man nichts bekommt. Aber auf jeden Fall, wenn ich schon unterrichten muss, seh´ ich nicht ein, warum ich wegen der Schüler draufzahlen soll. Die sollen gefälligst auch was lernen, wenn ich schon in der Klasse sitzen muss. Aber lassen wir das, reden wir von was anderem ... Wie geht´s deiner Freundin?"

Ein Ausschnitt eines Gesprächs von Direktor Brantner am Stammtisch eines Gasthauses in seinem Heimatort.


"Na Du, Schuldirektor, was ich Dich nämlich schon längst einmal fragen wollte - nämlich auch in bezug auf Deine Kandidatur bei den nächsten Gemeinderatswahlen: was tun wir mit der steigenden Zahl von Gastarbeitern hier in unserm Ort? Das kann doch nicht so weitergehen! Überall Ausländer. Man kommt sich ja schon vor wie am Balkan ..."
"Koarl, was soll ich Dir sagen ... geschehen muss auf jeden Fall was. Ich finde es einfach unverantwortlich, dass wir so viel Gastarbeiter beschäftigen; die nehmen doch nur den Einheimischen die Arbeitsplätze weg. Ich hab´ selbst bei mir in der Schule so einen Fall: einen jugoslawischen Geschichtelehrer. Dabei gibt´s so viel arbeitslose österreichische junge Geschichtelehrer. Na, wenigstens hab ich jemanden, der mir Supplierstunden hält. Wenn er schon da ist in meiner Schule, soll er auch arbeiten. Aber nun zum Programm für die kommenden Wahlen: ich stell´ mir folgendes vor ...."

Ein Telefongespräch mit Herr Lauberer und seiner Sekretärin:


"Hallo, hier Kunz & Abgeher, Investmentberatung?"
"Ja, hier Lauberer, sind Sie es, Kisser?"
"Oh, Herr Lauberer, hier ist Kisser."
"Sagen Sie, Frau Kisser, ist der Chef heute schon dagewesen?"
"Nein Herr Lauberer, warum?"
"Also, Frau Kisser, ich sag´s Ihnen, gestern war ja der Chef bei mir. Ich hatte ihn eingeladen, gemeinsam mit noch 2 Kollegen. Eine Beinahe-Katastrophe! Ich hatte meine Frau nämlich gebeten, ein paar von ihren köstlichen Schinkenkipferln zu backen. Und vor lauter Schulkram ist sie einfach nicht dazugekommen. Grad´, dass sie nicht gesagt hat, ich hätt´ mir´s selber machen sollen .... Ich, mit meinen Kochkünsten?! Ich kann doch nicht backen. Was ist mir anderes übriggeblieben, als die drei dann noch einzuladen. Ist mir teuer genug gekommen, das ganze! Jedenfalls, können Sie dem Chef was ausrichten? Ich bin heute früh schon zu dieser Firma in Wilhelmsburg gefahren ..."


Um die Nachforschungsarbeiten zu erleichtern, gibt es folgende Untersuchungsformulare (9 Stück, eines für jede der vorkommenden Personen):

Name:

Hat welches Problem?

Geht im vorliegenden Fall wie mit dem Problem um?

Wie heißen die vorkommenden Personen?
Wie sind ihre Beziehungen zueinander?
Wie sind ihre Probleme und wie gehen sie damit um?


Die Gruppenmitglieder sollen nun - jeweils zu zweit - die noch nicht ausgefüllten Untersuchungsformulare untereinander aufteilen, und anhand des Materials (Kopien, Cassetten) den Fall rekonstruieren:
Das kann auf den Formularen eingetragen werden.
Um die Beziehung zwischen den Personen möglichst gut darzustellen, können die Untersuchungsformulare auf einem Packpapier aufgeklebt werden.

