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Einfach mal die Klappe halten?

Anregung für einen Selbstversuch

Besser ich geb‘s gleich zu: Ich hab‘s nicht geschafft. So. Jetzt ist es raus. Wie war das? Du denkst, dass das so schwer nicht sein kann? Dass ich mich nur ein bisschen mehr hätte bemühen müssen? Dann versuch’s doch selbst!

Doch erst mal eins nach dem anderen, am besten ich fang von vorne an: Angefangen hat alles, als wir uns überlegt haben, was alles in ein Kumquat zum Thema „Pssst“ also Stille passen könnte. Irgendjemand (vielen Dank dafür!) ist auf die Idee gekommen, dass wir doch wieder einmal von einem Selbstversuch berichten könnten. Eine/r von uns soll einen Tag (oder noch besser: eine Woche) lang nicht reden. Gar nix – kein Pieps. Klingt doch nicht so schwer, oder? Ja, das hab ich mir auch gedacht und mich dafür gemeldet. Weil ich auch nie die Klappe halten kann! (Moment… War das vielleicht schon ein Indiz für mein sozusagen vorprogrammiertes Scheitern? Nein! Sicher nicht! Obwohl…)

Dabei hab ich’s doch schon mal geschafft! Auf einem Jungscharlager vor ein paar Jahren kam einen ganzen Tag lang (fast) kein Sterbenswörtchen über meine Lippen. Dazu muss man sagen, dass ich bei dem Spiel am Vormittag ein Pantomime war und die Kinder bei meiner Station irgendwas ohne reden machen mussten. Was genau, weiß ich nicht mehr – wie gesagt, ist schon ein paar Jahre her. Jedenfalls hab ich bei meiner Station nix gesagt und die Kinder mussten erraten, was sie machen sollen. Das hat ihnen total viel Spaß gemacht – ihre eigentliche Aufgabe war binnen kürzester Zeit nur noch Nebensache. Die eigentliche Attraktion war das Raten, worum‘s denn jetzt überhaupt geht und was ich von ihnen will. Und weil’s so lustig war, hab ich das dann den ganzen Tag durchgezogen. (Natürlich war das mit den anderen Gruppenleiter/innen abgesprochen – deshalb auch das „fast“.) Von der Essensausgabe über Spielerklärungen bis hin zu „Ansagen“, wie es nach dem Essen weitergeht – ich habe ALLES pantomimisch dargestellt. Die Kinder haben wild durcheinander geraten, was das denn heißen könnte und sind so nach und nach „selber draufgekommen“, was ich ihnen sagen will.

Das war aber auf einem Jungscharlager – sozusagen in einer anderen Welt. Im richtigen Leben funktioniert das nicht. Leider. Hier kann man seinen Beruf nicht mehr richtig ausüben (telefonieren geht halt nicht). Hier macht es keinen Spaß, sondern man braucht man eine Rechtfertigung, wenn man für „Erklärungen“ länger braucht – Zeit, die man hier allzu oft nicht hat oder bekommt. Hier fühlen sich die Leute verarscht, wenn man nicht mit ihnen redet, sondern sich mit Händen und Füßen verständigen will. Ich wurde wahrscheinlich abwechselnd für unfreundlich (wenn ich nur genickt, den Kopf geschüttelt oder sprachlos gegrüßt habe), irgendwie seltsam (wenn ich auf der Straße nach dem Weg gefragt wurde) und absolut wahnsinnig (wenn ich selbst etwas von jemandem wissen wollte) gehalten. Meistens letzteres.

Dieses Erlebnis hat mich zum Nachdenken gebracht: Wie ergeht es stummen Menschen in unserer Gesellschaft? Ich hatte die Möglichkeit „auszusteigen“, als es mir zu viel wurde und habe sie genutzt. Wie ist es, wenn man nicht einfach aufgeben kann und halt doch wieder redet?

Sandra Fiedler

kumquat "Pssst!" 4/2012

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