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Blind sein

Gruppenstunde | Alter: 10-12 | Aufwand: hoch

Hintergrund

Sehen zu können, ist für uns so selbstverständlich, daß wir uns für gewöhnlich selten Gedanken darüber machen, wie es ist, nichts sehen zu können. Wie schwierig sich manche Dinge im Alltag für blinde Menschen gestalten, können wir uns meist auch nur schwer vorstellen.

Wenn wir nun in dieser Gruppenstunde versuchen, durch das Ausschalten unseres Sehsinnes ein wenig davon nachzuempfinden, bedeutet das natürlich nicht, daß wir jetzt die Umwelt genauso erleben, wie ein blinder Mensch. Zum einen können wir jederzeit die Augen wieder öffnen oder das Licht anknipsen, wenn uns die Situation unangenehm wird. Zum anderen finden sich blinde Menschen in ihrer Umgebung besser zurecht als wir, wenn wir die Augen geschlossen halten und nur "so tun, als ob”. Sie können zwar nicht — oder nur kaum — sehen, dafür aber mit anderen Sinnen einen Teil ihres fehlenden Sehsinnes wieder wettmachen, also meistens umso besser hören, riechen und spüren. Wer von uns kann sich schon absolut sicher nach zarten Gerüchen orientieren oder eine Hausmauer, an der man entlanggeht, spüren, ohne sie zu berühren?
Blindsein bedeutet also keineswegs, nur etwas nicht sehen zu können, sondern einen Zugang zu einer Art von Erleben und Wahrnehmung zu haben, die uns Sehenden für gewöhnlich verschlossen bleibt.

Ziel

Die Kinder sollen eine Vorstellung davon bekommen, was es bedeutet, nicht sehen zu können, und dadurch einen kleinen Einblick in die Erlebniswelt blinder Menschen erhalten.

Material

  • weicher Ball
  • eventuell für jedes Kind ca. 1,20m lange, dünne Rundhölzer als Blindenstöcke
  • Kassette mit verschiedenen Alltagsgeräuschen und eventuell mit Stephans Geschichte
  • Kassettenrekorder
  • eventuell eine Taschenlampe
  • verschiedene Gegenstände zum Ertasten
  • eventuell Gummihandschuhe mit Füllmaterial (z.B. Sand, Reis, Wasser, Watte,...)
  • ein mit Schlitzen versehenes Leintuch bzw. Packpapierbögen und eine Vorrichtung zum Aufhängen
  • Plakat mit Blindenalphabet
  • Bastelfolie (dünne Metallfolie, in Papierhandlungen erhältlich) mit den Namen der Kinder in Blindenschrift

Aufbau

Als Einstieg wird ein einfaches Ballspiel zuerst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen gespielt.
"Dialog im Dunkeln”: Mit Hilfe von Blindenstöcken versuchen die Kinder, sich im Dunkeln zurechtzufinden.
"Stephans Geschichte”: Stephan, ein blindes Kind, wird mit einer Geschichte vorgestellt. Danach können die Kinder verschiedene Geräusche aus Stephans Alltag erraten.
"Händeschütteln”: Beim Händeschütteln geht es darum, einander am Händedruck zu erkennen.
"Tasten”: Verschiedene Gegenstände können unter einem Tuch ertastet werden.
"Blind führen”: In Paaren führen die Kinder einander abwechselnd mit geschlossenen Augen durch den Raum.
"Blindenschrift”: Die Kinder können versuchen, ihre Namen in Blindenschrift zu ertasten.

 

Ballwerfen



Als Einstieg spielt Ihr gemeinsam ein einfaches Ballspiel. Dabei stehen die Kinder im Kreis und werfen einander den Ball kreuz und quer zu. Bevor das Spiel langweilig wird, schlägst Du eine etwas schwierigere Variante vor: Das Kind, das den Ball wirft, schließt vor dem Wurf die Augen und versucht, den Ball dennoch so zuzuspielen, daß ihn ein anderes Kind fangen kann. Bei der dritten und schwierigsten Variante ruft das werfende Kind zuerst einen Namen. Das genannte Kind schließt daraufhin seine Augen und versucht den Ball, der ihm dann behutsam zugeworfen wird, zu fangen. Das ist bereits sehr schwierig und bedarf schon einiger Übung und eines guten Zusammenspiels!

