• Jungschar vor Ort
  • 70 Jahre JS
  • Über uns
  • Angebote
  • Modelle
  • Gruppe
  • Pfarre
  • Gott & die Welt
  • Wildegg

Gewaltige Emotionen...

Szene in der Pause vor dem Klassenzimmer

A: Du bist echt ein Vollidiot!!
B: Was bist denn du dann, du Superschlauer... dir haben sie wahrscheinlich schon bei der Geburt das Gehirn amputiert! Was schaust' denn so - hast' vielleicht Angst? Pass auf, dass du nicht in die Hose machst, kleiner Mamaplärrer! Hahaha...
A: Ich hau dich z'samm!!!! Die beiden stürzen sich aufeinander, eine Prügelei beginnt.

Szene vor der Gruppenstunde

A: Weißt eh, die Anna hat gesagt, dass sie mich lieber mag als dich! Sie ist nämlich meine Freundin!
B: Stimmt nicht, sie ist meine Freundin! Und überhaupt geht dich das nix an. Lass mich in Ruhe!
A: Sie hat aber gesagt, sie will nicht mehr deine Freundin sein - und ich soll's dir sagen...

Wahrscheinlich kennst du solche oder ähnliche Szenen. Da steckt einiges an Aggression drin. Kinder - Buben wie Mädchen - können brutal sein. Aggression und Gewalt treten da in den unterschiedlichsten Formen auf: Jemanden nicht mitspielen lassen, spotten, Haxl stellen, beschimpfen, sich gegen eine/n verbünden, prügeln, vor anderen bloßstellen, drohen, ausrichten, ignorieren, erpressen, anlügen, Gerüchte verbreiten,... (z.T. "doppelt") die Liste der alltäglichen Gemeinheiten ist lang (wie bei den Erwachsenen auch!).

Aber woher kommt solche Aggression bei Kindern? Wer auf diese Frage eine klare, eindeutige Antwort erwartet, wird auch nach der Lektüre von vielen klugen Büchern zum Thema enttäuscht sein: Die Antwort gibt es nicht, aber einige Erklärungsmodelle für ein vielschichtiges Problem.

"Auf-etwas-zugehen-Können"

Ein gewisses Aggressionspotenzial hat jeder Mensch - und das ist grundsätzlich auch gut so. Aggression im ursprünglichen Wortsinn (nach dem lat. ad-gredior) bedeutet, auf jemanden oder etwas zugehen, an etwas herangehen - in der Absicht es zu verändern. Dieses "Auf-etwas-zugehen-Können" ist für jeden Menschen wichtig, sonst würde sich in seinem oder ihrem Leben überhaupt nichts bewegen. (kommt an der wichtigen Stelle hinten bei den Mädchen vor)

Eine Reaktion auf Bedrohung

Aggression im alltäglichen Sprachgebrauch hat für gewöhnlich eine negative Bedeutung, im Sinne von "etwas oder jemanden feindlich angreifen". Das geschieht nie ohne ein gewisses Maß an Emotion. Aggression lässt nicht kalt. Grundsätzlich hat auch das seinen Wert. Denn Aggression ist für den Menschen notwendig als Verteidigungsverhalten. Wenn wir uns körperlich oder psychisch angegriffen fühlen, gehen wir in Verteidigungshaltung, um uns zu schützen. Dann wird - vereinfacht ausgedrückt - entweder zugeschlagen oder mit Worten "geschossen".

Nachteil bei beiden Varianten: Die Gesamtsumme der Aggression steigt, weil auf Aggression immer Gegenaggression folgt und sich die Spirale immer höher nach oben schraubt. Rückgängig machen kann man solche Ausbrüche dann nicht mehr. Aggression hat also zwar auch eine Schutzfunktion, aber es sollte natürlich jede/r lernen, die eigene Aggression nicht zerstörerisch einzusetzen, sondern so, dass weder man selbst noch andere dabei zu Schaden kommen.

Wenn Aggression Verteidigungsverhalten ist, dann ist sie also eine Reaktion auf eine Bedrohung. Als Bedrohung werden etwa auch Frustrations- oder Mangelerlebnisse wahrgenommen. Kinder können z.B. aggressiv reagieren, wenn sie hungrig sind, sich zu wenig bewegen können, wenn sie sich überfordert fühlen, wenn ihnen langweilig ist, wenn sie beschimpft werden, aber auch, wenn sie zu wenig Zuneigung erfahren. Eine sehr grundlegende Ursache von Aggression bei Kindern wurde hier schon angerissen: Je kleiner und schwächer sich ein Kind innerlich fühlt, desto auffälliger aggressiv wird es möglicherweise reagieren. Kinder, deren Selbstbewusstsein stark ist, weil sie sich geliebt und von ihrer Umwelt grundsätzlich angenommen fühlen, brauchen sich nicht dauernd zu verteidigen. Kinder, die sich ihrer selbst sehr unsicher sind und sich durch die Erfahrungen, die sie gemacht haben, eigentlich nicht für besonders liebenswert halten, fühlen sich in ihrem Ich grundsätzlich bedroht und reagieren oft mit Aggression - auch wenn kaum jemand nachvollziehen kann, worin nun eigentlich gerade der Anlass dazu besteht.

Der 9-Jährige Leo etwa fällt in der Jungscharstunde dadurch auf, dass er ohne ersichtlichen Grund ständig andere Kinder in den Bauch boxt und bei Kleinigkeiten wüste Beschimpfungen ausstößt oder zu prügeln beginnt. Ganz anders reagiert er plötzlich, wenn ein Kind aus der Gruppe weint - mit einem Mal wirkt er besorgt und fragt nach, was denn los ist. Bei Leo scheint Aggression, wie auch bei vielen anderen Kindern, unter anderem eine "vorbeugende Maßnahme" zu sein: Um sein verletzliches Inneres baut er eine "Mauer" von Aggression, um mögliche "Angreifer/innen" bereits im Vorhinein einzuschüchtern.

