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Jesus gibt sein Leben für uns

Gruppenstunde | Alter: 8-10 | Aufwand: mittel

Hintergrund

"Jesus gibt sein Leben für uns", ist eine Formulierung, die in Kreuzwegen oft vorkommt. Wenn "sein Leben geben" nicht nur sterben bedeutet, sondern auch heißt: für jemanden da sein, jemandem helfen, jemandem etwas erklären, jemandem etwas von sich geben oder schenken, dann kann das für jüngere Kinder verständlicher sein.
Dieser Kreuzweg versucht, diesen Gedanken umzusetzen, und sieht den traditionellen Kreuzweg innerhalb des
größeren Zusammenhangs vom "Lebensweg Jesu": Der Weg des Sohnes Gottes hin zu seinem Tod und seiner Auferstehung.

Ziel

Der Kreuzweg soll als "Lebensweg" Christi dargestellt und erlebt werden. Die Kinder sollen sehen: Jesus gibt sein Leben für uns, d.h. er liebt uns, heilt uns, lehrt uns. Weil das aber nicht alle glauben können/wollen, wird er gekreuzigt. So stirbt er als letzte Konsequenz. Aber er verspricht uns,
wiederzukommen und aufzuerstehen.

Material

  • Verkleidungen für die Gruppenleiter/innen
  • Kerzen mit Wachstropfbechern
  • Bibel
  • Liederbücher, aus denen du einige Lieder, die zum Thema passen und den Kindern bekannt sind, ausgewählt hast
  • Decken oder Sitzpolster
  • kopierte Geschichte für jedes Kind zum Mitnehmen (ist am Ende des Modells)
  • Schale mit Weihwasser
  • Becher
  • Musik mit nachdenklichem Charakter
  • Musik mit fröhlichem Chrarakter
  • Holzstückchen
  • Spagat

Aufbau

Dieser Kreuzweg ist ein Stationenweg. Am schönsten und sinnvollsten ist er in der Kirche - zumal auch der traditionelle Kreuzweg mit den zwölf Stationen eingebaut ist. Die Stationen sollten strategisch sinnvoll an Plätze in der Kirche verlegt werden, wo der jeweilige Ablauf auch möglich ist. Die ganze Aktion soll sehr festlich sein: Die Lieder, die gesungen werden, solltet ihr euch pfarrspezifisch auswählen, damit alle mitsingen können. Die ganze Aktion ist eine Mischung aus Fest, Theaterspiel und Mitspiel-Theater und erfordert daher etwas Zeit der Gruppenleiter/innen, um zu proben. Falls weniger Gruppenleiter/innen mitmachen, können Rollen auch wechseln.

 

Einstieg


Die Kinder versammeln sich mit den Gruppenleiter/innen vor der Kirche. Die Gruppenleiter/innen erklären den Kindern, dass jetzt ein Kreuzweg stattfinden soll. Die Gruppenleiter/innen beginnen ein Gespräch mit den Kindern:

  • Was ist ein Kreuzweg?
  • Was kann da passieren?
  • Was sieht man da?


An dieser Stelle sollen die Kinder erzählen und ihre Gedanken einfach gesammelt werden. Plötzlich erscheint ein aus der Kirche kommender, orientalisch gekleideter Mann: Es ist der Evangelist Markus. Er hat eine große Bibel in der Hand. Er fragt die Kinder zunächst, was sie hier wollen, dann bietet er ihnen an, mit ihm den "Kreuzweg" zu gehen.
Markus: "Jesus hat sein Leben für uns gegeben, so heißt es immer. Ich möchte euch zeigen, was das heißen kann, immerhin hab ich ja ein ganzes Buch über sein Leben geschrieben!" (Die Kinder können das Markus-Evangelium in dem dicken Buch suchen) "Genau, hier habe ich beschrieben, was er alles getan und gesagt hat. Sein ganzes Leben hindurch waren die Menschen für ihn wichtig. Er hat mit ihnen und für sie gelebt. Und er war ständig unterwegs - er hat einen richtigen Weg zurückgelegt, seinen Lebensweg. Der war spannend, abenteuerlich und gefährlich. Er hat viel Gutes getan unterwegs, aber nicht alle waren mit ihm einverstanden. Ich lade euch ein, den Lebensweg Jesu mit mir mitzugehen. Ich kann euch einiges zeigen! Aber halt - bevor wir aufbrechen, müssen wir noch etwas herrichten!"

