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Sei nicht immer so brav!

Ein Satz, den wohl selten ein Kind so zu hören bekommt. Brave Kinder zu haben, ist nach wie vor der Wunsch vieler Eltern, und nicht nur Eltern wünschen sich brave Kinder. Manchmal könnte man sogar meinen, dass "brav sein" die wichtigste Eigenschaft eines Kindes überhaupt ist. Doch ist es wirklich wünschenswert, so besonders brave Kinder zu haben?
Mit braven Kindern lebt sich´s angenehm, denn sie tun, was man von ihnen erwartet und reden nicht frech zurück. Brave Kinder sind nicht aggressiv, sie antworten, wenn sie gefragt sind und stellen keine dummen Fragen, sie tun, was man von ihnen verlangt, und das sofort, sie folgen immer und widersprechen nie. Klingt gut? Ist aber in dieser Form sicher nicht gut für die Kinder. Brave Kinder, die immer tun, was sie tun sollen, sind sehr darauf angewiesen, dass immer jemand für sie da ist, der weiß, was gut für sie ist - was wohl selten der Fall ist. Wer weiß schon besser, was ich gerade brauche, als ich selbst? Gerade Kinder haben noch viel mehr im Gefühl, was gut für sie ist. So sitzen jüngere Kinder zum Beispiel nicht gerne lange still auf einem Fleck, sondern bewegen sich lieber - was gut und wichtig für sie ist. Langes Stillsitzen belastet gerade Kinder einseitig, in Bewegung hingegen sind alle Partien des Körpers gleichmäßig gefordert, was anatomische Schäden verhindert und einem gesunden Wachstum dient.

Brav und hilflos

Wenn ich immer nur gelernt habe, anderen zu folgen, so wird es irgendwann schwer für mich sein, überhaupt selbst noch zu empfinden, was gut für mich ist und was mich interessiert und das dann auch aus eigenem Antrieb zu verfolgen. Wenn ein Kind alles, was ihm auf den Teller gelegt wird, aufessen muss, so weiß es irgendwann nicht mehr, was ihm schmeckt und wann es satt ist - es vertraut seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr, sondern hört nur auf das, was Autoritäten von ihm verlangen. Brave Kinder können so ziemlich abhängig von ihrer Umwelt werden, wenn sie auf ihre eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen verlernt haben.
Wer immer nur brav und folgsam sein musste, wird sich auch schwer tun, sich gegen Unrecht, das ihm/ihr widerfährt, zu wehren, denn er/sie hat nicht gelernt, stark aufzutreten und für etwas zu kämpfen - die Braven müssen vor allem dulden und ertragen, und nicht selten wird genau diese Duldsamkeit von anderen ausgenützt. Wer von Kindern vor allem Bravsein verlangt, der tut ihnen so sicher nichts Gutes.

Was ist die Alternative?

Ziel einer geglückten Erziehung ist, die Kinder dabei zu unterstützen, glücklich zu werden. Die Kinder sollen groß und stark werden, sie sollen lernen zu empfinden, was gut für sie ist, und lernen, mit ihren Bedürfnissen umzugehen. Dazu brauchen sie Menschen, die sie mit diesen ihren Bedürfnissen wahr- und ernst nehmen, Menschen, die ihnen vermitteln, dass sie auch gemocht werden, wenn sie etwas Anderes wollen, Menschen, die ein Umfeld für sie schaffen, in dem sie kritisch sein dürfen, eigeninitiativ, sehr lebendig und manchmal auch laut.

Das heißt nicht etwa Chaos und Willkür: Kinder brauchen sinnvolle und begründete Grenzen (z.B. Niemand darf anderen weh tun; alle sind leise, wenn ein Spiel erklärt wird;... als Regeln für die Gruppenstunde), an denen sie sich orientieren können, doch innerhalb dieser Grenzen soll viel Platz für sie sein, wo sie sie selbst sein dürfen, wachsen und stark werden können. Für uns als Gruppenleiter/innen ist das sicher eine viel größere Herausforderung, als von Kindern nur braves Folgen zu verlangen. Wir werden viel mehr überlegen müssen, was für die Kinder gerade gut ist und sie sicher in Entscheidungen noch mehr einbeziehen, wir werden überlegen müssen, wie man mehr Freiräume für die Kinder schafft, z.B. wie man damit umgeht, wenn Kinder nicht mittun wollen und sich für sie vielleicht andere Alternativen als Zuschauen überlegen. Wenn ein Kind sich so ganz anders verhält als ich es gerne hätte, so sollte ich es nicht zum Bravsein zwingen, sondern überlegen, welche Ursache sein Verhalten hat und Wege suchen, besser gerade auf die Kinder einzugehen, die mir vielleicht lästig sind, denn diese Kinder brauchen mich oft am meisten.

Lobby für eine "starke" Zukunft

Unsere Aufgabe als Gruppenleiter/innen muss es sein, uns dafür stark zu machen, dass Kinder nicht in erster Linie brav sein müssen, und zwar nicht nur in den Gruppenstunden, sondern in der ganzen Pfarre, zum Beispiel was die Gestaltung von Gottesdiensten betrifft, und auch über die Pfarrgrenzen hinaus. Gerade Kinder sind besonders darauf angewiesen, dass sich jemand für sie einsetzt. Das ist sicher schwierig, und oft genug wird anecken, wer dafür eintritt, Kinder nicht zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollen und was nicht gut für sie ist, wird anecken, wer dagegen auftritt, wenn Kinder instrumentalisiert werden sollen, um Bedürfnisse der Erwachsenen zu befriedigen.

Aber es zahlt sich aus: Wer sich so für Kinder stark macht, der kämpft nicht "nur" für ein besseres Leben für diese Kinder, sondern auch für eine bessere Zukunft, eine initiative, kreative, kritische und mitfühlende Gesellschaft - mit Menschen, die nicht nur brav sind, und darauf warten, dass jemand kommt, der ihnen sagt, was sie tun sollen und vielleicht sogar noch ein passendes Feindbild liefert, wer schuld daran sein soll, dass sie sich irgendwie nicht wohl in ihrer Haut fühlen, sondern Menschen, die zu leben gelernt haben.

Martin Lacroix

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