Dem Sündenbock auf der Spur


Während der Gespräche, die sich beim Rekonstruieren des Falles ergeben, könnte es sein, dass das Wort "Sündenbock" schon fällt. Sonst könntest Du selbst überleiten, dass Dir eines auffällt: dass beim näheren Betrachten der Personen und der Art, wie sie ihre Probleme lösen, alle sich irgendwie einen "Sündenbock" suchen, dem sie die Schuld in die Schuhe schieben können. Du erklärst den Gruppenmitgliedern, was ein "Sündenbock" ist.
Offensichtlich geht es in dieser Geschichte niemandem wirklich gut. Also gehen wir dem "Sündenbocksuchen" auf den Grund. So etwas passiert auch in unserer Umgebung und uns selbst immer wieder.

Die Gruppe teilt sich in 3 Kleingruppen, die sich jeweils 3 der handelnden Personen auswählen. In den Kleingruppen überlegen wir uns folgende Fragen (live auf einem Packpapier mitschreiben!):

  • Warum suchen sich die 3 Personen einen "Sündenbock"?
  • Löst das ihre Probleme?
  • Was halten wir davon, "Sündenböcke" zu suchen?
  • Fallen uns ähnliche Beispiele ein? (Dafür solltest du Geschichtsbücher, Zeitungen u.ä. zur Verfügung stellen:)
  • Wie schlagen wir vor, sollen die 3 mit ihren Problemen umgehen?


Nach 10 - 15 Minuten berichten wir einander unsere Ergebnisse.

Das "Sündenbock-kommuniqué


Wenn uns unsere Erkenntnisse mitteilenswert erscheinen, können wir sie in Form eines Kommuniqués veröffentlichen. Die vorhergegangene Fragen können als Grundgerüst des Kommuniqués dienen. Die genaue Formulierung wird wohl bei Dir liegen.

Bei diesem Schritt solltest Du bei einzelnen Fragen allfällige Ergänzungen einbringen können:
"Sündenböcke" werden gesucht,

  • weil man zu faul ist, etwas selbst zu machen und es lieber abschiebt
  • weil man die Schuld lieber anderen gibt, als über die wirklichen Ursachen von Problemen nachzudenken
  • weil man eigene Fehler nicht gern eingesteht und statt dessen lieber Ausflüchte sucht
  • weil man Schwächere braucht und gebraucht, um seinen Zorn und Ärger abzureagieren
  • weil man etwas nicht bekommen kann und sich ärgert und jemanden anderen dafür verantwortlich macht ...



Diese Vorgangsweise löst aber keine Probleme. Sie macht nur zusätzlich anderen Menschen Probleme und schadet ihnen, ohne dass an der eigentlichen Situation etwas geändert wird.

Parallelfälle: Gastarbeiter, Außenseiter, Juden, alle pauschalen Schuldzuweisungen

So könnte ein Kommuniqué z. B. aussehen:
Wir haben festgestellt: Immer wieder gibt es Menschen, die anderen für etwas die Schuld in die Schuhe schieben, was diese nicht getan haben. Das kann sein, weil sie die eigenen Fehler nicht zugeben wollen, zu faul sind, selbst zu denken und den Problemen wirklich auf den Grund zu gehen.

Wir sind draufgekommen, dass dieses Verhalten, sich "Sündenböcke" zu suchen, die Probleme überhaupt nicht löst.

Wir finden dieses Verhalten, "Sündenböcke" zu suchen, nicht gut.
Nicht nur, dass keine Probleme gelöst werden, müssen oft auch unschuldige Menschen darunter leiden.

Uns ist aufgefallen, dass so etwas immer wieder vorgekommen ist: "Sündenböcke" waren z. B. die Juden oder sind heute die Gastarbeiter.

Wir finden, dass sich jeder bemühen sollte, den Problemen wirklich auf den Grund zu gehen, auch wenn das manchmal schwer ist.

Wir wünschen uns, dass jeder mehr darauf achtet, keine "Sündenböcke" zu suchen.

Autor/in: Thomas Nárosy

Publikation: fremdsein

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Schlagwörter: Gesellschaft, AusländerInnen