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Kinder in stürmischen Zeiten

Literaturempfehlungen

Interview mit Ursula Malek (Rainbows-Koordinatorin, Dipl. Sozialarbeiterin und Rainbows-Gruppenleiterin)

Literaturempfehlungen:

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Ein Märchen, das Kindern wie Erwachsenen dabei hilft, sich ihren Trauergefühlen zu öffnen und sie auszudrücken

Marit Kaldhol (Ellermann)
Abschied von Rune
Sara nimmt Abschied von ihrem besten Freund Rune, der beim gemeinsamen Spiel am Wasser ertrunken ist.

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Susis geheimes Tagebuch - Pauls geheimes Tagebuch
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Außerdem: Zum Themenbereich Scheidung - Alleinerziehen - neue Partnerschaften hat die STUBE (Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur) eine Broschüre mit dem Titel "Und plötzlich ist alles ganz anders ..." herausgebracht, in der Kinder- und Jugendbücher zu diesen Themen vorgestellt werden. Um 5€ (inkl. Versand) zu bestellen unter http://www.stube.at/ oder 01/51552/ 3784.

 

Interview mit Ursula Malek (Rainbows-Koordinatorin, Dipl. Sozialarbeiterin und Rainbows-Gruppenleiterin)

Rainbows - Für Kinder in stürmischen Zeiten
1010 Wien, Stephansplatz 6/5/31

kumquat: Was sind das für stürmische Zeiten, in denen Rainbows für Kinder da ist?

Ursula: Rainbows ist ein gruppenpädagogisches Angebot für Kinder und Jugendliche, die von Verlusten betroffen sind. D.h. ihre Eltern haben sich getrennt oder sind geschieden oder ein Elternteil des Kindes ist verstorben. 4-6 Kinder werden in einer Gruppe von einer/m Rainbows-Gruppenleiter/in begleitet.
Es gibt 14 Treffen der Kinder und dazwischen drei Elterngespräche, bei denen die Eltern Informationen bekommen, was in der Gruppe läuft, wo aber keine detaillierte Information weitergegeben wird. Was die Kinder von sich geben, bleibt in den Gruppen. - Das wissen Eltern und Kinder.
Die Treffen der Kinder sind wöchentlich - einmal in der Woche eineinhalb Stunden. So zieht sich das Rainbows-Programm über ein halbes Jahr.

kumquat: Wie alt sind die Kinder, die von Rainbows betreut werden?

Ursula: Wir bieten Gruppen von 4-17 Jahren an, die Gruppen sind altersmäßig gestaffelt - 4-6-jährige, 6-8 jährige... bis 17 hinauf. Wir betreuen sehr viele Kinder im Kindergarten- und Volksschulalter.

kumquat: Gibt's Rainbows-Gruppen auch in Niederösterreich?

Ursula: Ja, in der ganzen Erzdiözese Wien. Wir haben Standpunkte in Wr. Neustadt, Baden, Schwechat,...

kumquat: Werden Kinder, die von Scheidung betroffen sind, in den selben Gruppen betreut, wie Kinder, bei denen ein Elternteil verstorben ist?

Ursula: Die Gruppen sind gemischt. - Wir sind etwas "scheidungslastig" - begründet durch die Statistik: 43 von 100 Ehen werden ja geschieden. Wenn wir eine gemischte Gruppe von Scheidungskindern und Halbwaisen haben, schauen wir, dass zumindest zwei Kinder Halbwaisen sind - oder wenn wir genügend Anmeldungen haben, machen wir auch reine Gruppen mit Kindern, die vom Tod betroffen sind.

kumquat: Was ist das Ziel der Arbeit in den Gruppen?

Ursula: Den Kindern soll Raum gegeben werden, in dem sie Zeit und Platz für ihre Gefühle, für ihre Gedanken in diesen stürmischen Zeiten finden. Den Kindern kommt's in so Umbruchzeiten ja vor, als würde ihnen das Leben durch die Finger rinnen. Meistens werden Kinder ja in eine klassische Mutter-Vater-Kind-Familie hineingeboren - sie nehmen das als etwas Naturgegebenes hin: Da gibt's eine Mama, einen Papa und wir leben in diesem Haus. Wenn das ins Wanken gerät, erschüttern sich die Grundfesten. Diese Kinder sollen einmal einen Ort finden, wo man sagen oder schreien kann: "Ich bin wütend!" oder "Ich hab Angst. Wenn mein Papa wegzieht, kann ja meine Mama vielleicht auch weggehn." - Wir wollen diesen Ängsten Platz geben. Die Eltern sind oft so mit sich selbst beschäftigt, dass es für sie am allerschwierigsten ist, den Kindern zu helfen. Und da steht die/der Gruppenleiter/in dem Kind als neutrale Person zur Seite und sagt: "Ich bin jetzt für dich da und bin nicht auf irgendeiner Seite von der Mama oder vom Papa, bin nicht verstrickt in eure familiäre Situation."

kumquat: Wie schaut so ein wöchentliches Treffen aus, mit welchen Methoden wird in den Gruppenstunden gearbeitet?