Gemeinsam mit Markus ziehen nun alle mit Kerzen (gesteckt in Pappbecher, die herunter tropfendes Wachs auffangen) in die dunkle Kirche ein. Dabei wird ein Lied gesungen.

1. Station: Jesus lehrt


Gemeinsam geht ihr zur 1. Station. Dort sitzt ein/e Gruppenleiter/in. Er/sie ist ebenfalls orientalisch gekleidet und lädt die Kinder ein, sich zu ihm/ihr zu setzen! Decken werden aufgebreitet, alle lassen sich nieder. Die verkleidete Person stellt sich vor: Es ist Jesus.

Markus: "Jesus war ein großer Lehrer. Er war auch ein guter Lehrer."

Jesus unterhält sich mit den Kindern zunächst über ihre Lehrer/innen. Dann fragt er die Kinder, was ein/e gute/r Lehrer/in alles können soll und kommt mit den Kindern ins Gespräch. Anschließend erzählt er ihnen die Geschichte "Die Wahrheit ist unteilbar", die du am Ende des Modells findest. Es ist besser die Geschichte selbst nachzuerzählen. Wenn du die Geschichte vorliest, ist es gut, sie etwas zu kürzen.

Markus schenkt den Kindern als Abschluss die kopierte Geschichte. Dann brechen alle gemeinsam mit Jesus auf und singen dabei wieder ein Lied.

2. Station: Jesus heilt


Dort warten schon einige Leute. Alle sind krank. Als sie Jesus sehen, stürzen sie auf ihn zu und klagen ihm und den Kindern ihr Leid (totales Durcheinander):
"Ich bin blind.", "Ich kann nicht sehen.", "Ich bin taub.", "Meine Seele ist krank.", "Alle sagen, ich sei verrückt.", "Ich habe keine Freunde.",... usw.

Markus schafft in diesem Durcheinander Ruhe und fragt die Kinder, was denn da los sei - es sind alles Kranke, die von Jesus geheilt werden wollen.

Markus: "Jesus war wie ein begehrter und guter Arzt. Er heilte die Seelen und den Körper der Menschen, indem er sie liebte. So stark war seine Liebe, dass alle gesund wurden. Er hat ein gutes Gespür gehabt für das, was Menschen brauchen. Er hat ihnen zugehört und ihnen geholfen, aus ihrem Leid und ihren Problemen Auswege zu finden. Er hat sie gesegnet und ihnen Gutes getan. So konnte zum Beispiel eine Frau, die von ihren Sorgen ganz niedergedrückt war, wieder aufrecht gehen, ein Blinder wieder sehen."

Alle Verkleideten legen ihre Verkleidungen ab und sind "normale" Gruppenleiter/innen. Der/die Gruppenleiter/in, der/die die Rolle von Jesus übernommen hatte, zeigt den Kindern einen Behälter mit Weihwasser, der bei der 2. Station steht, und fordert alle auf, einander mit Weihwasser das Segenskreuz auf die Stirn zu geben - als Zeichen, dass wir einander Gutes tun wollen. So wie Jesus uns Gutes getan hat, segnen wir einander.

Dann singen alle ein weiteres Lied und begeben sich zur nächsten Station.

3. Station: Jesus liebt die Kinder


Markus: "Jesus hat alle Menschen sehr gern gehabt, vor allem aber die Kinder. Er hat sie gern zu sich eingeladen, so wie ich euch jetzt einlade, euch für einen kleinen Trank hinzusetzen."

Decken werden ausgebreitet, Häferl verteilt, Jesus setzt sich in die Mitte - plötzlich kommen die Jünger und wollen die Kinder vertreiben.

Jünger: "Ihr könnt doch Jesus nicht so oft belästigen. Außerdem hat er so viel Arbeit. Ihr stört nur! Geht nach Hause!"

