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Rio beschäftigt seine Bewohner/innen und die Welt

Globale Eindrücke

Am 20. Oktober 2009 wurde in Kopenhagen die Entscheidung getroffen, die olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro stattfinden zu lassen. Seitdem gab es dazu weltweit viele Reaktionen. Angefangen bei Chicago, das trotz der Unterstützung von US-Präsident Barack Obama nicht über die erste Wahlrunde hinauskam – über die Chancen, die Brasilien durch Olympia erwachsen können – bis hin zum Zikavirus, der derzeit die Medien auf Trab hält. Ebenso herrschen Zweifel, ob Rio rechtzeitig mit den Vorbereitungen fertig wird – vor allem die Möglichkeit, Wettbewerbe in der Guanabarabucht abzuhalten, werden von manchen Segelverbänden kritisch gesehen. Nahezu alle Abwässer Rios gelangen ungefiltert in die Bucht und durch diverse Flüsse wird auch großer Abfall wie Fernseher und Sperrmüll in die Bucht gespült – dass nun dort auch Öl gefördert wird, schafft wohl auch kein zusätzliches Vertrauen in die Wasserqualität. Doch hier tut sich viel, aufgrund von Olympia. Das Wasser wird mittels neuer Kläranlagen gefiltert, Barrieren in Flüssen halten große Müllteile auf und Boote mit Netzen durchkämmen die Bucht.

Ein weiteres großes Thema stellt der Zikavirus dar. Einige Athlet/innen äußerten bereits ihre Angst aufgrund des durch Moskitostiche übertragbaren Virus, in das Land einzureisen. Die WHO hat zwar einen Gesundheitsnotstand wegen Zika ausgerufen, allerdings bezieht sich dieser auf Schwangere, da ein Zusammenhang zwischen einer Zikainfektion und Mikrozephalie bei Neugeborenen vermutet wird. Für alle anderen verläuft eine Infektion eher harmlos mit leichtem Fieber und Kopfschmerzen.
Auch viel in den Schlagzeilen rund um das Thema Olympia sind die Favelas.

Favela ist eigentlich der Name einer Kletterpflanze, aber da sich die Armenviertel in Rio de Janeiro an den Bergen ansiedeln, hat es den Anschein, als würden diese ähnlich wie die Pflanze daran hochklettern. Daher heißen Slums in Brasilien Favela. Doch Favelas einfach als Elendsviertel abzustempeln, funktioniert nicht. Denn Favelas entwickeln sich oft – einst eine Ansammlung provisorisch aus Müll gebaute Behausungen, sind manche Favelas mittlerweile kleine, liebevoll gepflegte Siedlungen mit Dorfcharakter mitten in der großen Stadt. Einige wurden sogar schon in den Stand von bairros erhoben und umbenannt. Bairros sind reguläre Stadtviertel. Trotzdem stehen Favelas nach wie vor für Kriminalität, Ausgrenzung und gelten als von Drogenbanden regiert. Einerseits haben diese Vorurteile eine solche Reichweite, dass das Australische Olympische Komitee seinen Athlet/innen verboten hat, während der Wettkämpfe in Rio Favelas zu betreten, andererseits versucht die brasilianische Regierung Favelas abzureißen und umzuwidmen. Das Bedürfnis zu haben, ein gutes Bild nach außen zu vermitteln ist eine Sache, Menschen, die sich nichts zuschulden kommen ließen, ihr Zuhause wegzunehmen, um das zu erreichen, eine ganz andere. Doch genau das ist der Punkt. Rio möchte einen guten Eindruck erwecken. Allerdings hat der Austragungsort der Olympischen Spiele 2016  mit vielen negativen Schlagzeilen diesbezüglich zu kämpfen.

Verwunderlich aber ist, was man kaum in Berichterstattungen findet, wenn man nicht gezielt danach sucht. Damit die olympischen Spiele möglichst problemlos von Statten gehen, „reinigt“ die Militärpolizei die Stadt. In anderen Worten: die Polizeigewalt ist explodiert. Laut Amnesty International starb in den letzten fünf Jahren dort fast jeden Tag ein Mensch durch die Hand eines Polizisten oder einer Polizistin. Wenn dies tatsächlich für Olympia getan wird, stellt sich die Frage, ob der Grundgedanke der Spiele in Rio verstanden wird. Mit Frieden haben diese Aktionen jedenfalls nichts zu tun.

Informelle Siedlungsgebiete: Ein informelles Siedlungsgebiet bezeichnet ein Viertel innerhalb oder am Rande einer Stadt mit mehr oder weniger provisorisch gebauten Unterkünften. Es sind neue, ungeplante Stadtteile, die entstehen, weil es einen dringenden Bedarf an Wohnmöglichkeiten gibt. Oft werden diese Stadtteile auch als „Slums“ oder „Elendsviertel“, in Brasilien meist als Favelas bezeichnet. Diese Siedlungen haben gemeinsam, dass sie – da sie auf informellem Wege entstehen – keine Infrastruktur haben, also keine asphaltierten Straßen, keine Müllentsorgung und oft auch keinen Strom. Sie sind meist sehr dicht besiedelt und liegen an unwirtlichen Stellen, eben dort, wo es noch unbebaute Flächen gibt. In Brasilien leben etwa 19% der Bevölkerung in sogenannten Favelas, das ist mehr als das Vierfache aller Österreicher/innen.

