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70 Jahre Jungschar

ca. 2.000 Wörter zu den letzten 70 Jahren, zu Meilensteinen und zu Jungschar als Bewegung.
ein Versuch von Gerald Faschingeder
 
Als ich 1980 die Welt der Jungschar betrat – damals als 8-Jähriger in meiner Pfarre –, da konnte ich nicht ahnen, dass ich mich gute 37 Jahre später immer noch in diesem Kosmos bewegen werde. Nun, im Jahr des 70. Jubiläums der Katholischen Jungschar Österreichs, habe ich also mehr als die Hälfte der Jungschar-Existenz selber miterlebt. Bin ich also in guter Verfassung, um über die Geschichte der Jungschar in den letzten sechs Jahrzehnten zu schreiben?

Tatsächlich lässt mich Etwas zögern. Mir ist gar nicht wohl bei dem Gedanken, die Welt der Jungschar in eine geschichtliche Ordnung zu bringen, sie erzählbar zu machen, abzuheften in die Ablage der Geschichte. Die Augen, mit denen ich heute lese, sind andere als jene von gestern. Geschichte lässt sich immer nur von einem Standpunkt aus erzählen; ehemalige Mitarbeiter/innen der Jungschar erzählen die Geschichte der Jungschar anders als aktive oder als Außenstehende. Geschichte ist nicht unbedingt das, „was wirklich einmal gewesen ist“ (so der Historiker Leopold von Ranke), sondern etwas, das als Antwort auf gegenwärtige Fragen, auf ein gegenwärtiges Publikum hin erzählt wird.
Mache ich es spannend? Ich sollte ja zum Geschichte-Erzählen kommen, denn es gibt ein berechtigtes Interesse daran, was sich in der Vergangenheit der Jungschar so alles getan hat. Ich versuche es also doch einmal, und zwar chronologisch, schön der Reihe nach.

1940er Jahre – Gründungszeit

Die offizielle Geburtsstunde der Jungschar liegt in den Märztagen des Jahres 1947. Damals setzten sich die resolute Willy Lussnigg, Pater Johann Glaser OSFS[1], Kaplan Gold und einige andere Gründungspersonen der Jungschar am Rande des Bundesführungskreises des Katholischen Jugendwerkes Österreichs zusammen, um die Einrichtung der Jungschar als eigenen Bereich für Kinder zu beschließen. Ab damals bestand die Jungschar auf Österreich-Ebene, aber als Teil der Katholischen Jugend, im Rahmen des Katholischen Jugendwerkes Österreichs. Allerdings gab es zwei Jungscharen, nämlich die Mädchenjungschar und die Bubenjungschar, die in Form des Bundesführungskreises über eine gemeinsame Leitung verfügten.

Das ist aber eigentlich ein falsches Datum, um den Beginn der Jungschar anzusetzen. Willy Lussnigg war schon vorher in der Erzdiözese Wien für das tätig, was dann Jungschar genannt werden sollte. Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialist/innen gab es eine Reihe von Organisationen, die Kindern spezielle Erlebensräume anboten, die anders waren als die damals üblichen Formen der Kinderkatechese[2]. Der Bund Neuland war insofern wohl der wichtigste von diesen, als aus dieser Organisation die meisten der Gründer/innen der Jungschar kamen, inspiriert von der Absicht, die Kirche zu verjüngen und zu erneuern (deshalb ja der Name „Neuland“).

In der Zeit zwischen 1938 und 1945 wurden all diese Organisationen aufgelöst. Dem Priester Karl Dorr sowie Willy Lussnigg gelang es aber, gemeinsam mit einigen Weggefährt/innen als „Institut für Jungvolkführung“ innerhalb des Seelsorgeamtes der Erzdiözese Wien weiterzuarbeiten. Diese Arbeit war gefährlich, da von den NS-Machthabern unerwünscht.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes konnte nahezu nahtlos an das angeknüpft werden, was in der Zwischenzeit methodisch ausformuliert und vielfach erprobt worden war. In der Jungschar wurde das ganzheitliche Lernen und Erleben der Kinder in den Mittelpunkt gestellt: Neben der gemeinsamen Glaubenspraxis, dem Gebet und etwas Belehrendem, spielten Gesang, Spiel und Bewegung eine wichtige Rolle. Die dahinter stehende Idee klingt heute einfach, war damals aber etwas völlig Neues: Katholisch sein sollte nicht gelehrt, sondern in den Beziehungen zu Gleichaltrigen und über das Vorbild des/der Gruppenführers/in erlebt werden.

