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Lory wehrt sich, oder: Zivilisiert sein heißt, komplizierte Bedürfnisse haben

Gruppenstunde | Alter: 10-14 | Aufwand: hoch

Hintergrund

Das Leben von Menschen, die sehr weit weg von Städten, Straßen und technischer Infrastruktur leben, ist für uns nur schwer vorstellbar. Wir sind es gewohnt in der so genannten Zivilisation zu leben. Früher wurde "zivilisiert" als höchste Entwicklungsstufe gesehen, mittlerweile gibt es auch viel Kritik an der Zivilisation, weil die Anpassung an die technisch dominierte Welt z.B. Häufung von Zivilisationskrankheiten mit sich bringt: Bewegungsarmut, einseitige Ernährung, Stress oder Beschwerden durch schadstoffreiche Luft, Lärm, Licht, chemische Reinigungsmittel, Klimaanlagen, etc.

Ziel

In dieser Gruppenstunde wollen wir ein bisschen Einblick bekommen in das Leben von Menschen, die entfernt von der "Zivilisation" leben: Weil das naturverbundene Leben auch ein sehr wertvolles ist, und die Kultur dieser Menschen viel Interessantes birgt, das wir selten erfahren. Auch am Flugzettel zur Sternsingeraktion wird heuer ein Projekt mit Ureinwohner/innen auf den Philippinen vorgestellt.

Material

  • Atlas, evtl. Philippinenkarte
  • braune Papierblätter
  • Plakat, Stifte
  • Reis, Töpfe, Wasserschüsseln, Geschirrtücher, Stock, Zetterl, Stifte
  • Kuverts, Papier & Stifte, Plastiksackerl oder Kunststofffolie, vorbereitete "Beipacktexte"

Aufbau

Zuerst überlegt ihr euch wie die Geschichte von Lory weitergehen könnte. Im Folgenden können die Kinder bei verschiedenen Stationen (Jagd, Wissen, Essen und Postsystem) Einblick in das Leben der Ureinwohner/innen auf den Philippinen gewinnen.

 

Lory wehrt sich


Du erzählst, dass ihr heute auf die andere Seite des Globus schauen werdet, auf die Philippinen. Auf den Philippinen leben nicht alle Menschen in großen Städten, sondern es gibt viele Völker, die sehr naturverbunden leben. Z.B. die B'laan sind ein Volk, das in der östlichen Region von Mindanao, einer der Inseln im Süden der Philippinen, lebt. Ein Teil von ihnen lebt in den Bergen an den Hängen des Mount Apo, des höchsten Berges der Philippinen. Asphaltierte Straßen oder Autos gibt es dort keine. Für die B'laan ist dieser Berg der Sitz Gottes. Man schätzt, dass es 240.000 B'laans gibt, die sich auf fünf verschiedene Provinzen von Mindanao verteilen.

Du erzählst folgende Geschichte von Lory. Die Kinder sollen (in Gruppen) überlegen, wie Lory reagieren könnte:
Als Lory die 4. Klasse besuchte, war sie eine der wenigen B'laan in einem überfüllten Klassenraum. Eines Tages kam ein Bub in die Klasse, der von Kopf bis Fuß verdreckt war. Die Lehrerin warf nur einen kurzen Blick auf ihn und schrie ihn an: "Schau dich an! Du siehst ja aus wie ein B'laan!"
Lory begann zu weinen, als sie das hörte. Die ganze Klasse starrte sie an, als sie lauter heulte. Die Lehrerin fragte sie, ob sie jemand gezwickt hätte.

Was sagt Lory? Was glaubt ihr: Wie geht die Geschichte weiter?

Wie die Geschichte weitergeht


Lory erinnert sich heute noch an ihre Antwort: "Wir sind alle gleich! Wir sind alle Geschöpfe desselben Gottes! Aber Sie, Sie verachten die B'laan, als wären diese schlechtere Menschen. Es werden doch nicht nur B'laan schmutzig, oder?"
Der Lehrerin war das peinlich und sie entschuldigte sich. Das war ein besonderer Moment. Lorys Lehrerin hatte genügend Weisheit und Bescheidenheit, diese Gelegenheit zu nutzen: Sie ließ die Klasse darüber reden, welchen Reichtum die verschiedenen Kulturen haben und was man voneinander lernen kann.

