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Wie leben mit und nach der Finanzkrise?

Eine gigantische Finanzkrise erschüttert derzeit die Welt: Die Börsenkurse sind in ungeahntem Ausmaß eingebrochen; Banken sind bankrott gegangen oder wurden verstaatlicht; Tausende Menschen sind arbeitslos. In den Medien löst eine Hiobsbotschaft die andere ab, und doch bleibt darin schwer greifbar, was da eigentlich vor sich geht. Wir wissen nicht, wie lange die Krise noch dauert. Ein Ende ist zwar schon in Sicht, doch sind Prognosen schwierig zu treffen.

Kinder in der Weltwirtschaftskrise

Was aber bedeutet die Krise für Kinder? Das ist gar nicht einfach zu sagen. Viele Menschen in der österreichischen Mittelschicht spüren die Krise bisher nicht persönlich, sie erfahren von ihr über die Medien. Kinder aus dieser Schicht sind insofern nicht materiell davon betroffen, aber sie spüren das Klima der Verunsicherung. Kinder machen sich Gedanken über die Welt, und das können sehr besorgte Gedanken sein, die durchaus auch mit Ängsten zu tun haben können: Werden meine Eltern arbeitslos? Wird meine Familie arm werden? Werde ich später eine Arbeit bekommen? Solche und ähnliche Fragen gehen Kindern da durch den Kopf. Ich kann mich noch erinnern, wie mich als Kind die Radiomeldungen über gestiegene Arbeitslosenzahlen immer wieder beschäftigt haben. Ich sah mich und meine Familie dann oft schon vor der Türe stehen, obwohl für uns gar keine reale Gefahr bestand. Das konnte ich damals aber nicht einschätzen.

Krise als Chance

Eine Krise hat aber auch eine positive Seite: Sie ist Anlass dafür, darüber nachzudenken, ob die Dinge denn so bleiben sollen, wie sie sind. Oder ob etwas falsch läuft, faul ist im System. Derzeit stellen sich viele Menschen die Frage, ob unser kapitalistisches System geeignet ist, unseren Lebensstandard zu sichern. Viele meinen, die Art und Weise wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, sei zu fehleranfällig. Seit den 1990er Jahren wurden viele Gesetze und Regeln außer Kraft gesetzt, die die Wirtschaft regulierten. In den USA wurden etwa jene Gesetze aufgehoben, die den normalen Banken und Sparkassen verboten, mit Geld zu spekulieren. Diese Gesetze waren in den 1930er Jahren, aufgrund der damaligen großen Krise, eingeführt worden. Auch in Österreich gab es früher strenge Auflagen für Sparkassen und normale Banken, die heute alle nicht mehr gelten. So konnte es passieren, dass sich Bankmanager/innen auf der Jagd nach immer größeren Gewinnen total verspekulierten. Es ist ja logisch: Es kann einfach nicht sein, dass man über Aktien und die Börsen auf Dauer wesentlich höhere Gewinne erhält, als über „normale“ Geschäfte. Die Finanzwirtschaft hat sich so immer mehr von der sogenannten „Realwirtschaft“ entfernt, also jenem Bereich der Wirtschaft, in dem wirkliche, „reale“, Güter und Dienstleistungen produziert und gehandelt werden.

Probleme und Alternativen

Das Problem unseres derzeitigen Wirtschaftssystems ist, dass sein oberster und letztendlich einziger Zweck die Herstellung von Profit ist. Es geht dem kapitalistischen System eben nicht darum, Menschen möglichst gut mit bestimmten Gütern zu versorgen, wie es etwa das Postsystem machte, das jeden Brief zu gleichen Kosten in jedes noch so entfernte Tal brachte. Es geht nicht darum, für Ausgleich und Gerechtigkeit zu sorgen, wie es etwa ein im öffentlichen Eigentum befindliches öffentliches Verkehrssystem leistet, das allen Menschen zu geringen Tarifen das Reisen und Pendeln ermöglicht. Es geht auch nicht mehr darum, möglichst vielen Menschen einen guten Arbeitsplatz anzubieten, wie es noch das Ziel der verstaatlichten Industrie früher war. Auch aus Sicht der katholischen Soziallehre, ist die Frage immer, wem das Wirtschaftssystem dient: Dem Profit einiger weniger oder der Versorgung aller mit bestimmten Gütern und Dienstleitungen? Der Mensch muss, so die Lehre der Kirche, das Ziel des Wirtschaftens sein. Viele Menschen fragen deshalb heute nach Alternativen: Wie könnte ein Wirtschaftssystem aussehen, das den Menschen dient?

Solidarökonomie

Eine konkrete Alternative ist die Solidarökonomie. Das Wort ist hier Programm: Ziel des Wirtschaftens ist hier nicht der Profit, sondern die Solidarität. Und auch die Art und Weise des Wirtschaftens ist anders als gewöhnlich: Nicht die Logik von Konkurrenz bestimmt hier, sondern jene von Zusammenarbeit und Kooperation. Solidarökonomische Betriebe können Vereine oder Genossenschaften sein, die im Besitz der Arbeitnehmer/innen selbst stehen. Viele Kaffeeplantagen etwa, von denen der Fair Trade-Kaffee kommt, sind solche solidarökonomischen Betriebe.

In Österreich gibt es zurzeit leider nur wenige Betriebe, die so funktionieren. Im Waldviertel wurde in den 1980er Jahren eine Schuhfabrik eröffnen, die nach diesen Prinzipien funktionierte. Die Waldviertler Schuhwerkstatt wurde 1984 unter Sozialminister Dallinger als Arbeitsplatzprojekt gegründet. Dallinger war ein Freund der selbstverwalteten Betriebe, er setzte auf Arbeitermitbestimmung und auf Arbeiterselbstverwaltung. Er verstarb bei einem Flugzeugabsturz. Eine Krise Anfang der neunziger Jahre führte zu einer engeren Zusammenarbeit und schließlich zur Fusion mit der Möbelfirma Gea. Damit konnte der Betrieb zwar weitergeführt werden, die Utopie der selbstverwalteten Fabrik war damit aber gescheitert.

Im ehemaligen Ostdeutschland gibt es eine große Fahrradfabrik, die ihre Fahrräder so herstellt. Die Arbeiter/innen haben nach der „Wende“ 1989 die Fabrik eigenständig fortgeführt. Die Fabrik war von einem Industriellen aus Westdeutschland gekauft worden und sollte geschlossen werden, damit sie keine Konkurrenz macht – obwohl sie durchaus Gewinne abwarf! Da die Arbeiter/innen ihre Jobs verloren hätten, entschlossen sie sich, die Fabrik zu besetzen und die Produktion fortzuführen, bis heute erfolgreich.

Solidarökonomie bedeutet, die soziale Phantasie zum Zug kommen zu lassen und immer wieder Neues auszuprobieren. Freilich gibt es dort genauso Risiken wie in der gewöhnlichen Wirtschaft, aber das Prinzip der Solidarität macht Scheitern besser verkraftbar. Ein Konkurs führt nicht zu Isolierung und Vereinsamung; Solidarische Netzwerke können da wieder aufhelfen und zu neuen Versuchen ermutigen.

Weitere interessante Infos zu diesem Thema findest du unter: http://www.solidarische-oekonomie.at

Gerald Faschingeder

kumquat "Tabu" 3/2009

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