• Jungschar vor Ort
  • 70 Jahre JS
  • Über uns
  • Angebote
  • Modelle
  • Gruppe
  • Pfarre
  • Gott & die Welt
  • Wildegg

„Meine Eltern lassen sich scheiden…“

Vielleicht hat dir ein Kind deiner Jungschar- oder Ministrant/innengruppe auch schon einmal erzählt, dass sich seine Eltern scheiden lassen? – In Österreich ist ca. jedes vierte Kind (unter 19 Jahren) direkt von der Scheidung seiner Eltern betroffen. In dieser Statistik sind Kinder, deren Eltern unverheiratet in einer Lebensgemeinschaft lebten und sich trennen, nicht berücksichtigt.

Angesichts der relativ hohen Gesamtscheidungsrate (sie betrug 2015 41,6 %, in Österreich waren 18.686 Kinder direkt betroffen), ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir es auch in Jungschar- und Ministrant/innengruppen mit einigen Kindern zu tun haben, die von der Scheidung oder Trennung ihrer Eltern betroffen sind. In diesem Artikel möchte ich einen Einblick geben, was in Kindern mit solchen Erfahrungen vorgehen kann, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben und wie wir in der Gruppe Unterstützung geben können.

Und plötzlich ist alles ganz anders…

Konflikte liegen in der Luft, werden aber nicht ausgetragen. Mama und Papa streiten sich lauthals. Mama weint oft. Schweigen beim Abendessen…

Wir können uns alle vorstellen, wie belastend so eine Situation für Eltern aber besonders auch für Kinder sein kann. Viele Eltern sind in der Phase der Trennung verständlicherweise sehr mit sich selbst und ihrem Schmerz über die gescheiterte Beziehung beschäftigt. Sie sind oft nicht in der Lage, sich gerade in dieser auch für die Kinder sehr schwierigen Zeit, verstärkt um sie zu kümmern. Kinder erleben nicht nur die Scheidung ihrer Eltern, sondern auch die eigene Trennung von dem Elternteil, der das gemeinsame zu Hause verlässt, ohne erfassen zu können, was passiert ist. (In den meisten Fällen ist es auch heute immer noch der Vater, der auszieht.)

Außerdem können sich vor allem jüngere Kinder kaum vorstellen, dass sie bei solch gravierenden familiären Veränderungen keine besondere Rolle spielen. Das Kind kann vielleicht noch verstehen, dass die Eltern öfter miteinander streiten, vielleicht sogar, dass sie sich nicht mehr lieb haben, aber dass der Papa deshalb auch sie selbst verlassen muss, das ist nur schwer für sie nachvollziehbar. Kinder erleben sich als Mittelpunkt familiärer Beziehungen – sie können sich kaum vorstellen, nicht an allen Vorgängen beteiligt zu sein. Daraus resultieren oft Schuldgefühle – Kinder vermuten häufig, schuld am Auszug des Papas zu sein. Wir können uns leicht vorstellen, welch große Erschütterung so eine Trennung dann im Leben eines Kindes bedeuten muss: Kränkung, Trauer, Schuldgefühle und Wut sind die häufigsten Folgen.

Eine Scheidung/Trennung bringt neben dem Verlust eines Elternteils im Alltag oft auch große Veränderungen mit sich: z.B. ein Umzug in eine neue Wohnung und damit manchmal verbundener Schulwechsel, in manchen Fällen ändert sich die Berufstätigkeit der Eltern – oft bringt eine Scheidung/Trennung auch eine Verschlechterung der ökonomischen Situation der Familie mit sich. Alleinerziehende sind oft von Armut betroffen.

Wird die Obsorge von einem Elternteil alleine (meist von der Mutter) wahrgenommen, besteht die Gefahr, dass sich die Väter ganz aus dem Leben ihrer Kinder zurückziehen. Die noch relativ junge Möglichkeit der gemeinsamen Obsorge von Mutter und Vater zeigt, dass dies ein gutes Instrument ist, um dem gegenzusteuern.

Wut, Angst, Trauer

Bei einer Scheidung merkt das Kind, dass nicht alles nach seinen Bedürfnissen oder Wünschen geht – viele Kinder reagieren, indem sie Verhaltensweisen von Kleinkindern wieder aufgreifen. Sie zeigen damit „Ich brauch‘ Sicherheit & Vertrauen um mich.“ Viele der Reaktionen, die Scheidungskinder zeigen, kann jedes andere Kind aus einem anderen Grund auch zeigen (Baby spielen, Bettnässen, Aggression, Angstzustände, Ruhelosigkeit, …). Dieses Verhalten sagt noch nichts über dessen Bedeutung für das Kind aus. Wir müssen also versuchen, die Bedeutung des Symptoms zu verstehen.

Die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht, nichts an der Trennung der Eltern ändern zu können, äußert sich manchmal in Wut – z.B. gegen einen Elternteil, dem die Schuld an der neuen Situation gegeben wird. Auch Angstgefühle treten häufig auf: Angst vor der Vergänglichkeit der Liebe, Angst vor den Folgen der Trennung, Angst vor den eigenen Gefühlen, Angst vor der Erfüllung der eigenen "bösen" Wünsche gegen die Eltern oder Angst vor der Unberechenbarkeit von Beziehungen. 

