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Was bisher geschah …

Sportgroßereignisse und ihre Folgen

Sport ist etwas Tolles – da sind wir uns wohl alle einig: den eigenen Körper erproben, Freude an der Bewegung haben, mit Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt zusammen kommen und dabei oft sogar Höchstleistungen erzielen.

Als im Jahr 2006 die Herren-Fußball-WM in Deutschland stattfand, gab es viel Euphorie und Vorfreude, die Spiele wurden mit viel Hoffnung erwartet. Und auch im Nachhinein lässt sich sagen, dass Deutschland und sein Image – ebenso wie die deutsche Wirtschaft – sicherlich von dieser Großsportveranstaltung profitierte. Wie oft haben wir inzwischen gehört: Deutschland traut sich wieder seine Fahne zu schwenken? Und das ist auch gut so.

Trotzdem sind sie in den letzten Jahren keine Seltenheit – die Sportgroßveranstaltungen, die uns negativ in den Schlagzeilen begegnen: in China schlug die Regierung jede Art von Wiederständen und Protesten nieder, die sich rund um die Olympischen Spiele 2008 ereigneten. Wir erinnern uns nur kurz an die Tibeterinnen und Tibeter, die sich in Verzweiflung selbst angezündet haben. Weiter ging es dann in Russland, im Februar 2014, wo vor allem Homosexuelle aufgrund von Diskriminierung und Gewalt ins Zentrum der Berichterstattung rückten. Und dann kam der Sommer in Brasilien, wo sich eigentlich nur ein paar Dutzend Männer auf Fußballfeldern spannende und faire Kämpfe liefern sollten, doch lasen wir auch da von Menschenrechtsverletzungen und gewaltvollen Zusammenstößen zwischen Zivilgesellschaft und Polizei.

Anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2016 in Brasilien sehen wir uns nun wieder mit sehr ähnlichen Thematiken konfrontiert: Polizeigewalt steht in Rio leider immer noch auf der Tagesordnung und Zwangsumsiedlungen aus Favelas werden weiterhin durchgeführt. Doch warum suchen sich die Veranstalter/innen großer Sportevents so oft Länder aus, die nicht gerade bekannt für den Schutz von Menschenrechten sind? Diese Frage lässt sich – leider – einfach beantworten: es ist viel leichter in Ländern eine Großveranstaltung zu organisieren, in denen fundamentale Menschenrechte fehlen, wo Korruption keinen Verstoß gegen politische Regeln darstellen, wo der Bau von Sportanlagen und Infrastruktur einfach ist und auch der Schutz von Umwelt keine hohe Priorität genießt.

China macht es vor und auch Brasilien muss leiden…

In Brasilien haben wir uns schon zur Herren-Fußball-WM 2014 mit den Problemen rund um sportliche Großereignisse beschäftigt. Bereits vor der Durchführung dieses Events gingen hunderttausende Brasilianerinnen und Brasilianer auf die Straße, um gegen die horrenden Ausgaben für die Fußball-WM zu demonstrieren. Diese Gelder fehlten dann nämlich in sozialen Bereichen, wie etwa Bildung, Gesundheit und dem öffentlichen Transport. Etwa 84% der Ausgaben für die Fußball-WM kamen aus öffentlicher Hand, während der Gewinn nur den Organisator/innen – also der FIFA – zugutekam.

Ein weiteres Problem stellte die Nutzung des öffentlichen Raumes dar. Um Platz für Stadien zu machen, und den internationalen Besucher/innen ein „sauberes“ Bild zu zeigen, wurden viele Bewohner/innen von Favelas (siehe Kasten und Artikel auf Seite 10-11) durch Zwangsumsiedlungen aus ihren Häusern vertrieben. Auch der Bau von Infrastruktur – vor allem Schnellbuslinien – war Ursache für Umsiedlungen und Räumungen von Favelas. Zwischen 2009 und 2015 wurden allein in Rio de Janeiro 22.059 Familien umgesiedelt – und das sind nur die offiziellen Zahlen.