Jesus entgegnet: "Die Kinder sollen nur dableiben. Ich mag sie und es ist gut, dass sie bei mir sitzen. Wer nicht so wird wie die Kinder, kommt nicht ins Himmelreich!"
Markus erzählt den Kindern: "Seht ihr, so hat es angeblich stattgefunden. Jesus hat die Kinder zu sich eingeladen, weil er sie gern hatte und niemand durfte sie wegschicken."

Nun ziehen alle weiter mit einem Lied zur nächsten Station.

4. Station: Jesus liebt die Menschen, aber er hat auch Feinde


Markus geht mit den Kindern zu einen Platz, wo alle sitzen können und erzählt ihnen:

Markus: "Jesus liebte die Menschen. Aber nicht alle haben das geglaubt und annehmen können. Manche waren misstrauisch, neidig und eifersüchtig. Es folgt eine Dokumentarsendung."

Die Pharisäer, Herodes und Pilatus treten auf - wie bei einer Fernsehsendung werden sie von einem/r Reporter/in interviewt. Die genannten Personen stellen sich vor und geben die Gründe ihrer Ablehnung für Jesus bekannt; der/die Reporter/in kann auch von einem oder zwei Kindern gespielt werden.

Pharisäer: "Wir haben doch die wahre Religion verkündet. Und dieser Jesus hat sich an keine der alten Gebote gehalten - Frechheit!!! Wir haben damals auf den Messias, den Erlöser, gewartet - und so viele hatten schon von sich gesagt, sie wären der Messias! Warum hätten wir gerade dem Jesus glauben sollen? Da kann ja jeder kommen!"

Herodes: "Jesus war viel zu einflussreich und mächtig. Hat einen richtigen Fanclub gehabt. Das war mir zu riskant - immerhin war ich König von Palästina!"

Pilatus: "Ich mag da eigentlich keine Stellungnahme abgeben. Die Pharisäer haben mich politisch ziemlich unter Druck gesetzt und wer weiß, vielleicht hatten sie ohnedies recht. Ich wills mir mit niemandem verscherzen. Ich wasche meine Hände in Unschuld."

Markus: "Nach dieser spannenden Reportage begeben wir uns mit dem Lied "XY" zur 5. Station."

5. Station: Kreuzweg


Markus: "Nun, ihr habt gehört, dass Jesus nicht nur Freunde hatte. Er wurde von seinen Gegnern zum Tode verurteilt und musste am Kreuz sterben. Viele Künstler/innen haben diesen letzten Weg Christi zum Kreuz gemalt: Ihr alle kennt die 12 Stationen, die hier in der Kirche dargestellt werden."
(Vielleicht kannst du in Erfahrung bringen, wer euren Kreuzweg gestaltet hat.)
Markus: "Wir wollen uns nun miteinander die 12 Stationen anschauen. Dass das alles sehr traurig war, könnt ihr euch sicher vorstellen!"

Wenn ihr in der Kirche eine Musikanlage habt, untermalt diesen "Kreuzweg" mit langsamer, nachdenklicher Musik. Die Gruppenleiter/innen mischen sich nun (unverkleidet) unter die Kinder um mit ihnen in Kleingruppen die Stationenbilder zu betrachten und erklären, was man da sieht. Wenn alle genug Zeit dafür gehabt haben, versammeln sich alle beim Altar.

Abschluss


Beim Altar liegen viele unangezündete Kerzen Holzstückchen in verschiedenen Größen und Spagat oder Wolle. Wenn sich alle versammelt haben, wird die Musik abgedreht.
Markus fängt zunächst das Stimmungsbild der Kinder ein, und sagt dann:
Markus: "Vielleicht seid ihr jetzt ein bißchen traurig, dass das alles so gekommen ist. Jesus ist am Kreuz gestorben. Aber das ist ja nicht das Ende der Geschichte. Ihr wisst ja, Jesus ist 3 Tage nach seinem Tod auferstanden. Und er hat uns ein Zeichen hinterlassen: das Kreuz. So ein Kreuz wollen wir nun füreinander basteln - als Erinnerung an den Lebensweg Christi und an diesen Nachmittag!"