1950er und 1960er Jahre – Aufbau und Wachstum

Die ersten 15 bis 25 Jahre waren eine Zeit des rasanten Wachstums der Jungschar. Die neue Idee fand viele Anhänger/innen. Dies war wohl nicht nur deshalb der Fall, weil die Idee einfach gut war (ja, ich bin da parteiisch!), sondern auch, weil die Bischöfe dahinter standen. Vor dem NS-Regime gab es eine fast unüberschaubare Vielzahl an Organisationen, die sich nicht gerne von den Bischöfen in die Karten schauen oder kontrollieren lassen wollten. Mit der neuen, einheitlichen Struktur war das anders. Insbesondere Kardinal Innitzer befürwortete den Aufbau einer einheitlichen Organisation; die Bischofskonferenz erließ im Oktober 1946 dazu die „Richtlinien zur einheitlichen Gestaltung der kirchlichen Jugendarbeit in Österreich“. Auch stimmte das Vertrauensverhältnis, hatte man doch die sieben schwierigen Jahre der NS-Herrschaft gerade durch eine gute Zusammenarbeit bewältigt.
So erfreute sich die Jungschar wie auch die Katholische Jugend eines raschen Wachstums. Großveranstaltungen trugen das ihre dazu bei, dass die Jungschar attraktiv war: Neben sportlichen Groß-Wettkämpfen im Sommer wie im Winter wurden auch Lichtstafetten[3] durchgeführt. Als eine deren positiver Folgen entstand übrigens auch die Sternsingeraktion: Man wollte sich bei der MIVA[4] für das Zur-Verfügung-Stellen eines Jeeps bedanken und sammelte mit Sternsingern für ein Motorrad für die Mission. Bekanntlich blieb es nicht bei den drei Motorrädern, die mit dem Erlös der Sternsingeraktion gekauft werden konnten.

(So, jetzt sollte ich eigentlich bei der Halbzeit in der Jungschargeschichte – also 1977 – sein, habe schon die Hälfte des Platzes beschrieben, der mir zur Verfügung steht. Es gibt aber noch sehr viel zu sagen. Ihr seht, der Geschichtenerzähler muss die Art und Weise, wie er Geschichte darstellt, ständig mit sich selbst ausmachen.)

Eigentlich würde ich noch gerne ein paar inhaltliche Punkte einfügen. Da wäre zum einen der bewusste Umgang mit Geschlechtlichkeit. Die Jungschar-Führung bemühte sich darum, Mädchen und Buben zu einem bewussten Frau- oder Mannsein zu verhelfen. Das geschah damals aber nicht auf sonderlich emanzipatorische Art und Weise. Selbstbewusstsein – auch von Mädchen – war durchaus erwünscht, aber alles hatte seine Grenzen. „Reinlichkeitserziehung“ stand am Programm und schloss den „Kampf gegen Schmutz und Schund“ in der Kinder- und Jugendliteratur ebenso ein wie einen Zugang zu Sexualität, der aus heutiger Sicht als körperfeindlich und repressiv bezeichnet werden würde. Dies änderte sich gegen Ende der 1960er Jahre.

1970er und 1980er Jahre – radikale Demokratisierung

Ich bin ganz ratlos, welchen Titel ich für diese Zeit nehmen soll. Auch vor 1970 wurde in der Jungschar nach demokratischen Regeln gearbeitet. Es gab viele Gremien und Abstimmungen. Die Jungschar war eben keine militärisch-zentralistische Organisation. Aber die sozialen Aufbrüche, die die 1968er Bewegung brachte, schüttelten auch die Jungschar gehörig durcheinander. Insbesondere das Zweite Vatikanische Konzil stand hier als Pate einer umfassenden Demokratisierung, oder, wie mir treffender erscheint: einer Radikalisierung der Demokratie in einer bereits formal demokratischen Organisation. Das hatte auch mit einer Auflehnung der neuen Generation gegen die Altvorderen zu tun, deren als paternalistisch und bieder erlebten Stil man zu überwinden trachtete.