An dieser Stelle erklärst Du den Kindern, daß es heute darum gehen soll zu erleben, wie es ist, nichts sehen zu können, also blind zu sein.


"Dialog im Dunkeln”



Du führst die Kinder nun in einen abgedunkelten Raum, der ihnen aber gut bekannt sein sollte. In dem Raum hast Du vor der Gruppenstunde einige kleine Veränderungen vorgenommen: vertraute Gegenstände sind an anderen Orten aufgestellt, Sessel oder Tische stehen mitten im Raum,...

Der Grad der Dunkelheit des Raumes sollte an das Alter der Kinder und an ihre Ängstlichkeit angepaßt sein. Ältere Kinder können einen völlig finsteren Raum spannend finden, während jüngere Kinder meist ein wenig Licht brauchen, um sich nicht fürchten zu müssen. Generell gilt: Es muß kein Kind ins Dunkle, wenn es nicht will!

Nachdem Du die Kinder informiert hast, daß der Raum etwas anders ist als sonst, bekommt jedes Kind einen "Blindenstock” (Rundholz) und kann nun versuchen, sich in dem Raum zurechtzufinden. (Ist das Klima in der Gruppe eher aggressiv, dann laß die Blindenstöcke lieber weg, es besteht sonst "Duellgefahr”!)


Stephans Geschichte



Nach einiger Zeit, wenn die Kinder sich mit dem Raum vertraut gemacht haben, machst Du sie mit Stephan, einem erfundenen, blinden Buben bekannt. (Gib dem Kind bitte einen anderen Namen, wenn in Deiner Gruppe ein Kind denselben Namen hat.) Du kannst die Geschichte von Stephan entweder vom Band abspielen oder mit Hilfe einer Taschenlampe vorlesen.

Stephans Geschichte...
...könnte so lauten:"Stephan ist 10 Jahre alt. Er ist ein sehr lebhaftes und fröhliches Kind. Gemeinsam mit seinem Vater, seiner Mutter und seinem älteren Bruder steht er jeden Tag in der Früh auf; er tapst im Dunkeln auf´s Klo, dann weiter ins Badezimmer und zurück in sein Zimmer. Er zieht sich an, geht in die Küche frühstücken und muß sich dann meistens schon beeilen, denn sein Schulweg ist um einiges länger als der seines Bruders. Die Mutter nimmt Stephan auf dem Weg zur Arbeit mit und setzt ihn vor seiner Schule ab. Stephan kennt den Weg gut und wenn der glatte Asphalt auf der Straße aufhört und das Fahrgeräusch des Autos auf einmal viel lauter wird, weil die Straße mit dem Kopfsteinpflaster beginnt, weiß Stephan, daß sie gleich da sein werden.
Sehen kann Stephan seine Schule allerdings nicht, denn er ist blind. Um sich im täglichen Leben zurechtzufinden, besucht er seit einigen Jahren die Blindenschule.”


Nachdem Ihr Euch Stephans Geschichte angehört habt, spielst Du Geräusche aus Stephans Alltag vor, die die Kinder erraten können, z.B.: Straßenbahn, Türe aufsperren, Zähne putzen, Klospülung,... Ihr könnt Euch beim Zuhören gemeinsam überlegen, wo Stephan gerade ist, was er gerade macht oder was er gerade vor sich hat!

Für die weitere Gruppenstunde dreht Ihr nun das Licht an und stellt die Gegenstände wieder an ihren ursprünglichen Platz.


Hände schütteln



Da Stephan ja auch seine Mitmenschen nicht sehen kann, muß er sich auf andere Art ein "Bild” von ihnen machen. Wenn er z.B. jemand kennenlernt, dann ist neben der Stimme des anderen auch der Händedruck eine wichtige Information für ihn.
Ihr habt nun die Möglichkeit auszuprobieren, ob Ihr Euch an Eurem Händedruck erkennen könnt und was für Unterschiede es da so gibt. Zu diesem Zweck hängst Du ein Leintuch (oder Packpapierbögen) auf, das in "Händeschüttel-Höhe” zwei bis drei Schlitze hat. Zwei oder drei Kinder stellen sich nun hinter das Leintuch und stecken jeweils die rechte Hand durch einen Schlitz. (Die Kleidungsstücke dürfen dabei natürlich nicht zu sehen sein.) Die anderen Kinder gehen nacheinander langsam vorbei und schütteln die Hände. Die Kinder hinter dem Leintuch versuchen nun zu erraten, wer ihnen da gerade die Hand geschüttelt hat.


