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Die Sache mit der Lautstärke

Leise und laut – im Alltag und in der Kindergruppe

Die, die lauter schreien als die anderen, werden meist eher gehört. Sie sind es auch gewöhnt, dass ihre Lautstärke wirksam ist. Diesem Phänomen ist wohl schon jedem/r begegnet – von der einen oder anderen Seite. Es ist ja auch nicht unpraktisch: Man muss nur ein, zwei „Verbündete“ finden, die der gleichen Meinung sind wie man selbst und laut vertreten, was man möchte. Argumente sind nicht nötig, denn man kommt auch ohne meist verlässlich ans Ziel. Die anderen waren dann nicht schnell oder laut genug, aber wen stört das schon?

Das ist vielleicht ein bisschen überspitzt formuliert, aber ich denke, diese Dynamik tritt gar nicht so selten auf. Vielleicht kennst du sie vom Spielen mit den Kindern, wenn z.B. ein/e Fänger/in gebraucht wird und mehrere Kinder es gern sein wollen. Oder vielleicht auch von Sitzungen der Gruppenleiter/innenrunde?

Natürlich liegt es in der Natur der individuellen Menschen, wie laut oder wie leise sie tendenziell sind, und beides hat seine Vor- und Nachteile. Nur: Wenn es um Entscheidungen geht, die alle betreffen, ist es problematisch, wenn sich automatisch die lauteren durchsetzen. Denn meist werden andere Meinungen dabei nicht einmal gehört. Es kommt zu keiner Auseinandersetzung mit dem Thema der Diskussion, zu keiner Abwägung der Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen. Daher ist überhaupt nicht sichergestellt, dass die Entscheidung auch objektiv betrachtet die bessere ist. Und außerdem bedeutet es, dass sich meistens dieselben durchsetzen, eben die, die sich schnell entscheiden und dann laut dahinter stehen.

Laut und leise in der Kindergruppe
Besonders in Jungschargruppen ist es meiner Meinung nach wichtig, darauf zu achten, dass sich – etwa beim Vorschlagen von Spielen oder wenn es darum geht, seine Meinung zu einem Thema zu äußeren – nicht immer die lauten Kinder durchsetzen, sondern auch die leiseren Kinder etwas zu sagen haben. Es könnte sonst durchaus passieren, dass die interessantesten, originellsten, lustigsten, besten,… Ideen nie Gehör finden - und man würde es nicht einmal bemerken! Außerdem sind die Meinungen aller Kinder wichtig und es ist wichtig, den lauteren und leiseren auch von Beginn an zu vermitteln, dass in der Jungschar alle Kinder wertgeschätzt werden.

Der erste Schritt ist, zu beobachten und sich bewusst zu machen, ob ein solcher Trend in der Gruppe zu finden ist. Allein sich der Tatsache bewusst zu sein, kann schon deine Handlungsweisen beeinflussen. Es gibt aber auch Methoden, die dabei helfen, dass sich alle gut einbringen können – egal, ob die Kinder zu den leisen oder den lauten zählen. Z.B. Zu einem Thema sagt jede/r in der Runde zuerst seine/ihre Meinung (ein Anfangsstatement), dann erst beginnt die gemeinsame Diskussion; während der Diskussion gibt es eine Stimmungsrunde, in der jede/r sagt oder zeigt (Daumen hoch – Mitte – nach unten) wie er/sie zu dem Thema im Moment steht.

Lautere und leisere Kinder haben ein Recht darauf, gehört zu werden.
Daher: Sei wachsam in Situationen, wo ein paar Kinder laut ihre Meinung durchsetzen!

-)    Bremse „die Lauten“ und sag, dass du auch wissen willst, was die anderen darüber denken.

-)    Lass „die Lauten“ begründen, warum sie dafür oder dagegen sind. Welche Argumente gibt es? Das hat den Vorteil, dass der Lärmpegel sinken wird, denn argumentieren kann man besser, wenn man normal spricht. Und so kommt auch eher ein Gespräch unter allen Kindern in Gang.

-)    Wenn du es konsequent einhalten kannst, dass Entscheidungen nicht automatisch von denen gefällt werden, die lauter sind als die anderen, werden sich die Kinder daran gewöhnen und mit der Zeit auch seltener die laute Strategie wählen.

