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Judit

Gruppenstunde | Alter: 12-15 | Aufwand: hoch

Hintergrund

Das Buch Judit - ein Teil des Alten Testamentes - ist an der Wende vom 2. zum 1. Jh. vor Christus entstanden. Es erzählt von einer gewalt-igen Frau, die mutig und entschlossen ihr Volk vor dem Verderben rettet. Wie jeder biblische Text hat auch diese Geschichte sehr vielfältige Ebenen und Aspekte. In diesem Gruppenstundenmodell könnt ihr euch zunächst gemeinsam mit der Geschichte von Judit vertraut machen, um euch dann mit dem Aspekt der Rechtfertigung von Gewalt näher auseinander zu setzen.
Wichtig für das Verständnis der Geschichte ist auf jeden Fall, dass es sich hier nicht um einen historischen Bericht handelt, sondern im damaligen Lebenszusammenhang um eine Art "Lehrerzählung", die davon erzählt, wie sich das Volk Israel in Bedrängnis verhält und wie Gott ihm beisteht. Darauf solltest du auch deine Kids am Anfang der Gruppenstunde deutlich hinweisen! Möglicherweise tauchen im Lauf der Gruppenstunde Fragen auf, wie denn ein Gott der "Schwachen und Bedürftigen" durch eine Gewalttat wirken kann. Diese Frage ist natürlich legitim - einige Gedanken zu dieser Fragestellung findest du in "Ein gewaltiger Gott" auf Seite 6.

Ziel

Die Gruppenmitglieder setzen sich mit der Geschichte Judits auseinander und beschäftigen sich dabei mit elementaren Lebensfragen: Ist Gewalt rechtfertigbar?

Material

  • Kopie des Bildes von Caravaggio
  • Vier Kuverts mit Aussagen von Zeug/innen
  • Sechs Plakate mit Personen aus unserer Zeit, mit Löchern statt der Köpfe
  • Gedankenblasen, etwa A4-Größe
  • Möglichst viele Zeitungen und Zeitschriften
  • 2 Zettel: Hier ist Gewalt ok/Hier ist Gewalt nicht ok
  • Für jedes Gruppenmitglied eine Kopie des Gedichts "Über die Gewalt" (im Anschluss an den Text)

Aufbau

 

Zusammenfassung der Geschichte:


Falls sich Detailfragen ergeben, wäre es fein, wenn du das Buch Judit gelesen hast - keine Panik, es ist nur 15 Seiten lang.
Der Assyrerkönig Nebukadnezar möchte alle Reiche des Vorderen Orients unter seine Gewalt bringen, wird jedoch zunächst nicht ernst genommen. Darüber erbost, schwört er, alle Bewohner/innen eines großen Gebietes auszurotten. Damit beauftragt er seinen Oberbefehlshaber Holofernes, der viele Gebiete erobert - er lässt alle ihre Götterhaine umhauen, weil alle nur mehr Nebukadnezar als Gott verehren sollen.
Auch die Israelit/innen fürchten sich und flehen Gott um Hilfe an. Holofernes besetzt alle Wasserquellen der Israelit/innen und verlässt sich darauf, dass sie irgendwann aus Durst ihre Städte ausliefern müssen.

Die Israelit/innen werden mutlos und verzweifelt. Die meisten glauben, Gott habe sie verlassen und wollen sich ergeben. Der Älteste Usija meint aber, sie sollten noch fünf Tage aushalten, und bis dahin würde Gott ihnen helfen - wenn nicht, würden sie sich ergeben.
Die fromme Witwe Judit lässt die Ältesten zu sich rufen und kritisiert, dass sie Gott durch die fünf Tage Frist auf die Probe stellen und seine Entscheidung erzwingen wollen. Sie sagt ihnen, dass Gott durch sie, Judit, Israel helfen wird. Sie betet zu Gott und bittet ihn um Kraft. Dann zieht sie ihr schlichtes Witwengewand aus, schmückt und schminkt sich und geht mit ihrer Dienerin ins feindliche Lager.
Judit beeindruckt Holofernes mit ihrer Schönheit und macht ihm weis, sie werde ihm helfen, die Israelit/innen zu besiegen. Holofernes Leidenschaft ist entbrannt und er möchte unbedingt mit ihr schlafen. Er lädt sie zu einem Festmahl ein. Als er in seinem Rausch eingeschlafen ist, ist Judit allein mit ihm - sie bittet Gott um Kraft und schlägt ihm mit seinem Schwert den Kopf ab. Sie gibt den Kopf ihrer Dienerin, die ihn in einen Sack steckt. In ihrer Heimatstadt sind alle beeindruckt von Judits Tat und preisen sie. Judit weist die Männer an, so zu tun, als würden sie die Assyrer angreifen. Als diese darauf reagieren wollen, entdecken sie die Leiche des Holofernes und flüchten. Judit spendet ihren Anteil aus der Beute dem Tempel. Als angesehene Witwe wird sie noch sehr alt, noch lange nach ihrem Tod wagt niemand es, die Israelit/innen anzugreifen.