Aggression - bei Mädchen und Buben

Mädchen und Buben merken schon sehr früh, was von ihnen gesellschaftlich "erwartet" wird. Und das ist z.B. sehr verkürzt gesagt: Buben sollen stark sein und Mädchen brav. Gemeinsam mit einigen anderen Faktoren, die in der Entwicklung eine Rolle spielen, ergibt sich daraus, dass Buben tendenziell eher zu der oben gerade beschriebenen Form der Aggression neigen, während Mädchen mit starken Selbstwertproblemen oftmals eher depressive Tendenzen entwickeln, sich also in sich zurückziehen. Das ist zwar für die Umwelt auf den ersten Blick "problemloser" - für die Kinder und ihre Entwicklung allerdings ist der Rückzug und die Resignation weit schlimmer als offen gezeigte Wut und Aggressivität. Auch, wenn das im normalen pädagogischen Alltag etwas überspitzt klingt, wäre es unter diesem Gesichtspunkt manchmal sogar angebracht zu sagen: Zum Glück reagiert ein Kind aggressiv!

Aggression wird gelernt...

Aggressives Verhalten kann auf der anderen Seite natürlich auch gelernt werden. Wenn etwa ein Kind erlebt, dass Konflikte von Erwachsenen oft gewalttätig gelöst werden, und dass dabei der oder die Stärkere am Schluss am besten aussteigt, dann wird es auch selbst diese Verhaltensweise anderen gegenüber vorziehen, wenn es vermutet, der oder die Überlegene zu sein.

In der alltäglichen Lebensumwelt der Kinder könnte man noch viele Ursachen finden, die geeignet sind, aggressives Verhalten zu fördern: (Schulischer) Leistungsdruck, verplante Freizeit, enge Wohnverhältnisse, keine Zeit der Eltern für die Kinder, Hektik und Stress,...
Das Fernsehen spielt dabei übrigens nach Meinung einiger Fachleute eine eher untergeordnete Rolle, denn Gewalt im TV löst bei Kindern nichts aus, was nicht schon vorher da gewesen wäre. Wenn ein Kind, weil es viel alleine zu Hause ist, viel fernsieht und dann auch aggressives Verhalten an den Tag legt, ist die Ursache dafür kaum im Fernsehkonsum an sich, sondern eher in den Lebensumständen zu suchen.

Wie umgehen mit Aggression?

Auf die Frage, woher Aggression kommt, folgt unweigerlich die, wie man nun mit diesem Phänomen in der Kindergruppe umgehen kann. Vorausgeschickt: Einfach ist es nicht. Aggression bei Kindern löst fast immer auch Aggression bei Gruppenleiter/innen aus. (Klar, auch die fühlen sich ja als Verantwortliche persönlich angegriffen, aber Vorsicht: Das ist in den meisten Fällen von den Kindern nicht so gemeint!).

Damit wird als erster Schritt sehr wichtig, für Entspannung zu sorgen: Für sich selbst zweimal tief durchatmen und für das Kind durch körperliche Nähe und beruhigende Worte. Erst dann ist es wieder möglich einigermaßen klar zu denken. Hilfreich ist es, zumindest zu versuchen zu verstehen, warum das Kind nun aggressiv reagiert hat. Glaube ich, etwas verstanden zu haben, kann ich auch versuchen das auszudrücken (z.B.:"Bist du wütend, weil die Clara vorhin deinen Namen so verdreht hat?"). Für das Kind ist es angenehm zu spüren, dass es grundsätzlich mal nicht verurteilt wird, sondern dass jemand es versteht.

Nicht jedes Verhalten, das verstanden wird, muss allerdings auch akzeptiert werden. Deshalb ist es notwendig, auch die eigene Meinung dazu zu äußern und immer wieder auf die elementarsten Gruppenregeln hinzuweisen (z.B.: "Hauen geht nicht! Keiner soll hier wem anderen absichtlich weh tun!"). Letztlich sollte dem Kind auch eine Verhaltensalternative für das nächste Mal in einer vergleichbaren Situation angeboten werden, denn mit Aggression umgehen zu lernen ist eine schwierige Aufgabe, mit der Kinder alleine oft überfordert sind. (Z.B.: "Wenn dich das mit dem Namen-Verdrehen ärgert, dann stampf vielleicht das nächste Mal ganz fest mit dem Fuß auf, damit du dir Luft machst und dann sag der Clara, dass du das nicht willst! Die glaubt wahrscheinlich, das ist lustig...").

Auf der anderen Seite wird es genauso notwendig sein, der Clara zu sagen, dass diese Art von Spaß - nämlich jemanden anderen verspotten - absolut nicht in Ordnung ist.

Denn natürlich kommt es, wie schon eingangs erwähnt, auch oft genug vor, dass Kinder einander nicht unabsichtlich, sondern sehr gezielt weh tun. Manchmal geschieht das auch, weil sie einfach ausprobieren, was dann passiert. Da bist du als Gruppenleiter/in als Person gefragt - du bist Schützer/in der Schwächeren, und deine Meinung dazu muss deutlich gemacht werden. Das ist ein längerer Prozess und die Sache wird deshalb nicht mit einem Mal erledigt sein. Deine Geduld wird sicherlich oft auf harte Proben gestellt, und deine Vorstellungen über das Zusammenleben in der Gruppe wirst du den Kindern immer wieder erklären müssen. Aber nicht verzagen - die Mühe lohnt sich! Und noch etwas: Freu' dich auch über kleine Erfolge und denk daran, auch die Kinder dafür zu loben!

Karin Magrutsch

Share |