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„Sprache erzeugt Wirklichkeit“

Über die Macht der Sprache. Was mit ihr erzeugt werden kann, wie weit wir sie zum Denken brauchen und was sie für unseren Umgang miteinander bedeutet.

Schon im Titel, einem Zitat von dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, wird die These aufgestellt, dass Sprache Wirklichkeit erzeugt. Auch wenn sich viele Wissenschaftler/innen schon allein darum streiten, was Wirklichkeit überhaupt sein soll, erscheint es recht plausibel, dass Sprache etwas mit uns und den uns umgebenden Personen macht.

Durch Sprache können wir Verträge abschließen, uns gegenseitig Versprechen geben, jemanden verletzen, aber auch verzeihen, trösten, füreinander sorgen. Durch das gemeinsame Sprechen und Kommunizieren stellen wir mit- und füreinander Wirklichkeit her. Schon bei einfachen Sachen wie einen Termin miteinander auszumachen, stellen wir weitere Handlungen unsererseits her und definieren damit weiter unsere Wirklichkeit. Worte wie „ich liebe dich“ können unsere Welt auf den Kopf stellen – sie verändern uns und unsere Wirklichkeit.

George Lakoff, ein bekannter Neurowissenschaftler und Linguist, ist der festen Überzeugung, dass wir sehr viel in Metaphern denken bzw. dass diese Sprachbilder unser Denken stark beeinflussen. Mit Sprachbildern beeinflussen wir auch bewusst oder unbewusst unsere Mitmenschen. Es macht einen großen Unterschied, ob ich Zahlenwerte im Unterschied zueinander nenne oder von „Zahlen, die ins Bodenlose fallen“ spreche, die Information also in ein Sprachbild fasse. Somit stellt Lakoff auch fest, wenn Personen, Parteien, Regierungen etc. diese Art zu sprechen, nämlich in Metaphern, gut verinnerlicht haben, dann sprechen sie ein breites Publikum an. Und alle, die dies nicht schaffen, werden sich sehr schwer tun, eine große Masse an Menschen anzusprechen, da sie es nicht schaffen, ihre Themen konkret werden zu lassen. Die Themen bleiben zu abstrakt und können nur schwer verinnerlicht werden.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.” Wittgenstein

Wie sehr Worte unser Denken und unsere Wahrnehmung beeinflussen, kann man in der Werbung sehen. Es gab an Hochschule Harz ein Experiment dazu, wie sich Produktnamen auf unsere Wahrnehmung auswirken. Bei einem Tee, der als „tropical“ bezeichnet wird, schmecken die Testpersonen exotische Geschmacksrichtungen, ganz anders als wenn der Tee mit dem Etikett „Kamin“ versehen wird. Und das obwohl es immer der gleiche Tee ist.

Unser Gehirn lässt sich demnach leicht täuschen. Auch wenn wir Worte wie Parfum oder Kaffee lesen, werden sofort diejenigen Hirnareale aktiviert, die auch für Gerüche aktiv sind.

Was, wenn es bestimmte Worte  in einer Sprache gar nicht gibt? Wenn also für manches kein Begriff zur Verfügung steht. In der Sprache der Aborigines gibt es kein „links“ oder „rechts“ als Ortsbezeichnungen. Sie verwenden ähnliche Begriffe wie „Nord, Süd, Ost, West“, also Begriffe der Orientierung. Diese Fähigkeit haben sie nicht nur in der freien Natur, sondern auch in Innenräumen. Sprachwissenschaftler/innen nehmen an, dass die unglaublich gefestigte Fähigkeit der Orientierung mit ihrer Sprache stark verbunden ist. Anhand dieses Beispiels sieht man, wie sehr Sprache unser Bewusstsein formen kann.

Ein anderes Beispiel zeigt, wie sehr unsere Muttersprache unsere Wahrnehmung beeinflusst. Man ließ Spanier/innen und Deutsche Brücken beschreiben. Deutsche beschrieben sie mit den Adjektiven „elegant, friedvoll, schön“, Spanier/innen hingegen mit „gewaltig, stark“. Die Wissenschaftler/innen nahmen an, dass die Wahrnehmung sich aufgrund des Artikels von Brücke in der jeweilige Sprache unterscheidet. Im Deutschen sind Brücken weiblich, im Spanischen männlich. Anscheinend prägt uns schon so etwas Unscheinbares wie ein Artikel. Natürlich muss man hinzufügen, dass dies Adjektive sind, die eher weiblich beziehungsweise männlich konnotiert sind. Das soll nicht heißen, dass nicht auch Frauen stark sein können, oder Männer friedvoll.

Es gibt noch viele weitere Punkte in denen unsere Muttersprache unsere Wahrnehmung prägt. Zum Beispiel in der Farbwahrnehmung. Gibt es in einer Sprache nicht viele Farbnamen, werden Farben auch kürzer und weniger unterschiedlich beschrieben. Erlernt man jedoch weitere Sprachen, erweitert sich auch dieses Spektrum.

„Von allen zerstörerischen Waffen, die der Mensch erfunden hat, ist die schlimmste - und die feigste - das Wort: Das Wort zerstört, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Paulo Coelho

Sprache ist eines der wichtigsten Handlungswerkzeuge, die uns als Menschen zur Verfügung stehen. Die Möglichkeit sich durch Worte verständlich zu machen ist uns als Menschen etwas ganz Spezifisches. Kein anderes Wesen hat diese Fähigkeit, allerdings können wir durch unsere Worte andere auch beeinflussen, wir können Schönes und Schlechtes mit unseren Worten tun. Worte sind, wie schon Paulo Coelho sagt, eine mächtige Waffe. Aus diesem Grund ist es wichtig wie wir mit Sprache und Worten umgehen, denn wir können sehr oft nicht wissen, was diese in anderen auslösen. Wer spricht setzt Handlungen. Und Handlungen sind für ein menschliches Miteinander notwendig. Denn ohne miteinander zu handeln, zu agieren bleiben wir alleine und können keine weiteren Taten setzen, ergo können wir nicht mehr ohne Weiteres unser Leben bestreiten, denn dafür brauchen wir andere Menschen. 

Sprache beeinflusst unsere Wahrnehmung, unser Handeln und unser Denken. Umso wichtiger ist es also, wie man andere Menschen anspricht, ihnen Dinge erklärt oder Gespräche mit ihnen führt. Worte können genauso verletzend sein wie körperliche Gewalt. Sie hallen in uns weiter und können viel in uns bewirken. Umso wichtiger ist es auf unsere Wortwahl zu achten, um andere Menschen nicht zu verletzen, sondern um sie zu stärken.

Kathi Bereis

Vgl. http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung/seite-3

kumquat "Sprache" 4/2014

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