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Zeig Zivilcourage!

Gruppenstunde | Alter: 13-15 | Aufwand: mittel

Hintergrund

Die Hetze gegen Migrant/innen wird durch viele Medien, Organisationen und Parteien immer lauter und stärker. Gerade jetzt ist es wichtig, dagegen aufzutreten. Viele Menschen werden täglich Opfer von Beschimpfungen und leider haben wir nicht immer den Mut uns dagegen aufzulehnen und Menschen, die unter täglichem Rassismus leiden, in Schutz zu nehmen und Zivilcourage zu zeigen. Wie man dieses spannende und herausfordernde Thema mit den Kindern thematisieren kann, erfahrt ihr hier.

Material

  • einen Laptop oder Computer mit Internetzugang
  • Thesen
  • Leiste von 1-100
  • Zettel und Stifte
  • Ausgeschnittene Hände und Münder

 

Schau nicht weg!


Zum Einstieg in die Gruppenstunde rund um das Thema Zivilcourage hast du eine kurze Videosequenz vorbereitet, die du in der Mitte unterbrichst und deine Kinder fragst, wie diese Situation weitergehen könnte. Das Video findest du zum Download unter http://www.filmproduktion.org/zaraspots/ unter "Werbespot Öffentlicher Bus". Der Inhalt des Videos ist folgender:
Eine Autobusszene: Eine junge Frau mit Kopftuch wird untertags von zwei eher bedrohlich wirkenden Männern angestänkert. Sie lassen rassistische Sprüche los und werden übergriffig. Die Mitfahrenden bekommen es mit, aber keiner tut etwas. Einer Frau, die in der Nähe sitzt, ist es sichtbar auch unangenehm, sie überlegt was sie tun kann. Cut.

Wie könnte diese Situation weitergehen? Was passiert? Greift jemand ein? Wenn ja, wer und vor allem wie? Deine Kinder sollen ihren Gedanken freien Lauf lassen und verschiedene Szenarien überlegen. Wenn sie genug Gedanken gesponnen haben, spul das Video nochmal zurück und schaut es euch ganz an. Ihr werdet sehen, dass die mitfahrende Frau einen epileptischen Anfall vortäuscht, den Männern die ganze Situation zu brenzlig wird, und sie von der Frau ablassen und bei der nächsten Station aussteigen. Am Ende des Videos wird klar, dass es eine Werbung für ZARA ist, eine Organisation, deren Arbeitsschwerpunkte Zivilcourage und Anti-Rassismusarbeit sind.

Was ist hier passiert? Die Frau hat sich dafür entschieden einzugreifen, aber einen sehr unkonventionellen Weg gewählt. Sie hat ihr Ziel, nämlich der jungen Muslimin aus der unangenehmen Situation zu helfen, erreicht. Du kannst deine Kids nun fragen, ob sie so eine, oder eine ähnliche Situation schon einmal miterlebt haben, oder auch das Gefühl kennen, Ungerechtigkeit im öffentlichen Raum zu erleben, wo man nicht immer genau weiß, wie man eingreifen soll. Was die junge Frau in dem gestellten Video gezeigt hat, war Zivilcourage.

Zivilcourage - Was ist denn das?


Vielleicht kennen noch nicht alle deiner Kinder das Wort Zivilcourage: Zivilcourage lässt sich gar nicht so genau erklären: Es bedeutet so etwas wie "Mut im alltäglichen Leben". Das meint einerseits zu seiner Meinung zu stehen und diese zu vertreten, auch wenn sie nicht im Sinne der Mehrheit ist, andererseits bedeutet es aber auch einzugreifen, wenn es zu Ungerechtigkeit im öffentlichen Raum kommt. Deinen Jungscharkindern oder Ministrant/innen fallen nach der Erklärung sicherlich Beispiele ein, wo sie Zeug/innen von Zivilcourage geworden sind, oder Situationen, in denen diese angebracht gewesen wäre.