Die Kinder basteln nun die Holzkreuze (zu fröhlicher Musik). Wenn alle fertig sind, bekommt jedes Kind eine Kerze und alle machen einen Kreis um den Altar. Markus zündet seine Kerze an und gibt das Licht links und rechts weiter, sodass ein Lichterkreis entsteht. (Die Holzkreuze liegen einstweilen am Boden.)

Markus: "Jesus hat ein spannendes, gutes und gefährliches Leben geführt. Er war ein großartiger Mensch. Die Kraft dafür hatte er, weil er Gottes Sohn war und seinen Vater immer wieder um diese Kraft und Liebe gebeten hat. Wir alle sind Söhne und Töchter Gottes und dürfen ihn auch bitten."

Gemeinsam singen alle das Vater Unser, anschließend werden die Kreuze untereinander verschenkt, jede/r bekommt eine Kerze und alle gehen nach der Verabschiedung - auf ihren Lebensweg!

Wahrheit ist unteilbar


Roland Kübler: Die Wahrheit ist unteilbar
(aus "Wieviel Farben hat die Sehnsucht", erschienen im Lucy Körner Verlag)


Die Erde dreht sich um die Sonne, und der Mond zieht seine Bahn um die Erde. Die Sterne flüchten in die Weite des dunklen Alls, und für uns Menschen ist das Außergewöhnliche normal, und niemand verschwendet mehr einen Gedanken daran, wie alles kam.

Am Fuße einer sanft ansteigenden Bergkette war vor langer Zeit eine kleine Siedlung unterschiedlichster Menschen gewachsen. Das Leben war zwar nicht einfach, doch jeder hatte dort ein gutes Auskommen und niemand musste hungern.
Trotzdem war dieses Dorf ein ständiger Ort des Unfriedens. Keiner kam mit seinen Nachbarn aus. Ständig gab es Streit. Jeder glaubte sich im Recht, und natürlich wollte jeder seine Ansichten durchsetzen. Pflanzte einer der Bauern im Frühjahr junge Bäume, war er sich sicher, dass dies genau das richtige für die Bäume sei - und wehe irgend jemand dachte anders darüber.

Wenn nun einer in den Bergen wertvolle Steine gefunden hatte, wollte er die Bewohner der Siedlung Abend für Abend im einzigen Kaffeehaus davon überzeugen, dass sie mit solchen Steinen ihr Lebensglück und sogar Reichtum für ihre Enkel und Urenkel finden würden - und wehe einer der anderen wollte widersprechen.
Kurierte einer der Bewohner eine kranke Kuh mit einer seltenen Pflanze, die er zufällig in einer Neumondnacht geschnitten hatte, gab es für diesen kein anderes Heilmittel mehr als eben diese Pflanze, geschnitten in einer Neumondnacht. Sie stritten sich entsetzlich, wenn auch nur einer leise Zweifel zu äußern wagte. Schließlich wurden der ständige Unfrieden und die immerwährenden Zankereien um Recht und Wahrheit zu viel.

Eines Abends, als sie nach langen Debatten wieder einmal zerstritten vor dem Kaffeehaus saßen, wandten sie sich an den blinden Alten, der an einem Nebentisch schmunzelnd süßen Kaffee schlürfte. "Weißt du, Alter", begannen sie ein wenig ärgerlich, weil der Blinde immer noch lächelte, "wir finden das gar nicht komisch. Die meiste Zeit, in der wir hier zusammensitzen, streiten wir, wer von uns nun Recht hat und wirklich die Wahrheit sagt. Und du sitzt hier und lachst. Was freut dich denn an unserem Streit?"
Der Blinde drehte den Kopf ein wenig: "Ich lache über euch, weil ihr alle zusammen wie unwissende Kinder seid!"

Die Männer wurden wütend: "Dann sag doch du, wer von uns im Recht und was wirklich wahr ist!" schrien sie den Blinden an.
"Ihr braucht nicht so zu brüllen, dass die Fenster klirren. Ich sehe zwar nichts mehr, dafür höre ich aber umso besser. Wahrheit ist überall dort, wo wahrhaftige Menschen sind. Aber ich weiß, ihr könnt das nicht verstehen. Kommt heute in einer Woche wieder hierher, dann werde ich euch zeigen, was Wahrheit ist." Daraufhin drehte sich der Alte wieder weg, führte seine Tasse an den Mund und sagte auch auf das Drängen der Leute nichts mehr.

