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Motivation, Wertschätzung und positives Feedback

oder: eine Hommage an die Zahnmedizin

Warum mein Zahnarzt sterben will...

Ich habe schon zu viele Zahnarztordinationen von innen gesehen. Nicht etwa, weil meine Zähne Probleme gemacht hätten, sondern weil ich in meinem Studium von einem Professor eine sehr spezielle Aufgabe bekommen habe. Diese Aufgabe entstand aus einer Statistik über die unterschiedlich hohen Selbstmordraten in verschiedenen Berufsgruppen. Es ist nämlich so, dass Mediziner/innen im Vergleich zu anderen Berufen eine stark erhöhte Selbstmordrate aufweisen – und von allen medizinischen Bereichen gehören Zahnärzt/innen zu der am stärksten suizidgefährdeten Gruppe.

„Warum gerade Zahnmediziner/innen? Eigentlich haben sie doch weniger Stress und Verantwortung als Notärzt/innen oder Unfallchirurg/innen und tragische Erlebnisse mit Tod und unheilbaren Krankheiten sind in der Zahnarztpraxis auch eher selten. Was macht sie also so unzufrieden mit ihrem Leben?“ fragte sich unser Professor und schickte seine Student/innen aus, die Zahnmediziner/innen selbst zum Thema zu befragen.

Die Ergebnisse unserer Interviews waren überraschend: Die befragten Zahnmediziner/innen gaben als belastende Umstände ihres Berufes verschiedene Punkte an, wie die ständige Lärmbelastung des Saugers und Bohrers; die fehlende Möglichkeit, mit den Patient/innen während der Behandlung zu reden; die körperlich belastende Arbeit oft im gebückten Stehen und eine schlechtere finanzielle Situation als erwartet.

Aber der Umstand, der von den Befragten am schwerwiegendsten wahrgenommen wurde, war die fehlende positive Rückmeldung von Patient/innen. Während Geburtshelfer und Hebammen Dankesbriefe erhalten und genesene Patient/innen den behandelnden Ärzt/innen nicht nur gute Rückmeldung, sondern sogar Schokolade oder Ähnliches schenken, sind die Menschen oft sehr widerwillig in der Zahnarztpraxis. Ein Zahnarztbesuch beschert vielen Angst und verursacht kurzfristig oft zusätzliche Schmerzen. Auch wenn man eine Zahnspange verpasst bekommt, würdigt man die Arbeit der Kieferorthopäd/innen kaum. Zahnmediziner/innen bekommen einfach selten positives Feedback und Wertschätzung. Oder hast du dich nach dem Ziehen eines Zahnes schon einmal eifrig bei deinem Zahnarzt oder deiner Zahnärztin bedankt oder die saubere OP und den freundlichen Empfang gelobt?

Rettet die Zahnärtz/innen (und Gruppenleiter/innen)!

Diese Anekdote ist ja ganz nett – aber was hat das eigentlich mit dir und deiner Arbeit in der Jungschar zu tun? Viel, sage ich dir! Denn die Zahn-Geschichte zeigt einen sehr drastischen Zusammenhang auf: Wenn einem Menschen Wertschätzung und positive Rückmeldung fehlt, wird er/sie unglücklich. Im Umkehrschluss müsste der Satz dann lauten: „Wenn ein Mensch Wertschätzung und positive Rückmeldung bekommt, bleibt er/sie glücklich (oder zumindest motiviert).“

In unserem Herzen steckt in jedem von uns ein/e kleine/r Zahnarzt/ärztin. Jede/r freut sich über positives Feedback und braucht Wertschätzung der getanen Arbeit, um glücklich und motiviert dabei zu bleiben. Für dich als Pfarrverantwortliche/n bedeutet dies vor allem, den Gruppenleiter/innen zu zeigen, dass dir ihr Engagement auffällt und dass du es schätzt. Wertschätzung kann man ganz unterschiedlich zum Ausdruck bringen: Mit einem persönlichen Wort beim Verabschieden nach einer Jungschar-Aktion („Danke für deine Hilfe und Motivation bei der Aktion – wie du das Spiel angeleitet hast, war super!“); mit einem kleinen Geschenk am letzten Abend des Lagers; mit einem Brief unterm Jahr, in dem die Arbeit und die besonderen Fähigkeiten hervorgehoben werden; oder einfach mit einem kurzen, aber ehrlichen „Danke dir, dass du da bist“.

Die grünen Ampeln zählen...

Das klingt ja gar nicht so schwierig, positives Feedback zu geben. Die Schwierigkeit besteht meist darin, aufmerksam zu bleiben- nicht nur dort, wo es Probleme gibt.

Geht es dir auch so, dass die Ampeln immer rot leuchten, wenn du gerade hinkommst? Die meisten Menschen, die ich kenne, sind sehr geschult darin, Dinge zu bemerken, die nicht perfekt funktionieren. Uns fällt auf, wenn das Wetter zu heiß/zu kalt ist, wir ärgern uns, wenn die U-Bahn mal wieder erst in sieben Minuten kommt und wenn dein/e Co-Gruppenleiter/in notorisch unpünktlich ist, zu wenig/zu viele Kinder bei der Aktion oder der Gruppenstunde waren (und dann waren sie zu laut/zu leise) oder wenn die anderen Gruppenleiter/innen zu unmotiviert sind,....

Wie wäre es, wenn wir uns angewöhnen würden, die grünen Ampeln zu sehen? Denn ich weiß: Es gibt sie! Jede/r von uns kommt mindestens so oft zu einer grünen wie zu einer roten Ampel! Sie fallen uns nur weniger auf – genauso wie all die Dinge, die gut funktionieren und „eh passen“. Das ist schade, weil wir dadurch viele Möglichkeiten verpassen, die guten Dinge wertzuschätzen und das auch anderen mitzuteilen. Und gerade diese positiven Rückmeldungen brauchen Gruppenleiter/innen auch, um engagiert dabei zu bleiben und sich in der Jungschar wohl zu fühlen – denn wo die Arbeit anerkannt und wertgeschätzt wird, bleibt die Motivation und der Spaß daran.

Seit meinen Interviews mit den Zahnmediziner/innen versuche ich, meinen Zahnarzt während der Behandlung immer mit offenem Mund anzulächeln und habe mich auch nach der Weißheitszahnoperation ausschweifend dafür bedankt. Ich bewahre meinen Zahnarzt vor der Motivationslosigkeit! Und ihr eure Gruppenleiter/innen?     

Conni Barger

kumquat "Ungehorsam" 1/2012

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