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Von wilden und witzigen Mädchen

...oder: Warum Pippi Langstrumpf nicht erwachsen werden darf

Wilde Kindheit...

Pippi Langstrumpf tut was sie will! Sie ist in ihrer Bewegungsfreiheit kaum eingeschränkt. Sie hat zwar einen Vater, doch sie braucht ihn nicht, sie wächst verwahrlost auf und lässt sich durch niemanden in ihren Aktivitäten bremsen. Und: vor ihr fürchten sich sogar erwachsene Männer.
Pippi begeistert auch heute noch viele Mädchen und Burschen. Pippi, die berühmteste Vertreterin der wilden Mädchen in der Kinderliteratur, hebt sich ab vom üblichen Bild der braven Mädchen.

Es besteht kein Zweifel, die Zeit der braven, angepassten Mädchen ist vorbei! Mädchen toben herum, sind rotzfrech, klettern auf Bäume. Mädchen raufen mit dem stärksten Buben der Klasse, tauchen zu Hause schmutzig auf, um gleich darauf wieder loszuziehen. Die Zeit der angepassten Mädchen ist vorbei - oder?
Wenn wir so eine Beschreibung von Mädchen lesen, an welches Alter denken wir dabei? 8, 10, oder 11 Jahre? 14 Jahre? Wenn ich an wilde Mädchen denke, dann handelt es sich um Mädchen bis höchstens 12, vielleicht noch 13 Jahre. Aber was passiert mit diesen Mädchen in der Pubertät?

...konflikthafte Pubertät - von außen betrachtet

Und hier sind wir schon beim springenden Punkt der wilden und witzigen Mädchen. Es gibt diese Mädchen, keine Frage (wenn auch junge Mädchen in der Art ihren Alltag zu gestalten noch immer mehr eingeschränkt sind als Burschen). Radikal aber bricht dieses Bild der wilden, rebellischen Mädchen mit dem Beginn der Pubertät: Zu einem Entwicklungszeitpunkt, an dem die Selbstbestimmung ausgeweitet werden sollte, wird sie bei Mädchen eingeschränkt:

- Mädchen erleben ab der Pubertät mehr soziale Kontrolle von der Familie. Eltern fürchten sexuelle Erfahrungen der Tochter und reglementieren noch stärker als bisher deren Freizeitaktivitäten. Das "Draußen" ist, so sagt man den Mädchen, gefährlich, sie verbringen ihre Freizeit daher häufiger in Innenräumen. Der Ort "Straße" erweckt bei Burschen Abenteuerlust und Aktivität, ein "Straßenmädchen" zu sein ist auch heute noch mit negativen Attributen verbunden.

- Die Freizeit, die Mädchen ab ca. 13 Jahren zur Verfügung steht, ist bereits täglich um eine Stunde weniger als die Freizeit, die gleichaltrige Burschen zur Verfügung haben. Die Arbeit für Haushalt, Betreuung von Geschwistern etc. steigt bei Mädchen viel stärker als bei Burschen an.

- Mädchen verlieren - noch immer - im Laufe des Heranwachsens enorm an positiver Selbsteinschätzung und haben weniger positive Erwartungen an die Zukunft. Burschen erfahren zwar auch Verunsicherung in der Phase der Pubertät, doch gehen sie mit deutlich höherem Selbstwertgefühl aus dem Prozess der Sozialisation hervor.

In Summe heißt das: das Leben als Frau beginnt mit einem Schritt zurück. Ab diesem Zeitpunkt beginnt es für die Mädchen konflikthaft zu werden. Die Geschichte von Pippi endet wohlweislich vor der Pubertät. Astrid Lindgren hat wohl gewusst, dass die Geschichte von Pippi nur traurig und in höchstem Maße schwierig weitergehen könnte!

Konflikte in der Pubertät - von innen betrachtet

Die patriarchale Gesellschaft schafft Konflikte, was besonders an wilden, rebellischen Mädchen deutlich wird. Ihr Bruch mit der traditionellen Vorstellung von Weiblichkeit führt meist erst zu Beginn des Jugendalters zu Problemen. Anscheinend konfliktfrei am "weiblichen" Pol befinden sich die "richtigen" Mädchen, die Konflikte mit ihrer traditionellen Bestimmung zumindest nicht bewusst erleben.

Die Spannung zwischen traditioneller Weiblichkeit und dem Rebellieren dagegen ist eine "soziale Wunde", die sich eben am stärksten bei den wilden und rebellischen Mädchen zeigt. Dieses individuelle Leiden bleibt meist bei den Mädchen, es setzt sich oft in ihren Körpern fest. Oft richten Mädchen die Aggression, die für die Aufrechterhaltung und Erlangung ihrer eigenen Selbstbestimmung notwendig ist, gegen sich selbst. Z.B. versuchen viele Mädchen durch Magersucht, sich ihre Selbstbestimmung durch die Schädigung ihres Körpers zu erhalten. Es gibt aber auch Mädchen, die ihre Aggressionen nach außen wenden und für ihre Selbstbestimmung kämpfen, ohne sich in einem hohen Ausmaß selbst zu schädigen.