Als nächstes gibt es verschiedenen Stationen um ein bisschen mehr von der Welt der Menschen anzuschauen, die sehr naturverbunden leben und mit dem Leben in einer Großstadt vergleichen.


Jagd - Zusammenhelfen


Die Ureinwohner/innen leben nie für sich allein. Bei manchen Völkern hat das konkrete Folgen bei der Jagd: Auf Taiwan etwa muss ein Jäger, der mit einer Beute aus dem Wald kommt, einem anderen Jäger, den er unterwegs trifft und der gerade auf dem Weg in den Wald ist, die Hälfte seiner Beute geben. So wird ein gerechter Ausgleich geschaffen und es kann nicht vorkommen, dass ein Jäger nur für sich ein Waldstück "leerjagt".

Dazu spielen wir folgendes Strategiespiel:


Die Kinder stehen in einem offenen Kreis am Rand des Raumes, jeweils ca. 5 Schritte voneinander entfernt. In der Mitte des Raumes, in einem Kreis liegen etwa 3 Schritte vor ihnen "Wildschweine" (braune A4-Blätter, so viele wie Kinder). Jedes Kind darf insgesamt 4 Schritte gehen. Es kann damit ein Wildschwein fangen oder auf andere "Jäger" zugehen. Trifft es auf einen Jäger, der bereits ein Schwein (oder einen Teil eines Schweines) hat, wird die Beute geteilt. Ziel eines Durchgangs ist es, möglichst wenige Wildschweine zu töten und die Beute auf möglichst viele Jäger aufzuteilen, damit nicht die Gefahr besteht, die Wildschweine auszurotten.
Nach einem ersten Durchgang können die Abstände zwischen Jägern und Wildschweinen vergrößert werden und wir versuchen trotzdem nicht mehr als 1 — 3 Schweine "erlegen" zu müssen.


Wissen - Schule


Bei dieser Station findet ihr folgenden Text:
Die Mangyanen auf den Philippinen leben auf der Insel Mindoro auf steilen Berghängen und zwischen wilden Gebirgsbächen. Die Hanunoo Mangyanen unterscheiden 1.600 verschiedenen Pflanzen im Wald. Das sind 400 mehr als die Wissenschafter/innen kennen, die im selben Wald arbeiten. Deshalb besuchen nun erwachsene Mangyanen die Schulklassen, um die Kinder zu lehren, was es heißt, Mangyane zu sein.

Dort wo man lebt, kennt man sich am besten aus. Ureinwohner/innen brauchen ein anderes Wissen, einen anderen Lehrplan in der Schule als Kinder bei uns.

Setzt euch im Kreis auf. Ihr habt 2 Minuten Zeit und sollt reihum möglichst viele Begriffe zu einem Thema sammeln — wem gerade nichts einfällt, der/die sagt schnell weiter. Die Gruppenleiter/innen schreiben gleichzeitig auf einem Plakat alle Begriffe mit, damit wir nachher zählen können, wie viele verschiedene genannt wurden und wie viele Wörter uns zu welchem Thema eingefallen sind. Z.B.: Schule, Jagd, Landwirtschaft. Österreich, Asien.


Essen


Ihr kommt zur Station "Essen" — die Kinder teilen sich in 2 Gruppen.

Die erste Gruppe bekommt folgenden Text und eine Konservendose.
In der Großstadt gibt es eine reiche Auswahl an Nahrungsmitteln aus aller Welt, aber sie sind vor allem verpackt und mit Konservierungsmitteln verarbeitet und nicht 100%ig frisch.
Erfindet 2 kurze Szenen: "Freude über die Auswahl" — "Ärger über die Verpackung/Konservierung" in einer Familie, im Supermarkt etc.

Die zweite Gruppe bekommt folgenden Text und einen Topf Kresse zum Ernten.
Ureinwohner/innen haben kleine Gärten oder sammeln und jagen, alles was sie essen, ist sehr frisch.
Aber sie haben nicht so eine große Auswahl an Nahrungsmitteln.
Erfindet 2 kurze Szenen: "Freude über die Frische" — "Ärger über die mangelnde Auswahl" z.B. in einer Familie, im Wald, ...

