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Wiener Dialekt

Gruppenstunde | Alter: 12-15 | Aufwand: niedrig

Hintergrund

Im Dialekt wird viel gesprochen, über den Dialekt weniger. Das soll ein Anlaß sein, einmal die eigenen Sprach- und Sprechgewohnheiten zu beleuchten; sowohl den Dialekt als auch der Alltagssprache, dem Slang der Kinder und Jugendlichen.
Der Wiener Dialekt ist eine zum Teil sehr alte Sprache. Viele Wörter stammen noch aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen. Er verrät auch einiges über die Zeit, in der Österreich ein großes Kaiserreich war. Damals lebten in Wien viele Ungar/innen, Tschech/innen, Slowak/innen und Angehörige anderer Nationen. Von ihren Sprachen hat der Wiener Dialekt "gelernt". Heute noch finden sich diese Einflüsse in unserem täglichen Sprachgebrauch. Das wienerische "mir" statt "wir" zum Beispiel, das wir auch häufig in der verballhornten Form "simma" oder "samma" ("sind wir") verwenden, ist wahrscheinlich ein tschechischer Einfluß. Im Tschechischen heißt "mi" nämlich "wir".
Auch aus dem Jiddischen sind viele Ausdrücke ins Wienerische gewandert (z.B. Masl=Glück), da damals noch mehr Juden in Wien lebten als heute und so die Alltagssprache mitprägten.
Ein Dialekt gibt Auskunft über die Herkunft und das Zugehörigkeitsgefühl eines Menschen. Jemand, der Wienerisch spricht, gibt sich eindeutig als Wiener oder Wienerin zu erkennen. Er/sie zeigt seine Herkunft nicht nur durch die Wortwahl, sondern auch durch Betonung oder bestimmte Lautfärbungen.
Auch Kinder und Jugendliche signalisieren durch ihre Sprache, ihren eigenen Slang die spezielle Zugehörigkeit: zu ihrer Generation im Allgemeinen, zu bestimmten Gruppen wie Schulklassen, Freundeskreis etc. Es gibt demnach allgemeine "Mode"wörter und solche, die speziell in manchen Gruppen verwendet werden, die vielleicht sogar von der Gruppe selbst erfunden worden sind.
Auch das ist also ein Aspekt von Sprache: nicht nur Mittel zur Verständigung, sondern auch zur Gruppenbildung, zur Ab- bzw. auch Ausgrenzung anderer.

Ziel

Die Kinder sollen sich ihrer eigenen Sprachgewohnheiten ein wenig bewußter werden und erkennen, daß Sprache nicht nur ein Mittel zur bloßen Verständigung ist, sondern auch viel mit Identität zu tun hat.

Material

  • Spielplan und Kärtchen (Kopiervorlage)
  • Spielsteine und ein Würfel
  • kopierte Biblestellen (dialekt und klassisch)
  • Plakat und Stift zum Sammeln der Modewörter
  • Plakat mit den 7 Thesen

Aufbau

Nach einer kurzen Einleitung über den Wiener Dialekt lernt ihr bei der "Wortspielerei" Dialektworte und deren Bedeutung kennen, anschließend setzt ihr euch mit einer wienerischen Bibelstelle auseinander und sammelt aktuelle Ausdrücke, abschließend diskutiert ihr 7 Thesen zum Dialekt und seinem Gebrauch.

 

Einleitung


Zu Beginn erklärst du mit wenigen Worten, daß es heute um unsere Sprache gehen wird, und ganz besonders um den Wiener Dialekt. Letzterer wird ja von den meisten von uns mehr oder weniger gesprochen, aber die wenigsten wissen etwas über ihn. Dabei ist es gar nicht so uninteressant, sich ein bißchen mit ihm zu beschäftigen, weil er eigentlich eine recht alte Sprache ist, die noch viele Wörter aus dem Mittelhochdeutschen (ein Deutsch, das bei uns vor mehreren hundert Jahren gesprochen wurde) kennt.

Auch viele ungarische, tschechische, jiddische Worte finden sich in teilweise ein wenig abgewandelter Form im Wiener Dialekt wieder. Sie stammen aus der Zeit, als Österreich noch eine große Monarchie war und viele Leute aus den umliegenden Kronländern in Wien lebten. Aber auch die Wiener/innen selbst haben teilweise sehr originelle Ausdrücke erfunden und gebrauchen sie immer noch - manche davon sind allerdings vor allem jüngeren Wiener/innen nicht mehr so bekannt.

Um also Bekanntes bewußt zu machen und neue Wörter kennenzulernen: ein Spiel zur "Einführung in den Wiener Dialekt".

"Wortspielerei"


Du brauchst für dieses Spiel einen Packpapierbogen mit dem Spielfeld (das Du selbst anfertigen kannst), mehrere Spielsteine (halb so viele wie die Anzahl der Kinder), einen Würfel und die Kärtchen mit den Dialektausdrücken und den Übersetzungen auf der Rückseite. Den Spielplan und die Kärtchen findest du als Kopiervorlage.