Ab wann werden Grenzen überschritten?


Als nächster Schritt soll geschaut werden, was von den Einzelnen als "Grenzüberschreitungen" oder "Gewalt" gesehen wird. Hierzu hast du einige Thesen vorbereitet, zu denen sich deine Kinder entlang einer gedachten Linie von 0 bis 100 aufstellen. Finden Sie, dass hier keine Gewalt im Spiel ist und es zu keiner Grenzüberschreitung gekommen ist, stellen sie sich auf der Seite des Raumes mit der Null hin. Finden sie, dass hier massiv Gewalt ausgeübt wird, positionieren sie sich am anderen Ende, bei 100. Du liest jeweils eine These vor, gibst deinen Kindern Zeit sich zwischen den beiden Polen aufzustellen und fragst sie anschließend, warum sie gerade dort stehen wo sie stehen. Die Kinder sollen hierbei ins Gespräch kommen und einander ihre Standpunkte erklären. Man darf während der Diskussion auch seinen Standpunkt verändern und sich woanders hinstellen.

Mögliche Thesen können sein:

  • Ein Vater reißt sein Kinder vor einem herannahenden Auto weg und tut ihm dabei sehr weh.
  • Ein türkisches Mädchen wird von zwei Frauen rassistisch beschimpft. Die Leute die daneben stehen und es hören, reagieren nicht.
  • Einige Burschen versuchen eine Mitschülerin zu überreden die Schule mit ihnen zu schwänzen, obwohl diese schon mehrfach gesagt hat, dass sie nicht will.
  • Eine Obdachlose erfriert im Park.


Die Sätze sind sehr unterschiedlich und es kann gut sein, dass deine Kinder sich ganz unterschiedlich aufstellen. Es kommt nämlich darauf an, was man selbst für Vorerfahrungen gemacht hat. Die Übung zeigt gut, dass sehr subjektiv ist, was als Gewalt angesehen wird. Jede/r wird sich zu den Geschichten andere Kontexte zusammenreimen und darauf basierend urteilen.

Manchmal wird Gewalt als gerechtfertigt angesehen werden, vielleicht bei dem Vater, der sein Kind beschützen will. Ein anderes Mal ist auf den ersten Blick keine Gewalt ersichtlich, wie z.B. bei der Obdachlosen: Hier scheint keine Einwirkung von außen vorhanden zu sein. Andererseits jedoch steckt in dieser Situation viel Gewalt, auch wenn diese vielleicht subtiler oder institutionalisierter ist: die Situation macht deutlich, dass es keinen Raum für Wohnungslose gibt und diese gezwungen sind in der Kälte zu übernachten.

Es kann leicht sein, dass die Kinder wissen wollen, was vorher passiert ist oder meinen, sie müssten mehr vom Kontext wissen, um sich eindeutiger positionieren zu können. Das stimmt. Aber diese Information kannst du ihnen nicht geben. Nach der Übung kannst du auch verraten warum: Wenn wir in der Öffentlichkeit zu einer Situation hinzustoßen, wissen wir auch meist nicht, was davor passiert ist, oder wie die Hintergründe sind: Wir erfahren genau die wenigen Informationen, die wir in diesem Moment sehen oder hören - und aufgrund dieser wenigen Eindrücke gilt es zu handeln - oder auch nicht zu handeln.

"Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit."


Wie kann man denn aber Zivilcourage zeigen? Wann ist es angebracht einzugreifen, und wie? Und was können Kinder hier tun? In einem dritten Schritt sollt ihr nun gemeinsam überlegen, was man in Situationen tun kann, in denen man das Gefühl hat, eingreifen oder jemandem helfen zu müssen.

