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Bittere Orangen

Gruppenstunde | Alter: 12-15 | Aufwand: mittel

Hintergrund

Die Dreikönigsaktion ist eine der Trägerorganisationen der Kampagne "Bittere Orangen", die auf die schlechten Arbeitsbedingungen auf den brasilianischen Orangenplantagen - geringe Entlohnung, fehlende Sozialversicherung und Kinderarbeit - und auf die Verknüpfung mit dem in Österreich konsumierten Orangensaft aufmerksam machen will. Die österreichischen Fruchtsafthersteller sollen dazu bewogen werden, in Kooperation mit TRANSFAIR sozialverträglich produzierten und fair gehandelten Orangensaft auf den Markt zu bringen.
Auch wenn Kinder & Jugendliche sich nicht direkt durch das Absenden von Postkarten in die Kampagne "Bittere Orangen" einschalten, ist die Thematik gerade für sie sehr interessant: Zum einen ist der Konsum von Orangensaft gerade bei ihnen sehr hoch, zum anderen sind es auch Kinder, die auf den brasilianischen Plantagen schwer arbeiten müssen.

Ziel

Die Gruppenmitglieder sollen erfahren, wie es auf einer brasilianischen Orangenplantagen zugeht und zu welchen Folgen es dadurch kommt. Außerdem sollen sie motiviert werden, unter fairen Bedingungen produzierte Waren zu konsumieren wie etwa den TRANSFAIR-Orangensaft. Aber Achtung: Ziel der Gruppenstunden ist es nicht, den Gruppenmitgliedern den Appetit auf Orangensaft zu verderben - das nutzt niemanden und stiftet höchstens Schuldgefühle.

Material

  • Beschreibung von Sidnei´s Alltag
  • eine Art Rednerpult
  • aus Papier ausgeschnittene Orangen
  • großes Plakat
  • 6 Kärtchen mit Text
  • Materialien für Gestaltung der Maßnahmen für die "Informationskampagne" (z.B. Plakate, Farbstifte, Zeitschriften, Scheren, Kleber, Buntpapier, Stoffe u.ä. zum Verkleiden, Schminke,...), eventuell Videocamerarnseher oder Cassettenrecorder

Aufbau

Nach einer kurzen Vorbemerkung, die die Gruppenmitglieder über die Situation auf den brasilianischen Orangenplantagen informiert, schlüpft Ihr in die Rolle von Mitgliedern der IKofOG (Internationale Komission für Orangen-Gerechtigkeit). Ihr erfährt vom Alltag eines Kindes, das auf einer Plantage arbeitet und überlegt, wie ihm geholfen werden könnte. Anschließend wird über Lösungen nachgedacht, die das Übel an der Wurzel packen. Wenn noch Lust dazu ist, könnt Ihr eine "Infokampagne" für den "gerechten" Orangensaft gestalten.

 

Thema heute ist der Orangensaft. Als Vorbemerkung erzählst Du Deiner Gruppe, daß 94% des in Österreich getrunkenen Orangensafts aus Brasilien stammen. Die Orangen wachsen auf Plantagen im Süden Brasiliens und werden von Erntearbeiter/innen von Hand gepflückt. Weil die Familien insgesamt zu wenig Geld zum Überleben haben, müssen auch Kinder unter 14 Jahren arbeiten: 15.000 (von insgesamt ca. 80.000 Plücker/innen) alleine auf den Orangenplantagen rund um São Paulo. Tägliche Arbeitszeiten von über 12 Stunden und das Tragen von über 30kg schweren Säcken stehen auf der Tagesordnung.

Für die Dauer der heutigen Gruppenstunde gebt Ihr euch der Phantasie hin, daß Ihr alle Mitglieder der berühmten IKofOG seid, der - wie jeder weiß - "Internationalen Kommission für Orangen-Gerechtigkeit". Du selbst übernimmst die Rolle des Vorsitzenden der IKofOG. Als Mitglieder dieser ehrwürdigen Kommission interessiert Ihr euch natürlich für das Schicksal der betroffenen Kinder.

Der Alltag von Sidnei



Eines dieser arbeitenden Kinder ist Sidnei, über dessen Alltag folgender Bericht gegeben wird (siehe Text "Sidnei erzählt" am Ende)


"Was mich anfäölt"



Da es sich bei der geschilderten Situation um skandalöse Zustände handelt, erscheint es angebracht, da einmal die Kontenance, also die "rechte Haltung" zu verlieren und kurz ins Vulgäre abzufallen. Sidnei wird in die Konferenz eingeladen und soll nun selbst schildern, was ihn an seiner Tätigkeit stört, kurz: was ihn "anföält" (Wie man das richtig schreibt, weiß vermutlich niemand - "anfäölen" ist nur der Versuch einer Transkription ...). Zu diesem Zweck hast Du eine Art Rednerpult errichtet. Jedes Gruppenmitglied hat nun die Gelegenheit, die Rolle zu wecheln und sich in Sidnei hineinzuversetzen, d.h. sich hinter das Pult zu stellen und kund zu tun, was Sidnei anfäölt.