Einstieg


Du hast die Kopie eines Gemäldes mitgebracht, das Judit mit dem Kopf von Holofernes zeigt (siehe Abbildung). Du nennst nicht die Namen der Personen auf dem Bild und erzählst auch noch nichts von der Geschichte. Vielmehr stellst du Fragen in den Raum: Was ist hier geschehen? Klar ist, dass eine Bluttat vorgefallen ist. Doch wie ist es dazu gekommen? Handelt es sich um ein Verbrechen?

Rekonstruktion einer Bluttat


Ihr versucht nun als Gruppe den Tathergang zu rekonstruieren, sprich euch mit der Geschichte auseinander zu setzen, indem ihr sie aus verschiedenen Perspektiven kennen lernt. Dazu ist es wichtig, einige Zeug/innen dieses Geschehens aufzutreiben. Die Gruppe teilt sich in vier Kleingruppen, die je ein Kuvert mit einem Foto der Zeug/innen sowie deren Aussagen erhalten. Aufgabe der Kleingruppen ist es, anschließend aus Sicht der Personen das Geschehene zu schildern.

Die Zeug/innen-Berichte:


Die Frau des Todesopfers:
"Es handelt sich hier um eine wirklich sehr schreckliche Geschichte. Eigentlich kann ich kaum darüber sprechen. Die Sache war so: Mein Mann ist wie immer in die Arbeit gegangen. Sein Chef, Nebu, hat große Stücke auf ihn gehalten, er hat meinen Mann mit einer Dienstreise beauftragt. Es sind nämlich die Leute in den Filialen der Firma untreu geworden. Mein Mann sollte sie wieder auf die rechte Spur führen, ein bissl bestrafen vielleicht. Naja, und wie er dann zur Stadt Betulia gekommen ist, haben die dortigen Leute ihn wissen lassen, dass sie auf seinen Chef, den Nebu, pfeifen. Er ist hart geblieben und wollte die Sache bereinigen. Da ist dann die Katastrophe passiert: Eine Tussi hat sich an ihn herangemacht. Mein Mann hätte sich nie auf so sexuelle Sachen eingelassen, er war ja die Treue in Person. Diese Frau, sie hieß Judit, hat ihn besoffen gemacht und dann einfach den Kopf abgeschnitten. Ich war völlig schockiert."

Der Chef des Toten, Nebu
"Mein Angestellter, er hieß Holofernes, war ein guter Mann, ein sehr guter sogar. Meine Firma ist ziemlich groß und deshalb versuchen die Filialen öfters, sich abzusetzen. Er hat sie immer erfolgreich zurechtgewiesen. Seinen letzten Auftrag hat er aber völlig versaut. Die Filialen bei den Juden wollten nicht gehorchen, er hätte sie maßregeln sollen. In der Gegend von der Stadt Betulia hat er sich aber von einer Dame anmachen lassen. Die hat so auf heilig getan, ihm vorgespielt, dass sie mit ihm zusammenarbeiten möchte. Er war leider etwas naiv und ist ihr voll in die Netze gegangen. Der Idiot hat sich einen Abend lang volllaufen lassen. Die Dame musste dann der Alkoholleiche nur mehr den Kopf abschneiden. Damit war die Sache vorbei. Irgendwie bin ich ja froh, ihn los zu sein, er war mir ja schon fast zu erfolgreich. Schade ist es trotzdem, sein Auftrag war wichtig und sein Scheitern hat mich viel gekostet."