Fast könnte man sagen: Kinder „müssen“ reagieren, weil eine Scheidung eine massive psychische Erschütterung ist. Das Kind zeigt uns mit seiner Reaktion, dass es ihm nicht gut geht. – Sorgen müssen wir uns vor allem um jene Kinder machen, die scheinbar keine Reaktion auf die Scheidung zeigen, denn dann ist der Schmerz so groß, dass es ihn nicht zulassen kann.

Eine neue Familie

Einen neuerlichen großen Umbruch gibt es für das Kind, wenn ein Elternteil eine/n neue/n Partner/in findet und mit diesem/r zusammen leben möchte. Dadurch ändern sich die Rollen in der Familie und müssen wieder neu gefunden werden. Evtl. kommt nicht nur ein/e neue/r Mann/Frau in die Familie, sondern auch dessen/deren eigene Kinder: Eine Patchworkfamilie entsteht.

Was braucht ein Scheidungskind von dir, von der Gruppe?

Verlässliche Beziehungen
Du kannst nicht den Schmerz wegnehmen oder die belastende Familiensituation entschärfen – aber du kannst Beziehung anbieten: Zu dir selbst und zu den anderen Kindern. Gerade in einer Zeit, in der sich das Beziehungsgeflecht zu Hause derart massiv verändert, ja sogar aus den Fugen zu geraten scheint, ist es für ein Kind sehr wertvoll, woanders eine Bezugsgruppe zu haben, die stabil ist. Das heißt, dass schon allein das Dazugehören zu einer Gruppe von besonderem Wert ist. Die Kinder müssen intensiv erleben, dass ihre Angst, auch andere Beziehungen könnten in Brüche gehen, nicht bestätigt wird. Dass sie gemocht werden und in der Gruppe willkommen sind, auch wenn sie einem das manchmal schwer machen.

Verlässliche Strukturen
Zu Hause verändert sich jetzt vieles in kürzester Zeit. Da fällt es oft schwer, noch den Überblick zu bewahren. Auch eine Gruppe wird sich - hoffentlich - über die Jahre hinweg verändern und weiterentwickeln, aber diese Veränderungen können beeinflusst werden. Die Strukturen des Gruppenlebens sind leichter zu überblicken und direkter zu beeinflussen als das, was sich gerade in der Familie abspielt. Die Gruppe hat die Chance, in dieser Zeit Verlässlichkeit, Kontinuität und Stabilität zu repräsentieren.

Da sein und zuhören
Es mag banal klingen, aber das schlichte Da-Sein, das zur Verfügung-Stehen, wenn man gebraucht wird, ist gerade für Kinder, deren Eltern sich aufgrund eigener Probleme schwerer als sonst auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einstellen können, von großer Bedeutung. Wenn dann jemand da ist, der mir einfach zuhört, wenn ich traurig oder verärgert bin, ohne mir gleich zu sagen, ich solle nicht so traurig sein, dann kann das schon sehr gut tun. Für die betroffenen Kinder ändert sich bereits etwas, wenn sie sich mit ihren Problemen verstanden wissen. Denn auch das ist ja eines ihrer Probleme, dass so wenige ihr Leiden wirklich zu verstehen scheinen.

Verstehen, ohne alles zuzulassen
Wenn etwa in einer Gruppenstunde Aggressionen rausgelassen werden, dann ist es wichtig, dem Kind mit Verständnis zu begegnen und dieses Verstehen auch mitzuteilen. Kindern, die es zu Hause gerade sehr schwierig haben, kann vorübergehend auch ein größerer Handlungsspielraum zugestanden werden. Gleichzeitig aber wird auf die Grundregeln der Gruppe hingewiesen (z.B. "Bei uns tun wir den anderen nicht absichtlich weh." oder "Wenn sie nicht will, dann soll sie zu nichts gezwungen werden."). Auch in so einer Situation müssen Kinder die Erfahrung machen, dass sich nicht alle Strukturen des Zusammenlebens von Menschen verändern, weil Einzelne in schlechter Verfassung sind. 

Affektäußerungen ernst nehmen
Zorn und Trauer brauchen ihre Ventile, Kinder brauchen Möglichkeiten, ihren Schmerz rauszulassen. Die Trauer von Kindern unterscheidet sich von der von Erwachsenen: Kinder trauern oft sehr sprunghaft. Gerade sind sie noch zutiefst deprimiert, weil sich die Mama schon zwei Wochen nicht gemeldet hat – im nächsten Moment spielt das Kind wieder fröhlich mit. Dies bedeutet nicht, dass die Trauer des Kindes nicht ernsthaft empfunden wird – sie äußert sich nur anders.

Wir können die oft belastende Situation in der Familie nach einer Scheidung/ Trennung nicht verändern, doch können wir dem Kind in der Jungschar- oder Ministrant/innengruppe Halt geben – nicht zuletzt ist der Aspekt der Ablenkung kein unwesentlicher.

Jutta Niedermayer

[aus dem kumquat "abschied" 2009, Zahlen aktualisiert 2017]

Share |