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Lobby?!? Was ist das?

Lobby, die: 1. Wandelhalle im Parlamentsgebäude 2. Interessensgruppe, die versucht, die Entscheidung von Abgeordneten zu beeinflussen 3. Vestibül, Hotelhalle


Also da wäre einmal der Blick ins Fremdwörterbuch. Zunächst nicht gerade sehr hilfreich, denn was hat das denn jetzt mit Jungschar zu tun? Einer der vier Bereiche der Jungschar heißt doch "Lobby im Interesse der Kinder" und in diesem Heft sind auch jedes Mal diese 2-3 blauen Seiten der Lobby gewidmet. Aber wieso eigentlich?

Sich für Benachteiligte einsetzen

Lobby ist, abgesehen von einer Hotel- oder Wandelhalle, eine Interessensgruppe, die versucht, Abgeordnete, also Leute mit Einfluss, von etwas zu überzeugen. Wahrscheinlich vertritt diese Interessensgruppe eher Benachteiligte und nicht so oft gehörte Teile der Gesellschaft, denn sonst müsste man die Abgeordneten wahrscheinlich gar nicht erst für diese Anliegen begeistern. Und da kommen wir der Sache, was Lobby mit Jungschar zu tun hat, schon näher, denn Kinder sind benachteiligt!

Kinder haben vor dem Gesetz wenig Rechte, da ihre Anliegen nicht gehört werden müssen und sie kaum mitentscheiden dürfen. Es gibt zwar die Kinderrechtskonvention, aber die ist nicht einmal in der Österreichischen Verfassung verankert! Kinder verfügen über keine einflussreiche Lobby, sie haben auch keine wirtschaftliche Macht hinter sich. Deshalb finden Kinder in politischen Zusammenhängen wenig Beachtung und ihre Interessen werden vernachlässigt. Die Meinung von Kindern ist bei wichtigen Entscheidungen und Planungen selten gefragt.

Kinderpolitik auf zwei Ebenen

Um dieser Benachteiligung von Kindern wirksam entgegen zu treten, braucht es kinderpolitisches Engagement auf zwei miteinander verflochtenen Ebenen: Kinderpolitik als "Politik mit Kindern" muss Kinder zur Mitgestaltung ihrer Lebenswelt ermutigen und sie dabei unterstützen. Kinderpolitik als "Politik für Kinder" fordert Erwachsene dazu auf, sich für bessere Lebensbedingungen von Kindern einzusetzen.

In der Jungschar geht es um Kinder. Die Jungschar und ihre Gruppenleiter/innen sind also Kinderexpert/innen. Da liegt es doch nahe, dass die Jungschar Kinderpolitik betreibt, dass die Jungschar die Interessen der Kinder fördert. Und was heißt das?

Kindern aktiv Beteiligung anbieten

Kinder werden in politischen Zusammenhängen vielfach als Objekte ohne eigenständigen Willen und eigene Ansichten gesehen, für die lediglich Schutz und Vorsorge zu gewährleisten ist. Hier ist es notwendig, dass die Erwachsenenwelt eine neue Sichtweise gewinnt: Kinder sind eigenständige Personen mit eigenen Rechten, Interessen und Fähigkeiten. Es ist wichtig, sie ernst zu nehmen und sie an der Gestaltung ihrer Welt teilhaben zu lassen - in der Familie ebenso wie in der Schule, in der Pfarre oder in der Stadt bzw. im Dorf.

Dafür ist es nötig, Kindern Mitsprache und Mitbestimmung zu ermöglichen, wobei ganz wichtig ist, dass dieses Angebot zum Mitreden kindgerecht ist. Es hat keinen Sinn, Mitspracheeinrichtungen von Erwachsenen zu kopieren.
In der Pfarre kann das zum Beispiel heißen, dass es im Pfarrcafé eine Ausstellung gibt, bei der die Jungscharkinder präsentieren, welche Ideen und Anliegen sie für die Pfarre haben. Eine andere Möglichkeit ist zum Beispiel ein Kinderfreundlichkeitstest. Ein Modell dafür findest du im Modellbereich.

