• Jungschar vor Ort
  • Corona
  • Über uns
  • Angebote
  • Modelle
  • Gruppe
  • Pfarre
  • Gott & die Welt
  • Wildegg

Kitsch

Gruppenstunde | Alter: 13-15 | Aufwand: mittel

Ziel

Durch Beschäftigung mit dem Phänomen Kitsch sollen die Gruppenmitglieder ein differenzierteres Bild von ihm bekommen.

Material

  • Plakate, Plakatstifte; Bilder, Objekte ("kitschige" Musik, Urlaubssouvenirs, Bilder, Sprüche und ähnliches Deiner Wahl), Kitschpuzzle, Klebepickerl mit "kitschigem" Motiv (Sterne, Rehe, Sarah Key-pickerl, ...)

Aufbau

Auswahl von einigen wenigen Charakteristika, die Kitsch möglichst umfassend beschreiben
Überprüfen von Bildern, Objekten, Musik, Sprüchen u.ä. auf "Kitschgehalt"
Streitgespräch
Erfinden einer kitschigen Weitererzähl-Geschichte

 

Hintergrund

Häufig bezeichnen wir Bilder, Filme, Texte oder anderes als Kitsch, und es scheint so, als würden die Dinge dabei ganz einfach liegen: Kitsch, das ist das Bild mit dem röhrenden Hirschen im Schlafzimmer des Onkels, der Gartenzwerg in Omas Garten, "schnulzige" Schlagermusik, ....
Doch was ist Kitsch eigentlich genau? Ihn als "Pseudo-Kunst", "Manifestation schlechten Geschmacks" oder "ästhetische Entgleisung" zu definieren, wie es manchmal gemacht wird, hilft nicht wirklich weiter, denn wer kann schon eindeutig sagen, was Kunst, guter Geschmack, bzw. was ästhetisch ist? Kitsch ist ein viel zu komplexes Phänomen, als daß es so einfach festgemacht werden könnte. Einige wenige seiner vielen Facetten sollen hier kurz skizziert werden und Dir als Anregung dienen:

  • Die Grenze zwischen Kitsch und Kunst ist nicht objektiv bestimmbar; sie wird in einer fortschreitenden Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Gruppen ständig neu gezogen. Sie ist stets fließend; auch ein Kunstwerk kann Kitschelemente beinhalten. Kitsch läßt sich jedoch durch bestimmte Charakteristika, die der Kunst fehlen oder die diese in geringerem Ausmaß aufweist, einkreisen.

  • Schon in der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes "Kitsch" steckt im allgemeinen ein verurteilendes Moment. Kitsch traut man zumeist nur "den anderen", nicht aber sich selbst zu. Indem ich meinen Kunstgeschmack über den jener Menschen stelle, denen das gefällt, was ich als Kitsch bezeichne, versuche ich für gewöhnlich auch mich selbst von diesen Menschen abzugrenzen.

  • Kitsch ist niemals kritisch, dafür unterstützt er oft herrschende Ideologien. Deswegen ist es für uns auch leichter, Kitsch aus früheren Zeiten zu erkennen: Niedergegangene Ideologien sind leichter zu durchschauen als aktuelle.( Z. B. Bilder der nationalsozialistischen Zeit, oder in der Werbung, in denen Frauen auf die Mutterrolle, Männern auf die Rolle des Helden reduziert werden;)

  • Kitsch ist nicht unabhängig von Zeit und Kontext: Der Satz eines zeitgenössischen Autors kann Kitsch sein, während der gleiche Satz, 150 Jahre früher geschrieben, sich einem solchen Urteil entziehen kann. Die Abbildung eines Werkes Gustav Klimts kann, wenn sie sich auf einem Plastiksackerl, Wandteller oder Vorhangstoff befindet, Kitsch sein.

  • Zu Beginn der achtziger Jahre entstand eine eigene Kunstrichtung, die sich Kitsch zum Thema machte. Kitsch kann also in einem entsprechenden Rahmen (z.B. in einer Ausstellung) wieder zu Kunst werden.

  • Kinder unterscheiden nicht zwischen Kunst und Kitsch - für sie ist alles mehr oder weniger interessant. Mit ungefähr zwölf Jahren beginnen sie diesbezüglich zu differenzieren. Das wird zum Beispiel bei Rollenspielen oder Theateraufführungen auf Jungscharlagern bemerkbar, wenn Kinder bewußt Klischees und Pathosformeln einsetzen, also durch absichtliches Abgleiten in den Kitsch ironischen Umgang mit ihm üben.

  • Kitsch macht das Leben erträglicher und hat deswegen auch seine Berechtigung. Er ist für uns ein Ort der Erholung von den Anstrengungen und Verwirrungen, die sich aus dem Leben in einer komplexen Welt ergeben. Kitsch steht auch für die legitime Sehnsucht nach einer Welt, wie sie sein sollte, aber nicht ist. Außerdem ist ihr ein gewisser Trost- (oder Vertröstungs-?) Charakter eigen.



