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Ein Leben in Würde auf einem eigenen Fleckchen Land

Gruppenstunde | Alter: 8-15 | Aufwand: mittel

Hintergrund

Was es für Menschen bedeuten kann, landlos zu sein, keine Heimat zu haben, kann man wohl erst ermessen, wenn man sich selbst vergegenwärtigt, was Heimat bedeutet. Die Gruppenstunde ist daher so aufgebaut, dass der erste Teil unseren eigenen Gefühlen in Bezug auf Heimat und Zuhause-Sein gewidmet ist und wir erst dann, in einem nächsten Schritt, einen Blick auf die Situation der Landlosen in Brasilien werfen.
Es soll aber im ersten Teil gar nicht darauf abgezielt werden zu einer Definition des Begriffs "Heimat” zu gelangen oder ihn möglichst oft zu strapazieren (da der Begriff ja ohnehin sehr abstrakt ist). Vielmehr können wir in der Gruppenstunde versuchen herauszufinden, wo wir uns wohlfühlen, wo jede und jeder einzelne "zuhause” ist.

Material

  • Abbildungen verschiedener Behausungen (noch mehr Bilder von Behausungen findest du unter wien.jungschar.at/kumquat)
  • Klebstoff
  • 2 Plakate (Packpapier)
  • Farbstifte
  • Atlas/Landkarte von Brasilien
  • Kreis aus grünem Naturpapier
  • Kopie von 100 "Maxerln”: (eine Vorlage dafür findest du auch unter wien.jungschar.at/kumquat)

Aufbau

Persönliche Auswahl der Abbildungen
Gestaltung einer gemeinsamen "Siedlung”
Szenenwechsel: Die Landlosen in Brasilien
Erzählung von einer Landbesetzung
Wünsche auf ein Plakat

 

Ein Platz zum Wohlfühlen


Aus einer Fülle von Abbildungen, die Behausungen ganz unterschiedlicher Art zeigen, wählt jedes Gruppenmitglied jenes aus, auf dem ein Ort zu sehen ist, an dem es gerne leben möchte, ein Platz, an dem zu wohnen es sich als sehr angenehm vorstellen kann.
Alle sollten genügend Zeit haben, alle Bilder in Ruhe anzuschauen und danach eine Wahl zu treffen.

Noch auf keiner Landkarte...


... ist der Ort, an dem wir uns mit den gewählten Häusern, Zelten, Hausbooten usw. niederlassen werden. Es gibt ihn ja auch noch nicht. Also nehmen wir einen großen Bogen Papier in unsere Mitte und "besiedeln” ihn, indem alle die ausgesuchten Bilder - bzw. die ausgeschnittenen Bildmotive drauflegen. Jetzt wird umgruppiert, denn vielleicht finden wir, dass ein Baustil neben einem bestimmten anderen nicht zur Geltung kommt, vielleicht benötigen manche Gruppenmitglieder mehr Platz, andere hingegen nähere Nachbarschaft, vielleicht erfordern einige Behausungen Wasser oder Wald, ebenes oder hügeliges Gelände, vielleicht...
Außerdem kann noch alles hinzugefügt werden, was in unserem Ort noch fehlt: Wo gehen wir einkaufen, wo gibt es Wege, Straßen, Theater oder Kinos, Sportmöglichkeiten, eine Versammlungshalle,...?
Das wird dann einfach dazugezeichnet, so wie wir das eben möchten und so, dass danach wirklich ein Ort entsteht an dem wir uns alle wohlfühlen (dem wir dann auch gemeinsam einen Namen geben, der dann zum Beispiel an einer Ortstafel geschrieben steht).

Ein Blick auf eine ganz andere Landkarte...


Von unserem neu entstandenen Ort weg begeben wir uns auf die Reise zu einem Ort bzw. zu einem Land weit weg: nach Brasilien. Es wäre schön, wenn wir uns Brasilien auf einer Weltkarte anschauen könnten. Vielleicht wissen ja deine Kids schon einiges über Brasilien: Es ist ungefähr so groß wie ganz Europa bzw. fast 100 mal so groß wie Österreich, in Brasilien gibt es das größte Regenwaldgebiet der Erde...

Ungerechte Verhältnisse


Aus grünem Naturpapier hast du einen Kreis ausgeschnitten und erklärst den Kindern, dass dieser Kreis die gesamte Fläche in Brasilien darstellen soll, auf der landwirtschaftlich angebaut werden kann. Auf einem anderen Streifen sind symbolisch 100 Männer und Frauen dargestellt, die in der Landwirtschaft arbeiten.