Unterkommission zur Lösungsfindung



Nachdem die IKofOG nun über die Situation auf den brasilianischen Plantagen bestens informiert ist, werden Unterkommissionen gebildet, die Lösungen für Sidneis Problem suchen sollen. Die Gruppenmitglieder teilen sich also in mehrere Kleingruppe zu ca. 3-4 Personen auf und überlegen Lösungen. Diese sollen sie auf Orangen schreiben, die Du zuvor aus Papier ausgeschnitten hast. (Kopiervorlagen für Papierorangen nebenstehend)


Plenarsitzung: Was Sidnei helfen könnte



Nach getaner Arbeit treffen die Gruppenmitglieder einander wieder und präsentieren Ihre Lösungsvorschläge. Die Papier-Orangen werden unter der Überschrift "Was Sidnei helfen könnte" auf die obere Hälfte eines großen Plakates geklebt, auf das Du zuvor den Text von Sidneis Erzählung geklebt hast.

Vermutlich werden die Unterkommissionsmitglieder in dieser Phase viele Vorschläge bringen, die sich auf die ganz konkrete Probleme Sidneis beziehen, wie etwa die Bienen, die Schlangen, der Regen etc. Eventuell wird aber auch auf die strukturellen Rahmenbedingungen eingegangen, nämlich auf das Grundübel, daß überhaupt Kinder auf Plantagen arbeiten. Falls das der Fall ist, ergibt sich der Übergang fast von selbst, ansonsten fragst Du die Kommissionsmitglieder, was ihrer Meinung nach das eigentliche Grundproblem ist bzw. sagst es selbst, wenn es nicht von der Gruppe gennant wird. Sobald er gesagt wurde, schreibst Du auf das Plakat unter die bisherigen Orangen "Grundproblem: Kinderarbeit auf Orangenplantagen".


Das Problem an den Wurzeln packen



Nun erzählst Du den Mitgliedern der IKofOG, daß bereits im Vorfeld der Sitzung seitens engagierter Einzelpersonen einige Vorschläge gekommen sind, wie man das Problem an der Wurzel packen könnte.

Du präsentierst 6 Kärtchen, auf denen auf der Vorderseite jeweils ein möglicher Lösungsansatz für das Problem und auf der Rückseite die Auswirkungen der Maßnahme stehen. Drei Maßnahmen haben positive Auswirkungen zur Verbesserung der Situation, die drei anderen negative. Aufgabe der IKofOG ist es nun, diese Vorschläge zu diskutieren und die drei positiven von den drei negativen zu unterscheiden. Wenn Ihr Euch einig geworden seid oder zumindest alle Argumente genannt wurden, dreht Ihr die Kärtchen um und lest auf der Rückseite, welche Folgen von der Maßnahme zu erwarten sind.

1. Den Schulbesuch fördern.
Rückseite: Richtig - eine Ausbildung ist wichtig dafür, daß Sidnei und seine Freunde etwas lernen und berufliche Chancen entwickeln. Der Staat muß allerdings den Schulbesuch unterstützen: Durch die Verringerung der Schulkosten und durch Schulstipendien.

2. In Österreich keinen Orangensaft kaufen.
Rückseite: Falsch - Das hätte nur die Entlassung von Erntearbeiter/innen zur Folge. Die Familien hätten noch weniger zum Leben.

3. Die UNO soll Brasilien zwingen, die Kinderarbeit sofort zu eliminieren.
Rückseite: Falsch - Eine kurzfristige Abschaffung ohne Alternativen für die Kinder und die Familien würde die Situation der Kinder wahrscheinlich verschlechtern. Eine Abschaffung muß schrittweise erfolgen und mit Sozialmaßnahmen Hand in Hand gehen.

4. Höhere Löhne für die Erwachsenen.
Rückseite: Richtig - Wenn die Erwachsenen mehr Lohn (und eine Sozialversicherung) erhalten, müssen die Kinder nicht arbeiten gehen und können zur Schule gehen.

5. Kaufen von "gerechtem" Orangensaft (gute Löhne für Erwachsene, keine Kinderarbeit)
Rückseite: Richtig - Der Kauf von "gerechtem" Orangensaft bedeutet, daß die Erwachsenen besser verdienen, die Kinder also nicht mehr arbeiten müssen. Übrigens: Ab 1998 gibt es so einen "gerechten" Orangensaft (mit TRANSFAIR-Gütesiegel).

6. Apfelsaft kaufen.
Rückseite: Falsch - Für die Kinder auf den brasilianischen Orangenplantagen hätte das (wie bei einem Boykott) eher negative Auswirkungen. Übrigens kommt ein Großteil der Äpfel für unseren Apfelsaft aus dem Supermarkt auch aus Übersee.