Es gibt auf dem Spielplan weiße, graue und schwarze Felder. Dementsprechend gibt es Kärtchen mit einem grauen oder einem schwarzen Punkt. (Auf den weißen Feldern bekommt man kein Kärtchen.) Da die Kärtchen vorne und hinten beschriftet sind, mußt Du auf jeden der beiden Kartenstöße ein Deckblatt legen. Am besten eines mit einem grauen und eines mit einem schwarzen Punkt.

Jeweils 2 Kinder spielen zusammen, haben also einen gemeinsamen Spielstein. Es wird gewürfelt. Kommt ein Paar auf ein graues Feld, zieht es von dem passenden Kartenstoß ein Kärtchen und liest das darauf geschriebene Dialektwort laut vor. Aufgabe des Paares ist es nun, dieses Wort ins Hochdeutsche zu übersetzen, zu umschreiben oder zu erklären (die beiden Spieler/innen dürfen sich natürlich beraten!).
Stimmt die Erklärung sinngemäß mit derjenigen auf der Rückseite des Kärtchens überein, darf der Spielstein ein Feld weiterrücken.

Kommt der Spielstein auf einem schwarzen Feld zu liegen, so zieht der/die Gruppenleiter/in ein Kärtchen von dem anderen Stapel, liest den Ausdruck vor und alle dürfen raten. Die meisten dieser Worte sind bildhaft gebraucht und unter Umständen nicht so geläufig, daher hilft der/die Gruppenleiter/in mit Tipps, wenn nötig. Wer zuerst das richtige hochdeutsche Wort sagt, darf 2 Felder vorrücken. Es wird so lange gespielt, bis alle Mitspieler/innen im Ziel sind. Kennt ein Kind, das nicht an der Reihe ist, das Wort kann es dem ratenden Paar helfen, ohne selbst die Erklärung zu sagen.

Die Wörter: Vielleicht solltest du die Kinder darauf aufmerksam machen, daß die Schreibweise der hier und im folgenden Verlauf der Gruppenstunde vorkommenden Wörter nicht unbedingt ortographisch richtig ist! Die Wörter sind meist so geschrieben, wie sie gesprochen werden. Wo die Dialektausdrücke "richtig" geschrieben sind, ist manchmal ein Ringerl über dem "a". Das bedeutet, daß das a eher wie ein o ausgesprochen wird.

"Da Jesus und seine Hawara"


Nachdem wir uns nun in den Dialekt "eingelesen" bzw. "eingehört" haben, können wir es einmal mit einer Bibelstelle im Wiener Dialekt versuchen. Du teilst Kopien des Textes (s.u.) aus, allerdings vorerst ohne der "Auflösung", nur mit den dazugehörigen "Vokabeln" (falls Du meinst, daß deine Kinder sie zum Verständnis der Stelle brauchen).
Die Kinder können zuerst - alleine oder zu mehrt - versuchen, die Stelle zu lesen (laut vor sich hin lesen ist einfacher als leise lesen), zu verstehen und zu erraten, um welche Stelle es sich handlet. Dann könnt Ihr gemeinsam probieren, ein paar Sätze in die bekannte Bibelsprache zu übersetzen. Wie gut euch das gelungen ist, könnt ihr anhand des Textes der Einheitsübersetzung überprüfen. Allerdings können Abweichungen hier durchaus richtig sein - auch die Bibel hat mehrere Übersetzungen.

Auf de, de an ned meeng, soe ma schdee
Und ia doda huachz guad zua, wos i eich sog: Waun wea an Boad schleifd auf eich, miassz easchd rechd schdee auf eam, und denan, de eich ned fakiifen kenen, denen miassz justamend zaang, das s glasse Buaschn saz.
Waun da wea ane schmiad, daun hoed eam d aundare Seitn aa nu hii, und waun da r ana in Mauntl hapd, daun gib eam s Sakl oes Zuawog.

Schauz: Grod a so, wia s as ia gean häz, das d Leid mid eich umagengan, grod a so miassz ia mid eana umgee. Wäu das s auf de schdäz, de wos auf eich schdengan, des is fraunk ka Kunsdschdikl. Des driffd a jeda Schdrizi aa. Waun s nua zu de glasse Buaschn saz, de zu eich aa olawäu leiwaunde Hawara woan, wos is n do scho dabei? Des mochd a jeda Büücha aa.
Diese Textstelle ist dem Buch "Da Jesus und seine Hawara" von Wolfgang A. Teuschl entnommen.

Feindesliebe
Aber euch, die ihr hört, sage ich: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen. Segnet, die euch fluchen, und betet für die, welche euch verleumden. Wer dich auf die Wange schlägt, dem halte auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel nimmt, verweigere auch den Rock nicht. (....)
Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun, so sollt auch ihr ihnen tun. Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr da? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank habt ihr da? Denn auch die Sünder tun das (....).