Vom Kreis schneiden wir etwas weniger als die Hälfte (ca.46%) heraus - von den 100 Menschen schneiden wir einen ab und legen nun den einzelnen Menschen zum kleineren Teil des Kreises und die anderen 99 Menschen zum größeren. So in etwa können wir nun erkennen, wie das Land aufgeteilt ist - 1% der Landbesitzer/innen verfügen über 46% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche.

Du kannst den Kindern auch erzählen, dass Kleinbauern/bäuerinnen, die nur sehr kleine Flächen Land besitzen, fast die gesamte Fläche auch wirklich bebauen — Großgrundbesitzer/innen hingegen bebauen nur einen relativ kleinen Teil, das heißt, dass es mehr als 100 Millionen ha (ca. 44%) unbebautes Land innerhalb der Großgrundbesitzungen gibt. (Das ist fast ein Fünftel der gesamten nutzbaren Fläche in Brasilien!). Bitte versuche, deine Sprache und wie du die Dinge erklärst, dem Alter deiner Kinder anzupassen, da vielleicht einige Ausdrücke fremd sind (z.B. ha - ist so groß wie zwei Fußballfelder,...).

Durch diese ungerechten Verhältnisse wurden viele Landbewohner und Landbewohnerinnen vertrieben, sie sind in die Städte geflüchtet, oder arbeiten als Landarbeiter/innen, oft ohne Arbeitsvertrag, auf den Flächen der Großgrundbesitzer/innen. Andere Landlose haben sich zusammengetan und eine gemeinsame Interessensvertretung gegründet. Die Regierung, die den Landlosen von Brasilien dann versprochen hat, das Land umzuverteilen, hat bisher nur einen ganz kleinen Teil ihrer Versprechungen auch wirklich gehalten.

Die Geschichte einer Landlosen


Zum Ende der Gruppenstunde kannst du den Kindern dann noch Auszüge aus einem Gespräch mit einer Landlosen vorlesen:

"Ich heiße Cleuza Pereira de Paula und bin seit 16 Jahren mit João António de Paula verheiratet. Ich träumte von einem Leben in Würde auf einem eigenen Fleckchen Land. Deswegen schloß ich mich der Bewegung der landlosen Bauern an und am 16. Dezember 1985 besetzten wir das Landgut von Santa Helena und hielten das Lager 3 Monate lang. Am 3. März 1986 um 5 Uhr morgens umstellten Polizisten, mit Maschinenpistolen bewaffnet, das Lager, und eine große Räumungsaktion begann. Wir legten uns alle auf den Boden, Männer, Frauen und Kinder, aber eine Stunde später begann die Polizei, gegen uns vorzugehen. Sie zerrten alle Männer raus 150 Meter weiter, als seien sie Vieh. Dann schleppten sie die Frauen mit all dem Gepäck von dem Platz weg.

Nur ein einziges Mal sind wir von Vertretern der Regierung empfangen worden. Alle weiteren Gesuche um ein Gespräch wurden trotz des Drucks der Bischöfe nicht wahrgenommen. Der Gouverneur redet sich immer damit raus, dass er keinen Termin frei hat.
Wir werden jedoch unseren Kampf um ein eigenes Stück Land nicht aufgeben, denn ohne Land können wir nicht überleben.”
(Quelle: Land. Ein lateinamerikanisches Lesebuch, Misereor 1991)

Auf ein Plakat hast Du groß das Zitat dieser Frau aufgeschrieben: "Ein Leben in Würde auf einem eigenen Fleckchen Land”. Die Kinder schreiben nun dazu, welche Wünsche sie für die Frau und ihre Familie haben, damit diese ein menschenwürdiges Leben führen können. [Skizze Plakat]


Diareihe zum Thema Land in Brasilien
Zusätzlich zu dieser Gruppenstunde kannst du dir im Jungscharbüro auch die Diareihe "Terra Brasil" ausborgen. Die Diareihe erzählt die Geschichte von Paolo, seiner Frau Vera und seiner Familie: eine Bauernfamilie aus Brasilien, die von ihrem Land vertrieben wird, dann in einer trockenen Region und in der Stadt zu überleben versucht. Sie schließen sich der Landlosenbewegung an und besetzen ein Stück brachliegendes Land, das ihnen letztendlich überschrieben wird.

Autor/in: Judith Pühringer

Publikation: kumquat 4/04, Ferne Länder - fremde Menschen

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Schlagwörter: Welt, Ungerechtigkeit, Sternsingen