Am Abend jedoch gab er seinem Enkel einige Anweisungen, und dieser machte sich früh am nächsten Morgen auf den Weg in die Stadt. Zwei Tage später kehrte er zurück und berichtete seinem Großvater, der wie gewohnt unter dem großen Baum vor dem Kaffeehaus saß, dass alles wunschgemäß erledigt sei.
Die Tage verstrichen träge, wie süßer Honig, zähflüssig vom Zucker der Bienen. Die Siedlungsbewohner stritten wie gewohnt und konnten kaum erwarten, bis die Woche vorbei war. Endlich war es soweit. Man versammelte sich wieder vor dem Kaffeehaus. "Was also ist die einzige und wirkliche Wahrheit? Wer von uns ist im Recht?" bestürmten sie den blinden Alten. Dieser lächelte versonnen und tastete mit einer Hand nach dem Arm seines Enkel, der hinter ihm wartete. "Kommt mit ins Haus", sagte der Junge, "mein Großvater wird euch die Wahrheit lehren."

Im Kaffeehaus war es dunkel wie noch nie. Vor den Fenstern wölbten sich die Vorhänge im Wind. Nur eine kleine Kerze brannte, um den Männern den Weg zu weisen. Der Blinde stand mitten im Raum. Mit erhobenen Händen bat er um Ruhe. "Wenn ihr hier zum Hinterausgang hinausgeht, werdet ihr in ein dunkles Zelt kommen. Darin findet ihr ein fremdartiges Tier. Es braucht die Dunkelheit, denn es scheut so viele Berührungen bei Licht. Geht also alle hinein und lernt dieses Tier kennen. Sagt mir danach, wie es aussieht. Dann werde ich euch sagen, was Wahrheit ist."

Zunächst standen die Männer ein wenig hilflos im Raum. Der Blinde war bekannt für seine komischen Ideen. Aber da sich keiner vor den anderen eine Blöße geben wollte, drängten sie schließlich alle in das dunkle Zelt. Als sie nach einiger Zeit, einer nach dem anderen, wieder vor dem Kaffeehaus erschienen, saß der Alte still da und bewegte manchmal nur ein wenig den Kopf, um sich mehr der Sonne zuzuwenden. Als alle bei ihm standen, wandte er sich ihnen zu: "Nun, wie also sieht dieses fremde Tier aus?"
Ein Mann trat vor: "Ich habe es sehr genau befühlt. Das Tier ist wie eine große rauhe Säule. Es steht fest und unerschütterlich im Raum. Nichts und niemand kann es umstoßen." Ein anderer widersprach aufgeregt: "Blödsinn! Das fremde Tier ähnelt einem großen Fächer. Ich habe es genau gespürt. Das Tier ist dünn und groß wie ein Stück Pergament, und es bewegt sich hin und her." Ein dritter mischte sich ein. "Was erzählt ihr denn da? Das fremde Tier in dem Zelt ist in Wirklichkeit ein glattes, spitzes Lebewesen, fast wie ein polierter großer Säbel!" Dann erklärte ein vierter alle anderen für Dummköpfe; Das Tier sein in Wahrheit weich und biegsam, anschmiegsam und zärtlich. Ein fünfter wetterte gegen die anderen; denn seiner Ansicht nach glich das fremde Tier mehr einer großen Schlange, die am Ende so etwas Ähnliches wie einen Rasierpinsel hat.
Jeder behauptete etwas anderes, und in kürzester Zeit zankten die Männer unter dem großen Baum, wie sie noch nie in ihrem Leben miteinander gestritten hatten. Der blinde Altes saß zwischen den schreienden, keifenden, wütenden Menschen und rührte in seinem Kaffee. Endlich hob er die Arme und bat um Ruhe. "Vor vielen Jahren, bevor die Blindheit meine Augen segnete - seither muss ich nämlich das Elend dieser Siedlung nicht mehr mitansehen -" begann er und lächelte dabei spöttisch, "war ich oft mit einem reichen Kaufmann in fernen Ländern unterwegs. Während dieser Reisen habe ich jenes Tier kennen gelernt. Einmal bin ich sogar darauf geritten!"
Wütender Protest unterbrach den Blinden. "Wie bitte kann man auf einem Säbel reiten?" rief Einer. "Oder auf einer Schlange mit einem Rasierpinsel am Ende?" lachte ein Zweiter. "Oder auf einer Säule?" rief ein Dritter hämisch.