Die Kärtchen hängt Ihr mit Tixo auf die untere Seite des Plakates, sodaß man sie umdrehen und weiterhin die Auswirkung nachlesen kann.


Zum Abschluß könntet Ihr noch eine

"Informationskampagne" für den "gerechten" Orangensaft


gestalten

Es ist wichtig, andere Leute auf die Sache mit dem Orangensaft und der Kinderarbeit aufmerksam zu machen. Außerdem sollen viele mithelfen, daß es den "gerechten" Orangensaft gibt. Die Gruppenmitglieder könnten nun z.B. einen Infospot für Fernsehen oder Radio (kann auf Video oder Cassettenrecorder aufgenommen werden) oder ein Plakat mit Slogan, Bild, u.s.w. (mit Farbstiften und/oder als Collage) gestalten.

Die Beiträge zur Infokampagne können dann auch in der Pfarre (oder anderswo) gezeigt oder aufgehängt werden.



Sidnei erzählt



Seit vier Stunden schon wühlt sich Sidnei durch Blätter und Äste. Flink schnappt sich der Zwölfjährige eine Orange nach der anderen und stopft sie in den großen umgehängten Sack. Dann rückt er die Leiter zurecht, um die Spitzen abzupflücken.Seit sieben Uhr geht er von Baum zu Baum auf einer Plantage, deren Ende nicht zu sehen ist. "Mein Alltag?" sieht er erstaunt auf. "Hm. Was soll ich dazu sagen? Er besteht nur aus Arbeit. Da gibt's wenig Zeit. Um fünf Uhr stehe ich auf, geh' aus dem Haus und nehme den Bus, der zum Orangenhain fährt. Wenn alles abgeerntet werden soll, dauert das manchmal bis acht Uhr abends. Aber wenn es wie heute ist, fahren wir um fünf oder halb sechs zurück."
Seit einem Jahr arbeitet der kleine schmächtige Bub mit Vater und Bruder auf den Orangenplantagen rund um die Stadt Itápolis im Inneren des Bundesstaates São Paulo. 60 Kisten zu je 30 Kilo füllt er pro Tag, die dann von einem Lastwagen abgeholt werden. Wohin die Früchte gehen, interessiert ihn kaum. Daß sie auch in Übersee landen, weiß er nicht. Seine Gedanken drehen sich um die Gefahren, die ständig auf ihn lauern. Wie etwa die vielen Bienen, unter denen auch die aggressiven "Killerbienen" zu finden sind, die oft in Schwärmen angreifen.
"Klar bin ich schon gestochen worden. Auch einmal am Auge. Das ist ganz dick geworden, war ganz schön schlimm", berichtet der Bub. "Gestern zum Beispiel habe ich plötzlich einen Bienenstock vor mir gesehen und bin gleich weggerannt. Denn da sollte man nicht dran gehen, weil sie dich packen."
Sidnei wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Aber Schlangen gibt's auch. Wenn das Gras hoch ist, muß man enorm vorsichtig sein. Wenn nicht, beißen sie dich. Und dann mußt du sehen, daß du schnell in ein Krankenhaus kommst. Manche haben zwar kein Gift, aber oft gibt's giftige Schlangen." Der Junge schüttelt sich. "Ich habe mal in einem Hain gearbeitet, wo es viele Klapperschlangen gab. Da hatte ich ständig Angst."
Fast vergessen machen diesen Gefahren aber die eigentlichen Lasten, die Sidneis Körper ständig zu tragen hat. "Naja, schwer ist diese Arbeit auch", brummelt der Junge, in sein Schicksal ergeben, in sich hinein. "Wir müssen ja viele Kisten tragen, die Leiter und so, das ist schon schwer." Und nach kurzem Nachdenken fällt ihm ein "Ja, und schlecht ist es auch, wenn es regnet. Da ist der Boden aufgeweicht, und wir arbeiten vollkommen durchnäßt. Du bekommst eine Grippe und hast nicht mal das Geld, dir Medikamente zu kaufen."
Am liebsten würde er ja in einer Bank arbeiten, gesteht der 12jährige noch, als er zwischen den Blättern des nächsten Baumes verschwindet. Aber daraus wird wohl nichts mehr. "Ich muß jetzt arbeiten, um zu Hause meinen Eltern zu helfen." Ohne die Hilfe der beiden Söhne nämlich käme der Vater gerade auf einen Mindestlohn von umgerechnet 700 Schilling. Das reicht jedoch für die siebenköpfige Familie nicht, die vor einigen Jahren hierher kam. Und wer weiß, wie lange der Vater überhaupt noch mit seinen Rückenschmerzen pflücken kann. Sidnei hat nicht einmal die vierte Klasse abgeschlossen.

aus: Kinderarbeit und Orangensaft; Hrsg. v. Dritte Welt Haus Bielefeld, 1995

Publikation: KiK 96

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Schlagwörter: Welt, Ungerechtigkeit, Werte, Essen