Zwei alte Männer namens Kabri und Karmi.
Sie singen ein Lied (Jdt 16, 1-17), in dem sie die Tat Judits loben (ein Ausschnitt):
Sie wollten die Städte und Dörfer verbrennen,
die Männer und Jungen mit Schwertern erschlagen,
die Frauen und Kinder als Sklaven verschleppen,
die Säuglinge töten mit grausamer Hand.

Doch Gott, unser Herr, hat die Pläne vereitelt;
er selbst, der Allmächtige, kam uns zu Hilfe
und gab uns den Sieg durch die Hand einer Frau.

Nicht kräftige Krieger erschlugen den Feldherrn,
den Tod fand er nicht durch gewaltige Männer,
nein, weiblicher Schönheit und Täuschung erlag er,
die Tochter Meraris bezauberte ihn. ...

Sein Blick war geblendet von ihren Sandalen,
die Schönheit der Frau nahm dem Feldherrn den Atem -
da traf ihn das Schwert und durchschnitt ihm den Hals. ...

Du, Herr, bist so groß, voller Hoheit und Macht,
so stark, dass kein Gegner dir standhalten kann! ...

Doch wehe den Völkern, die mein Volk bekämpfen,
denn Gott wird sie strafen am Tag des Gerichtes.
Ihr Fleisch wird gefressen von Wundbrand und Würmern,
ihr Klagen und Heulen hört nie wieder auf."

Die Dienerin der Täterin, Samira.
"Holofernes war der Feldherr unserer Feinde und wollte uns alle einfach umbringen. Zuerst hätten wir Juden noch die Wahl gehabt, seinen Chef, den König Nebu als Gott zu verehren. Das hätten wir aber nie getan, weil unser Gott der einzige wahre Gott ist. Holofernes hat rasch alle Wasserquellen besetzt - und auch sonst schreckliche Dinge getan. Die Ältesten der Stadt haben beschlossen, fünf Tage auszuharren: Wenn bis dahin kein Wunder geschieht, müssen wir kapitulieren. Meine Herrin, Judit, hat daraufhin die Initiative ergriffen und eine kluge List ausgedacht. Sie hat sich mit mir ins Lager des Holofernes geschlichen und ihm vorgetäuscht, ihm helfen zu wollen. Holofernes hat eine Party gegeben und wollte meine Herrin nachher verführen. Zum Glück war er so besoffen, dass er gleich nach dem Fest eingeschlafen ist und meiner Judit nichts antun konnte. Sie ist zu ihm gegangen und hat ihm kurzerhand den Kopf abgeschnitten. Den Kopf hat sie dann mir gegeben, ich hab ihn in ein Tuch gewickelt und weg waren wir. Also ich wüsste nicht, was wir hätten anderes tun können. Holofernes hätte uns alle umgebracht, wenn ihm meine Herrin nicht zuvorgekommen wäre."

Judit die Meinung sagen


Ihr kommt im Gruppenraum zusammen und klebt um das Bild vom Gruppenstundenbeginn die vier Zeug/innenfotos und deren Aussagen. Nachdem alle kurz die Sichtweise "ihrer" Person vorgestellt haben, versucht ihr gemeinsam zu rekonstruieren, was tatsächlich passiert ist.
Nun bittest du die Gruppenmitglieder sich vorzustellen, Judit hätte die Möglichkeit, mit verschiedenen Personen aus unserer Zeit in Kontakt zu treten und sie um ihre Meinung zu fragen. Diese Personen sind jeweils auf einem Plakat abgebildet. An Stelle des Kopfes befindet sich aber ein Loch, in das man den eigenen Kopf stecken und die Gedanken dieser Personen aussprechen kann.