Auch in diesem Zusammenhang wollen wir uns noch einmal an China erinnern: das Olympiastadion oder „Vogelnest“ wie es Chinesinnen und Chinesen liebevoll nennen, wurde gemeinsam mit anderen Sportstätten auf einer riesigen Fläche gebaut, auf der ursprünglich Hutongs (traditionelle Wohnviertel mit einstöckigen Häusern) standen. Auch für die Errichtung vieler anderer Sportstätten und von Infrastruktur – etwa den Bau der eigenen U-Bahn-Linie zum Olympiapark – wurden unzählige Menschen zwangsumgesiedelt. In Peking waren es laut einer Untersuchung des Zentrums für Wohnrechte und Vertreibung in Genf etwa 1,5 Millionen Menschen.

All das ist, sowohl in Peking als auch jetzt in Rio, nicht für die Bevölkerung gemacht worden, sondern für die internationalen Gäste, die das Land schon nach ein paar Wochen wieder verlassen. Oder ist auch das nur ein Vorwand? Denn bei den Umsiedlungen in Rio profitieren ganz besonders Investor/innen und Spekulant/innen der Immobilienwirtschaft, die den gewonnenen Boden – der sehr zentral liegt – als äußerst günstige Möglichkeit und gute Chance zum Geldverdienen sehen.

So ist es mehr als nur verständlich, dass sich am 20. Juni 2013 zwei Millionen Brasilianer/innen in unzähligen Städten des Landes zusammengefunden haben, um ihren Unmut kundzutun. Und das war nur die Spitze des Demonstrations-Eisbergs. Im Jahr 2013 – als sowohl die FIFA als auch das IOC (Olympisches Komitee) mitten in den Vorbereitungen waren – kam es zu einer enormen Protestwelle. Die Demonstrant/innen setzten sich vor allem gegen Korruption, die sozialen Missstände und die unrechtmäßige Polizeigewalt ein.

Es ist auch sehr interessant, dass die Demonstrationen nachgelassen haben, jedoch niemand darüber zu reden scheint. Wo sind die Brasilianerinnen und Brasilianer hin, die auf den Straßen Rios, Brasílias und São Paulos für ihre Rechte kämpften? Ist es die drohende Polizeigewalt, die sie in ihren Häusern hält, oder sind sie enttäuscht und erschöpft, da sich nach der WM nichts verändert hat?

Where do we go from here...?

Im Russland kam es im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 zu großen Protesten: kurz zuvor hatte die Regierung ein Anti-Homosexuellen-Gesetz erlassen, das jegliche positive Äußerung über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen verbietet – also auch in allen Medien. Die russische Bevölkerung hoffte auf internationale Aufmerksamkeit, die eine Aufhebung des Gesetzes bewirken sollte – was jedoch bis heute nicht passiert ist.

Trotz der großen Protestwelle vor drei Jahren in Brasilien hat sich im Zuge der Vorbereitungen der Olympischen Spiele leider auch nichts verändert. Genauso wie in Sotschi gab es auch in Brasilien internationale Aufmerksamkeit, jedoch war der Druck wohl nicht groß genug. Immer noch werden die gleichen Missstände kritisiert, angekreidet und trotzdem verändert sich nichts.

Es tut sich nichts – und was bleibt UNS zu tun? Wir können uns zurücklehnen, das restliche kumquat lesen und dann so weiter tun wie bisher. Oder wir können auch kurz mal inne halten und uns fragen, wer diese Welt, ihre Länder und ihre Städte regieren sollte. Einige wenige Reiche und Mächtige oder doch lieber ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Da kann ich also nur sagen: mischt euch ein! Oder wie es Stéphane Hessel noch besser sagt: empört euch!

Johanna Walpoth und Nani Gottschamel

kumquat "Olympia" 2/2016

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