-)    Hilf „den Leisen“, sich einzubringen, indem du bei ihnen nachfragst, was ihnen wichtig ist, und sie wenn nötig dabei unterstützt, ihre Argumente zu formulieren.

Es ist auf jeden Fall den Versuch wert, die leisen Kinder zu stärken und die lauten Kinder dazu zu bringen, zu merken, dass die anderen auch etwas zu melden haben. Wichtig! Es geht nicht darum die lauteren Kinder zu schwächen oder ihnen böse zu sein, sondern darum, die leiseren zu stärken und ein Gleichgewicht herzustellen, damit sich alle gut einbringen können und sich in ihrer Meinung wertgeschätzt fühlen. Wie? Beispielsweise durch „spielerisches Training“:

Spielerische Übungen
Es gibt Spiele, bei denen man üben kann, vor den anderen Kindern der Gruppe zu reden, um die Scheu vor dieser Situation ein bisschen abzulegen. Außerdem kann hier das Zuhören geübt werden bzw. können die Kinder bei manchen der Spiele ebenfalls lernen, Argumente vorzubringen und zu formulieren: Wortsalat, Löffelei, Stille Post, sag’s anders.
Wortsalat: Jedes Kind denkt sich ein viersilbiges (Phantasie-) Wort aus, z.B. Aus-los-bild-ner, Wa-la-wa-ba, A-pfel-stru-del, usw. Reihum stellt jedes Kind das eigene Wort vor. Damit sich jedes Kind das Wort gut merken kann, werden die Wörter ein paar Mal wiederholt. Dann überlegt ihr euch gemeinsam, in welchen Stimmungen ihr die Wörter sagen könntet, z.B. lustig, traurig, zornig, gelangweilt,… Sobald jemandem eine Stimmung einfällt, sagt er/sie diese laut. Dann sagen alle gleichzeitig ihr eigenes Wort in genau dieser Stimmung.
(Alle anderen Spiele findest du auch in der Spielemappe, erhältlich im Jungschar-Büro!)

Für ältere Kids ist die „Stellvertreterdiskussion“ eine ganz lustige Methode, zu üben, eine Meinung zu formulieren und genau zuzuhören, auch wenn es nicht die eigene ist:
Die Kids bilden Zweiergruppen und sitzen im Kreis. Der/Die Spieler/in, der/die links sitzt, versucht, nun, die Meinung des Partners zu einem vorgegebenen Thema zu sagen, wobei der/die Partnerin nur durch Gesten und Mimik zeigen darf, ob er/sie einverstanden ist. Auf die Körpersprache des Partners achtend führen also die Stellvertreter/innen eine Diskussion. Themen dafür könnten sein: „Sind Menschen den Tieren überlegen?“, „Sollten Eltern verpflichtet sein, ihren Kindern Taschengeld zu zahlen – und wenn ja, wie viel?“, „Soll man sich in der Schule aussuchen können, welche Fächer man belegen mag?“, „Haben Engel Flügel?“ Nach einem Durchgang können die Rollen getauscht werden und eine neue Diskussion zu einem anderen Thema beginnt.

Oder eine andere spielerische Methode für Ältere:
In der Mitte des Kreises stehen zwei Stühle. Auf einem hängt ein Kärtchen mit der Aufschrift „Dagegen“ – hier können nur Argumente dagegen eingebracht werden. Auf dem anderen Stuhl hängt ein Kärtchen mit dem Wort „Dafür“ – hier wird nur dafür argumentiert. Die Kinder können nun – zu einem beliebigen Thema – zu diskutieren beginnen, indem sie sich auf einen der beiden Stühle setzen. Aber: Bei der Diskussion muss auf ein Pro-Argument immer ein Contra folgen (bzw. umgekehrt)!

Und zum Schluss noch ein wichtiger Tipp: Kinder lernen sehr viel dadurch, dass sie sich Dinge von anderen abschauen – also auch von dir. Durch deine Vorbildwirkung kannst du durchaus beeinflussen, wie das Klima in deiner Gruppe ist. Wenn du dich selbst dafür interessierst, was die „leisen“ Kinder zu sagen haben, dann werden sie sicherlich auch von den anderen Kindern eher gehört werden!

Lisi Paulovics

[aus dem kumquat "laut" 2007]

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