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Mythen rund um Kindererziehung

Was wir so alles über Kinder und ihre Erziehung hören und wie wir mit diesen Mythen umgehen können

Bekanntlich hat Österreich ja 8 Millionen Fußballprofis – aber auch bei anderen Themen gibt es viele Leute, die meinen sie wissen wo’s langgeht. Oft sind diese „hilfreichen“ Meinungen, mit denen wir auch in der Jungschararbeit immer wieder konfrontiert werden, aber nicht mehr als Mythen: Ein Kern von Wahrheit, um den sich im Laufe der Zeit eine dicke Schicht von Unsinn gesammelt hat.

„Frauen haben da so einen Instinkt – das mit der Nähe können Männer einfach nicht.“

Das ist ja ganz offensichtlich Blödsinn. Es kennt wohl jede/r von uns Frauen, die sich mit Kindern nicht unbedingt leicht tun, und umgekehrt auch Männer, die es voll drauf haben, Kindern die Nähe zu geben, die sie brauchen. Scheinbar gibt es sehr wohl Menschen, die das „im Gefühl“ haben, das hängt aber nicht mit dem Geschlecht zusammen. Viel eher kommt es wohl darauf an, dass man lernt, sich ehrlich auf die Kinder einzulassen – und dabei kommt einem viel Übung sicher zugute. Je mehr Zeit wir in unserem Leben mit Kindern verbringen, desto sicherer werden wir uns in schwierigen Situationen fühlen. Auf dieser Ebene gibt es allerdings wahrscheinlich doch einen Zusammenhang mit der Geschlechtersache: Frauen und Mädchen hatten (und haben in unserer Gesellschaft auch heute noch) traditionell wesentlich mehr Gelegenheit, etwas mit Kindern zu tun – da ist es wohl kein Wunder, dass dieses Vorurteil in den Köpfen vieler Menschen immer noch sehr stark ist.

„Das ist aber ein verwöhntes Baby – das müsste man auch mal schreien lassen!“

Diese Meinung hält sich leider immer noch sehr hartnäckig – obwohl mittlerweile eigentlich klar sein müsste, dass da rein gar nichts dran ist, und dafür gibt es mindestens zwei gute Argumente: Im ersten Lebensjahr werden die Weichen gestellt für das ganze spätere Leben. Da geht es um Verknüpfungen im Gehirn und darum, dass das Baby lernt, wie sich die Welt zu ihm verhält. Wenn seine Bedürfnisse in dieser Zeit nicht erfüllt werden, lernt das Kind vor allem, dass die Welt keine freundliche ist und dass es der Normalfall ist, wenn es nicht das bekommt, was es braucht. Das wird vor allem zu einer Grundstimmung von Misstrauen führen, die wohl nicht unbedingt das ist, was Kindern mit auf den Weg gegeben werden soll. Zweitens haben Babys ja noch keine Möglichkeit, ihre Bedürfnisse anders als durch Schreien auszudrücken. Sie haben auch keine Möglichkeit, sich selbst zu stillen oder zu verstehen, was rund um sie passiert. Jemandem, der vollkommen hilflos ist und noch dazu keine Ahnung davon hat, was rundherum geschieht, nicht das zu geben, was er/sie braucht, ist wohl kaum etwas anderes als Grausamkeit.
Und wirklich: Die Lungen von Babys sind absolut stark genug – auch ohne Schreien!

„Er/Sie will ja nur Aufmerksamkeit!“

Dieses Urteil wird meist gefällt, wenn Kinder sich vollkommen irrational verhalten und so für die Erwachsenen schwierige Situationen provozieren. Oft ist das gar nicht so weit gefehlt – Kinder holen sich Aufmerksamkeit manchmal auf für Erwachsene unverständliche Weise. Das Problem an der Sache mit der Aufmerksamkeit ist allerdings das kleine Wörtchen „nur“. Von den Menschen im persönlichen Kontakt wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Manche Kinder bekommen zu wenig positive Aufmerksamkeit und Wertschätzung, dann holen sie sich die Aufmerksamkeit auf anderen Wegen. So ist wohl die beste Antwort auf diese hartnäckige Meinung: Ja, das ist wohl gerade wichtig für ihn/sie. Vielleicht kann man schwierigen Situationen, die solche Urteile herausfordern, aber vorbeugen, indem man ihm/ihr auch ohne Provokation oder Schwierigkeiten mehr positive Wertschätzung entgegenbringt.

„Kinder müssen verlieren lernen!“

Das ist ja grundsätzlich noch nichts Falsches. Der Schluss, der daraus normalerweise gezogen wird, ist, dass Kinder Spiele brauchen, in denen sie verlieren, um „gute Verlierer/innen“ zu werden. Was ist denn ein/e „gute/r Verlierer/in“? Die meisten werden darauf wohl antworten: Jemand, für den/die das Verlieren kein Problem ist, der/die auch noch Spaß am Spiel hat, wenn er/sie verliert.

Und um das zu lernen, sollen Kinder verlieren „üben“? Bei genauerem Nachdenken wird aber bald klar, dass der beste Weg, zu guten Verlierer/innen zu werden, ist, zu lernen, dass das Gewinnen nicht das Wichtigste am Spielen ist. Diese andere Wertung, die den Spaß am Spiel selbst in den Vordergrund stellt, kann man aber kaum lernen, indem man möglichst viele Wettkampf-Spiele spielt. Viel eher helfen Kooperationsspiele hier, sich an eine andere Sichtweise zu gewöhnen – und machen einem vielleicht später das Verlieren einfacher.

„Eine g‘sunde Watschen hat ja noch keinem geschadet!“

Doch, hat sie. Wirklich. Das zeigt ganz eindeutig das Entsetzen im Gesicht eines Kindes, das absichtlich von einem Erwachsenen verletzt wird. Oder auch die Angst, die Kinder haben, denen das regelmäßig passiert. Wer schon einmal miterlebt hat, wie ein Kind bei der kleinsten Bewegung eines Erwachsenen zusammenzuckt, weil es Angst hat, geschlagen zu werden, wird sich wohl kaum trauen, noch von „g‘sunden Watschen“ zu reden. Das tun heute auch – Gott sei Dank – die wenigsten Menschen, weil sich die Gesellschaft mittlerweile darauf geeinigt hat, dass Kinder nicht geschlagen werden dürfen. Daran sieht man, dass die Auflösung solcher Mythen Zeit braucht – als unsere Großeltern klein waren, war der Ausspruch über die „g‘sunde Watschen“ sicher noch verbreiteter. Klar wird daran aber auch, dass sich die öffentliche Meinung auch in diesen Dingen ändern kann, wenn die Mythen nur oft und intensiv genug hinterfragt werden.

Im Großen und Ganzen ist es wohl wichtig, bei allen Mythen rund um die Kindererziehung im Kopf zu behalten, dass es hier auch um Beziehung geht, nicht nur um Erziehung. Beziehungen brauchen viel Kommunikation und Verständnis. Beziehungen mit Kindern fordern das oft noch viel mehr, weil Kinder selbst noch nicht fähig sind, die volle Verantwortung für ihr Handeln und ihre Kommunikation zu übernehmen. Uns in die Kinder, mit denen wir etwas zu tun haben, hineinzuversetzen, braucht viel Geduld und die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen. Erleichtert werden kann das vor allem durch die Erinnerung an die eigene Kindheit und die Gefühle, die man als Kind hatte.

Nani Ferstl

kumquat "Mythen" 1/2013

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