Im Anschluss stellt ihr euch die Szenen gegenseitig vor.


Reis essen


Wenn ihr die Möglichkeit habt, dann könnt ihr auch hier Reis (mit Erbsen) aus einem Topf (mit möglichst großem Durchmesser) essen. Die einfachsten Feuerstellen bestehen aus 3 Steinen, weil der Topf stabiler steht, als auf z.B. 4 Steinen — darunter befindet sich Holz oder Holzkohle. Toll wäre es, wenn ihr mehrere Reissorten verkosten könnten (im Weltladen gibt es eine 5x200g-Packung mit 5 verschiedenen Reissorten — Achtung, die Kochzeit ist unterschiedlich lang). Gegessen wird gemeinsam am Boden. Man isst mit den Fingern. Vor dem Essen wird eine Schüssel mit Wasser aufgestellt, in der man sich die Finger wäscht. Auch nach dem Essen spült man sich die Finger ab.


Gebet


Vor (oder nach) dem Essen hört ihr noch eine Geschichte der B’laan Menschen:
Zum Gebet versammeln sich die B'laan um einen Pfosten aus Bambus. In ihren traditionellen Riten steht dieser Pfosten als Symbol für einen Baum. Auf diesem hängen die Früchte ihrer Arbeit: Körbe, Armbänder, ein Beutel Reis. Die jungen Leuten reichen einander die Hände, um ihr Loblieb anzustimmen. Sie loben die Zweige des Baumes, die an den Himmel reichen, sie loben die Wurzeln, die den Baum mit der Erde verbinden. Sie sind nun auf Gott eingestimmt.
Bevor wir zum Essen kommen, wollen wir auch einen Kreis bilden und die "Früchte unserer Arbeit" auf kleinen Zetterln auf einen Stock hängen und ein Lied (das kann z.B. ein Lieblingslied vom Jungscharlager sein) singen.


Zusammenhelfen und ein anderer Umgang mit der Zeit


Als Erinnerung an die heutige Gruppenstunde schreibt jede/r von euch einen Brief oder schickt eine Zeichnung an die Gruppe. Ihr probiert dabei ein Postsystem der Mangyanen aus. Die Kuverts kommen jeweils in ein Sackerl und dazu steckt ihr je einen Zettel, auf dem dieser Text von außen gut lesbar steht:

Grüß Gott! Bitte lesen und mittun!
Kennen Sie das Briefsystem der Mangyanen — das sind Ureinwohner/innen auf den Philippinen: Wenn man einen Brief geschrieben hat, steckt man ihn am Wegesrand an einen Stecken oder Ast. Wenn jemand vorbeikommt, schaut er/sie, ob er/sie vielleicht in die Richtung geht, wo der Brief hinkommen soll. Wenn das der Fall ist, nimmt er/sie ihn mit — zumindest soweit die Wege der Person und des Briefes die gleichen sind. So wandert der Brief über eine Art Autostopp (ohne Autos) immer ein Stück näher zum/zur Adressat/in, bis er schließlich dort einlangt. Das ist ein gratis Postsystem, das nur funktioniert, weil alle bereit sind, dabei mitzutun. (Und es ist vielleicht für gestresste Menschen im Advent ein gutes Beispiel, dass nicht überall auf der Welt Menschen danach streben, dass alles immer ganz schnell gehen muss.)
Wir hoffen, sie freuen sich so wie wir über eine vielfältige, menschliche Welt. Die Jungschar der Pfarre .... wünscht Ihnen einen schönen Tag.
Zieladresse (=Pfarradresse):
An die Jungschargruppe...

Jedes Kind nimmt ein Sackerl mit und bindet es irgendwo am Weg nach Hause mit einer Schnur an ein Verkehrszeichen, eine Laterne, eine Regenrinne... In der nächsten Woche könnt ihr schauen, wie viele Briefe tatsächlich angekommen sind.

Autor/in: Manu Böhm und Christoph Watz

Publikation: Kumquat_4/02

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Schlagwörter: Welt, Kunst/Kultur, Gesellschaft