Ein neues Bild von Weiblichkeit

Der Konflikt verstärkt sich für Mädchen auch dadurch, dass sie kaum Bilder für weibliche Selbstbestimmung vor sich haben, und was noch wichtiger ist, dass ihnen keine Bilder zur Verfügung stehen, die Selbstbestimmung und geliebt werden verbinden. Der Wunsch und die Notwendigkeit, aus der traditionellen weiblichen Rolle auszubrechen, und die Unmöglichkeit, den Pol des traditionell "Männlichen" einzunehmen, führen in eine Sackgasse. Wilde und rebellische Mädchen können sich deshalb meist weder mit dem einen noch mit dem anderen Elternteil identifizieren.

Der Ausweg daraus kann nur durch etwas Neues, durch die Veränderung der Strukturen gefunden werden. Bejahung der Weiblichkeit ist dann möglich, wenn ein neues, starkes Bild von Weiblichkeit zwischen den traditionellen Polen "männlich" und "weiblich" existiert.

In der Pubertät werden Mädchen aber ihre Allmachts- und Größenphantasien ausgetrieben. Am Beispiel der Menstruation wird dies deutlich sichtbar: Wenn dem Mädchen im Moment des Frauwerdens die Menstruation als etwas vermittelt wird, was man verstecken muss, wird ihm ein Grundstein der Weiblichkeit geraubt. Der Stolz der Frauen auf ihr eigenes Geschlecht wird gebrochen, die Menstruation wird gekoppelt mit einer Einschränkung von Aktivitäten.

Die Geschichte von Pippi Langstrumpf spiegelt Allmachtsphantasien wider: "Alles vermag ich, keiner kann mich aufhalten" - eine überaus bedeutende Entwicklungsphase!

Natürlich ist manches nicht immer von außen zu sehen bzw. ist auch ambivalent: Die äußerlich eher Angepassten sind innerlich oft sehr widerständig, und diejenigen, die nach außen eine aktive und aggressive Haltung an den Tag legen, hegen innerlich vielleicht die gegenteiligen Wünsche.

Was tun?

Außer Zweifel steht, dass die Erlangung von Geschlechtsidentität eine zentrale Aufgabe der Pubertät ist. Deshalb müssen wir in der Kinder- und Jugendarbeit Räume und Zeit zur Verfügung stellen, in denen die Mädchen gesellschaftliche Interessen kritisch reflektieren und den eigenen Vorstellungen gegenüberstellen können. Und dafür braucht es Raum und Zeit für Mädchen!

Eine totale Trennung von Mädchen und Burschen in dieser Phase entspricht wohl kaum den Kids. Große Teile von Kinder- und Jugendarbeit werden von Mädchen und Burschen als Experimentier- und Erlebnisfeld mit dem anderen Geschlecht gesehen. Ein Ausweg kann darin liegen, geschlechtsbewusste und geschlechtsspezifische Arbeit in den Alltag von koedukativen Gruppen mit hinein zu nehmen, das kann konkret heißen:

  • sich mit dem in der Gesellschaft tradierten Frauen- und Männerbild
  • auseinandersetzen
  • Mädchen und Burschen für manche Gruppenstunden oder Teile davon trennen
  • ein Wochenende nur für Mädchen veranstalten
  • einen Selbstverteidigungskurs für Mädchen anbieten
  • berühmte und einflussreiche Frauen in der Gegend kennen lernen
  • Mädchen den Zugang zum Computer schmackhaft machen
  • sich mit körperlichen Veränderungen der Mädchen beschäftigen
  • ...

Dabei geht es nicht darum, alle Probleme und Konflikte, die sich für Mädchen bewusst oder unbewusst stellen, aus dem Weg zu räumen, sondern sie zur Sprache zu bringen.

Als Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter sind wir ein Stück weit "Pat/innen", die die Kids auf der Suche nach ihrer Identität begleiten und die Mädchen eine Vielfalt an Rollen und Visionen für die Zukunft entwickeln lassen.

Hätte Pippi die Möglichkeit gehabt sich mit anderen Mädchen auszutauschen, hätte sie Begleiter/innen und weibliche Vorbilder gehabt, die ihr Wahlmöglichkeiten für ihr Leben eröffnet hätten, vielleicht wäre sie dann erwachsen geworden.

Mag. Inge Pröstler und Christine Anhammer

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