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Menschen wandern

Gruppenstunde | Alter: 11-14 | Aufwand: mittel

Hintergrund

Menschen wandern. Oder auch nicht.

Material

  • Kärtchen und Stifte
  • Lebensgeschichten
  • Steine
  • Evtl. Rosen

Aufbau

In der Gruppenstunde beschäftigt ihr euch zunächst mit Lebensgeschichten von Menschen, die gewandert sind und die ein besseres Leben suchen. Dann überlegt ihr, was für euch die Dinge sind, die ein "gutes Leben" ausmachen. Bis zur nächsten Gruppenstunde könnt ihr dann herausfinden, woher die Menschen in eurer Umgebung kommen bzw. gekommen sind.

 

Einstieg


Als Einstiegsspiel könnt ihr "Ich packe meinen Koffer..." spielen. Was packt ihr alles ein, wenn ihr länger von zu Hause weg seid? Was darf auf keinen Fall fehlen? Ein Kind nennt einen Gegenstand, gemeinsam wiederholt ihr ihn, das nächste Kind nennt einen weiteren Gegenstand, nun wiederholt ihr gemeinsam die schon gepackten Gegenstände, so wird eure Packliste länger und länger...

Menschen, die wandern


Du hast Portraits und Lebensgeschichten von Menschen mitgebracht (siehe Kästchen am Ende der Gruppenstunde), die gewandert sind. Teilt euch zu den verschiedenen Geschichten auf und lest sie durch. Im Anschluss erzählt ihr den anderen davon, und zwar so: Ihr überlegt, wer von euch einen Interviewer spielen möchte und wer die Geschichte des/der Migrant/in übernimmt. Der Interviewer stellt ihm/ihr Fragen zu seinem/ihren Leben: Woher kommst du? Wo lebst du jetzt? Warum bist du von zu Hause weggegangen? Welche Schwierigkeiten stellten sich dir in den Weg? Was hat dir geholfen, es leichter für dich gemacht?

Abdirazak Abdi


Abdirazak ist 38 Jahre alt. Er wurde in Hargeisa, Somalia, geboren und lebt heute in London.

"In Somalia führte ich ein normales Leben. Mein Vater war Beamter bei der Post. Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Land je aus irgendeinem Grund verlassen würde, doch ich musste fort, als es zu schwierig wurde zu bleiben.
Als der Bürgerkrieg begann, planten wir nicht wegzugehen. Ich hatte begonnen, mir in meinem Zimmer eine Bibliothek einzurichten, kaufte neue Bücher, neue Schallplatten, die ich hören wollte. Als feststand, dass wir weggehen würden, sagte mein Vater, wir sollten zusammenpacken, was wir konnten. Viel konnten wir nicht mitnehmen, hauptsächlich Essen und leichte Kleidung. Ich konnte nicht fassen, dass ich fort musste aus Hargeisa. Manchmal versuche ich diesen Augenblick des Weggehens zu vergessen, aber es ist mir nie ganz gelungen. Zuerst wanderten wir weg aus der Stadt, in das Heimatdorf meiner Eltern. Wir hörten immer wieder, dass schon wieder Menschen getötet oder verwundet wurden, weitere Häuser zerstört waren. Das war schrecklich.
Dann verließen wir das Land und kamen in ein Flüchtlingslager in Äthiopien. Wir hatten in einem Haus gewohnt, plötzlich musste ich in einem Zelt leben, und mir war so kalt. Ich konnte nicht richtig schlafen, und es gab viele kranke Menschen.
Ich suchte um ein Visum für Deutschland an, das ich auch bekam. Ich blieb drei Monate in Deutschland, doch ich wollte nach England, weil ich dort viele Verwandte und Freunde habe. Bei meiner Ankunft war ich auf alles gefasst: dass sie mich zurückschicken oder dass sie mich bleiben lassen. Alles war dabei sehr kalt, sie hatten kein Mitgefühl. Ich finde, sie waren nicht fair. Jetzt habe ich eine provisorische Aufenthaltsgenehmigung in diesem Land. Wenn sie abläuft, muss ich wieder hingehen und fragen, "Würden Sie bitte verlängern?" Dann müssen sie entscheiden, was sie tun und ob ich in diesem Land bleiben darf.
Nach meiner Ankunft suchte ich zunächst Kontakt mit anderen Somaliern. Sie erzählten mir, was mich erwartet. Zunächst begann ich freiwilligen Sozialdienst in der Gemeinde zu leisten, ich half Leuten, die nicht Englisch sprachen. Nun arbeite ich als Unterrichtsassistent, d.h., ich erkläre den somalischen Schulkindern, worum es gerade geht.
Als ich in Großbritannien ankam, fand ich große Unterschiede in der Lebensweise vor. In Somalia sind kulturelle Werte und das Familiensystem viel wichtiger als hier. Das ist manchmal schwierig für mich. Mein religiöser Glaube ist sehr wichtig für mich. Er hilft mir, eine Lösung für meine Probleme zu finden.