Der Alte hob wieder die Hände. "Wollt ihr nun wissen, wer von euch recht hat und was Wahrheit ist?"
"Ja, ja", riefen die Männer aufgeregt, "das wollen wir wirklich gerne. Also lass dein Lügenmärchen und komm endlich zur Sache!"
Der Alte wartete, bis alle still waren. Dann sagte er leise: "Ihr habt alle recht."
Wieder protestierten die Männer laut und aufgeregt: "Das kann nicht sein", sie waren sehr aufgebracht, "hast du nicht sogar einmal gesagt, die Wahrheit sei unteilbar?"
"Ja, das habe ich tatsächlich gesagt", erwiderte der Alte ruhig. "Aber", und jetzt erhob er seine Stimme, "ich habe auch gesagt, wer die Wahrheit wissen will, muss selbst wahrhaftig sein! Ihr habt euch auf eure Finger und Hände verlassen. Habt ihr keine Nase, keine Ohren und schmeckt ihr denn gar nichts? Könnt ihr so einfach auf eure Augen verzichten? Die Wahrheit ist wirklich unteilbar, nur ist sie manchmal zu groß, um von den Sinnen eines einzelnen Menschen erfasst zu werden. Und ihr habt euch nur auf einen eurer Sinne verlassen! Ihr selbst habt die Wahrheit aufgeteilt - weil sie unteilbar ist, habt ihr alle recht!"

"Jetzt ist er völlig übergeschnappt", murmelten die Männer. "Er ist zu lange in der Mittagssonne gesessen. Sie hat ihm das Hirn ausgetrocknet."
Dann belächelten sie ihn mitleidig und zürnten mit sich selbst, weil sie überhaupt auf die Idee gekommen waren, diesen Alten um Rat zu fragen. Langsam entfernten sie sich. Doch eine ungewohnt scharfe spottende Stimme rief sie zurück: "Ihr vergesst schon wieder etwas, das ihr durch die unfassbare Großzügigkeit der Natur geschenkt bekommen habt, obwohl ihr es wirklich nicht verdient. Wo habt ihr denn euren Verstand gelassen? Wollt ihr nicht einmal nachprüfen, ob ich nicht doch recht habe?"
Etwas beschämt drehten sich die Männer wieder um und kehrten zu dem Tisch des Alten zurück. "Er hat recht", sprachen sie, "warum sollen wir das fremde Tier nicht einmal bei Tageslicht betrachten?"

Auf ein Zeichen des Großvaters verschwand der Enkel hinter dem Kaffeehaus, um das rätselhafte Tier zu holen. Plötzlich dröhnte es hinter dem Haus in wildem Klang: "Vielleicht ist das fremde Tier auch eine Trompete?", kicherte der blinde Alte. Dann zitterte die Erde unter schweren Schritten. "Oder ein kleines Erdbeben?" Der Alte schwankte gefährlich auf seinem Stuhl vor Lachen.

Und dann führte sein Enkel das fremde Tier auf den Platz vor dem Kaffeehaus. Erschrocken wichen die Männer zurück. Sie sahen vier riesige, rauhe Säulen. Zwei glatt polierte Säbel. Eine große Schlange mit einem Rasierpinsel am Ende. Zwei wehende Fächer aus Pergament. Und all die anderen Dinge, die sie beschrieben hatten.
"Das ist ein Elefant", sagte der blinde Alte in die betretene Stille, und vor lauter Lachen bekam er einen Schluckauf. "Nun, hat einer von euch gelogen? Aber wer von euch hat nun wirklich die Wahrheit gesagt? Wahrheit ist unteilbar - doch nur wahrhaftige Menschen werden sie in ihrer ganzen Größe erfahren."

Publikation: Fasten- & Osterzeit

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Jahreskreis: Fastenzeit

Schlagwörter: Kreuzweg, Religiöses, Bibel