Tasten



Auch in vielen anderen Bereichen ist Stephan auf seinen Tastsinn angewiesen, wo wir unsere Augen benützen können.
Ihr könnt nun probieren, wie gut Euer Tastsinn funktioniert. Dazu hast Du einige kleinere Gegenstände unter einem Tuch oder einer Decke vorbereitet. Die Kinder können nun unter das Tuch greifen und versuchen zu erkennen, um welche Dinge es sich handelt. Neben den Gegenständen (oder stattdessen) kannst Du auch einige Plastikhandschuhe mit verschiedenen Materialien (z.B. Sand, Reis, Wasser, Watte,...) füllen, deren Inhalt die Kinder dann erraten sollen.


Blind führen



Dieses Spiel kann sowohl drinnen (z.B. mit einem Sesselparcours) als auch im Freien stattfinden.
Die Kinder gehen paarweise zusammen. Jeweils ein Kind schließt die Augen, das andere nimmt es bei der Hand (oder beiden Händen) und führt es behutsam herum. Dabei ist es sehr wichtig, dem "blinden” Kind Hindernisse, die im Weg liegen, Stufen oder Unebenheiten anzukündigen, es also verläßlich zu führen, damit das Kind das Vertrauen in die Führung nicht verliert und die Augen zu lassen kann. Nach einer Weile werden die Rollen getauscht.


Blindenschrift



Jedes Kind kann nun versuchen, seinen Namen mit geschlossenen Augen auf ein Blatt Papier zu schreiben. Wahrscheinlich wird das Geschriebene eher unproportional, schief oder gar unleserlich sein. Aber selbst, wenn man es mit offenen Augen noch lesen kann, ist diese Schrift für blinde Menschen vollends unlesbar. Stephan muß sich hier also anders behelfen:

Für blinde Menschen gibt es ein eigenes Alphabet, das aus Punkten besteht, die man ertasten kann. Der Franzose Louis Braille (gesprochen: brai:) hat dieses Punktealphabet vor etwa 170 Jahren erfunden — er war selbst blind. Seine Schrift wird heute noch verwendet und wurde nach ihm "Braille-Schrift” genannt. Die Grundlage der Buchstaben bilden sechs Punkte ("Zelle”), mit ihnen sind 63 verschiedene Kombinationen möglich. Die Punkte, die für einen Buchstaben verwendet werden, sind jeweils erhaben, sodaß man sie ertasten kann. Die Kinder können sich die Braille-Schrift nun auf einem Plakat anschauen, das Du vorbereitet hast. Die einzelnen Buchstaben sind stark vergrößert abgebildet, damit man sie gut erkennen kann.

Vor der Gruppenstunde hast Du die Namen aller Kinder in Blindenschrift auf einzelne Folienstreifen "geschrieben”. Mit einem gewöhnlichen Kugelschreiber und einer Schablone kann man die Punkte leicht in die Folie drücken, sodaß sie auf der anderen Seite dann erhaben erscheinen. Aber Vorsicht! Die Namen müssen spiegelverkehrt geschrieben werden, da Du sie ja auf der Rückseite in die Folie drückst.

Jedes Kind erhält nun einen beliebigen Namensstreifen und versucht herauszufinden, wessen Namen es in den Händen hält. Dabei soll möglichst nicht auf die Punkte des Schriftzuges, sondern nur auf das Plakat mit der Braille-Schrift geschaut werden. Haben alle Kinder den Namen auf ihrem Streifen erkannt, werden die "falschen” gegen die "richtigen” getauscht. Die Namenskärtchen können die Kinder auch als Erinnerung mit nach Hause nehmen.

Autor/in: Christian Wenzl und Anna Jurkowitsch

Publikation: Urarg

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Schlagwörter: Sinne, Behinderung, Gesellschaft