Ursula: Die Gestaltung kommt natürlich sehr auf die Gruppenleiterin an - grundsätzlich steht aber jede Stunde unter einem bestimmten Thema - z.B. Wut, Schuldgefühle, Familienformen. Es wird viel mit Spielen, Phantasiereisen, Basteln, Geschichten, Ton, Interviews, Rollenspielen, ... gearbeitet. - Das Thema wird sehr kreativ verpackt.

kumquat: Wann ist der richtige Zeitpunkt nach Trennung/Scheidung der Eltern oder Tod eines Elternteils, in eine Rainbows-Gruppe zu kommen?

Ursula: Da muss man unterscheiden zwischen vom Tod betroffenen und zwischen Scheidungs-/Trennungskindern.
Bei den Scheidungen/Trennungen ist es wichtig, dass die Kinder die Scheidung/Trennung erlebt haben, gefühlt haben. Die Information über die bevorstehende Scheidung/Trennung ist Sache der Eltern - wir beraten und unterstützen sie dabei aber gern. Diese Information ist natürlich das Um und Auf, Kinder wollen informiert werden. Sie wollen wissen, was gleich bleibt und was sich verändern wird.
Wenn die Kinder zu uns kommen, müssen sie also bereits informiert sein - was ja noch lange nicht heißt, dass sie die Trennung/Scheidung auch schon realisiert haben - oft ist das erst, nachdem ein Elternteil ausgezogen ist.
Vom Prinzip her ist es aber egal, ob die Scheidung ein paar Monate zurückliegt oder schon drei Jahre. Oft rufen Eltern erst an, wenn die Scheidung schon einige Zeit zurück liegt, weil sie merken, dass beim Kind noch etwas da ist - oder wenn Veränderungen eintreten, wie z.B. ein neuer Partner, ein neues Geschwisterl.
Bei Halbwaisen ist es gut, ein bisserl abzuwarten. Wenn der Tod eines Elternteils noch zu nah ist, kann das Unaussprechliche manchmal noch nicht ausgesprochen werden.

kumquat: In der Jungschargruppe begegnen wir auch manchmal Kindern, die von Scheidung oder Tod eines Elternteils betroffen sind. Wie können wir Kinder in der Trennungs-/Abschiedsphase unterstützen?

Ursula: Kleingruppen können für solche Kinder sehr unterstützend sein.
Ich würde zuerst einmal das Einzelgespräch suchen, um zu fragen, wie's denn geht. Kinder brauchen oft ein Sprachrohr - z.B. zu sagen "Jetzt fühlst dich traurig?!" - vielleicht kann er's/sie's nicht aussprechen. Manchmal hilft es dem Kind auch schon, einfach nur da zu sein.
Besonders bei Kindern, die vom Tod betroffen sind, ist dieses gemeinsame Aushalten schon sehr viel. Einfach da sein und aushalten.

kumquat: Der Tod ist ein Tabuthema. Wir haben große Scheu, uns damit auseinander zu setzen - wir reden nicht gern drüber.

Ursula: Ja, auch als Erwachsene haben wir eine große Scheu. Gerade bei trauernden Kindern ist es ja so, dass sie sehr sprunghaft trauern. In diesem Moment sind sie noch sehr traurig - und im nächsten Moment: "Hurra, jetzt gemma Fußball spielen." - Das ist für uns Erwachsene oft schockierend. Wir fragen uns dann: "Na, was ist jetzt los? Ich hab mir gedacht, du bist traurig...? - Das gibt's ja nicht, du kannst so happy sein, obwohl das Schreckliche passiert ist?" - Da sind wir Erwachsene viel konstanter in unserer Traurigkeit. Wenn man das weiß, ist es gut. Da kann ein Kind in die Jungschargruppe kommen und einmal sagen: "Jetzt kann ich einmal Zeit haben und es lustig haben mit euch" und blitzartig nach der Jause sitzt es da und ist sehr traurig.
Kinder wollen in solchen Situationen manchmal auch ein bisserl Normalität, die sie in solchen Zeiten zu Hause nicht haben, da ist Ausnahmezustand. Sie wollen dann vielleicht sehr gern in die Jungschargruppe gehen - weil das haben sie vorher auch getan und sie wollen, dass das Radl weiter geht.
Grad bei Kindern, die Verluste oder Trennungen erlebt haben, sind Dinge, die konstant sind, sehr wichtig.

kumquat: Oft ist der Tod eines Elternteils eines Kindes schon den anderen Kindern in der Gruppe bekannt, alle wissen, dass im Umfeld des Kindes etwas Trauriges passiert ist - nur niemand getraut sich drüber zu reden. Sollen wir als Gruppenleiter/innen so etwas ansprechen?