Öffentlichkeit für Kinderanliegen schaffen

Heute wird die Stärke einer Interessensgruppe hauptsächlich von der Öffentlichkeit, die sie erreichen kann, bestimmt. Was zählt ist die Medienpräsenz, denn dort kann man Anliegen zur Sprache bringen und auf Ungerechtigkeiten hinweisen.

Für Kinder sind Medien aber nur sehr eingeschränkt nutzbar. Die Jungschar tritt daher dafür ein, dass Kindern genügend Raum zur Selbstgestaltung in Zeitungen und Rundfunk überlassen wird. "Medienpräsent" zu sein, kann aber auch heißen, dass Kinder einmal in der Pfarrzeitung einen Artikel schreiben oder ein Plakat für den Schaukasten gestalten dürfen.

Die andere Möglichkeit, Lobby für Kinder in die Öffentlichkeit zu bringen, ist, sich in den Medien für die Anliegen von Kindern einzusetzen. Die Jahresaktion der Jungschar ist dafür eine sehr gute Möglichkeit, sowohl auf Pfarrebene als auch auf Österreichebene. Nähere Informationen und Ideen dazu findest du in diesem Heft.

Kindgerechtheit zum Maßstab politischen Handelns machen

Es scheint, dass Erwachsene zunehmend kinderfreundlicher werden und oft viel Einfühlsamkeit für die Bedürfnisse von Kindern entwickeln, die Lebensrealität von Kindern verbessert sich aber nicht in diesem Maße. Warum ist das so? Eine mögliche Antwort liegt im Bestehen kinderfeindlicher Strukturen, die schon lange bestehen und daher schwer zu ändern sind. Grundbilder wie das von Kindern als kleine Erwachsene - "Was für Erwachsene passt, wird auch für Kinder gut sein!" - oder das Bild von Kindern als Entwicklungswesen - "Was aus Kindern wird, ist entscheidend, nicht was mit Kindern jetzt ist!" - haben viele Strukturen in Familie, Schule, öffentlichem Leben, Raumnutzung,... geprägt.

Denk zum Beispiel an die strikte Zeitplanung in der Schule oder die Dominanz des Verkehrs in unseren Orten. Entscheidend ist, dass solche Benachteiligungen angesprochen und bewusst gemacht werden; dazu kannst du in deiner Jungschargruppe einen Beitrag leisten. Die heurige Jahresaktion hat übrigens genau dieses Thema, nämlich "Spielräume für Kinder".

Zu Gunsten der Kinder umverteilen

Raum: In Graz wurde 1995 erhoben, dass jedem Kind 4 m2 im öffentlichen Raum zur Verfügung stehen, jedem Auto jedoch 20 m2. Dieser Vergleich zeigt deutlich, dass die Bedürfnisse der Kinder im öffentlichen Raum in hohem Maße vernachlässigt werden. Der Spielplatz wird gerade in den Städten zu einer Schutzzone, einem Ghetto in einer sonst unwirtlichen Umgebung.

Geld: Da über Geld bekanntlich nicht gern geredet wird, bleibt die Tatsache oft unbekannt: 270.000 Kinder sind im reichen Österreich arm. Besonders hoch ist die Armutsgefährdung von Kindern aus Arbeiter/innenfamilien, Mehrkindfamilien, Arbeitslosenhaushalten und Kindern von Alleinerzieher/innen.
Zeit: Die bestehende Organisation der Arbeitswelt macht es für Eltern schwer, ausreichend Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.

Diese Defizite an öffentlichem Raum, finanzieller Unterstützung sowie der Zeit erwachsener Bezugspersonen machen deutlich, dass die Qualität kindlicher Lebensbedingungen wesentlich durch die Verteilung der gesellschaftlichen Güter bestimmt wird. Eine Umverteilung zu Gunsten der Kinder ist notwendig.

Angie Weikmann

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