Die Personen sind:

  • Eine Psychologin, die mit traumatisierten Gewaltopfern arbeitet
  • Mahatma Gandhi
  • Eine Soldatin des österreichischen Bundesheeres
  • Der Präsident der USA
  • Ein Journalist einer Boulevard-Zeitung
  • Eine pazifistische Abgeordnete des österreichischen Parlaments



Falls sich die Gruppenmitglieder mit diesen Personenbeschreibungen nichts anfangen können, könnt ihr im Gespräch gemeinsam überlegen, was diese möglicherweise denken.
Judit kommt zu diesen Personen, jeweils zu einer nach der anderen, und fragt sie nach ihrer Meinung. Gruppenmitglieder, die eine Meinung dieser Personen aussprechen wollen, stellen sich jeweils hinter das Plakat und sprechen diese Gedanken aus. Die Gedanken können ev. auch von dir in Denkblasen festgehalten und neben die Köpfe der Figuren geklebt werden.

Vermutlich werden die Ansichten dieser Figuren recht verschieden sein. Doch die Grundfrage ist schwierig: Wann ist der Einsatz von Gewalt legitim, d.h. in Ordnung, ok? Kann man immer auf Gewalt verzichten, oder gibt es Situationen, wo es nicht mehr anders geht?

Und heute um uns?


Für den letzten Teil hast du viele (Tages-, Wochen-, Monats-)Zeitungen aus der letzen Zeit mitgebracht. Zeitungen sind bekanntlich voller Berichte über Gewalttaten. Die Gruppenmitglieder suchen sich nun einige Berichte über Gewalttaten aus den Zeitungen heraus. Anschließend könnt ihr noch gemeinsam überlegen, welche Gewalttaten aus der letzten Zeit euch noch einfallen, und diese auf leere Zettel schreiben. Wichtig ist dabei, ein möglichst breites Spektrum zu haben (Mord, Notwehr, militärische Interventionen... ). Wenn ihr so etwa 10-20 Berichte über verschiedene Bluttaten habt, dann ordnet ihr sie zwischen zwei Polen ein. Beim einen Pol steht ein Zettel "Hier ist Gewalt ok", beim anderen einer mit "Hier ist Gewalt nicht ok". Zwischen den beiden Polen ist eine Wäscheleine gespannt. Kluppt nun die Situationen aus den Zeitungsberichten dazwischen auf. Das Spannende daran ist vor allem der Austausch unter den Gruppenmitgliedern, bei dem es vor allem darum geht, sich in die Hintergründe des Geschehens hineinzudenken, denn man kann die Situation nicht unabhängig von den Hintergründen bewerten. Möglicherweise ist es bei vielen Situationen nicht möglich, die Frage zu beantworten, - das ist dann auch ok.

Judits Tat


Als letzte Situation versucht ihr am Ende Judits Tat zu positionieren, ganz nach eurer persönlichen Meinung. Dazu nehmt ihr noch mal das Bild von Judit mit dem Kopf des Holofernes in der Hand.

Als Abschluss der Gruppenstunde erhält jedes Gruppenmitglied zur Erinnerung ein Gedicht von Erich Fried, das die zentrale Problematik, mit der ihr euch im Lauf der Stunde beschäftigt habt, noch einmal auf den Punkt bringt:
Die Gewalt

Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
"Ich liebe dich:
Du gehörst mir!"

Die Gewalt fängt nicht an
wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
wenn einer sagt:
"Du bist krank:
Du musst tun was ich sage"

Die Gewalt fängt an
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen
und wenn Päpste und Lehrer und Eltern
Selbstbeherrschung verlangen

Die Gewalt herrscht dort
wo der Staat sagt:
"Um die Gewalt zu bekämpfen
darf es keine Gewalt mehr geben
außer meiner Gewalt"

Die Gewalt herrscht
wo irgendwer
oder irgendetwas
zu hoch ist
oder zu heilig ist
um noch kritisiert zu werden

oder wo die Kritik nichts tun darf
sondern nur reden
und die Heiligen oder die Hohen
mehr tun dürfen als reden

Die Gewalt herrscht wo es heißt:
"Du darfst Gewalt anwenden"
aber auch dort wo es heißt:
"Du darfst keine Gewalt anwenden"

Die Gewalt herrscht dort
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt

Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: "Recht ist, was wir tun.
Und was die anderen tun
das ist Gewalt"

Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden
aber vielleicht auch nicht immer
ohne Gewalt

Erich Fried

Autor/in: Gerald Faschingeder und Kathrin Wexberg

Publikation: Kumquat_4/00

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Schlagwörter: Bibel, Konflikte, Religiöses