 

Regionale Eindrücke

„Die Stadt soll für ihre Bewohner/innen da sein!“

Diese klare Forderung äußerte Julia Bustamente, Menschenrechtsaktivistin aus Rio de Janeiro. Sie arbeitet bei PACS (Instituto Politico de Alternativas para o Cone Sur, Institut für alternative Politik im Cono Sur, Partnerorganisation der DKA), einer Organisation, die nach Alternativen zum bestehenden Macht- und Wirtschaftssystem verlangt und erarbeitet. Diese Organisation engagiert sich sowohl auf politischer als auch auf individueller Ebene. Julia war Anfang März in Wien und hat bei verschiedensten Gelegenheiten über die Situation in Rio de Janeiro berichtet.

Weg mit den Favelas!

Im Zuge der Vorbereitungen für die Olympischen Spiele sind die Favelas und ihre Bewohner/innen ein großes Thema. Es ist die arme Bevölkerung Rios, die in informellen Siedlungsgebieten lebt und nun von der Regierung verdrängt und zwangsumgesiedelt werden soll. Viele Gebiete sind diesen Verordnungen schon zum Opfer gefallen. Sie sind am „falschen“ Ort. Rio will sich den Besucherinnen und Besuchern von seiner „schönsten“ und erfolgreichsten Seite zeigen und in diesem Bild haben Favelas keinen Platz. Deshalb sollen die Menschen gehen, ihre Häuser verlassen und in Gegenden ziehen, die nicht nur weit weg vom Stadtzentrum und dem gewohnten Umfeld sind, sondern auch schlechte Bedingungen für die Menschen schaffen. So gibt es in diesen Gegenden zum Beispiel noch keine Schulen.

Mittendrin statt nur dabei

Julia Bustamente arbeitet schon seit einigen Jahren – auch während der Männer-Fußball WM in Brasilien 2014 – gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von PACS in Favelas von Rio. Sie betont, wie wichtig es ist, direkt bei den Leuten in den betroffenen Gebieten zu wohnen. Dadurch erhält sie nicht nur mehr Einblick in die Lage der Menschen, sondern kann auch mehr politischen Druck aufbauen.

Die Regierung arbeitet in den Gebieten mit psychischer Gewalt, indem sie die Menschen erpressen. Entweder sie würden gleich gehen, oder sie bekämen keine Abfertigung. Außerdem werden Teile von Favelas abgerissen und die Ruinen stehen gelassen. Auch das trägt dazu bei, dass Menschen ihren Wohnort verlassen, denn wer will schon in einer Ruinenstadt leben?
Die Bevölkerung von Rio wird also vertrieben, dorthin, wo sie niemand sieht und wo sie – in den Augen der brasilianischen Regierung – niemanden „stört“.

Polizeigewalt

Neben den Vertreibungen und Umsiedlungen ist die Gewalt, die von Regierungskräften ausgeht, derzeit ein großes Problem in Rio. Polizeigewalt ist eine institutionalisierte Form der Gewalt, die der Zivilgesellschaft nie auf Augenhöhe begegnen kann. Sie unterscheidet sich in diesem Sinne also von anderen Formen der Gewalt innerhalb einer Gesellschaft. Diese Tatsache ist ein Hinweis auf die Unfähigkeit des Staates, der andere Antworten auf Gewalt in der Zivilbevölkerung haben muss. Aufgabe des Staates wäre es, Gewalt einzudämmen, zu wissen wie ihr vorgebeugt werden kann und nicht neue Formen zu kreieren.

Stimmen aus Rio

Vor Ort gibt es jede Menge Menschen und Organisationen, die sich mit den Problemen, die die Olympischen Spiele nach Rio tragen, auseinandersetzen. Neben PACS ist auch Terres des Hommes eine solche Organisation. Hier stehen die Kinder und ihre Rechte im Zentrum. Von der aktuellen Problematik in Rio sind auf der Straße lebende Kinder und Jugendliche ganz besonders betroffen, da sie mit den Umsiedlungen ihr komplettes soziales und infrastrukturelles Umfeld verlieren. Dadurch werden sie besonders verletzbar und schutzbedürftig.

Im März 2016 fanden in Rio die Straßenkinder-Spiele, eine Art „Mini-Olympics“, und direkt anschließend der Straßenkinderkongress statt. Es nahmen Kinder und Jugendliche an diesem Kongress teil, die auf der Straße leben. Ziel war ein Austausch und eine Reflexion über ihre Lebenssituation auf der Straße, über die Herausforderungen und über mögliche Veränderungen und Verbesserungen.

Ein Ergebnis dieses Kongresses war die Rio Resolution, die an die UN-Kinderrechtskonvention und die darin festgeschriebenen Rechte ALLER Kinder erinnert. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Recht auf Gewaltfreiheit, das durch die Polizeigewalt in Rio nur zu oft verletzt wird.

Von Rio bis nach Wien

Bis nach Europa – und mit ihrem Besuch auch direkt bis nach Wien – klingen Julia Bustamentes Forderungen: Arme sollen nicht verfolgt und in die Enge getrieben werden! Die Polizei soll demilitarisiert werden! Das Recht auf Demonstrationen muss wieder aufrecht sein! Das Naturschutzgebiet Rios soll wieder eines werden und die Meere sollen in allen Teilen der Stadt gesäubert werden, nicht nur dort, wo die Tourist/innen sind!

Sie beendet ihren Bericht mit einer wichtigen Aussage, die für uns eigentlich sehr logisch erscheint: „Olympia ist nicht größer als das Leben von Menschen.“

Sarah Dittmoser-Pfeifer und Johanna Walpoth

kumquat "Olympia" 2/2016

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