Die Behandlung dieses Themas erfordert viel Einfühlungsvermögen: Einerseits soll es kritisch, andererseits nicht herablassend behandet werden.


"Kitsch"puzzle



Die Gruppenmitglieder erhalten zu Beginn der Stunde ein Puzzle (das Du anbei findest, auf A2 vergrößerungskopieren und auf einen Karton kleben solltest zwecks besserer Haltbarkeit), das sie zusammensetzen sollen. Auf den einzelnen Puzzleteilen steht jeweils eine Eigenschaft, die Kitsch zu charakterisieren versucht. Wenn das Puzzle fertig ist, sollen die Gruppenmitglieder zu erraten versuchen, welches Phänomen da beschrieben wird. (Man kann es auf dem Puzle ohnedies lesen.)

Die Eigenschaften:



hohl, niedlich, süßlich, greift Klischees auf, nimmt sich selbst sehr ernst, unkompliziert, dick aufgetragen, verlogen, entspannend, salbungsvoll, rührselig, klebrig, anbiedernd, lädt nicht zum Nachdenken ein, heischt nach Effekten, zeigt eine heile Welt, Herzschmerz, oberflächlich, irritiert nicht, einfach aufgebaut, aus scheinbar kostbarem Material, blendet das Unangenehme und Häßliche aus, sehr harmonisch, hat keine Ecken und Kanten, voll Gefühl, bestätigt den Betrachter in seiner Meinung, schön

Wenn klar geworden ist, wenn nötig mit deiner Hilfe, daß es heute um "Kitsch" gehen soll, erzählst du, daß zwar alle von Kitsch reden, aber niemand so genau sagen kann, was das ist. Deshalb werdet ihr nun gemeinsam versuchen herauszufinden, was Kitsch denn eigentlich ausmacht.

Du fragst nach, ob alle Eigenschaften verständlich sind. Dann erklärst Du, daß einer dieser Punkte allein noch nicht Kitsch ausmacht, dafür aber die Anhäufung von mehreren Punkten.

Nun forderst Du Die Gruppenmitglieder auf, sich gemeinsam auf jene 5 Punkte zu einigen, die sie am wichtigsten finden und die für sie das Phänomen Kitsch am umfassendsten beschreiben. Dazu bekommt jede/r 5 Klebepickerl (irgendein "kitschiges" Motiv wäre nett) und verteilt bzw. klebt diese auf die Eigenschaften, die der eigenen Meinung nach die wichtigsten und charakteristischsten für Kitsch sind. Man kann alle 5 auf eine Eigenschaft kleben, je ein Pickerl auf eine oder in jeder beliebigen anderen Aufteilung. Wenn alle Pickerl aufgeklebt sind und jede/r seine Meinung kundgetan hat, wird gezählt und werden die 5 Eigenschaften herausgesucht, die die meisten Pickerl bekommen haben. Sind das die 5 wesentlichsten Eigenschaften für Kitsch? Man kann nun noch die Reihung verändern, Eigenschaften vertauschen - solange bis alle zufrieden sind mit den 5 Eigenschaften. Dann schreibst Du die fünf Punkte auf ein vorbereitetes Plakat.


Ist das Kitsch?



Im folgenden Schritt können die Gruppenmitglieder ihre selbstgewählten Kriterien für Kitsch testen, z.B. an Bildern.
Interessanter wird es, wenn Du auch angreifbare Objekte (z.B. Urlaubsandenken), Musikbeispiele oder Sprüche mitbringen kannst. Eine ergiebige Quelle für letztere sind Stammbücher. Dort finden sich manchmal Sprüche wie:

Treu und fest wie die Berge steh´n
so sollst auch Du durchs Leben geh´n

oder

Wandle stets auf Rosen
auf immergrüner Au
bis einer kommt in Hosen
und nimmt Dich dann zur Frau

Interessant sind auch Grenzfälle zwischen Kunst und Kitsch bzw. Werke, die im allgemeinen der Kunst zugerechnet werden. Noch eines ist bei der Auswahl des Materials zu bedenken: Es wäre nicht sehr geschickt, z.B. ein Lied vorzuspielen, von dem Du weißt, daß es eines der Gruppenmitglieder sehr gerne mag. Eine zu starke emotionale Verstrickung eines Gruppenmitgliedes mit einem zu analysierenden Beispiel (z. B. Barbiepuppen, H-men, Baywatch, ...) könnte Unbehagen in ihm auslösen und wäre auch dem Klima der Gruppenstunde nicht zuträglich.