Die Bergpredigt nach der Einheitsübersetzung, Lukas 6
Wörter zur Erklärung:
an Boad ("Bart") auf jemand schleifn - jemandem grollen
wem ned faküfen kenen - jemanden nicht leiden können
Sakl - Sakko, Rock
Zuawog - Zugabe
hapm - stehlen
fraunk - freilich
Schdrizi - Taugenichts
Büücha - Taugenichts

Zum nächsten Schritt leitest Du mit ein paar Worten über:
Diesen Text zu verstehen tun sich bestimmt auch manche Wiener/innen, oder Leute, die schon einige Zeit in Wien leben, schwer (vielleicht hat Deine Gruppe ja selbst diese Erfahrung gemacht).

Ein/e Berliner/in würde wahrscheinlich kaum etwas mitbekommen, genausowenig wie wir, wenn wer so richtig berlinern würde. Außenstehende haben also meist Schwierigkeiten, den Dialekt einer Gruppe von Menschen zu verstehen. Und das gilt nicht nur für die Sprache in anderen Städten. Schon die Verständigung zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist ja manchmal nicht so einfach, weil die Erwachsenen die neuen Ausdrücke, die die Kinder gebrauchen, nicht kennen ...

Wie reden wir?


Du hast ein Plakat vorbereitet, auf dem ihr nun in verschiedenen Bereichen gegliederte "neue" Wörter sammelt, die den Kindern einfallen, weil sie sie selbst verwenden, oder weil sie sie irgendwo gehört haben (Bereiche sind z.B.: etwas ist gut/schön; etwas ist nicht gut; "unintelligente" oder unsympathische Person; nette, sympathische Person; Füllworte; Essen und Trinken; etwas gerne tun; etwas nicht gerne tun; in guter Stimmung sein; in schlechter Stimmung sein; ... vielleicht fallen dir noch andere Bereiche ein, in denen Deine Kinder einen großen Wortschatz besitzen).

Fragen, die Du an die Kinder während der Sammelphase richten kannst, um auch ein Gespräch über dieses Thema zu ermöglichen:

  • Gibt es Wörter, die die Kinder nur in der Schule verwenden oder nur unter Freund/innen?
  • Gibt es Ausdrücke, die sie zu Hause nicht sagen? Warum nicht?
  • Haben die Kinder schon einmal die Erfahrung gemacht, daß sie von Erwachsenen in ihrer Ausdrucksweise nicht oder falsch verstanden wurden?
  • Gibt es Wörter, Phrasen, Witze die die Kinder nur in der JS-Gruppe untereinander verstehen?
  • Gibt es so etwas vielleicht in anderen Gruppen oder in der Familie?
  • Warum haben verschiedene Gruppen ihre "eigenen" Wörter und Ausdrücke?

Sieben Thesen


Aus dem vorangegangenen Gespräch fällt eine Überleitung zu den Thesen sicher nicht schwer.
Es wäre gut, wenn Du die kleinen Plakate mit den Thesen schon am Anfang der Stunde im Raum gut sichtbar verteilst. Wenn Euch nämlich für die letzte Methode keine Zeit mehr bleibt, kannst Du die Thesen als zusätzliche Gesprächsimpulse während und nach dem Sammeln eigener Ausdrücke verwenden.

1. These: Sprache ist dazu da, daß man sich mit anderen Menschen möglichst gut verständigen kann.
2. These: Der Dialekt (Jargon, Slang) einer Gruppe soll von anderen nicht verstanden werden.
3. These: Eine gemeinsame (Gruppen-)Sprache gibt einem das Gefühl von Zusammengehörigkeit.
4. These: Dialekt zu reden "gehört sich eigentlich nicht". Wenn man einen guten Eindruck machen will, muß man Hochdeutsch sprechen.
5. These: Man sollte Dialektausdrücke und Modewörter auch in Aufsätzen verwenden dürfen, weil man sich dann viel besser ausdrücken könnte.
6. These: Hochsprache ist "schöner" als (Wiener) Dialekt.
7. These: (Wiener) Dialekt ist "schöner" als Hochdeutsch.

Wenn noch Zeit ist bekommt jedes Kind 7 grüne und 7 rote Punkte aus Papier. Du forderst nun die Kinder auf, ihre Punkte zu den verschiedenen Thesen zu kleben (grün für Zustimmung, rot für Ablehnung). Haben das alle getan, seht ihr euch die Ergebnisse gemeinsam an und diskutiert darüber.

Haben der ersten These z.B. viele zugestimmt, so stellt sich die Frage, warum es denn dann so viele Dialekte gibt und besonders unter Kindern und Jugendlichen ständig neue Ausdrücke erfunden werden.
Bei der vierten These ließe sich darüber diskutieren, warum der Dialekt eigentlich als "minderwertige Sprache" angesehen wird. Und zu den anderen Thesen gibt es bestimmt auch genug Gesprächsstoff.

Autor/in: Karin Magrutsch

Publikation: fremdsein, KIK 65

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Schlagwörter: Ich und die anderen, Sprache