Sichtbar wurde der neue Wind zum einen daran, dass 1973 Mädchen- und Buben-Jungschar nun zu einer Organisation wurden. Zum anderen aber verabschiedete man sich vom alten Symbol – dem Kreuz mit Krone – und wählte das egalitäre Zeichen des Kreises, in dessen Mitte ein Kreuz stand, allerdings eines, das über den Kreis hinausreichte. Die Jungschar wollte missionarisch sein und bleiben: Christus ist unsere Mitte, aber er wirkt – durch uns – über uns hinaus.

Inhaltlich schien kein Stein auf dem anderen zu bleiben. Gruppendynamik und Kommunikation wurden Teil einer jeden Ausbildung; die Begriffe „Führer“ und „Führerin“ wurden durch den/die „Gruppenleiter/in“ ersetzt. Von „Reinlichkeitserziehung“ war nicht mehr länger die Rede; im Gegenteil galt es nun, dass Kinder möglichst selbstbewusst ihren Weg finden. Anstelle von Glaubensunterweisung trat die Vorbereitung hin zu einer „personalen Glaubensentscheidung“, wie es das neue Statut von 1970 formulierte.

Große symbolische Bedeutung kam den österreichweiten Großveranstaltungen zu. Die Mädchen trafen einander auf der „Palette“, bei der, wie der Name schon vermuten lässt, das Kreative im Mittelpunkt stand. Die Buben mussten zunächst auf „Bubenolympiaden“ gegeneinander kämpfen, durften dann aber eine kooperativ-kreative Woche am „Bundeslager“ verbringen, nachdem eine empirische Studie belegt hatte, dass die Wettkämpfe dazu führten, dass Vorurteile gegen Kinder aus anderen Bundesländern auf den Bubenolympiaden mehr und nicht weniger wurden. 1985 war auch ich dabei – zufälligerweise am letzten durchgeführten „Bundeslager“.

1990er Jahre bis 2004 – Jungschar in der Postmoderne

Es bleiben mir 1.400 Zeichen, um zu erzählen, dass der Jungschar in der Zeit nach 1989 auch nicht fad wurde. Bis 1998/99 gab es jährlich ein Jahresthema – zehn Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhanges“ wurde dieses vermeintliche Relikt aus der Zeit der großen Ideologien, als man sich gerne in „großen Sätzen“ und konkret unter anderem in Form von Jahresthemen auszudrücken pflegte, abgeschafft. Ab nun wurde alles zum Projekt, Fragmentierung und eine etwas größere Unverbindlichkeit machten sich breit. Ich gestehe, ich genoss diesen Zustand, da man so viel Neues ausprobieren konnte. 1992 stieg ich in die Diözesanleitung ein. Alle paar Jahre verwarfen wir alte Konzepte: Zuerst machten wir aus dem Wiener Gruppenleiter/innentag das „Boarding Now“, dann beerdigten wir das KiK (die frühere Jungschar-Zeitschrift KiK – „Kinder in der Kirche“) und beerbten es mit dem Kumquat. Auf Bundesebene verabschiedeten wir 1995 das alte Kreis & Kreuz-Zeichen in Ehren und erwählten das kantige neue Logo, das viel besser die neue Lage ausdrückte: Die Ganzheit ist verloren, es lebe das Schiefe, das Irritierte, der Bruch! Der Kosmos der Jungschar wurde dank eines Leitbildes in vier „Säulen“, wie gerne gesagt wird, unterteilt: Lebensraum, Kirche, Lobby und Hilfe.

2004 bis heute – Jungschar in einer Kirche auf Schwundstufe

Der kirchliche Erosionsprozess hatte freilich schon viel früher begonnen und mit dem Megatrend der Säkularisierung zu tun. Kirchenaustritte erreichten aber immer dann Spitzenwerte, wenn ein neuer kirchlicher Skandal zu beklagen war. Die Diözese reagierte darauf mit sehr verschiedenen Maßnahmen.

Zum einen wurde das Thema Gewaltprävention nun bedeutsam, auch auf der Burg Wildegg wurde nun das Thema sexuelle Gewalt an Kindern ins Programm der Grundkurse aufgenommen; eine eigene "Stabstelle Missbrauchs- und Gewaltprävention, Kinder- und Jugendschutz" wurde geschaffen, mit der die Jungschar eng zusammenarbeitet.