Gekürzte Version aus der Bildungsmappe des UNHCR: "In einer neuen Heimat"

Anna Moradian


Anna und ihre Familie leben heute in Griechenland. Sie sind armenische Christ/innen aus Teheran. Anna war noch klein, als sie aus dem Iran weggingen.

"Wir sind eine sechsköpfige Familie. Als wir den Iran verließen, war ich sieben Jahre alt. Ich kann mich nicht an viel erinnern, aber ich erinnere mich an unsere Verwandten und Freund/innen. Ich vermisse meine Großmutter, die ich sehr liebte.
Ich weiß nicht mehr genau, wann wir beschlossen fortzugehen. Ich weiß noch, dass das Wort Griechenland fiel, was mir sehr fremd vorkam, denn damals kannte ich nur den Iran.
Es war wirklich sehr schwer, als wir in Griechenland ankamen, denn wir konnten die Sprache nicht. Zum Glück wurden wir vom Flughafen von Freunden abgeholt, also waren wir nicht ganz verloren.
Wir gingen zur Schule, begannen Griechisch zu lernen, und langsam, ganz langsam schloss ich mich anderen Kindern an. Es gab viele Kinder aus dem Iran, es war also nicht so schlimm, dass ich noch nicht Griechisch sprach.
Die anderen Kinder lachten uns aus, wenn wir uns in unserer Sprache unterhielten. Sie waren uns gegenüber sehr abweisend, das war nicht schön. Es war schwer für mich, aber ich habe nicht aufgegeben.
Nun mag ich Griechenland sehr. Man kann hier so viel unternehmen. Ich mache im Augenblick einen Computerkurs und ich lerne tanzen. Am schwersten war es für meinen Vater, Arbeit zu finden, weil er die Sprache nicht konnte. Es ist auch heute nicht leicht für ihn, Arbeit zu finden, obwohl er die Sprache schon besser kann. Ich weiß, dass er sich Sorgen macht, aber er zeigt es nicht.

Gekürzte Version aus der Bildungsmappe des UNHCR: "In einer neuen Heimat"

Rosa Corazon Dizon


Rosa kommt von den Philippinen und arbeitet seit 13 Jahren als Hausangestellte in Hong Kong. Sie hat drei Kinder, die sie aber nur selten sieht.

"Ich bin ins Ausland gegangen, um meine Kinder in die Schule schicken zu können. Ich bin eigentlich Lehrerin, aber als Hausangestellte in Hong Kong verdiene ich viel mehr, als ich als Lehrerin auf den Philippinen verdienen würde. Eigentlich wollte ich nur für ein paar Jahre weggehen, aber man hat so viele Verpflichtungen. Meine Familie braucht das Geld, das ich ihnen schicke. Meine Eltern konnten sich damit ihr Haus renovieren, es gibt dort jetzt auch viel mehr Platz. Meine älteste Tochter kann das College besuchen, und auch meinen anderen Kindern konnte ich so eine Schulausbildung finanzieren.
Es ist schlimm für mich, dass ich am Leben meiner Kinder wenig teilnehmen kann. Bei der Familie, bei der ich in Hong Kong arbeite, bin ich für zwei Kinder da. Ich frühstücke mit ihnen, bringe sie in die Schule und koche für sie. Meine eigenen Kinder sehe ich dagegen nur einmal im Jahr. Aber wir telefonieren viel und schreiben Sms.
Es ist schön, dass viele andere Filipinas (Frauen von den Philippinen) hier in Hong Kong arbeiten, so kann ich mich in meiner Freizeit mit ihnen treffen, in meiner Sprache sprechen und mit ihnen über die Philippinen plaudern. Ich hoffe, dass ich bald ganz nach Hause kommen kann, aber das ist schwierig, weil es dort keine Arbeit für mich gibt und meine Familie auf das Geld, das ich schicke, angewiesen ist. Vielleicht wird bald meine älteste Tochter, wenn sie das College abgeschlossen hat, auch nach Hong Kong kommen.