Du präsentierst nun das erste Beispiel, in dem der Kitschgehalt ausgelotet werden soll (Bild aufhängen, Musik vorspielen,....) und bittest die Gruppenmitglieder, ihre gewählten Kitscheigenschaften der Reihe nach anzuwenden. Sie sollen sich dabei jeweils auf einen Wert zwischen 0 (trifft gar nicht zu) und 10 (trifft voll zu) einigen, den Du dann auf dem Plakat einträgst. Seid ihr alle fünf Punkte durchgegangen, verbindest Du die Punkte; es folgt das nächste Beispiel, ein andersfärbiger Stift,....


Nicht jedes Kitschkriterium wird auf jedes Beispiel anwendbar sein. Erweist sich ersteres einmal für unpassend, geht ihr einfach auf den nächsten Punkt über. Versuche nicht, die Gruppenmitglieder anzutreiben und von Punkt zu Punkt zu hetzen, denn das Wesentliche an dieser Methode ist ja nicht das Ausfüllen von Diagrammen, sondern die Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern während der Entscheidungsfindung.
Wenn Du bemerkst, daß es beginnt, langweilig zu werden, ist es Zeit, die Phase des Analysierens zu beenden. Abschließend kannst Du bemerken (wenn das Resultat entsprechend ist), daß man an den Ergebnissen der Untersuchungen feststellen kann, daß es nicht immer so eindeutig zu sagen ist, ob etwas Kitsch ist, oder nicht.


Streitgespräch



An zwei gegenüberliegenden Wänden des Gruppenraumes hast Du Plakate mit folgendem Inhalt aufgehängt:

Plakat 1:
Kitsch macht Spaß!
Kitsch hat, genauso wie Kunst, seine Berechtigung. Wozu also eine genaue Unterscheidung? Wer Kitsch verurteilt, will sich oft nur über die "Geschmacklosigkeit" anderer Leute lustig machen.

Plakat 2:
Kitsch macht dumm!
Man muß versuchen, klar zwischen Kunst und Kitsch zu unterscheiden. Kunst soll gefördert, Kitsch verurteilt werden, damit die Menschen, anstatt mit kulturellem Schrott versorgt zu werden, in den Genuß der wahren Kunst kommen.

Lade nun die Gruppenmitglieder ein, sich zu einem der Plakate zu stellen und die dort festgehaltene Meinung gegenüber den Gruppenmitgliedern auf der anderen Seite zu vertreten. Die vertretene Meinung muß sich dabei nicht mit der eigenen decken. Es ist natürlich auch erlaubt, die Seiten zu wechseln. Ist die Diskussion "festgefahren", kannst Du versuchen, sie durch neue Argumente wieder in Schwung zu bringen:

  • Wird nur der Sonnenuntergang im Film oder auf einer Postkarte als kitschig empfunden oder trifft das auch auf einen realen Sonnenuntergang zu? Färbt der Postkarten/Film-Kitsch auch auf das "Original" ab?

  • Bewahrt ein religiöser Inhalt ein Werk davor, kitschig zu sein? Wie steht´s z.B. um eine transparente Plastikmadonna, gefüllt mit Wasser aus Lourdes? Oder um die zahlreichen Bilder auf denen ein süßes, herziges Jesulein dargestellt ist?

  • Andere Ideen dafür findest Du oben im "Hintergrund"!




Kitsch-Geschichte zum Weitererzählen



Ihr setzt euch alle im Kreis auf den Boden; damit es gemütlich wird, könnt ihr es euch mit Decken/Matratzen/Pölstern bequem machen. Du erzählst nun, daß wahrscheinlich jeder ab und zu gerne Musik hört oder Filme ansieht, die er selbst als "kitschig" bezeichnen würde. Man tut das manchmal, wenn man sich entspannen und nicht nachdenken will, aber auch, wenn man verliebt oder traurig ist. Kitsch ist dann oft genau das Richtige!

Die Auseinandersetzung mit Kitsch kann auch Spaß machen. Du schlägst vor, abschließend gemeinsam eine kitschige Geschichte zu erfinden. Dabei hältst Du ein mitgebrachtes Kitsch-Objekt (z.B. ein Urlaubssouvenir) in Deiner Hand und erzählst den Anfang einer Geschichte, der wie folgt lauten könnte:

"Fred war ein junger, fescher Mann. Er wußte, mit seinem Charme konnte er jedes Frauenherz zum Schmelzen bringen. Als er damals, an diesem herrlichen Spätsommerabend mit seinem treuen Schäferhund die Lichtung des Waldes entlang spazierte, glühte die untergehende Sonne am blutroten Horizont. Da sah er plötzlich, daß ihm aus der Ferne jemand entgegenkam ...."

Dann gibst Du denn Gegenstand weiter und läßt das Gruppenmitglied das neben Dir sitzt, weitermachen. Wer nichts sagen will, kann den Gegenstand einfach weitergeben.

Autor/in: Mario Döberl

Publikation: KiK 86

Share |

 

Schlagwort: Kunst/Kultur