Ursula: Es ist sinnvoll, es anzusprechen. Zu dem Kind könnte man sagen "Ich glaube es ist gut, wenn du willst, dass wir es den anderen Kindern sagen. Wenn du willst, mach ich das - du kannst dich neben mich setzen" - Meistens sind alle Beteiligten froh, dass darüber gesprochen wird.
Oft überlegen sich die Kinder dann etwas sehr Nettes - sie zeichnen z.B. etwas. - Oder wenn ein Kind längere Zeit nicht in die Gruppe kommt, weil's nicht will oder weil in der Familie so viel los ist, dass keine Zeit dafür ist, würde ich das auch zum Thema in der Gruppe machen.
Prinzipiell ist es immer gut, das Thema anzusprechen, weil sonst auch unbändige Phantasien auftauchen. Wahrheit und Information sind das Um und Auf. - Auch wenn die Wahrheit ganz, ganz hart ist, ist die Wahrheit in den meisten Fällen noch immer besser.
Es gibt auch jede Menge Literatur - Bilderbücher,... die beim Ansprechen dieses Themas unterstützend wirken können.

kumquat: Gerade beim Thema Tod stellen Kinder vielleicht Fragen, die für einen selber ein Rätsel sind. - z.B. "Warum muss mein Papa sterben" - wie kann man auf solche Fragen Antworten mit dem Kind finden?

Ursula: Prinzipiell ist es wichtig, die Fragen der Kinder ernst zu nehmen. - Aber es ist nicht notwendig, immer und sofort eine Antwort parat zu haben, sondern du kannst beim Kind nachfragen, was es selber glaubt. Man kann auch zugeben, dass man manche Dinge selber nicht weiß. Im Leben passieren oft traurige Dinge, Menschen werden krank, schreckliche Autounfälle passieren - das gehört zum Lebenskreislauf dazu, dass man stirbt. Das ist eine traurige Sache, die man selber unfair und traurig findet, dass gerade dein Papa gestorben ist... also wieder ein bisserl Sprachrohr für das Kind sein in dem man auch Gefühle anspricht, die da sind: die Wut, den Zorn, die Schuldgefühle.

kumquat: Eine ganz zentrale Frage für Kinder ist ja auch oft: "Wo geht der/die Tote hin?"

Ursula: Meist finden die Kinder selbst Antworten auf die Frage, wo der Papa, die Mama jetzt ist. - Sie sagen dann z.B. "Er ist ein Stern, der herunterlacht". Und diese Vorstellungen sind auch gut so. Es empfiehlt sich also, bei den Kindern nachzufragen, was sie glauben. Man muss nicht immer Standardantworten parat haben.
Die Kinder haben dann auch oft gute Ideen, wie sie selber mit ihrer Situation umgehen wollen. Z.B. wenn ein Kind aus der Gruppe gestorben ist, schreiben sie einen Brief oder geben ihm etwas mit. Einen Abschied zu ermöglichen ist hier wichtig, das ist dann schon ein sehr guter Aufarbeitungsprozess.

kumquat: Im Laufe des Jahres wird's auch immer wieder Situationen geben, in denen Gruppenleiter/innen die die besondere Familiensituation einzelner Kinder im Hinterkopf haben sollten. - z.B. wenn's um's Basteln von Weihnachtsgeschenken geht - obwohl der Vater eines Kindes verstorben ist.

Ursula: Natürlich soll's weiterhin Geschenke für Väter geben, weil's die anderen Väter ja noch gibt. Ich würde mit dem Kind darüber reden, ob es auch etwas basteln will. - Meist wollen die Kinder solche Geschenke dann auf's Grab bringen.
Wichtig ist es, daran zu denken. Wenn ich einfach unüberlegt hergeh und sag: "Wir basteln jetzt Weihnachtsgeschenke für eure Papas." und einstweilen hat ein Kind keinen Papa mehr, dann ist das natürlich blöd. Aber wenn man dran denkt und mit dem Kind spricht, dann schaut die Sache ganz anders aus.

Dadurch, dass sich Kinder und Gruppenleiter/innen regelmäßig treffen, sich gut kennen, können sie Kindern in solchen Situationen sicherlich auch gut Halt geben.
Oft sind Kinder nach solchen Trennungs- oder Verlusterlebnissen sehr aggressiv und wütend - aber diese Kinder haben's eigentlich leichter als jene, die still und zurückgezogen sind und nicht zeigen (können), wie chaotisch es in ihnen drinnen gerade zugeht. Bei Kindern, die dann eben manchmal ausflippen ist es gut zu wissen, was der Grund dafür sein könnte - zu schauen, wie viel hält die Gruppe aus? In solchen Fällen kann man natürlich auch überlegen, wie die Kinder ihre Wut gezielt rauslassen können - gegen einen Polster hauen, Wutstrudel kreieren, Wutbälle basteln, ...

kumquat: ... und letztendlich kann man Eltern ja auch empfehlen, dass es Rainbows-Gruppen gibt!
Danke für das Gespräch!

Jutta Niedermayer


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