Alexander Müller


Alex studiert Geschichte in Wien, dzt. ist er auf Auslandssemester in Belgien.

Ich wollte immer schon mal im Ausland leben. Das im Rahmen meines Studiums zu tun bietet sich besonders an, weil es viele Programme gibt, die das unterstützen. Außerdem ist es immer mehr gefragt, an mehreren Universitäten zu studieren. Ich habe mich für Belgien entschieden, weil ich dadurch mein Französisch aufbessern kann und ich es wichtig finde, mehrere Sprachen zu können. Ich finde es interessant zu sehen, dass Uni auch anders ablaufen kann als bei uns. Außerdem finde ich es schön, Leute aus der ganzen Welt kennen zu lernen.
Leider kenne ich noch sehr wenige Belgier/innen, sondern v.a. andere Student/innen aus anderen Ländern. Aber das wird sich ja vielleicht noch ändern. Da Belgien auch nicht allzu weit von Wien entfernt ist, kann ich zumindest zu Weihnachten nach Hause fahren, darauf freue ich mich schon, denn ich vermisse meine Freund/innen und auch meine Familie. Meine Schwester hat ein Kind bekommen und ich finde es schade, dass ich die ersten Monate meines Neffen "verpasse".

Nun habt ihr in Form der Geschichten, die ihr gelesen habt und die ihr euch in Interviewform erzählt habt, schon einiges über die Gründe, warum Menschen migrieren, gehört. Sammelt auf Kärtchen auf, was solche Gründe sein können, die Menschen dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen. Ihr könnt die Kärtchen nebeneinander wie einen Weg auflegen.
Dann sammelt ihr, z.B. auf Steinen, was die Schwierigkeiten sind, die ihnen in den Weg gelegt werden. Die Steine platziert ihr auf dem Weg aus Kärtchen.

Das gute Leben


Viele dieser Gründe haben wahrscheinlich mit existentiellen Bedürfnissen zu tun, andere damit, ein besseres, schöneres Leben zu haben. Was bedeutet ein gutes, schönes Leben für uns?
Jedes Kind kann für sich selbst überlegen, oder ihr überlegt zu zweit, welche Dinge für euch wichtig im Leben sind, die euch das Leben schöner machen, die für euch zu einem guten Leben dazugehören. Schreibt sie auf Kärtchen auf, die Kinder können sie dann den anderen vorlesen.

Wenn du möchtest, kannst du auch Rosen mitbringen, die als Symbol für das Gute und Schöne im Leben stehen. So forderten z.B. die Frauen der Arbeiterinnenbewegung bei ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen "Brot und Rosen", im gleichnamigen Lied singen sie davon, dass kein Mensch nur vom Brot — also nur von reiner Grundbedürfnissättigung leben kann. Sondern dass wir Menschen, um ein gutes Leben zu haben, auch die Rosen — also alles Schöne und Gute — brauchen. Die Kinder können darauf ihre Kärtchen befestigen und dann eine Rose mit nach Hause nehmen.

Woher kommst du?


Eine spannende Frage könnte sein, nachzufragen, woher die Menschen in eurer Umgebung eigentlich kommen. Nehmt euch vor, bis zur nächsten Stunde je 5-10 Menschen (eure Oma, euren Nachbarn, eine Lehrerin, den Verkäufer im Lebensmittelgeschäft, ein Kind im Park o.Ä.) zu befragen, woher ihre Eltern kommen oder gekommen sind. In der nächsten Stunde könnt ihr euch dann die Geschichten, die ihr gehört habt, erzählen und sammeln, auf wie viele Länder und/oder Regionen ihr gekommen seid!

Autor/in: Clara Handler

Publikation: kumquat "mobil" 4/2007

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