Zum andere startete die Diözese einen groß angelegten inneren Erneuerungsprozess: Mit missionarischen Großveranstaltungen wie der Stadtmission (2003), APG 2010 (ab 2008) und darauf folgend APG 2.1 wurde versucht, einen neuen Schwung unter die Mitarbeiter/innen in den Pfarren zu bringen. Gleichzeitig wurden Strukturen der Diözese umgebaut (Prozess "Kirche für Zukunft"): Die Katholische Jungschar wechselte 2004 von der Katholischen Aktion in den neu geschaffenen Bereich der Kategorialen Seelsorge (wenn sie auch formell weiterhin Mitglied der Katholischen Aktion blieb). Damit sollte Kinderseelsorge als eine "Kategorie" der kirchlichen Arbeit neu gefasst werden. Für die Pfarren blieb die Veränderung wenig spürbar, im Jungscharbüro konnte jedoch im Bereich Kinderliturgie das Angebot ausgeweitet werden. Darin zeigte sich die neue, stärker missionarische Ausrichtung der Erzdiözese Wien.

Das Konzept dürfte sich nicht wirklich bewährt haben, denn elf Jahre später wurde eine neue Stelle, die „Junge Kirche" geschaffen, der nun neben der Jungschar auch die Ministranten-Seelsorge sowie die Katholische Jugend zugeschlagen wurden. Die innere Struktur der Jungen Kirche ist aber, im Gegensatz zu ihrem Namen, nicht sehr jung, folgt sie doch dem traditionellen hierarchischen Prinzip, während in der Katholischen Aktion gewählte Laien die Leitung ausübten. Demokratie ist aber auch außerkirchlich in die Defensive geraten, insofern folgte man dem Trend der Zeit.

Diesmal ist die Veränderung für die Jungschar in den Pfarren deutlicher zu erkennen: Das Kumquat als Werkbrief der Katholischen Jungschar Wien wurde mit 31.12.2016 eingestellt; das Jungscharbüro wird in der aktuellen Form mit dem nächsten Jahreswechsel Geschichte sein - eine Geschichte, die immerhin in der NS-Zeit begann und viel Auf und Abs kannte. Die ehrenamtlich gewählte Diözesanleitung (DL) der Katholischen Jungschar wird es aber weiterhin geben, ebenso wie die Sternsingeraktion.

Herausforderungen

Im 21. Jahrhundert angekommen, steht die Jungschar nun unter Dauerstress. Man glaubt uns immer weniger, dass es uns noch gibt. Mitglied in einer Organisation und das auf Dauer? Gruppenleiter/innen, die fünf oder gar acht Jahre lang eine Gruppe leiten? Das alles gibt es gar nicht mehr, glaubt man einigen Jugendstudien. Davon abgesehen versteht die österreichische Menschheit immer weniger, was man immer noch in der Kirche – noch dazu in der römisch-katholischen – verloren hat. Die Jungschar gefällt aber immer noch gut 100.000 Kindern in ganz Österreich. Viele Jugendliche engagieren sich hier, und das auch langfristig: Die Kirche bleibt weiterhin ein Ort, an dem junge Menschen interessante Dinge ausprobieren können, wie zum Beispiel Kindergruppen zu leiten. Jungschar als Kirche darf immer noch Fragen an das Leben stellen. Das Kreuz – und damit alle existenziellen Fragen – bleibt eine Lebenserfahrung.

Aber die neue Herausforderung lautet: Wie werden sich die jüngsten strukturellen Veränderungen auswirken? Wird die Jungschar ihren Bewegungscharakter erhalten können? Wie gelingt es, die Freude am eigenen Tun auch den nachfolgenden Generationen weiterzugeben? Wie öffnet man den Blick auf das Wesentliche? Wird der Kirche nun tatsächlich ein missionarischer Aufbruch gelingen?
Wir werden sehen, welche Antworten auf diese Fragen die nächsten 70 Jahre bringen werden.

 

[1] OSFS steht als Kürzel für den Männerorden der „Oblaten des Heiligen Franz von Sales“
[2] Katechese ist die religiöse Unterweisung von jungen Menschen, die vor allem der Weitergabe des Wissens über den eigenen Glauben dient.
[3] Lichtstafetten waren Staffelläufe, bei denen ein Licht von einem Ort zum andere gebracht wurde. So brachte bei einer Lichtstafette „die Jungschar das Licht von Lourdes nach Mariazell“, wie es hieß.
[4] MIVA steht für Missions-Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft, eine Organisation, die Fahrzeuge für Mission und Entwicklungsarbeit zur Verfügung stellt, vgl. www.miva.at.

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