Gemeinsam sollt ihr nun sammeln, was alles Zivilcourage sein kann und wie man diese zeigen kann. Das können auch recht kleine Dinge sein: Zu seiner Meinung stehen, auch wenn man damit allein ist, sich im Freundeskreis oder der Familie gegen fremdenfeindliche oder sexistische Sprüche wenden, nicht über Witze über Ausländer/innen oder eine bestimmte Religionsgruppe zu lachen, sondern hierzu klar Stellung beziehen, dass man das daneben findet, dort hinschauen, wo andere Wegschauen, Hilfe anbieten, Hilfe holen, Erwachsene ansprechen und bitten einzugreifen, rassistische Schmierereien melden, auf Menschen, z.B. neue Mitschüler/innen zugehen, anstatt sie auszugrenzen, etc

Es kann sein, dass Kinder im Zuge der Diskussion auch Beispiele aus ihrem Alltag bringen, wo sie nicht gewusst haben ob und wie sie eingreifen sollen, zum Beispiel wenn es eben wie in dem Video zu einem rassistischen Übergriff im öffentlichen Raum kommt und die Aggressor/innen körperlich ganz überlegen sind und aggressiv wirken. Ganz wichtig hierbei ist, deinen Kindern keinen Stress oder Druck zu machen! Am wichtigsten ist es, ihre eigenen Grenzen zu achten. Tu nichts, was du dich nicht traust! Angst ist ein gutes Zeichen und eine kluge "Erfindung" des menschlichen Körpers bzw. Geistes. Sie soll uns davor schützen Dinge zu tun, die uns nicht gut tun und so ist es auch in diesem Fall. Vielleicht fallen deinen Kindern kreative Möglichkeiten ein, wie man der Person aus der Situation helfen kann, wie z.B. das Vortäuschen des Anfalls eine war, man kann den/die Fahrer/in des Verkehrsmittels darauf aufmerksam machen, oder laut lossingen und somit die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eine andere Möglichkeit zu reagieren wär auch ganz bewusst hinzuschauen, der betroffenen Person durch Blicke zu signalisieren, dass man nicht hinter dem steht, was hier passiert, oder nachher zu der Person hingehen und ihr sagen, dass du mit dem nicht einverstanden warst - aber in dem Moment eben nicht wusstest, oder dich nicht getraut hast, einzugreifen. Es gibt viele Möglichkeiten - Wegschauen ist auf jeden Fall keine.

Sammelt gemeinsam Situationen in denen Zivilcourage nötig wären. Du kannst auch schon welche vorbereiten, dann fällt es den Kindern oft leichter selbst auch welche zu finden. Auf ausgeschnittenen Händen könnt ihr Sammeln was man tun kann, auf ausgeschnittenen Mündern was man sagen kann.

Niemand muss den Helden oder die Heldin spielen, aber es kann nie zu viel Zivilcourage geben. Gerade heute, in einer Welt wo rassistische Parolen und Schmierereien allgegenwärtig sind und sogar im politischen Wahlkampf scheinbar akzeptiert werden, ist es wichtig mündige, kritische und couragierte Menschen zu haben, und somit auch kritische und couragierte Kinder. Denn auch Willy Brandt, deutscher Politiker und Friedensnobelpreisträger, meinte: "Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit."

Rassismus streichen - Solidarität zeigen


Dass Zivilcourage zeigen nicht immer besonders "mutig" sein, oder mit sich selbst in Gefahr bringen zu tun haben muss, zeigen die beiden anderen Werbespots von Zara, von denen ihr euch einen (oder beide) zum Abschluss noch gemeinsam anschauen könnt. Bei dem einen sieht man eine alte Frau, die auf eine Mauer zusteuert und rassistische Beschmierungen wegputzt, und bei dem anderen sieht man, wie in einem Flugzeug ein Flugbegleiter auf charmant-witzige Weise Stellung gegen Rassismus bezieht (auch zu finden unter http://www.filmproduktion.org/zaraspots).

Autor/in: Clemens Huber, überarbeitet von Kathi Bereits

Publikation: kumquat "alle anders - alle gleich" 3/2015

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Schlagwörter: Ich und die anderen, Werte